Pharmazeutische Biologie

K. HillerGroße Sterndolde und Sanikel – Zwei

Die Saniculoideae stellen eine Unterfamilie der Apiaceae (Umbelliferae) dar. Als einheimische Gattungen gehören hierzu Astrantia, Eryngium, Hacquetia und Sanicula. Die Saniculoideae unterscheiden sich morphologisch von den anderen Doldengewächsen insbesondere im Blütenstand: Anstelle der Doppeldolde besitzen sie eine einfache Dolde, die zudem mehr oder weniger köpfchenartig ausgebildet ist. Sie ist in der Regel andromonözisch, d. h. die Mittelblüte eines Döldchens ist zwittrig, die peripheren Blüten dagegen sind männlich [1]. In ihrer Inhaltsstoffführung treten ätherische Öle zugunsten von Saponinen in den Hintergrund. Volkstümlich werden vor allem Astrantia major L., die Große Sterndolde, auch als Stränze, Talstern oder Schwarzer Sanikel bezeichnet, und Sanicula europaea L., die Sanikel, genutzt, wobei die Sterndolde mitunter auch als Verwechslung oder aus Unkenntnis anstelle von Sanikel zur Anwendung gelangt.

Morphologie

Astrantia major

Die perennierende Pflanze erreicht eine Höhe von 30 bis 90 cm und entwickelt ein reich bewurzeltes Rhizom. Die unteren Laubblätter sind drei- bis siebenzählig gefingert, wobei die Blättchen im Mittelabschnitt bis fast zum Grunde frei und nur die seitlichen bis mindestens zu einem Drittel verwachsen sind. Die verkehrt eiförmigen bis verkehrt lanzettlichen Blattabschnitte sind zur Spitze hin zwei- bis dreilappig oder fast ungeteilt und am Rande gesägt, wobei die Zähne in eine pfriemliche Spitze auslaufen [2].

Der Stängel ist meist aufrecht, entfernt beblättert und an der Spitze mit zwei bis fünf Strahlen trugdoldig verzweigt.

Der Blütenstand ist eine zu einem Pseudanthium ausgebildete einfache Dolde mit zahlreichen, weiß oder rötlich gefärbten Hüllblättern, die einen ansehnlichen Schauapparat bilden. Die einzelnen Infloreszenzen weisen zahlreiche zwittrige Blüten auf, die von randständigen männlichen Blüten umgeben sind. Die länglich-wälzliche Spaltfrucht, die in zwei Einzelfrüchte zerfällt, ist 4 bis 6 mm lang. Die Blütezeit der Pflanze erstreckt sich von Mai bis September [3, 4].

Sanicula europaea

Die kalkliebende Pflanze wird im Allgemeinen 20 bis 40 cm hoch und ist mit Ausnahme des Blattrandes und der Frucht kahl. Der Stängel ist meist einzeln und aufrecht. Die Grundblätter sind mehr oder weniger langgestielt, ihre Spreite etwa 4 bis 6 cm lang, 6 bis 10 cm breit, handförmig 3- bis 5-teilig. Der Mittelabschnitt ist fast bis zum Grunde frei und mehr vorgezogen als die Übrigen. Alle Abschnitte sind breitkeilig bis verkehrt eiförmig, stumpf oder etwas zugespitzt, an der Spitze mehr oder weniger 3-lappig und außerdem zur Spitze hin ungleichmäßig gesägt-gekerbt. Die Zähne laufen sämtlich in eine pfriemliche Borste aus.

Die Hochblätter sind (wenn vorhanden) den Grundblättern ähnlich, aber meist weniger geteilt; die oberen sind sitzend. Der Gesamtblütenstand ist endständig, zunächst mehr (meist 3 bis 5) trugdoldig mit einer endständigen Dolde. Die 6 (3) bis 8 (12) männlichen Blüten sind gestielt, die einzeln oder zu mehreren vorhandenen Zwitterblüten sind sehr kurz gestielt. Die Kronblätter sind weißlich oder rötlich. Die fast kugelige oder eiförmig kugelige, 4 bis 5 mm lange Frucht ist allseitig mit hakigen, am Grunde zusammengedrückt verbreiterten Stacheln besetzt [2, 3, 12].

Arzneidrogen

Astrantia major

Als Droge (Astrantiae herba, Sterndoldenkraut) verwendet man die kurz vor oder während der Blütezeit gesammelten oberirdischen, luftgetrockneten Teile der Pflanze. Die Droge ist von leicht bitterem, schwach adstringierendem Geschmack. Der Geruch ist schwach aromatisch, jedoch wenig charakteristisch.

Die zur Blütezeit gesammelte Droge weist als Schnittdroge neben den unregelmäßig zerbrochenen, unbehaarten Blattstücken sowie hohlen, bis zu 3 mm dicken Stängelteilen und etwa 1 mm dicken Doldenstielen insbesondere die im Vergleich zu den Blättern helleren Dolden mit den zahlreichen, lanzettlich zugespitzten Hüllblättern auf.

Sanicula europaea

Als Droge (Saniculae herba, Sanikelkraut) verwendet man die zur Blütezeit (Mai/Juni) gesammelten und gut getrockneten grundständigen Blätter. Die Droge ist nahezu geruchlos und von leicht bitterem Geschmack. Die Schnittdroge besteht aus Fragmenten der Blattspreiten und Blattstiele sowie meist auch aus Blütendöldchen und Stücken des Blütenstängels.

Inhaltsstoffe

Astrantia major

  • Flavonoide: ca. 1 bis 2%. An 6-C-Glykosylflavonen bes. Isoorientin (Hauptkomponente), Isovitexin, Carlinosid, Isocarlinosid und Schaftosid [5], an Flavonolglykosiden bes. Astragalin, Isoquercitrin, Kämpferitrin, Nicotiflorin und Rutin, außerdem Quercetin und Kämpferol [6].
  • Hydroxyzimtsäurederivate: 0,4 bis 1,0% Rosmarin- und Chlorogensäure [7].
  • Triterpensaponine: 0,1 bis 0,2%, Hederasaponin C als Hauptkomponente neben weiteren bisdesmosidischen Saponinen, die teilweise partiell mit Essigsäure verestert sind, und geringe Mengen von α-Hederin als vermutlichem Spaltprodukt [8].
  • Weitere Bestandteile sind Phytosterole, u. a. ß-Sitosterol-3-O-glucosid [9], sowie Mono- und Sesquiterpene, u. a. ß-Sinensal, ß-Sinensol und ß-Sinensylacetat [10].

Die Charakterisierung der Flavonoide, Saponine und Hydroxyzimtsäurederivate erfolgt vornehmlich dünnschichtchromatographisch [4].

Sanicula europaea

  • Triterpensaponine: ca. 2 bis 3%, meist als Ester. Als Sapogenine dominieren A1- und R1-Barrigenol; als Estersäuren wurden insbesondere ungesättigte C5-Säuren, u.a. Dimethylacrylsäure, sowie Essigsäure nachgewiesen und als Zuckerbausteine D-Glucose und L-Arabinose sowie D-Glucuronsäure. Vermutlich handelt es sich sowohl bei den ungesättigten C5-Säuren als auch bei der Essigsäure um Artefakte, die aus einer C7-Säure durch Abspaltung der Essigsäure und Dehydratisierung der gebildeten Hydroxysäure entstanden sind [13]. Nach Entacylierung erhielt man die Saniculoside A bis D [14].
  • Hydroxyzimtsäurederivate: Chlorogensäure (0,60%) und Rosmarinsäure (1,70% bzw. in Blüten 3,10%) [15].
  • Saccharide: bes. Saccharose (ca. 12,8%) [16].
  • Aliphatische Säuren: u.a. Ascorbin-, Äpfel-, Citronen-, Malon- und Oxalsäure [17].
  • Flavonolglykoside: in geringen Mengen Astragalin, Isoquercitrin und Rutin [18, 19].
  • Das einst beschriebene Allantoin [20] konnte in späteren Untersuchungen nicht bestätigt werden; ebenso wenig konnten Tannine dc nachgewiesen werden.

Anwendung

Astrantia major

Die medizinische Anwendung der Sterndolde ist auf die Volksheilkunde beschränkt. Sie wird bei Erkrankungen der Atmungsorgane, Blutungen im Magen-Darm-Trakt und vor allem als Wundheilmittel, besonders bei schlecht heilenden Wunden, genutzt [11]. Obwohl die Wirksamkeit bei den genannten Indikationen nicht belegt ist, genießt die Droge in bestimmten Gebieten, u. a. im sächsischen Raum, hohe Wertschätzung, wobei sie mitunter fälschlich auch als Sanikel angesehen wird.

Angewendet wird die Droge in der Regel als Tee. Um ihn zuzubereiten, werden 1,5 bis 2,0 g Droge mit ca. 150 ml siedendem Wasser übergossen, 1 bis 2 min im Sieden gehalten und nach 15 min abgeseiht. Man trinkt 1- bis 2-mal täglich eine Tasse. Als Wundheilmittel wird die Droge auch äußerlich in Form von Umschlägen eingesetzt.

Sanicula europaea

Die Droge kommt vornehmlich bei Katarrhen der Atemwege zum Einsatz, in der Volksheilkunde auch bei Magenblutungen sowie allgemein als Wundheilmittel [11]. Die Tagesdosis bei Erkrankungen der Atemwege beträgt 4 bis 6 g Droge. Die Teezubereitung erfolgt, indem man 1 Teelöffel zerkleinerte Droge mit einer Tasse heißem Wasser aufgießt, 10 min ziehen lässt und das Infus danach durch ein Teesieb gießt. Man trinkt mehrmals täglich eine Tasse. Sinnvoll kann die Droge auch mit anderen pflanzlichen Expektoranzien eingesetzt werden. Sie ist auch Bestandteil einiger Phytopharmaka.

Am Saponinkomplex der Droge konnten antimykotische und ödemhemmende Wirkungen festgestellt werden, die denen des Rosskastaniensaponinkomplexes Aescin ähneln [21, 22]. Inzwischen wird auch über antivirale Aktivitäten von Extrakten aus Sanicula europaea, u. a. gegenüber Influenza-Viren, berichtet [23, 24] sowie über Anti-HIV-Aktivitäten von Saniculosiden [25].

Einschätzung

Trotz ihrer engen botanischen Verwandtschaft zeichnen sich die beiden Saniculoideen durch beachtliche Unterschiede in ihren Inhaltsstoffen aus. Diese weichen sowohl quantitativ als auch qualitativ voneinander ab. Obwohl beispielsweise beide Pflanzen Triterpensaponine führen, sind diese strukturell unterschiedlich. Auch pharmakologisch heben sich die monodesmosidischen Estersaponine von Sanicula mit ihrer hohen hämolytischen Aktivität von den bisdesmosidischen Saponinen von Astrantia ab. Gravierende Unterschiede weisen auch die Flavonoidspektren auf.

Annähernde Übereinstimmung zeigen lediglich die Hydroxyzimtsäurederivate. So liegt u. a. in beiden Pflanzen Rosmarinsäure in erheblicher Menge vor. Unter Berücksichtigung der Inhaltsstoffe beider Pflanzen ist ein Ersatz von Sanikelkraut durch Sterndoldenkraut beim gegenwärtigen Wissensstand nicht erklärbar. Allerdings ist das Vorhandensein von z. B. antitussiven Eigenschaften auch beim Sterndoldenkraut nicht auszuschließen.

Kastentext: "Heil"-Pflanze Sanikel

Die hohe Wertschätzung der Sanikel kommt auch in ihrem Namen zum Ausdruck, der sich von lat. sanare (= heilen) ableitet. Auch die Kräuterbücher des 16. und 17. Jahrhunderts heben die gute Wirkung von Zubereitungen der Droge bei Erkrankungen der Bronchien und Lunge, bei chronischem Brustkrampf, Hämaturie und Darmblutungen hervor.

Literatur [1] Froebe, H. A.: Beitr. Biol. Pflanzen 40, 325 - 388 (1964). [2] Kraus, L., Nadherny, J.: Pharmazie 11, 416 - 420 1956). [3] Hegi, G.: Illustrierte Flora von Deutschland, Bd.V, Teil 2, 964 - 974 und 957 - 959. Verlag Paul Parey, Berlin und Hamburg 1975. [4] Hiller, K.: in Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis, 5. Aufl.,Bd. 4, 417 - 420 (1992 ). [5] Hiller, K., Leska, M., Rahn, I.: Sci. Pharm. 56, 169 - 170 (1988). [6] Hörhammer, L., Wagner, H., Götz, H.: Arch. Pharm. 291, 44 - 52 (1958). [7] Hiller, K., Kothe, N., Pfeifer, S.: Pharmazie 22, 718 - 722 (1967). [8] Leska, M.: Dissertation, Humboldt-Universität Berlin 1990. [9] Masan, C., Woitke, H. D., Hiller, K., Franke, P.: Pharmazie 33, 382 (1978). [10] Buurma, H., Bos, R., Tattje, D. H. E., Zwaving. J. H.: Phytochemistry 12, 2129 - 2130 (1978). [11] Madaus, G.: Lehrbuch der biologischen Heilmittel, Bd. III, 2436 - 2437. Georg Olms Verlag, Hildesheim/New York 1979. [12] Hiller, K.: In: Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis, 5. Aufl., Bd. 6, 594 - 598. Berlin 1994. [13] Kühner, K., Voigt, G., Hiller, K., Rabe, A., Franke, P., Dube, G., Habisch, D.: Pharmazie 40, 576 - 578 (1985). [14] Kühner, K., Voigt, G., Hiller, K., Rabe, A., Franke, P.: Pharmazie 39, 719 - 720 (1985). [15] Hiller, K., Kothe, N.: Pharmazie 22, 220 - 221 (1967). [16] Hiller, K.: Pharmazie 21, 59 (1966). [17] Hiller, K., Kothe, N., Pfeifer, S.: Pharmazie 22, 718 - 722 (1967). [18] Cisowski, W., Bieganowska, M. L.: Herba Pol. 32, 152 - 159 (1986). [19] Crowden, R. K., Harborne, J. B., Heywood, V. H.: Phytochemistry 8, 1963 (1986). [20] Constantinescu, E., Pislarasu, N., Forstner, S.: Pharmazie 23, 34 (1968). [21] Trzenscgik, U., Przyborowski, R., Hiller, K., Linzer, B.: Pharmazie 22, 715 - 717 (1969). [22] Jacker, H. J., Hiller, K.: Pharmazie 31, 747-748 (1976). [23] Turan, K., Nagata, K., Kuru, A.: Biochem. Biophys. Res. Commun. 225, 22 - 26 (1996) [24] Karagoz, A., Arda, N., Goren, N., Nagata, K., Kuru, A.: Phytother. Res. 13, 436 - 43 8 (1999). [25] Arda, N., Goren, N., Kuru, A., Pengsuparp, T., Pezzuto, J. M., Qiu, S. X., Cordell, G. A.: J. Nat. Prod. 60, 1170 - 1173 (1997).

Große Sterndolde (Astrantia major) und Sanikel (Sanicula europaea) sind zwei heimische Doldengewächse, die nah miteinander verwandt sind und in der Volksheilkunde eine gewisse Rolle spielen: Sie werden vor allem bei Atemwegserkrankungen und bei schlecht heilenden Wunden eingesetzt. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand erscheint eine therapeutische Wirksamkeit bei Sanicula eher plausibel als bei Astrantia.

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