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Aut idem, Medi-Verbund, Aliud-Generika – da braut sich was zusammen (Meinu

Es hätte eine Baden-Württemberger Provinzposse bleiben können, doch von "Posse" kann jetzt nicht mehr die Rede sein, wenngleich es nach unseren Informationen noch auf Baden-Württemberg (und in abgewandelter Form auf ein nördliches Bundesland) beschränkt sein dürfte.

Kurz zum Hintergrund: Bereits 1998 wurde Medi unter Führung von Werner Baumgärtner, Norbert Metke und anderen politisch aktiven Ärzten ohne Beteiligung von Krankenkassen oder Pharmafirmen gegründet. Auslöser der Gründung war die rot-grüne Gesundheitspolitik der damaligen Gesundheitsministerin Andrea Fischer. Medi sollte als Anbietermodell gegenüber der Nachfrage von Kassen, Pharmafirmen, Politik agieren, damit einzelne Ärzte nicht auf der Strecke bleiben. Derzeit ist der Medi-Verbund nach eigenen Angaben mit rund 5200 Ärzten bundesweit das größte Praxisnetz in Deutschland. Dazu kommen noch über 2000 Ärzte, die bei der Medi-Schwester "Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein" Mitglieder sind. Medi ist nach einer Selbstdarstellung ein Projekt der Vertragsärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg. Wer ausführliche Informationen zu Medi möchte, kann sich im Internet unter www.mediplaza.de informieren.

Mitte Oktober des vergangenen Jahres schloss nun die Medi-Verbund GmbH und die Firma Aliud Pharma GmbH & Co. KG, übrigens eine Tochter der Stada AG, einen Kooperationsvertrag. Ziel der Zusammenarbeit soll einerseits eine Verbesserung der Qualität der Arzneimittelversorgung der Patienten sein, andererseits zur Entlastung der Arzneimittelbudgets beitragen.

Bei diesem Vertrag, so heißt es, handelt es sich um einen Beratervertrag: Medi-Verbund GmbH "berät" die Firma Aliud in Bezug auf die Qualität der Arzneimittel, Packungsgrößen und ein sinnvolles Angebotsspektrum. Medi will, so heißt es in einer Selbstdarstellung, mitwirken, "dass sich die Nachfrage auf dem Generikamarkt an wirtschaftlicher und medizinischer Notwendigkeit orientiert".

In der Praxis hat sich dieser Beratervertrag und die Zusammenarbeit mittlerweile wie folgt entpuppt: Medi versorgt die Ärzte in Großaktionen mit dem Stempel "KEINE Substitution". Zahlreiche Ärzte, die bei Medi mitmachen, verordnen – verstärkt und fast ausschließlich seit dem Inkrafttreten der Aut-idem-Regelung – mit Vorliebe Aliud-Präparate.

Eine Apotheke, die bisher ihr Warenlager noch nicht mit Aliud-Präparaten ausreichend bestückt hat, hat kaum noch Chancen, Rezepte ihrer Patienten sofort zu beliefern. Versucht man in Kundengesprächen, die Situation zu erklären und darauf hinzuweisen, dass wirkstoffgleiche und ebenfalls günstige Arzneimittel von anderen Firmen zur Verfügung stehen, erzählen die Kunden, von den Ärzten eingeschüchtert, dass ihnen ihr Arzt oder ihre Ärztin eingeschärft habe, auf die Belieferung mit Aliud-Präparaten unbedingt zu bestehen, ansonsten bekomme die Apotheke Ärger.

Ganz praktisch sieht es auch der Geschäftsführer der Medi-Verbund GmbH, der erklärt: "Durch den Vertrag sollen auch die Apotheker entlastet werden, sie müssen in ihren Apotheken nicht mehr das ganze Sortiment vorhalten, sondern können sich auf die Medikamente konzentrieren, die von den Ärzten mehrheitlich verordnet werden" – im Klartext also: die Apotheken sollen sich gefälligst auf Aliud-Präparate konzentrieren.

Da werfen sich zahlreiche Fragen auf. Was erhalten Ärzte, dass sie sich so strikt und vehement dem Medi-Diktat mit Aliud-Arzneimitteln unterwerfen? Welche Vorteile haben Ärzte konkret von ihrer Teilnahme am Medi-Verbund GmbH? Wie sehen diese Vorgehensweise auch unter Wettbewerbsgesichtspunkten andere Generikahersteller, die in Baden-Württembergs Apotheken in Zukunft immer weniger Chancen haben dürften, Fuß zu fassen? Wie sieht diese Situation vor dem Hintergrund der Aut-idem-Regelung aus, wenn Ärzte sich auf eine Firma festlegen und damit selbst im unteren Preisdrittel auswählen? Ist aut idem bald gleich zu setzen mit Aliud? Und wie steht es mit der Bioverfügbarkeit der Aliud-Präparate?

Doch nicht nur mit Ärzten versucht Aliud nun verstärkt zu kooperieren, auch die Apotheker sollen für Aliud-Präparate freundlich gestimmt werden. Aliud veranstaltet beispielsweise "Kommunikationsworkshops", auf denen "bewährte und neue Wege des Pharmamarketings" diskutiert werden sollen. Damit der Apotheker auch Interesse hat, dort zu erscheinen, wird als "Aufwandsentschädigung für die Teilnahme" 50,– Euro zuzüglich Reisekosten erstattet. So können Sie sich also leicht ein Taschengeld am Abend dazu verdienen.

Übrigens, eine Zusammenarbeit zwischen der Medi GmbH, der Firma Aliud und dem Landesapothekerverband Baden-Württemberg, wie Ende des vergangenen Jahres ein Gerücht in Apothekerkreisen die Runde machte, habe es so nicht gegeben, wie einem Schreiben des LAV zu entnehmen ist. Der LAV wehrt sich darin auch gegen die Behauptung, nordwürttembergische Apotheken hätten Sonderkonditionen oder Sonderrabatte von der Firma Aliud erhalten ebenso wenig wie der LAV selbst. Es habe lediglich einen informatorischen Austausch gegeben, aber keine Vertragsbeziehungen und nicht mehr. Man darf gespannt sein auf die weiteren Entwicklungen und auf Antworten von Aliud.

Peter Ditzel

In Baden-Württemberg kooperiert Deutschlands größtes Praxisnetz mit dem Generikahersteller Aliud, einer Tocher der STADA AG. In unserem Meinungsbeitrag versuchen wir Hintergründe und Zusammenhänge zu beleuchten. Werden Apotheken jetzt gezwungen, ihr Lager mit Aliud-Präparaten zu bestücken? Inwieweit profitieren Ärzte von dieser Kooperation? Was sagt der Wettbewerb?

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