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LAV Baden-Württemberg: "Wovon träumen Sie eigentlich nachts?"

Im Stuttgarter Studio des SWR-Fernsehens ging innerhalb des Verbraucher- und Politik-Magazins "Ländersache" in der vergangenen Woche das Licht für das derzeitige Thema der Apothekerschaft an. Unter dem Titel "Pillen aus dem Internet" diskutierten eine Politikerin und ein Apotheker den Versandhandel mit Arzneimitteln und seine Auswirkung auf die öffentliche Apotheke. Die Zuschauer konnten dazu telefonisch ihre Meinung vorbringen oder Fragen stellen.

Für das Lager der Befürworter des Versandhandels trat mit Ulla Haußmann die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg an. Ihr gegenüber vertrat der Vizepräsident des Landesapothekerverbandes Baden-Württemberg, Christoph Gulde, die Meinungen und Interessen der Apotheker. Und der schlug bereits mit seinem ersten Satz zu.

Nach dem ersten Statement der SPD-Politikerin, in der sie die vermeintlichen Verbrauchervorteile des Versandhandels proklamierte, antwortete Gulde trocken "Wovon träumen Sie eigentlich nachts?". Dann schoss der Stuttgarter Apotheker seine ersten Argumente ab, die sich auch sofort in der Aussage des ersten Anrufers wiederfanden. Der schilderte nämlich aus Patientensicht den Beratungsbedarf vor allem solcher Menschen, die unter verschiedenen Erkrankungen leiden, und forderte die SPD-Politikerin auf, die öffentliche Apotheke entsprechend zu stärken und ihr nicht den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Die Antwort von Ulla Haußmann fiel dagegen mager aus. Die Bundesregierung gehe davon aus, dass maximal acht Prozent der Patienten überhaupt einen Versandhandel via Internet nutzen würden. Der wiederum würde in Deutschland unter gleichen Bedingungen arbeiten müssen wie eine öffentliche Apotheke und bräuchte auch gleiche Eingangsvoraussetzungen. Darüber habe man am "Runden Tisch" Einigkeit erzielt.

Die Aktionen der Apotheker, so Haußmann mit Blick auf die Unterschriftensammlung im Rahmen der "Initiative pro Apotheke", verunsichern den Patienten nur und proklamieren ein falsches Bild von den Auswirkungen der Liberalisierung des Arzneimittelvertriebes. Apotheker Gulde konterte: "Wie wollen Sie, wenn Sie die Tür einen Spalt aufmachen, die weitere Öffnung noch kontrollieren?".

Schon bei der auf Arzneimittel anfallenden Mehrwertsteuer gebe es solch eklatante Unterschiede in Europa, dass gleiche Ausgangsvoraussetzungen wohl kaum zu gestalten wären. Zudem: 13 Staaten in Europa, so Gulde weiter, würden den Versandhandel aus guten Gründen nicht gestatten. Eine sinnhafte Begründung für die Einführung gebe es auch nicht, da in den Ländern, in denen ein Versandhandel zugelassen ist, die Arzneimittelpreise höher seien und pro Kopf mehr Arzneimittel verbraucht würden.

Gulde warf der Politikerin Planlosigkeit und Patientenfeindlichkeit vor. Mit dem Kanzler-Wort "Wer in ein gewachsenes System eingreift, muss sich klarmachen, was er damit zerstört!", forderte Gulde die Politikerin auf, Nachweise für die bislang nur versprochene Verbesserung der Strukturen durch die Einführung des Versandhandels beizubringen.

Knapp 20 Minuten dauerte der zur Primetime ausgestrahlte Beitrag des Senders. Innerhalb dieser Zeit hatten insgesamt 10 von etwa 120 Anrufern das Glück, in der Sendung live ihre Position vorzubringen. "Ältere Menschen werden überhaupt nicht berücksichtigt" – " Warum senken Sie nicht erst einmal die Mehrwertsteuer, die auf Medikamenten liegt?" – "DocMorris liefert gar keine billigen Medikamente" – "Wie soll ein Versandhandel bei der Akutversorgung und im Notdienst klappen?". Kritisch hinterfragte ein Zuschauer die Arzneimittelpreise in Deutschland und stufte sie als zu hoch ein. lav

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