Berichte

Deutsche Diabetes Stiftung: Zeitbombe Diabetes mellitus

Am 22. Juni 2002 fand an der Universität Tübingen eine gemeinsame Veranstaltung der Deutschen Diabetes-Stiftung und des Lions Club International Deutschland zum Thema "Diabetes Ų Vorbeugen und Erkennen" statt. Sinn und Zweck dieser Veranstaltung, die von Prof. Dr. H. P. T. Ammon (Altpräsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft, Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Diabetes-Stiftung und Altpräsident der DPhG) organisiert und moderiert wurde, war es, ein breites Publikum für die Gefahren der sich epidemisch ausbreitenden Krankheit zu sensibilisieren, damit die Patienten sie frühzeitig erkennen und rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen können. Die Bedeutung dieser Veranstaltung wurde durch die Anwesenheit und ein Grußwort des Sozialministers von Baden-Württemberg, Dr. Friedhelm Repnik unterstrichen.

Bei diesem Symposium kamen alarmierende Zahlen zu Tage, insbesondere auch was die Spätfolgen dieser Krankheit angelangt. Nach Prof. Häring (Tübingen) wird die Zahl der Diabetiker in Deutschland mit 5 bis 6 Millionen angesetzt. Der bei weitem kleinere Teil davon, ca. 200 000 Patienten, leidet am Diabetes mellitus Typ 1, auch jugendlicher Diabetes genannt. Es ist eine Immunerkrankung, bei der die insulinproduzierenden Zellen zerstört werden. Die Patienten müssen daher lebenslang mit Insulin behandelt werden.

Der "Altersdiabetes" beginnt schon früh

Die große Mehrheit leidet aber am Diabetes mellitus Typ 2, der früher verharmlosend als Altersdiabetes bezeichnet wurde. Diese Krankheit entwickelt sich über Jahre ohne gravierende Symptome, und hier liegt das wesentliche Problem. Man kann im Schnitt von einem zehnjährigen unerkannten Verlauf ausgehen. Inzwischen weiß man, dass diese Erkrankung in der Regel zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr – oft unerkannt – bereits zu chronischen Schäden am Herz-Kreislauf-System führt. Sie zählt unbestritten zu den Hauptursachen des Todes durch Herzinfarkt.

In den letzten 50 Jahren hat die Erkrankung in allen westlichen Industrienationen einen sprunghaften Anstieg verzeichnet. Dies beobachtet man jetzt auch in vielen Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas, da diese jetzt erst die "Segnungen" der modernen Lebensweise, d. h. ständig abnehmende körperliche Betätigung und zunehmende westliche Ernährungsformen, erfahren.

Die Entwicklung zeigt sich in folgenden Zahlen: 1950 gab es in Deutschland ca. 600 000 Diabetiker, heute liegen wir bei 5 bis 6 Millionen. Im Jahr 2000 lebten weltweit 151 Millionen Menschen mit Diabetes Typ 2, für das Jahr 2010 werden 221 Millionen prognostiziert – das wäre ein Anstieg um nahezu 50% innerhalb eines Jahrzehnts.

Die Diabetesepidemie scheint durch die Kombination einer bestimmten genetischen Veranlagung mit Umweltfaktoren zustande zu kommen. Dabei hat es genetische Muster schon immer gegeben. Sehr wohl geändert haben sich aber die Umweltbedingungen. Hier spielen insbesondere Überernährung, Übergewicht sowie mangelnde körperliche Bewegung eine entscheidende Rolle. Dies geht auch aus Interventionsstudien hervor, die zeigten, dass bei einem vernünftigen Lebensstil die Diabeteshäufigkeit drastisch zurückgeht. Wir können also ohne weiteres davon ausgehen, dass der Typ 2 Diabetes im Wesentlichen hausgemacht ist.

Die Verharmlosung hat katastrophale Folgen

Unser großes Problem ist, dass diese Erkrankung von der Bevölkerung nicht ernst genommen wird, da sie kaum Missempfindungen geschweige denn Schmerzen verursacht. Erst wenn die Folgeerkrankungen auftreten, wird dem Patienten das Problem bewusst. Dann sind aber zum Teil bereits schwere irreversible Prozesse im Gefäßbereich abgelaufen. Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma ist daher die Vorbeugung, d. h. vernünftiger Ernährungsstil und die Früherkennung dieser Erkrankung. Bereits jetzt haben wir, bedingt durch Diabetes, pro Jahr

  • 270 900 Amputationen,
  • 6 000 Neuerblindungen,
  • 8 000 neue Dialysefälle,
  • 27 000 Herzinfarkte,
  • 44 000 Schlaganfälle.

Die Tendenz ist weiter steigend. Gerade diese Folgeerkrankungen sind es, die zu erheblichen Kosten im Gesundheitswesen führen. Derzeit wird geschätzt, dass der Diabetes im Jahr Kosten von 50 Milliarden Euro verursacht, u. a. durch Medikamente, Verdienstausfälle und Klinikaufenthalte. Die Tendenz ist auch hier steigend.

Referenten:

Prof. Dr. H. U. Häring,Tübingen; Priv.-Doz. Dr. M. Kellerer, Tübingen; Prof. Dr. P. Ruth, Tübingen; Prof. Dr. D. Grüneklee (Deutsche Diabetes-Stiftung), Paderborn; R. Hoffmann (Deutsche Diabetes-Stiftung), München

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