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Importe von Arzneimitteln: Von Gewinnern und Verlierern auf regulierten Märkten

Die Diskussion um den Import von Arzneimitteln ist zur Zeit voll im Gange. Für Prof. Dr. Jens Leker vom Institut für betriebswirtschaftliches Management im Fachbereich Chemie und Pharmazie der Universität Münster greift die gängige Argumentation häufig zu kurz. Er hat deshalb in seinem Beitrag den Einfluss von Importen auf den inländischen Pharmamarkt untersucht.

Spätestens seit ein Arzneimittel-Importeur den Spitzenplatz im IMS-Ranking der inländischen Pharmaanbieter eingenommen hat, sind die Originalhersteller endgültig aus der Reserve gelockt. Während einige von schweren Qualitätsnachteilen für die Patienten sprechen, fürchten andere negative Auswirkungen auf die Arbeitsplätze, und jüngst wurde gar der Verdacht geäußert, die Volkswirtschaft insgesamt könne durch Importe Schaden nehmen. Vor diesem Hintergrund scheint es angebracht, den Einfluss von Importen auf den inländischen Pharmamarkt und die betroffenen Akteure einmal eingehender zu analysieren.

Inländischer Pharmamarkt ohne Importe

Betrachtet man zunächst den inländischen Pharmamarkt ohne Importe, so sind folgende Marktpartner und andere Einflussgruppen mit ihren Zielsetzungen auszumachen:

  • Die inländischen Niederlassungen inländischer und ausländischen Originalhersteller von Arzneimitteln. Diese beliefern in der Regel den inländischen Großhandel oder direkt die Apotheken und sind an einem möglichst hohen Umsatz bei entsprechender Handelsspanne interessiert.

  • Der inländische Großhandel bezieht seine Handelsprodukte von Herstellern und vertreibt diese an die Apotheken. Er ist daran interessiert, ein möglichst großes Handelsvolumen bei entsprechender Handelsspanne abzuwickeln.

  • Die Apotheken beziehen ihre Arzneimittel sowohl von Herstellern als auch über den Großhandel und sind ebenfalls an einem möglichst großen Handelsvolumen bei entsprechender Vertriebsspanne interessiert. Im Einzelfall bevorzugen sie bei gleichem Wirkstoff und vergleichbarer Handelsspanne jeweils das Arzneimittel des preiswerteren Anbieters, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen.

  • Die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungsträger verfolgen das Ziel, ihre Versicherungsnehmer möglichst umfassend zu versorgen. Dieser Versorgungsaspekt wird aber durch die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel begrenzt, da bei defizitärer Entwicklung eine Abwägungsentscheidung zwischen weiteren Leistungseinschränkungen oder Beitragserhöhungen unumgänglich wird. Im Einzelfall bevorzugen sie bei gleichem Wirkstoff jeweils das Arzneimittel des preiswerteren Anbieters, um eine defizitäre Situation zu vermeiden.

  • Der Arzt ist bestrebt, die notwendige Versorgung seiner Patienten mit Arzneimitteln sicherzustellen. Darüber hinaus ist er zunehmend darauf bedacht, diese Versorgung möglichst günstig zu realisieren, da er ansonsten mit Sanktionen durch die kassenärztliche Vereinigung rechnen muss, die direkt auf seine eigene wirtschaftliche Situation wirken. Im Einzelfall wird er daher bei gleichem Wirkstoff das Arzneimittel des preiswerteren Anbieters verschreiben.

  • Der Patient ist zunächst daran interessiert, die vom Arzt verschriebenen Arzneimittel in bester Qualität zu bekommen. Im Regelfall hat der Preis des Medikaments keinen Einfluss auf seine Rezepteinlösung, da er nicht unmittelbar von Preisvorteilen profitiert. Mittelbar haben die steigenden Ausgaben für verschriebene Arzneimittel allerdings einen Einfluss auf die noch von den Krankenversicherungsträgern übernommenen Arzneimittelausgaben, sodass sich ein preissensibleres Verhalten einstellt. Bei nicht durch die Krankenversicherungsträger erstatteten Arzneimitteln spielt der Preisvorteil demgegenüber bereits eine für die individuelle Kaufentscheidung charakteristische Rolle.

  • Die Zielsetzungen des Staates sind in diesem Zusammenhang besonders vielschichtig und setzen an verschiedenen Stellen an. Zunächst kann konstatiert werden, dass der Staat eine möglichst gute Versorgung seiner Bürger mit notwendigen Arzneimitteln sicherstellen will. Er ist daher bestrebt, die Interessen der unterschiedlichen Marktpartner zu schützen und ihre jeweiligen Positionen nicht unverhältnismäßig zu schwächen.

    Aus diesem Grund ist er einerseits bemüht, durch entsprechende Marktregulierungsmaßnahmen die Ausgaben für Arzneimittel nicht weiter steigen zu lassen, um die Belastungen für die Krankenversicherungsträger sowie die der Versicherten und ihrer Arbeitgeber nicht weiter ansteigen zu lassen.

    Andererseits soll aber auch die nachhaltige Wirtschaftlichkeit der direkten Marktpartner, also der Arzneimittelhersteller, des Handels und der Apotheken, gewahrt bleiben, damit diese ihre Marktleistungen überhaupt noch eigenständig erbringen können. In diesem Zusammenhang profitiert der Staat natürlich auch von erfolgreichen Marktteilnehmern, da diese entsprechende Steuerzahlungen leisten.

    Die aufgezeigten Beziehungen und Zielsetzungen der unterschiedlichen Gruppen verdeutlichen trotz der gewählten Vereinfachung schon die Komplexität des inländischen Marktes für Arzneimittel.

    Die Rolle der Re- und Parallelimporte

    Welche Rolle spielen nun "Re- und Parallelimporte", also Arzneimittel, die zunächst nicht für den inländischen Markt produziert wurden? Kennzeichen dieser Importe sind drei Eigenschaften:

    1. der Anbieter dieser Arzneimittel unterscheidet sich vom Originalhersteller, sodass auf dem inländischen Markt nunmehr ein Originalhersteller und beliebig viele Importeure mit dem gleichen Produkt auftreten;

    2. die Importe verursachen neben den Transportkosten zusätzlich Kosten der Kennzeichnung und Umverpackung, um sie den gesetzlichen Vorgaben des Inlands anzupassen, der ausländische Herstellerabgabepreis, der bereits die Marge des Originalherstellers enthält, erhöht sich somit um die damit verbundenen Kosten, die Margen der ausländischen Großhändler und Transportkosten;

    3. ihr Abgabepreis an den Handel bzw. an die Apotheken muss ungeachtet dessen immer niedriger sein als der des inländischen Originalherstellers, da ansonsten keine Anreize bestünden, Importe zu vertreiben.

    Effekte auf den Markt durch Importe

    Berücksichtigt man diese Merkmale von Importen, ergeben sich durch die Existenz von Importen für die oben genannten Marktteilnehmer und Einflussgruppen folgende Effekte:

  • Die inländischen Originalhersteller von Arzneimitteln sehen sich unmittelbar einer neuen Konkurrenz gegenüber, die sich über einen niedrigeren Angebotspreis einen klaren Wettbewerbsvorteil verschafft hat. Dieser Wettbewerbsvorteil führt dazu, dass der inländische Umsatz und damit der inländische Gewinn des Originalherstellers sinkt.

    Ob der auf der konsolidierten Konzernbetrachtung möglicherweise eintretende Umsatzrückgang auch von einem Gewinnrückgang begleitet wird, hängt von der Kostensituation in den Einkaufsländern der Importeure ab. Für die inländische Niederlassung des Originalherstellers stellt sich außerdem die Frage, ob das Vorhandensein der preisgünstigeren Importpräparate auf dem Markt zu einer verstärkten Verschreibung der Marke und damit zu einer Mengenausweitung führt oder ob lediglich ein Austausch des teureren gegen das preisgünstigere Präparat stattfindet.

    In Abhängigkeit von den Marktverhältnissen und der Wettbewerbssituation lassen sich beide Effekte beobachten. Aus Konzernsicht ist daher fraglich, ob das Vorhandensein von Importen insgesamt gesehen positive oder negative Effekte hat. Lediglich aus Sicht der in der Regel als Profitcenter geführten inländischen Niederlassung des Originalherstellers ergibt sich eine Schwächung der Umsatz- und Gewinnsituation.

  • Der inländische Großhandel kann seine Arzneimittel nunmehr nicht nur vom Originalhersteller, sondern auch von den auf den Markt tretenden Importeuren beziehen. Für ihn ergeben sich damit Einkaufsalternativen, die er in Abhängigkeit von den gesetzlichen Vorgaben und den jeweiligen Vertriebsspannen zu seinem Vorteil nutzen kann. Hierbei ist davon auszugehen, dass der Umsatz bei gleicher Absatzmenge abnimmt, da die Einkaufspreise der Importe niedriger sind.

    Inwiefern diese niedrigeren Umsätze auch zu niedrigeren Gewinnen der Großhändler führen, ist abhängig von den Einkaufskonditionen. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die zumeist multinationalen Pharmagroßhändler am Importarzneimittel zweifach verdienen, wenn sie diese im Ausland an die Importeure verkaufen und beim Vertrieb an die inländische Apotheke.

  • Die Apotheken können jetzt ebenfalls zwischen verschiedenen Anbietern des gleichen Arzneimittels wählen. Da die Importe günstiger sind als die Arzneimittel des inländischen Originalherstellers, kann die einzelne Apotheke die gesetzlichen Vorschriften zur Abgabe preisgünstiger Arzneimittel erfüllen und insgesamt zu einer Senkung der Ausgaben für Arzneimittel beitragen. Diese Ausgabensenkung führt bei gleicher Absatzmenge zwangsläufig zu Umsatzeinbußen.

    Inwieweit die Umsatzeinbußen allerdings zu Gewinneinbußen auf Seiten der Apotheken führen, ist wiederum von den Einkaufskonditionen und der sich daraus ergebenden unterschiedlichen Handelsspannen des Präparats des Erstanmelders im Vergleich zum Importpräparat abhängig.

  • Die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungsträger können die Ansprüche ihrer Versicherten nunmehr günstiger durch Importe abdecken. Die resultierende Senkung der Ausgaben für Arzneimittel führt zu einer Abschwächung der schwierigen Haushaltslage der einzelnen Krankenversicherungsträger und erlaubt bei konstanten Beiträgen eine umfangreichere Versorgung der Versicherten.

  • Der Arzt kann durch die Verschreibung von Importen dem auf ihm lastenden Druck, einen Beitrag zur Kostensenkung zu leisten, zu einem gewissen Grad nachkommen. Zudem kann die Senkung der Ausgaben für Arzneimittel den Druck zur Senkung der Arzthonorare vermindern.

  • Für den Patienten ändert sich zunächst im Regelfall nichts. Er wird häufig gar nicht bemerken, dass er statt eines von inländischen Originalherstellern in den Handel gegebenen Arzneimittels einen Import erhalten hat. In Einzelfällen wird allerdings berichtet, dass es zu einer Verunsicherung des Patienten kommen kann, wenn die Umverpackung des Importeurs deutlich von der des inländischen Originalherstellers abweicht. Hier sind die Beratungskompetenz der Ärzte und Apotheker gefragt.

    Die durch die vermehrte Verschreibung von Importen möglichen Einsparungen bei den Arzneimittelausgaben erlauben bei konstanten Gesamthaushalten der Krankenversicherungsträger bzw. Beiträgen der Versicherten schließlich eine umfassendere Versorgung des einzelnen Patienten.

  • Der Staat kann durch die gezielte Förderung von Importen eine Senkung der Arzneimittelausgaben erreichen. Dies entspricht seiner Zielsetzung, eine möglichst umfassende Patientenversorgung bei stabiler Beitragsentwicklung zu erreichen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass ein weiteres Ansteigen der Sozialversicherungsbeiträge sowohl den Standort Deutschland schwächen würde als auch den privaten Haushalten Geld entzieht, das nach Abzug der Sparquote für Konsum verwendet würde.

    Gleichzeitig entgehen ihm aber umsatz- und gewinnabhängige Steuern, die die Originalhersteller im Inland bezahlen müssten, wenn sie die Arzneimittel anstelle der Importeure vertreiben könnten. Andererseits zahlen natürlich auch die Importeure umsatz- und gewinnabhängige Steuern.

    Als rein inländische Unternehmen haben sie zudem nicht die Möglichkeit einer Steueroptimierung durch Transferpreise. Die sich durch die Tätigkeit der Importeure ergebende zusätzliche Wertschöpfung hat Arbeitsplätze geschaffen, die Zuflüsse zu den Sozialversicherungen und Steuerzahlungen nach sich ziehen. Durch die zum Teil erheblichen Investitionen der Importeure in Deutschland ergeben sich weitere Beschäftigungs- und Steuereffekte.

    Diese einfache Betrachtung der Effekte zeigt, dass eine Opportunitätsberechnung nur begrenzt möglich ist, wohl aber in jedem Fall zu dem Ergebnis führen würde, dass eine Förderung des Imports aus staatlicher Sicht sinnvoll bleibt.

  • Der Importeur kann sich die internationalen Preisunterschiede der multinationalen Originalhersteller zunutze machen und durch seine Arbitrageaktivitäten eine erfolgreiche Wettbewerbsposition einnehmen.

    Solange die multinationalen Originalhersteller ihre internationale Preisdifferenzierung im heute üblichen Rahmen betreiben, der Zugang zu diesen preiswerten Arzneimitteln über ausländische Großhändler gegeben ist und die Notwendigkeit der Senkung bei den Arzneimittelausgaben besteht, werden die Importeure die Gelegenheit haben, erfolgreich auf dem inländischen Markt für Arzneimittel zu agieren, und ihre Marktanteile weiter ausbauen.

    Fazit

    In der Gesamtschau wird deutlich, dass beim Import von Arzneimitteln unstrittig Arzneimittelausgaben eingespart werden können und außerdem der multinationale Großhandel, marktgerecht agierende Apotheken und die Importeure zu den Gewinnern und die inländischen Niederlassungen der Originalhersteller bei einer Betrachtung dieser Niederlassungen als Profitcenter zu den Verlierern zählen.

    Ob die Originalhersteller in der konsolidierten Konzernbetrachtung zu den Gewinnern oder Verlierern zählen, muss im Einzelfall analysiert werden. Letztlich sind in dieser Situation die Originalhersteller, die aktuell in der Regel wenig überzeugende Befürchtungen und Argumente äußern, aufgefordert, mit einer Reformierung ihrer internationalen Preisdifferenzierung in die Offensive zu gehen.

    Kasten

    Prof. Dr. Jens Leker, der seit Oktober 1999 die Professur für Betriebswirtschaftslehre in den Naturwissenschaften, insbesondere der Chemie, inne hat, ist Leiter des im Jahre 2000 gegründeten Instituts für betriebswirtschaftliches Management im Fachbereich Chemie und Pharmazie. Nach seiner Ausbildung zum Diplom-Kaufmann an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel promovierte er bei Prof. Dr. Dr. h. c. Jürgen Hauschildt über Fragen der Krisendiagnose und des strategischen Managements.

  • Die Diskussion um den Import von Arzneimitteln ist zurzeit voll im Gange. Für Prof. Dr. Jens Leker vom Institut für betriebswirtschaftliches Management im Fachbereich Chemie und Pharmazie der Universität Münster greift die gängige Argumentation häufig zu kurz. Er hat deshalb in seinem Beitrag den Einfluss von Importen auf den inländischen Pharmamarkt untersucht. Die LAK Baden-Württemberg weist in einer Presseinformation auf Mängel von Importarzneimitteln hin und befürchtet mangelnde pharmazeutische Qualität.

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