Feuilleton

Botanik: Parasiten im Pflanzenreich

Pflanzen, die sich teilweise oder vollständig von anderen Pflanzen ernähren, sind verhältnismäßig selten. Jede Pflanze verfügt über effektive Abwehrmechanismen, die den frisch gekeimten Parasiten das Überleben schwer machen. Häufiger als Vollparasiten sind Halbparasiten. In einigen Fällen bieten die Parasiten ihren Wirten auch einen Nutzen, sodass das Verhältnis eher als eine Symbiose zu charakterisieren ist.

Parasitisch lebende Vertreter der Lorbeergewächse (Lauraceae) sind schon für die Kreidezeit nachzuweisen. Die Pflanzen bilden lianenförmige Sprossachsen, die mit schuppenförmigen Blättern und Haustorien ausgestattet sind.

Trost der Augen und Zähne

Augentrost- und Zahntrost-Arten wachsen auf Wiesen und nehmen Wasser und Nährsalze aus den Wurzeln der Nachbarpflanzen auf. Die Ausbeutung der Wirtspflanzen ist gering, aber große Bestände können durchaus die Grünfutter-Erträge beeinträchtigen. Die meist einjährige Kräuter sind primitive Parasiten, die sich auch ausschließlich über ihr eigenes Wurzelwerk ernähren, also auch ohne Wirtspflanzen gedeihen können. Allerdings bilden sie dann weniger Masse. Nur einige Spezies entwickeln bei nichtparasitärer Lebensweise Infloreszenzen und reproduktionsfähige Samen. Mit einem Sud vom Augentrost (Euphrasia) getränkte Umschläge wurden früher bei Lid- und Bindehautentzündungen appliziert. Der Zahntrost (Odontites) wiederum wurde in der Volksmedizin zur Linderung von Zahnschmerzen angewandt.

Weitere Scrophulariaceen

Wie Zahn- und Augentrost gehören auch Klappertopf (Rhinanthus), Wachtelweizen (Melampyrum) und Läusekraut (Pedicularis) zu den Scrophulariaceen (Braunwurzgewächse, Rachenblütler). Tiroler Bauern wissen, dass es kein Heu gibt, wo der "Klapper" herrscht. In Bezug auf die Wirtspflanzen sind diese einjährigen Halbschmarotzer sehr tolerant. Auch sie können bei eigenständiger Ernährung noch die für die Gattung charakteristischen gelben, oft dunkel gestrichelten zweilippigen Blüten mit blasigem Kelch ausbilden. Eine Fruchtreife ist unter diesen Bedingungen allerdings nicht möglich.

Durch farbige Hochblätter fallen Spezies der Gattung Melampyrum auf. Der Wald-Wachtelweizen Melampyrum sylvaticum, der die Wurzeln von Gehölzen anzapft, hat grüne Blütentragblätter und gelbe Infloreszenzen. Für Melampyrum arvense, das auf Brach- und Kulturflächen in Europa und Westasien verbreitet ist, sind hingegen rote Tragblätter und Blüten mit weißlich-gelblichem Ring charakteristisch. Die Samen zahlreicher Arten sind mit einem fleischigen Anhang versehen und werden durch Ameisen verbreitet (Myrmekophorie).

Von den Läusekräutern sind ungefähr sechshundert Spezies bekannt; davon sind etwa dreihundert Arten im südlichen und westlichen Himalaya endemisch. Die perennierenden Stauden mit fiederspaltigen oder gefiederten Blättern entwickeln terminale Ähren mit Lippenblüten, die auf die Bestäubung durch Hummeln angewiesen sind. Als Halbschmarotzer bilden sie verzweigte Wurzeln. Saugorgane gewährleisten die Ernährung über mehr- oder einjährige Wirte. Die rot blühende Pedicularis palustris wächst auf Sumpfwiesen Europas und Nordasiens. Mit einem Sud von Läusekräutern wurde früher in Haustierställen das Ungeziefer vernichtet.

Alpenrachen und Alpenhelm

Die Gattung Tozzia wird als Bindeglied zwischen Halb- und Vollparasiten eingeordnet. Etwa 150 Spezies sind beschrieben worden, die meisten davon sind in Afrika heimisch. Tozzia alpina, der Alpenrachen, ist in der gesamten Alpenregion auf subalpinen Hochstaudenfluren mit kalkhaltigen Böden anzutreffen. Seine Blütenkrone ist goldgelb gefärbt und rot punktiert.

Keimlinge entwickeln zuerst unterirdische Rhizome und ernähren sich zwei bis drei Jahre lang ausschließlich parasitär. Erst danach setzt das oberirdische Wachstum ein. Von nun an vergeht über die Blütezeit bis zur Fruchtbildung etwa ein Monat. Nach dem Absterben der Pflanze reifen die nahrhaften Früchte nach. Insekten verbreiten die Samen.

Von den Alpenhelmen (Bartsia) sind etwa dreißig perennierende Spezies bekannt. Sie kommen auf moorfeuchten Quellwiesen in den Gebirgen Nordafrikas und Südamerikas, aber auch in den Pyrenäen und den Alpen vor. Nach vier bis fünf Vegetationsperioden entwickeln die Stauden zum ersten Mal einen blühfähigen Spross.

Schuppenwurz

Die sieben Arten der Gattung Schuppenwurz (Lathraea) bilden eine eigene Familie, sind jedoch mit den Rachenblütlern nahe verwandt. Sie sind in Eurasien verbreitet, haben kein Blattgrün und leben vollparasitisch auf den Wurzeln von weichen Laubgehölzen wie Haselnuss-Sträuchern und Pappeln. Das Wachstum der Infloreszenzen, die im zeitigen Frühjahr erscheinen, wird mit der Mobilisierung von Reservestoffen in den Wirtspflanzen induziert. Bis zur ersten Blütenbildung vergehen aber mindestens zehn Jahre. Die Samen der Schuppenwurz werden durch einen Schleudermechanismus verbreitet.

Weil am Ansatz der schuppenartigen Blättern der Schuppenwurz häufig tote Insekten gefunden werden, wurde sie früher fälschlich den fleischfressenden Pflanzen zugeordnet. Aber offenbar ertrinken die Insekten dort, ohne dass sie von der Pflanze genutzt werden. Häufiger vorkommende, aber weniger auffällige Vollparasiten unserer Heimat sind die Seiden (Cuscuta spp.).

Sandelholz und Mistel

Das Weiße Sandelholz (Santalum album) hat der Familie Santalaceae mit 35 Gattungen ihren Namen gegeben. Aus den halbparasitisch lebenden Pflanzen werden ätherische Öle und Räucherwerk gewonnen. Auch ist es in manchen Kulturen üblich, aus dem duftenden Sandelholz Idole zu schnitzen. Die Wurzeln sind mit Haustorien ausgestattet, die Enzyme ausscheiden und somit die Rinde der Wirtspflanzen auflösen. In Europa ist das zu den Santalaceae zählende Leinblatt (Thesium) mit sieben von insgesamt 250 Arten vertreten. Alle europäischen Spezies haben einen krautigen Habitus und bilden unterirdische Rhizome.

Den Sandelholzgewächsen stehen die Mistelgewächse (Viscaceae) nahe (Ordnung Santalales). Sie haben meistens einen strauchartigen Habitus und leben halbparasitisch auf Gehölzen. Statt Keimwurzeln bilden sie Hypokotyle, welche das Rindengewebe der Wirtspflanzen auflösen. Die einheimische Mistel (Viscum album) schätzten schon die Römer als Nutzpflanze: Aus der klebrigen Substanz ihrer Früchte stellten sie Vogelleim her. Die immergrünen Sträucher galten auch als Symbol für immerwährende Lebenskraft. Vor allem in Großbritannien, aber auch bei uns werden sie als Weihnachtsschmuck verwendet. Mistelpräparate werden u.a. in der Krebstherapie eingesetzt. Die Eichenmistel (Loranthus europaeus) gehört zu einer eigenen Familie, die in 70 Gattungen mit 1400 Spezies überwiegend in den Tropen und auf der südlichen Erdhalbkugel verbreitet ist.

Nach einem Vortrag von Gartenmeister Jens Müller, Altenburg, im Naturkundlichen Museum Mauritianum in Altenburg.

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