Arzneimittel und Therapie

Interview: Fragen und Antworten zur orthomolekularen Medizin bei Vitiligo

(ral). Ein Arzt, der die orthomolekulare Medizin bei der Behandlung der Vitiligo in seiner Praxis einsetzt, ist Dr. Thomas Matschurat, Gräfelfing. Wir sprachen mit Dr. Matschurat über dieses Thema.

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Herr Matschurat, in Ihrer Praxis behandeln Sie Vitiligo-Patienten auf Basis der orthomolekularen Medizin. Welche Nährstoffe setzen Sie dabei ein und warum?

Matschurat:

Der natürliche Ausgangsstoff zur Herstellung des Pigmentfarbstoffes Melanin im Körper ist die Aminosäure Phenylalanin. Die Herstellung von Melanin benötigt aber auch Kupfer zur Aktivierung des Enzyms Tyrosinase. Vitamin B12 und Folsäure geben wir in einer Kombination. Bekannt ist, dass diese Stoffe bei Vitiligo wirksam sind. Vermutlich wirken sie durch Senkung der Homocysteinkonzentration im Blut.

Zusätzlich geben wir noch Vitamin B6, das wichtigste Vitamin im Aminosäurestoffwechsel, was auch bei Vitiligo bedeutsam ist. Durch eine zusätzliche Gabe von Zink soll vor allem vermieden werden, dass durch die Kupfertherapie ein Zinkmangel entsteht. Je nach den vermuteten auslösenden Faktoren kommen eventuell noch Antioxidanzien, Enzyme und – je nach Verlauf der Behandlung – Paraaminobenzoesäure und u. U. eine 0,05% Vitamin-D-Creme zur Anwendung, die sich in letzter Zeit empirisch als wirksam bei Vitiligo gezeigt haben, auch wenn hier zuverlässig Studien noch fehlen.

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In welchen Dosierungen werden die Substanzen eingesetzt?

Matschurat:

Die Dosierung der einzelnen Stoffe richtet sich nach Alter und Körpergewicht des Patienten und liegt für Kupfer in einem engen Bereich von 1 bis 4 mg pro Tag, für Phenylalanin im Bereich mehrer Gramm, für Vitamin B12 und Folsäure bei einem Vielfachen der DGE-Empfehlungen, eventuell sogar als Injektion, falls Resorptionsstörungen vermutet werden müssen. Vitamin B6 wird bei Männern und Frauen unterschiedlich hoch dosiert und liegt um Dimensionen über den DGE-Empfehlungen. Hier darf grundsätzlich nicht vergessen werden, dass es sich um therapeutische, nicht nur um Mangel-ausgleichende Dosierungen handelt.

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Wie wird festgestellt, welche Zusammensetzung für einen Vitiligo-Patienten die optimale ist?

Matschurat:

Die Verordnung enthält immer ein Grundprogramm aus Phenylalanin, Kupfer, B12, Folsäure und Vitamin B6. Weitere Stoffe können hinzukommen, wenn besondere Umstände vermutet werden müssen, die die Vitiligo beim jeweiligen Patienten zur Ausprägung brachten, z. B. eine Schwangerschaft, besonderer emotionaler Dauerstress, der Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung oder Resorptionsstörungen des Darmes.

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Welchen Stellenwert räumen Sie der Kupfergabe im Rahmen Ihrer Behandlung ein? Ist Kupfer nicht bei jedem Menschen in ausreichenden Mengen im Organismus vorhanden?

Matschurat:

Kupfer ist der Zündfunke für die Aktivität der Tyrosinase. Eine Zeit lang sprach man über Kupfer vorwiegend als Verursacher einiger Krankheiten und Symptome und erwähnte seltener seine günstigen Wirkungen auf die Gesundheit. Hier hat man inzwischen jedoch umgedacht. Natürlich sind Überdosierungen von Kupfer gesundheitsschädlich, aber sie kommen seltener vor, als man vermutete. Ein gewisser Kupfermangel ist vermutlich häufiger als ein Kupferüberschuss.

In jedem Falle setzen wir Kupfer hier wie ein Arzneimittel ein, also auch dann, wenn der (nur schwer messbare) Kupferhaushalt normal sein sollte. Wir dosieren aber in einem Dosisbereich, der sicher ist und zu einer deutlichen therapeutischen Wirkung, nicht aber zu einer Kupferüberbelastung führt. Wie schon gesagt, sorgen wir in jedem Falle für einen Ausgleich zwischen Kupfer und Zink.

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Die Therapiemöglichkeiten der Vitiligo gelten bislang als unbefriedigend. Wie gut sind die Behandlungserfolge, die mit der orthomolekularen Medizin erreicht werden können?

Matschurat:

Da unsere Praxis kein wissenschaftliches Institut ist und keine Studien nach wissenschaftlichen Kriterien durchführen kann, muss ich mich auf die wissenschaftliche Literatur berufen. Leider wird in Studien immer nur ein einziger Stoff geprüft. So gibt es Studien über Phenylalanin ohne gleichzeitige Anwendung von Kupfer. Hier liegen die Ansprechraten der Patienten bezüglich der Repigmentierung um die 70%. Die Ansprechraten auf Vitamin B12 und Folsäure liegen bei 40%.

Da im Organismus stets mehrere Stoffe gleichzeitig an der Herstellung eines Stoffwechelproduktes beteiligt sind, ist in der Praxis von der Wirkung einer sinnvollen Kombination von Stoffen, die einen Einfluss auf die Vitiligo haben können, mehr zu erwarten. Insofern kann ich sagen, dass unsere Behandlungserfolge mit dem orthomolekularen Ansatz mindestens so gut sind, wie es die vorliegenden Studien über die Einzelfaktoren schon gezeigt haben.

Als Praktiker darf ich keine Erfolgsraten in der Behandlung angeben und tue es auch nicht. Aus dem gerade Gesagten können Sie sich die Antwort, die ich geben könnte, aber vielleicht selber ableiten. Um aber ein Wort aus Ihrer Fragestellung aufzugreifen: die Behandlungserfolge sind befriedigend.

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Welche Nebenwirkungen können auftreten und worauf sollten die Patienten besonders achten?

Matschurat:

Nebenwirkungen sind bei den Dosierungen, die wir empfehlen, nicht zu erwarten. Nebenwirkungen sind eher positive Wirkungen, da der Organismus von einer reichhaltigen Versorgung mit den verwendeten Nährstoffen generell profitiert – immer vorausgesetzt, die Dosierung stimmt. Niemand sollte nach dem Motto "viel hilft viel" selbständig höher dosieren.

Selten und durch individuelle Empfindlichkeit bedingt, kann es zu leichter Übelkeit, Blähungen oder dünnem Stuhlgang kommen. Meist verschwinden diese Empfindungen recht bald von alleine, wenn nicht, dosiert man etwas niedriger. Menschen mit Bluthochdruck oder einer Schilddrüsenüberfunktion sollten ihre Werte regelmäßig kontrollieren lassen, da Phenylalanin die Bildung von Adrenalin und von Schilddrüsenhormon erleichtert. In der Vergangenheit hat man Phenylalanin viel höher dosiert (um die 10 g) als wir dies tun. Dabei traten gelegentlich erhöhte "Leberwerte" auf. Wir haben dies bei unseren Dosierungen nicht gesehen.

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Gibt es Möglichkeiten, die Behandlung durch zusätzliche Maßnahmen zu verbessern?

Matschurat:

Eine gesunde Ernährung ist für die Gesundheit grundsätzlich empfehlenswert. Jeder weiß heute, was gesunde Ernährung ist, aber oft ist dies in der Praxis eines langen Arbeitstages nicht leicht durchführbar und oft "ist der Geist willig, aber der Körper schwach". Ich glaube, Sie verstehen, was ich damit sagen will.

Bei den Dosierungen unserer Nährstoffe – und nichts anderes verwenden wir ja bei unserem orthomolekularen Therapieansatz – verlassen wir uns nicht darauf, dass unsere Patienten sich gesund ernähren können, aber wir empfehlen es ihnen, ohne besondere Nahrungsmittel herauszustellen. Ein gutes umfassendes Multivitamin- und Multimineralpräparat empfehlen wir vorsorglich, damit mit diesen Stoffen eine ausreichende Basisversorgung sicher gestellt ist.

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Wie rasch stellt sich ein Behandlungserfolg ein, und wie lange muss ein Patient behandelt werden?

Matschurat:

In seltenen Fällen haben wir Repigmentierungen bereits nach sechs Wochen Behandlung beobachtet, manchmal erst nach fünf Monaten, meist aber zu irgendeiner Zeit dazwischen, also zeitlich weit gestreut. Antwortet der Patient innerhalb von längstens sechs Monaten mit Repigmentierung, dann setzen wir die Behandlung so lange fort, wie sich weitere Pigmente bilden, längsten aber ein Jahr ohne Unterbrechung.

Dann sollte man – was die Bestrahlung betrifft – auf jeden Fall eine Therapiepause von drei Monaten machen und die Stoffe in nur noch halber Dosierung weiter einnehmen. Danach werden Arzt und Patient entscheiden, wie es weiter geht. Vielleicht ist die Repigmentierung dann schon so zufrieden stellend, dass zunächst keine weitere Bestrahlung mehr nötig ist. Ich empfehle allerdings stets, eine gewisse geringere Menge der verordneten Supplemente weiter einzunehmen.

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Wo liegt der Vorteil des orthomolekularen Behandlungsansatzes gegenüber der PAUVA-Methode oder anderen monotherapeutischen Ansätzen?

Matschurat:

Der Vorteil dieser Therapie ist zum einen, dass sie mit natürlichen, zum normalen menschlichen Stoffwechsel gehörenden Stoffen erfolgt, zum anderen biochemisch plausibel ist, weil sie den natürlichen Weg der Melaninsynthese fördert. Auf den Synergismus der eingesetzten Stoffe habe ich bereits hingewiesen.

Möglicherweise ist der Langzeiterfolg dieser Therapie besser, als bei anderen Methoden. Der wichtigste Nachteil, der aber allen derzeitigen Formen der Vitiligobehandlung gemeinsam ist, ist die auch hier unumgängliche UV-Bestrahlung. Aber hierzu gibt es bisher bei keiner Methode eine Alternative, wenn man von der mit anderen Problemen behafteten Melanozytentransplantation einmal absieht.

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Eine Frage zu den Kosten: Mit welchen Beträgen muss ein Patient rechnen, und wird die Behandlung von der Kasse erstattet?

Matschurat:

Kosten entstehen durch Präparate und die Bestrahlung. Bei "günstigem" Einkauf kosten die Präparate etwa 60 bis 65 Euro pro Monat. Kassenärzte werden sich bei der Kasse für die Erstattung einsetzen müssen, da die Substanzen, obwohl sie sich in diesem Fall wissenschaftlich begründen lassen, zunächst von der Erstattung ausgeschlossen sind.

Privatkassen müssen zahlen. Dies ist rechtlich durchsetzbar, da wissenschaftliche Belege vorliegen. Die Bestrahlung kann in einer Hautarztpraxis erfolgen, wenn entsprechende Bestrahlungsgeräte zur Verfügung stehen. Dann wird die Kasse die Bestrahlung bezahlen. Findet man keine Praxis mit Bestrahlungsgerät, kann man in ein Sonnenstudio gehen und dort die "normale" UVA-Bestrahlung durchführen. Hierbei leisten die Kassen allerdings nichts.

Man kann auch Heimgeräte kaufen oder mieten, dann muss man mit den Kassen verhandeln, die eigentlich verpflichtet sind, zumindest die Mietkosten für ein solches Gerät eine Zeit lang zu übernehmen. Man beachte das Wort "eigentlich", unter Umständen muss man hartnäckig verhandeln. Die Erstattung steht einem Vitiligopatienten jedenfalls zu.

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Herr Matschurat, vielen Dank für dieses Gespräch!

Kasten: Surftipp

Weitere Informationen zum Thema orthomolekulare Medizin und Vitiligo finden Sie auch im Internet unter www.praxis-orthomolekularmedizin.de