Arzneimittel und Therapie

Morbus Alzheimer: Die Progression kann gebremst werden

Mit der steigenden Zahl von älteren Menschen in der Gesellschaft werden auch so genannte Alterskrankheiten immer häufiger, und altersspezifische Krankheitsbilder wie die Demenz oder die Alzheimer-Krankheit treten vermehrt auf. Besonders die Angehörigen werden davon stark belastet. Antidementiva können das Fortschreiten dieser Erkrankungen etwas verlangsamen und dadurch den Pflegeaufwand für die Angehörigen verringern sowie die Lebensqualität von Demenzpatienten verbessern. In Deutschland werden jedoch zu wenig Antidementiva verordnet.

Viele betagte Menschen leben in materieller Sicherheit und tragfähigen sozialen Beziehungen. Sie fühlen sich in ihren Entscheidungen selbstständig und äußern dementsprechend ein im Vergleich zu Jüngeren ähnlich hohes Maß an Lebenszufriedenheit. Andererseits steigen mit dem höheren Lebensalter auch die Krankheitsrisiken und damit das Risiko der Abhängigkeit von Hilfen, Unterstützungs- und Pflegeleistungen. Vor allem demenzielle Erkrankungen haben hier eine besondere Bedeutung.

Die häufigste Demenzform ist die Alzheimer-Erkrankung. In Deutschland leiden heute über eine Million Menschen daran. Diese Demenzform tritt größtenteils erst nach dem 65. Lebensjahr auf. Ihre Ursache ist bisher noch unbekannt. Diskutiert werden Erbfaktoren, entzündliche Vorgänge und Umwelteinflüsse. Menschen mit Hypertonie, Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen und familiär gehäuftem Vorkommen von Demenzen sind besonders gefährdet.

Versorgung in häuslicher Umgebung

Demenzkranke werden in der Regel in ihrer häuslichen Umgebung versorgt, meistens vom Ehepartner, von Töchtern oder Schwiegertöchtern. In fortgeschrittenen Stadien erfolgt später die Versorgung in Pflegeheimen. Die Betreuung von Demenzkranken fordert Arzt und Pflegende erheblich. Die Angehörigen müssen häufig auf eigene Ansprüche verzichten, weil stets jemand zur Verfügung stehen muss. Für den Theaterbesuch, den Besuch bei Freunden oder Verwandten und für den Urlaub muss für Vertretung gesorgt werden. Ein Stadtbummel, sportliche Aktivitäten zum Erhalt der eigenen Gesundheit sind praktisch unmöglich, da niemand in dieser Zeit die Betreuung des Kranken übernimmt. Dieser Zustand kann Jahre anhalten und erheblich belasten. Wenn der Krankheitsverlauf verzögert werden kann, entlastet dies die Angehörigen deutlich.

Verlauf in mehreren Stadien

Die Alzheimer-Demenz durchläuft progredient verschiedene Stadien. Diese reichen von einem schleichenden Beginn mit einer annähernden Normalität bis hin zu starker Pflegebedürftigkeit.

  • Im Stadium 1 ist der Kranke unauffällig. Dieses Stadium ist daher erst retrospektiv fassbar. Die in dieser Zeit bestehenden Auffälligkeiten können im Rahmen des gesunden Alterns ebenso vorkommen wie bei Kranken. Erst dort, wo die Alltagskompetenz verloren geht, kann die Diagnose einer Demenz gestellt werden. Zur Frühdiagnose können verschiedene psychometrische Tests und Marker eingesetzt werden. Bereits in dieser Phase lässt sich einiges zur Verbesserung des Verlaufes tun, sowohl medikamentös als auch mit einem Gedächtnistraining.
  • Das Stadium 2 bis 3 zeichnet sich durch merkliche Einbußen aus. Die subjektiv vom Patienten oder seiner Umgebung empfundene Leistungsminderung lässt sich in Testverfahren nachweisen und führt zu Defiziten in der Bewältigung der täglichen Routinen. In der Phase 2 müssen vor allem Ängste und Depressionen behandelt werden. Dabei ist zu beachten, dass einige Antidepressiva die Demenz verschlechtern können. Beruhigungsmittel können gerade bei Älteren paradox wirken.
  • Im Stadium 3 wird der Einsatz von Antidementiva unverzichtbar. Zusätzlich gilt es, internistische Grunderkrankungen konsequent mitzubehandeln, um eine Verschlechterung der Demenz beispielsweise durch eine vaskuläre Komponente zu verhindern. Begleitend sollten die kognitiven Fähigkeiten gefördert werden. Ziel ist es, die Eigenständigkeit im gewohnten Umfeld zu erhalten. Verlorene Fähigkeiten können durch Training anderer Kompetenzen kompensiert werden. Selbsthilfegruppen und Seniorenzentren können hier eine wertvolle Hilfe leisten.
  • Die mittelschwere Demenz im Stadium 4 bis 5 ist durch fortschreitenden Abbau und Verlust der Orientierung gekennzeichnet. Neben der internistischen Basistherapie sind weiterhin Antidementiva indiziert. Verhaltenstherapie und Hilfen bei Defiziten in den Alltagsleistungen werden notwendig. Pflegedienste unterstützen die Angehörigen in der Betreuung des Kranken. Psychiatrische Störungen müssen unter Umständen auch medikamentös durch den Einsatz psychotroper Substanzen behandelt werden.
  • Im Stadium 6 ist der Kranke zeitlich und örtlich völlig des- orientiert. Er ist vollständig von Dritten abhängig, um zu überleben. Der Tagesrhythmus verändert sich. Auch in diesem Stadium ist die konsequente Fortführung der internistischen Basistherapie notwendig. Auch hier sind Antidementiva indiziert, psychotrope Substanzen können weiterhin erforderlich sein. Als begleitende Maßnahmen sind vorrangig Hilfen durch Pflegedienste, eventuell auch stationäre Pflege notwendig.
  • Das Stadium 7 ist das Endstadium, in dem der Kranke völlig auf fremde Hilfe angewiesen ist, von der Hygiene bis zur Nahrungsaufnahme. Sprachliche Verständigung ist nicht mehr möglich. In dieser Phase sind Antidementiva nicht mehr erfolgversprechend. Auch die psychotropen Substanzen sind bis auf wenige Fälle von persistierender Aggressivität verzichtbar. Die internistische Basistherapie wird unverändert fortgeführt. Die Betreuung findet vorrangig in der stationären Pflege statt.

Mehrere Optionen für die Behandlung

Für die Behandlung von Demenzerkrankungen stehen je nach dem Stadium der Erkrankung mehrere Optionen zur Verfügung. Die Arzneistoffe Donepezil, Galantamin, Ginkgo biloba, Memantine, Rivastigmin und Tacrin, das allerdings wegen seiner unerwünschten Wirkungen nur noch wenig eingesetzt wird, werden heute für die Therapie des demenziellen Kernsyndroms als wirksam angesehen. Mit Hilfe dieser Substanzen kann der Krankheitsverlauf um bis zu einem Jahr verzögert werden. Die positive Wirkung der Antidementiva zeigt sich auch in Studien: Nach drei Jahren ohne Antidementiva müssen etwa 80 Prozent der Patienten in ein Heim eingewiesen werden, mit Antidementiva sind dies lediglich ca. 40 Prozent.

Problematisch und belastend sind auch die Begleitsymptome der Demenz. Dazu gehören Unruhe, Aggressivität, Depressivität, Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Zur Behandlung können unter anderem Antidepressiva und Neuroleptika eingesetzt werden.

Kastentext: Wie alles anfängt

Zu Beginn einer Demenzerkrankung bemerkt der Betroffene meist nur eine zunehmende Vergesslichkeit. Erinnerungen, die länger zurückliegen, bleiben besser und länger erhalten. So können sich die Betroffenen noch sehr gut an ihre Kindheit und an ihren Namen erinnern. Aktuelle Informationen werden jedoch häufig nicht mehr behalten, und häufig fehlt auch die zeitliche Orientierung. Oft hat der Erkrankte Schwierigkeiten, das richtige Wort zu finden oder einen angefangenen Satz zu beenden. Auch ist das Alltagsleben beeinträchtigt und die Intelligenz gemindert. Später werden sogar die Namen von Familienangehörigen vergessen und diese nicht einmal mehr erkannt. Letztendlich führt die Erkrankung zur Auslöschung der eigenen Person aus dem Gedächtnis. Der Betroffene weiß nicht mehr, wer er ist.

Quelle

Priv.-Doz. Dr. med. Dipl.-Psych. Ralf Ihl, Düsseldorf; Prof. Dr. med. Siegfried Kanowski, Berlin; Dr. med. Wolfgang Axel Dryden, Kamen; Dr. rer. nat. Thomas Kunczik, Nümbrecht; Satellitensymposium Dr. Willmar Schwabe Arzneimittel anlässlich des 3. Kongresses der Deutschen Alzheimer Gesellschaft: Gemeinsam handeln Alzheimerkranke in Deutschland, Friedrichshafen, 12. September 2002.

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