Feuilleton

Wortgeschichte: Rezept

Die einen Rezepte schreibt der Arzt, die anderen stehen im Kochbuch. Freilich sind die meisten ärztlichen Rezepte heute im eigentlichen Sinne gar keine "Rezepte" mehr.

Der Arzt verschreibt das Medikament, der Apotheker verkauft es: Die Fertigprodukte der Pharma-Industrie haben der herkömmlichen ärztlichen Verordnungsformel Recipe: ...!, "Nimm auf: ...!" und der entsprechenden Bestätigungsformel des Apothekers Receptum, "Aufgenommen", weithin den ursprünglichen Sinn entzogen. In den meisten Fällen ist das einzige, was der Apotheker da heute noch "aufnimmt", die Schachtel im Regal.

Beide Formeln, das Recipe und das Receptum, sind gutes altes Latein: Das Recipe ist der Imperativ, das Receptum das Partizip Perfekt Passiv des Verbs recipere, "zurücknehmen, zu sich nehmen", vielfach geradezu "aufnehmen". Die letzte Bedeutung ist zumal durch die in allen Kulturen rezipierte "Rezeption" im Hotelfoyer weltweit geläufig geworden. Aber auch in der Geistesgeschichte sprechen wir ja von der Rezeption, der "Aufnahme", eines Autors oder eines Werkes bei Mitwelt und Nachwelt und von seiner Rezeptionsgeschichte im Sinne der Wirkungsgeschichte.

Bei den ärztlichen Rezepten geht es nicht um eine solche gastliche oder geistige, sondern um eine handgreiflich stoffliche Aufnahme. Da verzeichnete der Arzt – und verzeichnet so gegebenenfalls auch heute noch – unter dem Imperativ Recipe …!, "Nimm auf …!", all die mineralischen, pflanzlichen oder tierischen "Ingredienzien", die "hineingehenden (Stoffe)", die der Apotheker in seine Mixtur "aufnehmen" soll, und der Apotheker bestätigte die genaue Ausführung dieser Verordnung mit dem entsprechenden Partizip Receptum, "Aufgenommen".

Der lateinische Imperativ recipe am Kopf der Verschreibung ist im Englischen bis heute die Bezeichnung für das Rezept – auch für das Kochrezept – geblieben; aus dem Partizip am Fuß der Verschreibung ist bereits im späten Mittelalter, im 14. Jahrhundert, unser "Rezept" hervorgegangen.

Im feudalen 18. Jahrhundert ist das ärztliche "Rezept" dann auch zum Koch- und Back-"Rezept" geworden, wohl nicht ohne Augenzwinkern: Auch gutes Essen und Trinken hält bekanntlich Leib und Seele zusammen. Und diese Rezepte, die ja zunächst einmal vom gerupften Huhn bis zum Schuss Weißwein alle Zutaten verzeichnen, sind buchstäblich "Rezepte" geblieben, so buchstäblich, dass die Köchin, wenn das alles miteinander lieblich in der Pfanne schmurgelt, darüber ein abschließendes, magisch beschwörendes "receptum" sprechen könnte.

Der klassische Rezeptanfang "Man nehme ..." ist ja nichts anderes als jenes alte ärztliche Recipe ... Und für Köche, die ihre wirtschaftlichen oder politischen Süppchen kochen, gibt es mittlerweile ja auch allerlei "Erfolgs-" und "Patentrezepte".

Die biologische Terminologie will es, dass die bittere Arznei nach altem medizinischem und der tröstliche Mohrenkopf nach altem pädagogischem Rezept gleich wieder nahen Sprachverwandten, den Geschmacks-Rezeptoren, begegnen. Für sie und all die anderen süßen und sauren, bitteren und salzigen Geschmäcker ist die Zunge im Foyer des Zahngeheges, gleich hinter der großen Klappe, ja so eine Art Rezeptionistin, eine Empfangschefin.

Kasten: Literaturtipp

Dieser Beitrag ist folgendem Buch entnommen: Wie Murmeltiere murmeln lernten. 77 neue Wortgeschichten, von Klaus Bartels. 150 Seiten, 19,50 Euro. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001. ISBN 3-8053-2794-3

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