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Arzneimittelsicherheit für Kinder: Einsatz bei Kindern oft außerhalb der Zul

BONN (im). Dass Arzneimittel, die für Erwachsene oder bestimmte Indikationen zugelassen wurden, häufig außerhalb dieses Zulassungsbereichs zum Beispiel an Kindern angewendet werden, ist ein ungelöstes Problem der Praxis. Nachdem sich vor Monaten bereits die Fraktionen des Bundestags damit befassten, ist am 11. Oktober dieses Jahres die Expertenkommission "Arzneimittel für Kinder und Jugendliche" vom Bundesgesundheitsministerium eingerichtet worden, deren Mitglieder Ministerin Ulla Schmidt auf Vorschlag der Fachkreise beruft. Auch die Apothekerschaft sei jetzt aufgerufen, einen Vertreter dafür zu benennen, sagte Professor Alfred Hildebrandt vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) der Deutschen Apotheker Zeitung.

Die Aufgabe der Expertenkommission ist es, Standards für therapeutisch wichtige Medikamente zu definieren, die als Empfehlungen für eine Zulassung von bekannten Arzneimitteln für Kinder übernommen werden können. Der Zulassungsstatus vieler in der Pädiatrie eingesetzter Medikamente entspreche häufig nicht dem Stand des Wissens, nannte Hildebrandt auf einem Symposium des deutschen Generikaverbands am 9. Oktober in Berlin als Hintergrund. Nach wie vor würden Kinder zu häufig bei Neuentwicklungen nur gering oder gar nicht berücksichtigt oder Studien ausschließlich gegen Kinderkrankheiten unterblieben ganz. So sei bekanntlich üblich, von ausschließlich an Erwachsenen geprüfte Arzneimittel auf die Anwendung an Kindern ohne ausreichende fachliche Grundlage zu extrapolieren.

Problem auch für Apotheker

Die Entwicklung spezieller Kinderarzneimittel werde vernachlässigt, sagte Hildebrandt, weil sich die Kosten für die Hersteller nicht amortisierten. Das Problem betreffe auch die Apotheker, da zum Beispiel in Krankenhausapotheken oder krankenhausversorgenden Apotheken Zubereitungen für Kinder - etwa onkologische Präparate - hergestellt würden.

Nach Ansicht von Hildebrandt kann nur auf der EU-Ebene Druck auf die pharmazeutischen Hersteller ausgeübt werden, die häufig kein unmittelbares Interesse an entsprechenden Studien hätten. Die Firmen sollten verpflichtet werden, ihre Zulassungsanträge auf die Anwendung der Präparate auf Kinder auszudehnen. Der BMG-Repräsentant und frühere langjährige Chef des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) kündigte Anschubfinanzierungen für multizentrische klinische Studien an Kindern mit dem Zweck von Arzneizulassungen durch die Bundesregierung an.

Künftig eine Stiftung?

Zwar habe zum Beispiel das Bundesforschungsministerium die Ansiedlung pädiatrischer Module an den Koordinationszentren für Klinische Studien (KKS) initiiert, weitere Schritte seien jedoch nötig. Wie Hildebrandt sagte, steht die Bundesregierung dem Gedanken an eine künftige Stiftung positiv gegenüber. Darüber hinaus müsse vermehrt Akzeptanz in der Bevölkerung für klinische Studien an Kindern geschaffen werden, was unter anderem über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln laufe.

Praxisprobleme

Probleme aus der Praxis schilderte Professor Jörg Michael Fegert, ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie der Universität Ulm. So sei ein zentrales Problem, dass Arzneimittel, die für Erwachsene oder bestimmte Indikationen zugelassen wurden, häufig außerhalb dieses Bereichs zum Beispiel Kindern verabreicht werden ("Off-Label-Use").

Eltern haften

In diesen Fällen müssten die zuvor darüber aufgeklärten Eltern selbst die Risiken der Behandlung für ihren Nachwuchs auf sich nehmen, da der Hersteller hier nicht hafte. Vor allem in der Neonatologie und pädiatrischen Intensivmedizin bestehe das Problem, da dort bis zu 70 Prozent der Substanzen außerhalb ihrer eigentlichen Zulassung verordnet werden, weniger in der Primärversorgung, wo nach einer Untersuchung etwa der AOK Baden-Württemberg der Anteil dieser "Off-Label-Verschreibung" durch niedergelassene Hausärzte und Kinderärzte bei 13 Prozent lag. Allerdings gibt es den Ausführung von Fegert zufolge Unterschiede in einzelnen Präparategruppen. So würden beispielsweise Antidepressiva zu über 30 Prozent außerhalb ihres Zulassungsbereichs eingesetzt. Der Arzt forderte mehr Forschung zum Wohl von Heranwachsenden und sprach sich mindestens für die Information kranker Kinder über Studien bis hin zum Einbezug der jungen Patienten bei der Planung künftiger Studien aus.

Ein erster Schritt könne sein, durch Monitoring des "Off-Label-Use" Daten zur Arzneimittelsicherheit systematisch zu sammeln, was nach den derzeitigen Regelungen des Arzneimittelgesetzes unmöglich sei. Fegert setzte sich zugleich für die Entwicklung entsprechender Darreichungsformen, die bei Kindern zur Anwendung kommen, ein.

Industrie für angepasste Zulassung

Die Generikahersteller plädieren bei gut dokumentiertem Datenmaterial für die Erweiterung bestehender Zulassungen auf Kinder, wurde an den Ausführungen von Dr. Dietmar Buchberger vom Deutschen Generikaverband deutlich. Die Bundesregierung solle sicherstellen, dass die vorhandenen Erkenntnisse für den Einsatz bei Kindern, die bereits in Mustertexte des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte eingeführt worden seien, für die Generikahersteller konkret anpassbar seien. In der Praxis sei dies durch eine Änderungsanzeige (Paragraph 29 des Arzneimittelgesetzes) möglich, so dass Neuzulassungen nicht notwendig seien, meinte Buchberger. Geplant sei eine Anhörung zum Thema im Gesundheitsausschuss des Bundestags voraussichtlich am 7. November in Berlin.

Kastentext: Kinderarznei - wie es gehen kann

Dr. Martin Hulpke-Wette von der Georg-August-Universität Göttingen nannte das Antiarrhythmikum Sotalol als Beispiel aus der Praxis. Nach Angaben des Arztes, der in der Abteilung für pädiatrische Kardiologie und Intensivmedizin tätig ist, sind tachykarde Herzrhythmusstörungen bei Kindern häufig, da sie bei einem von 250 bis 1000 Kindern aufträten. Unbehandelt entwickelt die Hälfte der Säuglinge innerhalb von 48 Stunden eine lebensbedrohliche Herzinsuffizienz. Aufgrund seiner hohen Wirksamkeit werde Sotalol bei Kindern eingesetzt, obwohl es nicht für Heranwachsende zugelassen sei. Die Dosisangaben variierten von einem bis acht Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht, ohne exakte Zuordnung zu Alters- und Entwicklungsstufen der Kinder.

In einer Studie, die mit Einwilligung der Ethik-Kommission der Ärztekammer Hamburg und der Universität Göttingen sowie Einverständnis der Eltern (und wenn möglich der Kinder) vorgenommen wurde, habe sich eine signifikante Abhängigkeit des Lebensalters auf Verteilung und Ausscheidung von Sotalol gezeigt, darüber hinaus eine altersabhängige Veränderung des Sotalol-Wirkprofils. Jetzt solle in einer prospektiven Studie bei Kindern mit tachykarden Rhythmusstörungen der individuelle Sotalol-Bedarf ermittelt werden. In der Untersuchung sollten pharmakokinetische und pharmakodynamische Daten erhoben werden, um bei positivem Ergebnis die Zulassung von Sotalol bei Kindern zu beantragen.

Kastentext: Ein Beispiel

Zu Beginn des Jahres 2000 waren 49 von 110 in der Europäischen Union gemeinschaftlich zugelassene neue Arzneimittel sowohl für Erwachsene als auch Kinder geeignet, aber nur 15 enthielten Angaben zur Anwendung bei Kindern und Jugendlichen. Professor Alfred Hildebrandt, Bundesgesundheitsministerium

Kastentext: Problem: "Off-Label-Use"

Ein Problem der Pharmakotherapie an Kindern ist der so genannte Off-Label-Use. Das bedeutet, dass für einen anderen Altersbereich oder für eine andere Indikation zugelassene Pharmaka außerhalb dieses Zulassungsbereichs etwa an Kinder oder Jugendliche angewandt werden. Professor Jörg M. Fegert, Universität Ulm

Dass Arzneimittel, die für Erwachsene oder bestimmte Indikationen zugelassen wurden, häufig außerhalb dieses Zulassungsbereichs zum Beispiel an Kindern angewendet werden, ist ein ungelöstes Problem der Praxis. Nachdem sich vor Monaten bereits die Fraktionen des Bundestags damit befassten, ist am 11. Oktober dieses Jahres die Expertenkommission "Arzneimittel für Kinder und Jugendliche" vom Bundesgesundheitsministerium eingerichtet worden, deren Mitglieder Ministerin Ulla Schmidt auf Vorschlag der Fachkreise beruft.

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