Arzneimittel und Therapie

Phytopharmaka: Wie Johanniskraut wirkt

Johanniskraut gehört mittlerweile zu den bestuntersuchten Phytopharmaka. Die Ergebnisse intensiver Forschung können bereits erklären, wie Inhaltsstoffe des Johanniskrauts, an erster Stelle das Hyperforin, auf molekularer Ebene wirken. Es zeigte sich, dass Hyperforin zum Teil Effekte hervorruft, wie sie von klassischen Antidepressiva bekannt sind. Auf der anderen Seite fand man Mechanismen, die Hyperforin von bekannten Antidepressiva unterscheiden. So werden dem Hyperforin als wichtigstem Inhaltsstoff von Johanniskraut heute bereits Chancen zugesprochen, die deutlich über den primären Einsatz als Antidepressivum hinausgehen.

Ähnlichkeiten zu Antidepressiva

Als die Forschung begann, sich für die Inhaltsstoffe von Johanniskraut zu interessieren, suchte man zunächst nach Analogien zu bekannten Antidepressiva. Man fand, dass Johanniskrautextrakt ähnlich wie andere Antidepressiva die neuronale Aufnahme der Neurotransmitter Noradrenalin, Serotonin und Dopamin hemmen kann. Dieser Wirkmechanismus von Johanniskrautextrakt wird ausschließlich durch den Johanniskraut-Inhaltsstoff Hyperforin erklärt. Darüber hinaus konnten für das Hyperforin auch auf verschiedenen anderen biochemischen und verhaltenspharmakologischen Ebenen Effekte gezeigt werden, die in Analogie zur bekannten Pharmakologie klassischer Antidepressiva stehen. Hyperforin führt beispielsweise zu einer Veränderung der Konzentration der drei Neurotransmitter und ihrer Metabolite im Gehirn, es führt zu adaptiven Veränderungen von Rezeptorstrukturen (z.B. Beta-down-Regulation) und bewirkt im Elektroenzephalogramm von Ratte und Mensch Veränderungen, die mit denen anderer Antidepressiva vergleichbar sind. Bis jetzt konnte somit auf allen relevanten pharmakologischen Ebenen, von der Biochemie im Reagenzglas bis zum Verhalten im Tierversuch, für Hyperforin eine Wirkqualität belegt werden, die auf eine entsprechende antidepressive Wirkung am Menschen schließen lässt.

Unterschiede zu Antidepressiva

Neuere durchgeführte Untersuchungen konnten sich auch mit Mechanismen beschäftigen, durch die sich Hyperforin von bekannten Antidepressiva unterscheidet. Hyperforin hemmt zum Beispiel die neuronale Aufnahme der Aminosäuretransmitter GABA und L-Glutamat.

Dieser Effekt wird nicht durch eine direkte Bindung an die Transportproteine der neuronalen Membran bewirkt, sondern Hyperforin führt offensichtlich zu einer Zunahme der intrazellulären Natriumkonzentration. Daraus resultiert eine Reduktion des Natriumgradienten, der wiederum die treibende Kraft für die Transportproteine darstellt. Dies erklärt, dass Hyperforin sehr viele unterschiedliche neuronale Transportmechanismen hemmen kann.

Die Frankfurter Forschergruppe um Professor Walter E. Müller beschäftigt sich zur Zeit mit der Identifizierung des molekularen Mechanismus, über den Hyperforin zu einer Zunahme der intrazellulären Natriumkonzentration führt. Der molekulare Mechanismus dürfte in komplexer Weise Veränderungen verschiedener intrazellulärer Ionen einschließlich pH und Calcium einschließen. Ein solcher neuartiger Wirkungsmechanismus dürfte vermutlich für verhaltenspharmakologische Wirkqualitäten verantwortlich sein, die über das hinaus gehen, was von klassischen Antidepressiva bekannt ist. In Untersuchungen an Tieren zeigte sich, dass Hyperforin z.B. nicht nur in typischen Antidepressiva-Modellen wirksam ist, sondern in sehr niedrigen Dosen auch anxiolytische Eigenschaften zeigt. Eine Verbesserung von Lern- und Gedächtnisleistungen konnte unabhängig von der eigentlichen antidepressiven Wirkung ebenfalls gesehen werden. Dies lässt Vermutungen zu, dass Johanniskraut Chancen hat, über die primäre Verwendung als Antidepressivum hinaus eingesetzt zu werden.

Da wirken mehrere Stoffe zusammen

Diese und weitere zahlreiche Untersuchungen zeigten, dass hyperforinreiche Johanniskrautextrakte und reines Hyperforin deutlich wirksamer waren als andere Extrakte. Dennoch befassten sich neue pharmakologische Untersuchungen damit, systematisch auch die anderen in Johanniskrautextrakt vorkommenden Inhaltsstoffe zu untersuchen. Neben Hyperforin zeigten einige Flavonoide wie Hyperosid, Isoquercitrin und das Biflavon Biapigenin eine deutliche Wirkung.

Diese Substanzen weisen allerdings keine lineare Dosis-Wirkungs-Beziehung wie Hyperforin auf, die Wirkung dieser Substanzen geht mit steigenden Dosierungen verloren - ein pharmakologisches Phänomen, das noch weiterer Untersuchungen bedarf. Als Fazit der bisherigen Erkenntnisse muss davon ausgegangen werden, dass die Wirksamkeit von Johanniskrautextrakten durch das Zusammenwirken verschiedener Inhaltsstoffe zustande kommt, wenngleich Hyperforin als wirksamer Inhaltsstoff bisher am besten dokumentiert ist. Die Hypericine sind dagegen nach derzeitigem Stand nicht von Bedeutung.

Chargenkonformität lässt zu wünschen übrig

Auch wenn es sehr wahrscheinlich ist, dass noch andere Inhaltsstoffe an der antidepressiven Wirkung von Johanniskraut beteiligt sind, ist es sinnvoll, bei der Beurteilung der Chargenkonformität von Johanniskrautextrakt-Präparaten den Hyperforingehalt und daneben auch den Gesamthypericingehalt zu berücksichtigen. Eine aktuelle Untersuchung, die anhand dieser beiden Kriterien die Qualität von Johanniskrautpräparaten überprüfte, zeigte, dass die Forderung nach einer konstanten Extrakt-Zusammensetzung trotz der natürlichen Schwankungsbreite von Inhaltsstoffen pflanzlicher Extrakte von einzelnen, nicht jedoch von allen Präparaten erfüllt wird (siehe DAZ 2000, Nr. 34, S. 44). Nur wenige Präparate zeigten eine gute Vergleichbarkeit des Hyperforingehaltes von Charge zu Charge.

Gute Therapieergebnisse bei leicht bis mittelschwer Depressiven

Bei der Therapie von leicht bis mittelschwer depressiven Patienten haben sich in den letzten zehn Jahren Johanniskrautextrakt-Präparate einen beachtlichen Platz erobert. Es gibt mehr und mehr Hinweise darauf, dass diese Präparate eine mit anderen Antidepressiva vergleichbare Wirkung haben, ohne jedoch deren Nebenwirkungen aufzuweisen. Eine multizentrische Praxisforschungsstudie an 2166 Patienten befasste sich mit der Wirksamkeit und Verträglichkeit des Johanniskraut-Spezialextrakts WS 5572, der als "Neuroplant 1 x 1" mit 600 mg Wirkstoff je Filmtablette auf dem Markt ist. Nach einer Therapiedauer von etwa sieben Wochen stellten die behandelnden Ärzte eine Reduzierung des Schweregrades der depressiven Episode auf durchschnittlich weniger als "leicht krank" fest. Der Anteil der Patienten, deren Krankheitsbild gebessert werden konnte, liegt in der Gruppe, die einmal täglich 600 mg erhielten, bei 83,7%, bei Patienten mit zweimal täglich 600 mg sogar bei 88,6%. Die Verträglichkeit bezeichneten die behandelnden Ärzte bei 99% der beurteilten Patienten als sehr gut oder gut.

Als Fazit dieser Untersuchung lässt sich festhalten: Eine 1 x 600 mg/Tag-Dosierung mit WS 5572 stellt eine wirksame antidepressive Therapie für leicht depressive Patienten dar. Die Dosierung 2 x 600 mg pro Tag ist vor allem für mittelschwer depressive Patienten von Vorteil. Die gute Wirksamkeit, eine bessere Compliance durch die Einmalgabe und der Kostenvorteil sind allerdings wesentliche Argumente für die Therapie mit 1 x 600 mg/Tag in der Praxis.

Quelle: Nach Vorträgen von Prof. Dr. Walter E. Müller, Frankfurt/Main, Dr. Michael Nöldner, Karlsruhe, Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Frankfurt/Main, und Prof. Dr. Siegfried Kasper, Wien, auf einer Fachpressekonferenz der Firma Dr. Willmar Schwabe Arzneimittel in Frankfurt/Main, Biozentrum.

Johanniskraut gehört mittlerweile zu den bestuntersuchten Phytopharmaka. Die Ergebnisse intensiver Forschung können bereits erklären, wie Inhaltsstoffe des Johanniskraut, an erster Stelle das Hyperforin, auf molekularer Ebene wirken. Es zeigte sich, dass Hyperforin zum Teil Effekte hervorruft, wie sie von klassischen Antidepressiva bekannt sind. Andererseits werden dem Hyperforin Chancen zugesprochen, die deutlich über den Einsatz als Antidepressivum hinausgehen