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Apotheken und Internet in Frankreich: Bleibt Frankreich vom Arzneiversand via In

(bk). Im europäischen Vergleich scheint Frankreich noch Niemandsland auf der Landkarte des elektronischen Medikamentenhandels zu sein. Ein enger gesetzlicher Rahmen, aber auch die bereits sehr gute Versorgungslage mit preisgünstigen Medikamenten haben den Durchbruch des E-Commerce bisher verhindert. Auch ethisches Standesdenken spielt bei französischen Apothekern nach wie vor eine große Rolle. Und das schließt den E-Commerce mit Medikamenten weitgehend aus.

Die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) führt seit Anfang letzten Jahres eine Drohbriefkampagne gegen den illegalen Medikamentenhandel im Internet. Frankreich blieb vom Frontalangriff der amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde verschont – und das aus gutem Grund: Die bereits bestehenden Möglichkeiten, übers Internet Medikamente aus dem Ausland zu beziehen, werden von französischen Verbrauchern bislang wenig genutzt.

Wer auf französischen Netzseiten verschreibungspflichtige Medikamente bestellen will, sucht vergeblich. Allenfalls verweist der französische Ableger der amerikanischen Suchmaschine Netscan unter den Suchbegriffen "Viagra" oder "Xenical" auf die Homepage einer neuseeländischen E-Apotheke.

Konkurrenz in der Parapharmazie

Ernst zu nehmende Konkurrenz bekommt die Apotheke um die Ecke in anderer Hinsicht: Der Industrieriese Carrefour präsentiert sich seit Dezember 2000 mit einem breiten Angebot an Kosmetika, Nahrungsergänzungsmitteln und anderen Produkten der "Parapharmazie" im Internet. Dem Apotheker dagegen sind die Hände gebunden – vorausgesetzt, er hält sich an die gesetzlichen Vorgaben, denn dann ist ihm sowohl die Werbung wie auch der Handel mit Parapharmazie verwehrt.

Nur wenige Apotheken riskieren die Übertretung des generellen Werbeverbots im Internet. Bei http://perso.wanadoo.fr/pharma. rocheville/index.html werden unter anderem Pflanzenkapseln und Haarshampoo angepriesen. Online einkaufen kann man unter dieser Adresse allerdings nicht. Währenddessen kann der Verbraucher bei CarrefourBeauté.com aus 2200 Produkten auswählen und direkt bestellen. Mit Fragen zu Gesundheitsthemen kann sich der Surfer dort telefonisch an einen Pharmazeuten wenden.

Apotheker ignorieren Online-Bestellung

Für Apotheker gibt es bereits die Möglichkeit, Medikamentenbestellungen per Computer vorzunehmen. Beim Apothekerportal www.pharmologie.com kann in der Rubrik E-Commerce über Intranet bestellt werden. In Zukunft soll hier auch der Verkauf von Lagerüberschüssen an andere Apotheken ermöglicht werden. Auch unter www.multisante.com und www.netofficine.com können französische Apotheken online Medikamente bestellen. Der größte französische Apothekenverband CO.PHARM.EC bietet seit 1. März 2001 seinen Mitgliedern die Möglichkeit der Medikamentenbestellung über ein Intranet. Wie Bernard Capdeville, Präsident des Berufsverbandes der Apotheker "Fédération des syndicats pharmaceutiques" konstatiert, nutzt die überwiegende Mehrzahl aller Apotheker trotz dieser Angebote für die Medikamentenbestellung weiterhin Fax und Telefon. Nach Capdevilles Einschätzung sind die bereits existierenden Lieferbedingungen für Apotheker so gut, dass kein Bedarf besteht, auf die Bestellung bei einer der wenigen Online-Newcomer-Firmen umzustellen. Arzneimittelbestellungen aus dem Ausland sind in Frankreich auch für Apotheker grundsätzlich verboten.

Portale für Profis

www.globalsante.com ist ein Portal für alle Gesundheitsberufler. Apotheker finden hilfreiche Links zu beruflich relevanten Websites. Fachinformationen zu Medikamenten können per Suchwort aufgerufen werden. Zusätzlich führt ein Link zur Medikamentendatenbank www.theriaque.com. Die Bestellmöglichkeit bei Global Santé beschränkt sich auf nicht verschreibungspflichtige Medikamente und Parapharmazie.

Im "Salon für Pharmazeuten" (www.pharmagora.com) mit Intranet findet der Apotheker eine Fülle von Informationen über die Pharmazie in Frankreich. Sämtliche Apothekerverbände sind mit Adresse aufgeführt. Zusätzlich gibt es Adressen von Pharmafirmen, Zulieferbetrieben, Werbeagenturen, Pressediensten und zu einem Homöopathie-Portal.

Keine Experimente

Auf das amerikanische liberale "Try and Error" will sich die gesundheitspolitische Elite im zentralistischen Frankreich nicht einlassen. "Die Amerikaner lernen gerne über Versuch und Irrtum", so der Präsident der französischen Apothekerkammer Jean Parrot über den Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten im Netz, "doch wir in Europa wissen, dass man durch methodisches Vorgehen viel Schaden vermeiden kann." Die politische Führung Frankreichs will die Zügel auf keinen Fall aus der Hand geben und geht deswegen im Netz in die Offensive. Mit dem Intranet Cegetel.rss hat das Gesundheitsministerium die Vernetzung von inzwischen 30 000 Gesundheitsprofis unter anderem aus Krankenhäusern, Apotheken und Arztpraxen initiiert. Etwa eine Million elektronischer Krankenscheine täglich werden über Cegetel.rss übermittelt. Die Einführung des elektronischen Rezeptes ist geplant und wird von der französischen Apothekerkammer befürwortet, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Patienten ihre Medikamente weiterhin nur direkt in einer Apotheke ihrer Wahl abholen. Das elektronische Rezept soll vom Arzt ebenfalls über ein Intranet an die Apotheke gesendet werden. Ein Hemmfaktor ist allerdings das noch ungelöste Problem der elektronischen Signaturen.

Streng kontrollierte Lieferwege

"Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass diese Homepage keinen Handel treibt, denn ein Medikament kann nicht über den Postweg versandt werden" heißt es auf der schlichten Internet-Seite www.pharmacie-bazin.com einer Dorfapotheke in Nordfrankreich. Der Verkauf von Medikamenten unterliegt in Frankreich einer strengen staatlichen Kontrolle. Medikamentenversand auf dem Postweg ist grundsätzlich verboten; die Großhändler dürfen nur direkt in die Apotheke liefern.

Die Transparenz der Lieferwege macht es den staatlichen Organen leicht, illegalen Handel zu erkennen und zu unterbinden. Der Medikamentenhandel über das Internet ist nach französischem Recht verboten. Auf europäischer Ebene dagegen ist der E-Commerce mit Arzneimitteln noch nicht abschließend geregelt.

Ende 2000 erließ die Apothekerkammer Richtlinien für die Online-Beratung von Apothekenkunden. Nur Patienten, die einer Apotheke bereits bekannt sind, sollen mit dieser auch im Internet kommunizieren dürfen. Virtuell Kontakt aufnehmen soll dann immer der Patient und nie die Apotheke. Parrot betont die hohe Bedeutung des direkten, persönlichen Kontakts des Apothekers mit dem Patienten, der durch die Kommunikation via E-Mail, Chatroom oder Callcenter nicht ersetzt werden könne. Aus diesem Grund lehne die Apothekerkammer den elektronischen Medikamentenhandel ab.

Gute Offline-Versorgungslage

Selbst wenn es die gesetzlichen Rahmenbedingungen erlaubten, wäre der Handel mit Arzneimitteln in Frankreich nur bedingt lukrativ, denn Medikamente werden dort auch ohne Internet relativ preiswert verkauft. Gewinnspanne und Preisnachlässe sind für verschreibungspflichtige Medikamente staatlich limitiert, und das innerhalb eines engen Rahmens.

Hinzu kommt eine hohe Apothekendichte: Dem französischen Rechnungshof zufolge kam in Frankreich im vergangenen Jahr auf 2579 Einwohner eine Apotheke, wohingegen der europäische Durchschnitt bei 3300 pro Einwohner lag. Zudem erhält jede französische Apotheke zwei- mal täglich eine Medikamentenlieferung vom Großhändler. Das Argument der schnellen Lieferung via Internet relativiert sich damit. In einer Umfrage nannten die französischen Verbraucher Erreichbarkeit als wichtigsten Faktor für die Attraktivität einer Apotheke.

Bei bestimmten parapharmazeutischen Luxusartikeln sperren sich sogar die Hersteller gegen den elektronischen Vertrieb. Unter der Marketingstrategie "Distribution s&eatucte;léctive" limitiert die Industrie ihre Vertriebswege für teure Markenware um deren Exklusivität zu unterstreichen. Erst vor kurzem untersagte ein Versailler Berufungsgericht einem Apotheker den Verkauf von Produkten der Firma Pierre Fabre Dermo Cosmétique im Netz. Der Hersteller hatte erfolgreich gegen diesen Vertriebsweg geklagt.

Trotz der strengen gesetzlichen Vorgaben hält es Philippe Brunet, Mitglied der Europäischen Kommission in Brüssel, nicht für ausgeschlossen, dass es auch in Frankreich demnächst Internet-Apotheken geben wird – "vorausgesetzt, dass der Verbraucher dies in stärkerem Maße wünscht als momentan, die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden und natürlich nur, wenn die Apotheker mitspielen."

Internet-Adressen aus Frankreich

Staatliche Seiten: www.sante.gouv.fr Gesundheitsministerium: Studien zum Gesundheitssystem, neue Verordnungsrichtlinien für Medikamente u. a. www.afssaps.sant.fr Agence Franćaise de Sécurite Sanitaire des Produits de Santé, Zulassungs- und Kontrollbehörde www.service-public.fr Angebot für Patienten, Wissenswertes über Impfungen

Standesorganisationen: www.acadpharm.org Académie Nationale de Pharmacie, Infos über Pharmazie und öffentliche Gesundheitsthemen www.ordre.pharmacien.fr Apothekerkammer

Arzneimitteldatenbanken: www3.biam2.org www.theriaque.com Service für Apotheker www.pharmologie.com www.medcost.fr mit Intranet für Mediziner, Pharmazeuten und Wissenschaftler www.credes.fr

wirtschaftliche Informationen zum französischen Gesundheitsmarkt www.egora.fr www.multisante.com www.netofficine.com www.globalsante.com

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