Feuilleton

Zur Erinnerung: 250. Geburtstag von Johann Georg Pickel

Im Laufe des 18. Jahrhunderts führte die Entwicklung der Naturwissenschaften dazu, dass auch einige Apotheker, die damals nur praktisch ausgebildet wurden, Fächer wie Chemie, Botanik oder Materia medica an den Universitäten studierten. Insbesondere die Professoren für Chemie standen oft in einem engen Verhältnis zur Pharmazie. An der Universität Würzburg (gegr. 1582) war der erste Professor, der diese beiden Fächer zusammen vertrat, Johann Georg Pickel.

Eine Krankheit als Glücksfall

Als Sohn eines Bauern wurde J. G. Pickel am 20. November 1751 in Sommerach am Main geboren. Wegen eines Armgeschwürs musste er sich im siebenten Lebensjahr im berühmten Julius-Spital in Würzburg stationär behandeln lassen. Nach seiner Genesung schickte ihn der geistliche Leiter des Spitals, der seine Intelligenz erkannt hatte, auf das Gymnasium des Stifts Haug in Würzburg.

Nach Abschluss seiner Schulbildung studierte Pickel auf Wunsch des Fürstbischofs an der Universität Würzburg Arzneikunde, Medizin, Naturwissenschaften und Philosophie und wurde 1778 von J. P. Ehlen (1715-1785) promoviert. Zu seiner Doktorarbeit "De elelectricitate et calore animali" hatte ihn die von A. von Haller (1708-1777) verfasste Schrift "De irritabilitate" (1752), in der dieser über die Reizbarkeit der Muskelfasern und der Nervenfasern berichtete, angeregt.

Pickel setzte darauf seine Studien in Wien und Göttingen fort. In Wien arbeitete er unter Jan Ingenhousz (1730-1799) und J. von Herbert (1725-1794) auf dem Gebiet der Experimentalphysiologie sowie der Physik, in Göttingen war er bei G. Chr. Lichtenberg (1742-1799) in dessen physikalischen Vorlesungen als Experimentator tätig.

Professor der Chemie und Pharmazie

1782 kehrte Pickel nach Würzburg zurück, wo er zunächst Mitarbeiter des Experimentalphysikers Maternus Reuß (1751 bis 1798) wurde. Am 24. Juli ernannte ihn die medizinische Fakultät zum Extraordinarius der Chemie und am 20. November des gleichen Jahres zum o. Professor der Chemie und Pharmazie, als Nachfolger des Professors der Materia medica, Ignaz Berthel Stang. Neben den Fächern Chemie, Pharmazie, Botanik und Materia medica las Pickel noch Experimentalphysik, technische Chemie und von 1807 bis 1808 auch gerichtliche Chemie. Für die Durchführung der praktischen Übungen und Versuche benutzte er anfangs das Laboratorium der Apotheke des Julius-Spitals.

Ab 1787 wurde für ihn ein neues Laboratorium mit Hörsaal auf dem Gelände des Spitals als selbstständiges Gebäude errichtet. Der Leiter der Spitalapotheke, Franz Meyer, zu dem Pickel ein gutes Verhältnis hatte, assistierte ihm bei seinem Unterricht im Labor und versorgte ihn mit Präparaten (Apothekerinstruktion von 1794).

Zu Pickels Zeiten studierten die ersten Pharmazeuten an der Universität Würzburg. Von 1800 bis 1810 hatten sich 23 Personen eintragen lassen, von 1810 bis 1820 waren es bereits 66 Pharmaziestudenten. Er unterrichtete sie nach dem Lehrbuch "Systematischer Grundriß der allgemeinen Experimentalchemie" von S. Hermbstaedt (1760 - 1833). Von 1784 bis 1786 war Ferdinand Wurzer (1765-1844), später Chemieprofessor in Marburg, sein Schüler gewesen. Als Mitglied des Medizinalkollegiums (seit 1803 Medizinalrat) und Revisor war Pickel ein Förderer der Pharmazie.

Als ein begeisterter Naturwissenschaftler und Mann der Praxis befasste Pickel sich auch mit Dingen, die über seine Tätigkeit als Hochschullehrer hinausgingen. Dazu gehörten die Lösung medizinischer und praktisch-chemischer Probleme, verschiedene Erfindungen, die Erforschung von Mineralquellen und meteorologische Beobachtungen.

Bereits als Schüler war er im Stift Haug seinem Lehrer Egell bei der Anfertigung von Thermometern, Barometern und Elektrisiermaschinen behilflich gewesen. Während seines Aufenthaltes an der Universität Göttingen (1782) hatte Pickel in der Klinik von Professor A. G. Richter (1742 bis 1812) den von J. Chr. A. Theden (1714-1779) 1777 erfundenen elastischen Katheter gesehen und weiter verbessert. Sein Katheter besaß eine lange Haltbarkeit, fand bald in Europa große Anerkennung und wurde später von ihm fabrikmäßig hergestellt.

Pickel als Fabrikant

In der Sanderau vor den Toren Würzburgs errichtete Pickel 1784 mit landesherrlicher Genehmigung eine Fabrik, in der man Chemikalien, medizinisches Verbandmaterial, medizinische Apparate und Instrumente herstellte. An diesem Unternehmen war der Chirurg H. J. Brünninghausen (1761-1834) mit beteiligt.

An chemisch-pharmazeutischen Produkten stellte er in der Fabrik u. a. Glaubersalz, gebrannte Magnesia, Duplikatsalz (Kalium sulfuricum), Seignettesalz, Weinsteinsäure, Riechwasser sowie den nach ihm benannten grünen Farbstoff "Pickelgrün" (Kupferarsenitacetat) her. Der grüne Farbstoff entspricht dem "Schweinfurtergrün", welches von zahlreichen Fabriken hergestellt wurde und unter 70 verschiedenen Namen (u. a. Würzburgergrün) in den Handel kam. In einem 1801 in Erlangen erschienenen Katalog findet man alle Produkte seines Unternehmens aufgeführt. Die Fabrik scheint sich jedoch nicht rentiert zu haben und ging um 1806 wieder ein.

Bodenschätze

In den Jahren 1784 bis 1804 befasste sich Pickel mit der Untersuchung und Auffindung verschiedener Mineralwässer in Franken. Er ließ 1791 die Bockleter Mineralquellen fassen und entdeckte 1804 zwei Salzquellen in Neustadt a. d. fränkischen Saale. 1787 errichtete er bei der Saline Friedrichshall in Lindenau (Thüringen) eine Fabrik, die jährlich 20 Tonnen Bittersalz produzierte, das zuvor fast ausschließlich aus Böhmen und England importiert worden war.

Bei Homberg am Main entdeckte Pickel 1791, dass der Kalktuff einer Höhle etwa 1 Prozent Salpeter enthält. Darauf wurde er Beauftragter für das Bergwerkswesen im Bistum Würzburg. In Oberebersberg fand Pickel 1785 ein Vorkommen von Eisenocker und Eisenstein, der bergmännisch abgebaut werden konnte.

In den Jahren 1803 bis 1806 und 1837 beschäftigte sich Pickel mit Wetterbeobachtungen. Durch ein besonderes Verfahren ("Rauchfeuer") gelang es ihm 1804 erfolgreich, die Würzburger Weinberge vor den Nachtfrösten zu schützen. In einer seiner Publikationen schrieb Pickel 1821 über Blitzableiter und die Verhinderung von Blitzschäden.

Neu: Die Welt der Gase

Ferner verbesserte er das 1780 von Fürstenberger in Basel konstruierte elektrische Feuerzeug (Tachypyron, Brennluftlampe, Schnellfeuerzeug) und die so genannte elektrische Pistole. Aufsehen erregte folgender Versuch von 1786: Durch Verkohlen von Knochen konnte Pickel ein Gas gewinnen, mit dem er sein chemisches Laboratorium beleuchtete. Vor ihm hatte der Holländer J. P. Minckelaers (1748-1824) 1783 diesen Versuch auch schon gemacht.

Pech hatte Pickel, als sein Aufstieg mit einem Wasserstoffballon am 22. 9. 1804, mit dem er den Bürgern von Würzburg eine Freude machen wollte, missglückte. Besser klappte es dagegen mit einem großartigen Feuerwerk, welches Pickel im Mai 1806 zum Geburtstag des bayerischen Kurfürsten Maximilian Joseph in Würzburg abbrannte. Bei dieser Veranstaltung ließ er auch aus einem Feuermörser durch Knallgas erzeugte Schüsse ertönen, die die Bürger erschreckten. Zur Beruhigung seiner Mitbürger hatte er ein Schild mit folgendem Text angebracht:

An Pulver arm, an Luft doch reich, Will zeigen, was ich kann sogleich. Habt nur Geduld und gebt wohl acht, Wie hier der hölzne Mörser kracht. Doch steckt darin kein Mordgewehr Dafür steh ich mit meiner Ehr.

Pickel hat viele Arbeiten medizinischen Inhalts publiziert, so z. B. seine Versuche zur Messung der Körpertemperatur ("Thermometrie"). Diese Methode kam erst in der zweiten. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu hoher Bedeutung. Zur Wiederbelebung von Scheintoten entwickelte er 1812 einen Rettungsapparat. Seine Arbeiten und Abhandlungen veröffentlichte Pickel u. a. in Crells Chemischen Annalen, Grens Journal, im Göttingischen Magazin und den Würzburger gelehrten Anzeigen. Eine Sammlung alchemistischer Rezepte von ihm wurde in der Stadtbibliothek zu Bamberg verwahrt.

Goldene Promotion

Johann Georg Pickel konnte 1828 sein goldenes Doktorjubiläum feiern. Die Universität ehrte den Gelehrten mit der "Pickel-Gedenkmünze", die im Mainfränkischen Museum in Würzburg aufbewahrt wird. 29 Jahre lang war er Senior der Medizinischen Fakultät. Sein Goldenes Professoren-Jubiläum beging er 1832 und wurde damals mit dem Kgl. Orden des Ludwigskreuzes geehrt. 1833 erfolgte seine Emeritierung, und 1836 wurde er auch als Medizinischer Rat in den Ruhestand versetzt. Er starb am 20. Juli 1838 in Würzburg.

Pickels Nachfolger als Professor für Pharmazeutische Chemie (später Pharmazie) wurde Ludwig Rumpff (1793-1862), der ihm seit 1826 als Adjunkt assistiert hatte. Nach dessen Tod wurde die Pharmazie in Form von Lehraufträgen unterrichtet. Erst 1900 wurde ein Ordinariat für Angewandte Chemie und Pharmazie eingerichtet. Zur Erinnerung an Pickel hat die Stadt Würzburg eine Straße nach ihm benannt.

Literatur Poggendorff II, Sp. 443 f. Aus der Vergangenheit der Universität Würzburg. Festschrift zum 350jährigen Bestehen der Universität Würzburg. Berlin 1932, S. 512-514. Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker (Hrsg. A. Hirsch), 3. Aufl., Bd. 4, München 1962, S. 599. H. Friede: Zur Geschichte der Pharmazie an der Universität Würzburg. Apoth. Ztg. 42 (1927), S. 369 f. R. Schmitz: Die deutschen Pharmazeutisch-chemischen Hochschulinstitute. Stuttgart/Ingelheim 1969, S. 333-335. H. B. Bärmig: Die Personalbiographien der an der Medizinischen Fakultät der Alma Mater Julius zu Würzburg von 1582-1803 lebenden Professoren mit biographischen Angaben. Erlangen/Nürnberg 1969, S. 56-58. U. Hainlein: Zur Geschichte der Gerichtlichen Medizin an der Universität Würzburg mit Personalbibliographie der Lehrer des Faches von 1876-1968. Erlangen/Nürnberg 1970, S. 96. P. M. Langhans: Personalbibliographien der Professoren der Philosophischen Fakultät zu Würzburg von 1803-1852 mit biographischen Angaben, gesichtet im Hinblick auf die Beziehungen zu Lehre und Forschung in der Medizin. Erlangen/Nürnberg 1971, S. 37-44. R. Wagner: Würzburger Medaillen und Festzeichen 1806-1918. Mainfränkische Hefte, H. 70, Würzburg 1979, S. 14 f. K. Koschel: Zur Geschichte der Chemie an der Universität Würzburg, in: Vierhundert Jahre Universität Würzburg - Eine Festschrift (Hrsg. P. Baumgart). Neustadt/Aisch 1982, S. 703-749, hier: S. 708-714.

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