Ernährung

M. BrianFunctional Food – Zwischen Wahrheit un

Funktionelle Lebensmittel sollen nicht nur satt machen, sondern dazu beitragen, Krankheiten vorzubeugen. Mit Werbeaussagen wie "beeinflusst die Darmflora positiv", "fördert die körpereigenen Abwehrkräfte" oder "leistet einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung Ihres Wohlbefindens" zielen die Hersteller dieser Art von Lebensmitteln auf besonders gesundheitsbewusste Kunden ab. Das zugrunde liegende Konzept ist allerdings fragwürdig. Meist fehlen aussagekräftige Wirkungsnachweise.

Nach wie vor existieren verschiedene Auffassungen, was genau ein funktionelles Lebensmittel eigentlich ist und wie man es von der herkömmlichen Nahrung abgrenzt. Während die einen ausschließlich verarbeitete Nahrungsmittel in dieser Gruppe sehen, kann das Functional Food der anderen jedes Lebensmittel sein, das "eine oder mehrere Körperfunktionen positiv beeinflusst". Die einzig offizielle Definition gibt es derzeit in Japan. Seit 1991 müssen dort Lebensmittel, die mit einem gesundheitlichen Zusatznutzen werben wollen, einen Zulassungsprozess durchlaufen und vom Gesundheitsministerium anerkannt sein. Zudem wurde ein eigener Name für diese Lebensmittelgruppe geschaffen, nebst einem offiziellen Siegel. Statt Functional Food heißen diese Produkte in Japan seitdem: "food for specified health use" - abgekürzt FOSHU und übersetzt: "Nahrung für einen speziellen Gesundheitsnutzen" [1]. Bis Mitte Februar 2001 hatten die japanischen Behörden 224 Lebensmittel als FOSHU anerkannt - darunter zum Beispiel ein Trinkjoghurt aus Sojamilch, der wegen des enthaltenen Sojaeiweißes den Cholesterinspiegel senken soll, und eine gefriergetrocknete Misosuppe, die Dextrin enthält und deshalb angeblich wirksam gegen zu hohe Blutzuckerspiegel ist [4].

Marktbedeutung von Functional Food

Den Markt für so genannte funktionelle Nahrung bereitete der Lebensmittelkonzern Nestlé, als er 1995 mit enormem Werbedruck den probiotischen Joghurt LC1 in den Handel brachte. Seitdem ist der Umsatz in diesem Segment stark gewachsen: Während in Deutschland noch 1996 mit probiotischen Milchprodukten nur rund 150 Millionen Mark umgesetzt wurden, waren es 1999 bereits 555 Millionen Mark - also fast viermal so viel. Viele Firmen sind inzwischen dem Beispiel von Nestlé gefolgt und haben eigene probiotische Produkte auf den Markt gebracht. Danone konnte mit seinem probiotischen Drink Actimel Nestlés LC1 inzwischen sogar die Marktführschaft abnehmen [5, 6].

Als ebenfalls umsatzstark im Bereich Functional Food haben sich in der Vergangenheit Vitamingetränke wie die so genannten ACE-Drinks erwiesen: Von 1996 bis Ende 1999 hat sich nach Erhebungen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg ihr Absatz verachtfacht [7].

Trotzdem macht sich inzwischen nach der Goldgräberstimmung der ersten Jahre bei einigen Herstellern Ernüchterung breit. Der Grund: Die Einführung neuer Functional-Food-Produkte ist meist stark erklärungsbedürftig und muss von vielerlei Marketingmaßnahmen flankiert werden. Gemessen am gesamten Lebensmittelmarkt ist die Bedeutung von Functional Food deshalb noch immer gering. So macht funktionelle Nahrung nur etwa 0,2 % des europäischen Lebensmittelmarktes aus. In Japan ist der Anteil ähnlich gering. In den USA soll er bei etwa zwei Prozent liegen [8] (Beispiele für funktionelle Lebensmittel zeigen die Tabellen 1 und 2)

Probiotika - Lebensmittel für das Leben

Das Wort "probiotisch" leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet übersetzt "Für das Leben". Probiotische Mikroorganismen unterscheiden sich von herkömmlichen Milchsäurebakterien unter anderem dadurch, dass sie in in-vitro-Versuchen (mit einem künstlichen Magen-Darm-Trakt) widerstandsfähiger gegen Magensäure sind und zudem ein besseres Haftvermögen an Zellen der Darmschleimhaut zeigen. Sie entstammen dem menschlichen Intestinaltrakt, da man davon ausgeht, dass solche Keime am besten an die Flora des menschlichen Dickdarms angepasst sind [12]. Verwendung finden zum Beispiel die Stämme Lactobacillus johnsonii La1 und Bifidobacterium lactis BB12.

Inzwischen werden diese Art von Bakterien nicht mehr nur Joghurts zugesetzt, sondern auch Butter, Müsli, Quark, Käse oder Wurst. Selbst Baby- und Kleinkindernahrung mischt Nestlé Alete seit einigen Jahren probiotische Keime bei. Das neueste Produkt des Lebensmittelkonzerns ist Pro Natal - eine Nahrungsergänzung speziell für Schwangere, die neben Vitaminen und Mineralstoffen auch probiotische Kulturen des Typs Bifidobacterium lactis BL enthält.

Die meisten Verbraucher sehen diese Zusätze offenbar positiv: In einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung hielten 60% der Befragten die Anreicherung mit probiotischen Bakterien für "sehr" oder zumindest "eher nützlich" [9].

Werbung und Wirklichkeit probiotischer Produkte

In Anzeigen, Fernsehspots und nicht zuletzt auf den Verpackungen selbst, wird suggeriert, dass der Verzehr von probiotischen Produkten die Gesundheit mehr fördere als vergleichbare herkömmliche Lebensmittel. So soll "die Darmflora positiv beeinflusst" oder die "Anzahl der guten Bakterien im Darm" erhöht werden. Auch die "körpereigenen Abwehrkräfte" können angeblich gestärkt und Stoffwechselfunktionen aktiviert werden. Man vermutet zudem einen vorbeugenden Einfluss auf die Karzinogenese im Darm.

Insbesondere die zentrale Aussage der Anbieter, nämlich die "positive" Wirkung der Probiotika auf die Darmflora, kann bislang nicht schlüssig belegt werden. So betont der Mikrobiologe Prof. Dr. Michael Teuber, dass der Kenntnisstand über die Zusammensetzung der Darmflora und ihren Einfluss auf das allgemeine Wohlbefinden als "rudimentär" bezeichnet werden muss. Zudem könne man die Darmflora noch nicht eindeutig in "gute" und "schlechte" Bakterien unterscheiden [13].

Auch die anderen propagierten und suggerierten Wirkungen probiotischer Lebensmittel sind bislang nicht durch aussagefähige Studien belegt oder können genauso gut mit herkömmlichen Sauermilchprodukten erzielt werden. So fehlen zum Beispiel nach wie vor kontrollierte klinische Studien am Menschen, die untersuchen, ob die beobachtete Beeinflussung bestimmter Immunparameter tatsächlich auch eine verbesserte Abwehrkraft zur Folge hat. Die oft erwähnte Verbesserung der Milchzuckerverdauung wiederum ist keine speziell probiotische Wirkung und lässt sich im Gegenteil mit herkömmlichen Joghurtkulturen oft sogar noch besser fördern [12].

Zusammenfassend ist festzustellen, dass es nach heutigem Wissensstand weder für den gesunden noch für den kranken Menschen einen Grund gibt, probiotische Lebensmittel gegenüber vergleichbaren herkömmlichen Produkten zu bevorzugen.

Präbiotika - bringen "positive" Bakterien zum Wachsen

Als Präbiotika bezeichnet man nichtverdauliche Lebensmittelbestandteile, die selektiv das Wachstum und die Aktivität "positiver" Bakterienstämme im Darm anregen und dadurch die Gesundheit des Menschen verbessern [14]. Als "positive" und damit gesundheitsfördernde Darmkeime werden in der Regel Lactobazillen und Bifidobakterien bezeichnet. Andere Ballaststoffe wie Pektine oder resistente Stärke sind weniger spezifisch und fördern auch das Wachstum anderer Bakterien - darunter möglicherweise auch solche, die eher gesundheitsschädlich sind [15].

Chemisch gesehen sind Präbiotika meist Gemische von Oligosacchariden aus drei bis zehn Zuckermolekülen. Inulin enthält zudem noch Polysaccharide mit bis zu 60 Fructoseeinheiten. Oligosaccharide werden bereits seit mehr als zwanzig Jahren in der Lebensmittelindustrie eingesetzt, um die Cremigkeit, Emulgierbarkeit oder Feuchtigkeit eines Lebensmittels zu beeinflussen. Inulin beispielsweise ergibt in Wasser gerührt ein cremiges Produkt, das ein fettartiges Mundgefühl erzeugt. Es wird deshalb häufig bei der Herstellung kalorienarmer Nahrungsmittel eingesetzt [15]. Seitdem funktionelle Lebensmittel Konjunktur haben, werden Stoffe wie Inulin oder Oligofructose aber auch Cerealien, Brot oder Milchprodukten beigemischt und als gesundheitsfördernde Zutat beworben. Dabei sind nicht nur Lebensmittelhersteller aktiv.

Auch Firmen aus der Pharmabranche wollen an dem Umsatz mit Functional Food teilhaben und steigen ins Lebensmittelgeschäft ein. So hat der Pharmakonzern Novartis auf dem österreichischen, britischen und schweizerischen Markt Anfang 2000 eine komplette Produktlinie namens Aviva eingeführt, in der Cerealien und Biscuits mit präbiotischen Substanzen einen der drei Schwerpunkte bilden. Noch in diesem Jahr sollen diese Produkte auch auf dem deutschen Markt erhältlich sein.

Werbung und Wirklichkeit präbiotischer Produkte

Wie bei probiotischen Lebensmitteln steht auch bei den Präbiotika der Darm im Mittelpunkt der Werbung. Präbiotische Produkte sollen die Darmtätigkeit anregen und wegen der Ballaststoffe "ein Plus für die Gesundheit" sein. Zudem wird postuliert und teilweise beworben, dass sich Präbiotika positiv auf den Fettstoffwechsel auswirken, die Aufnahme von Mineralstoffen verbessern, Darmkrebs vorbeugen und das Immunsystem beeinflussen [16].

Belegt ist bislang nur, dass durch den Verzehr von 8 bis 20 g Inulin oder Oligofructose pro Tag die Anzahl von Bifidobakterien im Darm und Stuhl zunimmt. Die Keimzahl von Bakterien, die als potenziell pathogen gelten, wurde dabei nicht beeinflusst oder nahm ab. Ob dieser Effekt konkrete gesundheitliche Auswirkungen beim Menschen hat, ist bislang nur ungenügend untersucht worden. Zudem erhöhen Präbiotika - wie die übrigen Ballaststoffe auch - das Stuhlvolumen [12, 16, 17]. Alle anderen propagierten oder vermuteten Wirkungen konnten entweder beim Menschen nicht eindeutig nachgewiesen werden oder sind nur Schlussfolgerungen aus Tierexperimenten bzw. Versuchen mit Zellkulturen.

Immerhin sind die Überlegungen, die dem "präbiotischen Konzept" zu Grunde liegen, vom Ansatz her schlüssiger als das Konzept der Probiotika. Schließlich stellt die Darmflora des Menschen ein stabiles Ökosystem dar, das sich eher durch eine veränderte Ernährung dauerhaft beeinflussen lässt, als durch die Zufuhr von Bakterien. Dennoch gibt es keinen Grund, zu Lebensmitteln zu greifen, die mit Substanzen wie Inulin oder Oligofructose angereichert sind. Zum einen existieren, wie erwähnt, bislang keine wirklichen Belege für deren propagierte oder suggerierte gesundheitliche Wirkungen, zum anderen kommen diese Stoffe nicht etwa exklusiv in Functional-Food-Produkten vor, sondern sind Teil unserer normalen Nahrung. So besteht Spargel zu 1 bis 30% aus Inulin und Oligofructose, Zwiebeln zu 2 bis 6%, Chicoreé zu 15 bis 20% und Lauch zu 3 bis 10%. Europäer nehmen mit der Nahrung schätzungsweise zwischen 4 und 12 g pro Tag dieser Substanzen auf, US-Amerikaner dagegen nur 2 bis 4 g [15].

Wer von der positiven Wirkung präbiotischer Substanzen überzeugt ist, sollte zu Gemüse, Getreide und Obst greifen. Nicht nur, weil dort die ganze Bandbreite verschiedener, teils auch präbiotischer, Ballaststoffe vorkommt; mit Lauch, Zwiebeln oder Spargel vermeidet man außerdem Zusatzstoffe wie Zucker, Farbstoffe oder Aromen, die häufig in präbiotisch angereicherten Lebensmitteln enthalten sind.

Omega-3-Fettsäuren - multifunktional und essenziell

Sowohl Omega-3-, als auch Omega-6-Fettsäuren gehören zur Gruppe der mehrfach ungesättigten Fettsäuren (PUFA). Die Zahlen 3 und 6 indizieren die Stellung der ersten Doppelbindung im Fettsäuremolekül. Bei der alpha-Linolensäure beispielsweise sitzt die erste der drei Doppelbindungen zwischen den Kohlenstoffatomen 3 und 4. Deshalb zählt sie zur Gruppe der Omega-3-Fettsäuren. Die anderen beiden Vertreter dieser Gruppe sind die Eicosapentaensäure (EPA) und die Docosahexaensäure (DHA).

Der Mensch kann weder Omega-3- noch Omega-6-Fettsäuren selbst bilden und ist deshalb auf ihre Zufuhr mit der Nahrung angewiesen. Hohe Gehalte an Omega-3-Fettsäuren findet man in fetten Seefischen wie Thunfisch, Lachs und Heilbutt. Aber auch Süßwasserfische wie der Wels können mit bis zu 800 mg Omega-3-Fettsäuren pro 100 g Fisch zur Versorgung beitragen [18]. Als pflanzliche Quellen eignen sich zum Beispiel Soja- und Rapsöl.

Vor einigen Jahren begannen Lebensmittelhersteller Omega-3-Fettsäuren in Form von Fischöl in Brot oder Fruchtsaftgetränke zu mischen. Die angereicherten Produkte erfreuten sich jedoch bei den Verbrauchern keiner allzu großen Beliebtheit. Es erwies sich für die Anbieter als schwierig und finanziell aufwendig, dem Konsumenten zu vermitteln, welchen Vorteil ein Fruchtgetränk mit Fischöl haben soll [19, 20].

Inzwischen sind sie deshalb kaum noch in den Regalen der Supermärkte zu finden. Auch das Omega-Ei, dessen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren durch die Fütterung der Hennen mit Meeresplankton um etwa das Fünffache gesteigert wurde, fand nicht die gewünschte Resonanz und wurde erst wieder auf den Markt gebracht, als man mit dem Label der Deutschen Herzstiftung werben konnte [21].

Trotz des bislang mäßigen Markterfolgs solcher Produkte hält der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), Prof. Dr. Helmut Erbersdobler, Omega-3-Fettsäuren für die derzeit aussichtsreichste Gruppe der funktionellen Wirkstoffe. Zum einen würden alle neuen Ernährungsempfehlungen eine deutliche Steigerung ihres Verzehrs propagieren. Zum anderen gibt es seiner Ansicht nach vielfältige Einsatzmöglichkeiten [22].

Omega-3-Fettsäuren: Werbung und Wirklichkeit

Die Anbieter von Lebensmitteln, die mit Omega-3-Fettsäuren angereichert sind, betonen in ihrer Werbung gerne den multifunktionalen, essenziellen Charakter der Fettsäuren. So schreibt die Firma VK Mühlen in ihrer Broschüre zu den Zusatzstoffen im Omega-3-Brot: "Sie unterstützen die Entwicklung und Funktion wichtiger Organsysteme wie Nerven, Augen, Haut, Gehirn und Blutkreislauf." Zentraler Slogan des Brotes: "Cholesterinbewusst nach Herzenslust."

Tatsächlich spielen Omega-3-Fettsäuren eine wichtige Rolle in unserem Organismus. So wird DHA in der frühkindlichen Entwicklung in relativ großen Mengen in die Strukturfette des Nervensystems eingebaut. Ein Mangel in dieser Zeit kann zu massiven Entwicklungsstörungen führen. Es wird deshalb inzwischen gefordert, nicht nur die Frühgeborenennahrung, sondern auch die normale Formulanahrung für Babys mit Omega-3-Fettsäuren anzureichern. Zudem sind die mehrfach ungesättigten Fettsäuren Vorläufersubstanzen von Gewebshormonen wie Prostaglandinen, Thromboxanen und Leukotrienen. Die aus der Omega-3-Fettsäure EPA gebildeten Prostaglandine hemmen die Thrombozytenaggregation und wirken gefäßerweiternd. Über die Bildung von Leukotrienen haben die Fettsäuren auch Einfluss auf Entzündungsprozesse und andere immunologische Reaktionen des Körpers.

Um zu erforschen, welche Bedeutung die in der Ernährung vorkommenden Omega-3-Fettsäuren für die menschliche Gesundheit haben, wurden in den vergangenen 25 Jahren mehr als 4500 Studien durchgeführt [23]. Eine wichtige Quintessenz dieser Untersuchungen: Der Verzehr von Fisch und/oder Speiseölen, die reich an Omega-3-Fettsäuren sind, kann Menschen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko gesundheitliche Vorteile bringen. So ließ sich in einer Studie mit 605 Herzinfarkt-Patienten durch eine Umstellung auf eine so genannte mediterrane Ernährung vor allem das Risiko eines plötzlichen Herztodes deutlich vermindern [24]. Interessant hierbei: Die Teilnehmer der Studie steigerten nicht so sehr den Anteil von Fisch in ihrer Ernährung, sondern vielmehr den Verzehr von Rapsöl und -margarine - ein Hinweis darauf, dass auch die in Pflanzen vorkommende alpha-Linolensäure eine wichtige Rolle in der Prävention von Herz-Kreislauf-Krankheiten übernimmt. Ob auch eine Supplementierung mit Fischöl-Kapseln Vorteile bringt, wurde unter anderem in einer groß angelegten italienische Interventionsstudie mit über 11 000 Herzinfarktpatienten untersucht [25]. Das Ergebnis: Etwa 1 g Fischöl pro Tag über dreieinhalb Jahre verbesserte die Überlebenschance der Patienten um 10 bis 15%.

Zur Frage, ob der verstärkte Verzehr von Fisch, Raps- und Sojaöl oder isolierten Omega-3 Fettsäuren auch für den gesunden Menschen eindeutige gesundheitliche Vorteile bringt, gibt es nach Kenntnis des Autors bislang keine aussagekräftigen Untersuchungen. Dennoch raten Ernährungswissenschaftler inzwischen auch der Allgemeinbevölkerung, mehr Fisch zu essen, um das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu senken. Die präventive Verwendung von Fischölkonzentraten hingegen wird meist nicht empfohlen [26].

Inwieweit Nahrungsinhaltsstoffe wie die Omega-3-Fettsäuren letztlich "funktionell", also nachgewiesenermaßen gut für das Herz-Kreislauf-System sind, hat eine Gruppe von Wissenschaftlern im Auftrag der Europäischen Kommission untersucht. Ihr Ergebnis: Bislang ist weder die Datenlage noch das Verständnis vieler Krankheitsprozesse ausreichend gut, um Omega-3-Fettsäuren als "funktionell" klassifizieren zu können [27]. Eine Anreicherung von Lebensmitteln mit diesen Stoffen erscheint deshalb vorschnell und nicht sinnvoll.

Produkte mit pflanzlichen Sterinen

Bereits in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat man große Mengen pflanzlicher Sterine der Nahrung von Patienten zugesetzt, die unter einem erhöhten Cholesterinspiegel litten [28]. Die pflanzlichen Sterine ähneln in ihrer chemischen Struktur dem Cholesterin und blockieren deshalb dessen Aufnahme aus dem Darm. Sie kommen in jeder pflanzlichen Zelle vor, besonders hohe Gehalte zeigen zum Beispiel Weizen- oder Maiskeimöl sowie Nüsse. Europäer nehmen pro Tag im Schnitt 0,2 bis 0,4 g Sterine zu sich.

In den achtziger Jahren gelang es dem finnischen Lebensmittelkonzern Raisio, Derivate der Phytosterine durch eine Veresterung fettlöslich und damit für den Einsatz in Lebensmitteln besser geeignet zu machen. 1995 schließlich kam das erste Produkt auf den finnischen Markt, das mit Sterinabkömmlingen versetzt war: Benecol, eine Margarine mit etwa 12,5 g Sterinderivate pro 100 g Fett. Obwohl sie rund sechsmal so teuer ist wie die dort übliche Margarine, war Benecol von Anfang an ein Markterfolg. Nach Angaben von Raisio hat Benecol bezogen auf den Umsatz inzwischen einen Marktanteil von etwa zehn Prozent.

In Deutschland ist mit Becel pro activ ein vergleichbares Produkt seit Mitte 2000 auf dem Markt. Um nicht in Konflikt mit der Lebensmittelüberwachung zu kommen, schickte der Anbieter Unilever die Margarine vor der Markteinführung durch die Tests der Novel-Food-Verordnung - eigentlich erdacht, um die gesundheitliche Unbedenklichkeit neuartiger, gentechnisch veränderter Lebensmittel sicherzustellen. Die Margarine wurde von der Europäischen Kommission zugelassen - zusammen mit Vorschriften, wie genau mit den Vorzügen der Margarine geworben werden darf und welche Hinweise sonst noch auf der Verpackung anzubringen sind. So muss zum Beispiel darauf stehen, dass Menschen, die ihren Cholesterinspiegel bereits medikamentös senken, das Produkt nur unter ärztlicher Aufsicht zu sich nehmen sollen. Schwangeren, Stillenden und Kindern unter fünf Jahren muss vom Verzehr des Produkts abgeraten werden.

Phytosterine - Werbung und Wirklichkeit

Die Botschaft, mit der Becel pro activ im Markt auftritt, ist aufgrund der behördlichen Vorgaben vergleichsweise eindeutig: "Hilft nachweislich den Cholesterinspiegel zu senken", ist auf der Verpackung zu lesen. In einer Informationsbroschüre wird weiter darauf hingewiesen, dass ausschließlich das "schlechte" LDL-Cholesterin gesenkt wird.

Die versprochene cholesterinsenkende Wirkung ist durch klinische Studien gut belegt [29]. Im Schnitt wurde der Gesamtcholesterinwert um 10% gesenkt, der Level des LDL-Cholesterins fiel um 13%. Bislang liefen die Untersuchungen allerdings nur über einen Zeitraum von maximal anderthalb Jahren. In der Vergangenheit hatte sich aber gezeigt, dass die Senkung des Cholesterinspiegels durch diätetische Maßnahmen nie über längere Zeit Bestand hatte und die Werte sich bei einer Untersuchungsdauer von mehreren Jahren wieder dem Ausgangsniveau annäherten [30]. Nach Angaben des Anbieters gibt es bislang keine Hinweise, dass dieser Effekt auch bei Phytosterinen auftritt.

Neben der cholesterinsenkenden Wirkung zeigt der Verzehr sterinangereicherter Produkte noch eine andere Wirkung, die weniger wünschenswert ist - nämlich das Absinken des Betacarotin-Spiegels im Blut um bis zu 20% [31]. Die Europäische Kommission hat deshalb einen Hinweis für die Verpackung des funktionellen Fettes vorgeschrieben, der den Konsumenten daran erinnern soll, auf ausreichend Obst und Gemüse in seiner täglichen Ernährung zu achten. Ob der niedrigere Betacarotin-Spiegel langfristig der Gesundheit schadet, ist bislang nicht geklärt. Sowohl in den USA als auch in Deutschland laufen deshalb derzeit Monitoring-Programme, die die gesundheitliche Wirkung dieser Produkte im Auge behalten sollen.

Problematischer als die "biochemischen Nebenwirkungen" solcher Produkte ist möglicherweise ihr psychologischer Effekt: Nicht wenige Konsumenten werden sich mit dem Kauf der sterinangereicherten Margarine ein ruhiges Gewissen verschaffen - nur um weiter rauchen zu können, ihr eventuell ungesundes Ernährungsverhalten beizubehalten oder sich nicht der Mühe regelmäßiger Bewegung unterziehen zu müssen. Dabei ist ein erhöhter LDL-Cholesterin-Wert, den die Margarine reduzieren kann, nur ein Risikofaktor unter vielen. Diese vielen Faktoren zusammen wiederum können auch nur etwa die Hälfte aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen erklären [27].

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sterinangereicherte Fette eventuell die Therapiemöglichkeiten bei Patienten mit erhöhtem LDL-Cholesterinspiegel erweitern können. Sie sind aber nicht dazu geeignet, in Eigenregie über längere Zeit aufs Brot geschmiert zu werden. Denn letztlich tragen sie eher dazu bei, ein Fehlverhalten zu zementieren, als eine insgesamt gesündere Lebensweise zu fördern.

Lebensmittel mit Vitamin- und Mineralstoffzusätzen

Lebensmittel, die mit Vitaminen und Mineralstoffen angereichert sind, werden häufig nicht mehr zur Gruppe Functional Food gezählt. Zu Unrecht, denn auch sie versprechen einen Extranutzen und geben vor, besser zu sein als vergleichbare Produkte. Vermutlich liegt die "Ausgrenzung" daran, dass vitaminierte Nahrungsmittel schon lange vor Beginn des Functional-Food-Trends in den Regalen deutscher Supermärkte zu finden waren. So kam bereits 1978 der erste Multivitaminsaft (Dr. Koch's Trink 10 von Eckes-Granini) auf den Markt. Bald folgten Bonbons mit Vitaminen, angereicherte Joghurts, Riegel und Frühstücksmüslis. Besonders Lebensmittel, die speziell für Kinder ausgelobt sind, werden häufig mit den essenziellen Nährstoffen angereichert. Das Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung hat im Rahmen einer Markterhebung herausgefunden, dass über ein Drittel aller Kinder-Nahrungsmittel mit Vitaminen und/oder Mineralstoffen angereichert sind [33]. Besonders häufig finden sich zum Beispiel Vertreter der B-Vitamine, Vitamin C und Calcium.

Offenbar sind die deutschen Konsumenten überzeugt, dass die Anreicherung gut für ihre Gesundheit ist. In der bereits oben erwähnten Befragung der Gesellschaft für Konsumforschung hielten rund zwei Drittel der 2000 Befragten Vitaminzusätze für "sehr nützlich" oder zumindest "eher nützlich" [9].

Die Hersteller wissen um die hohe Akzeptanz von angereicherten Produkten und bieten deshalb immer wieder neue Produktlinien solcher Lebensmittel an. Die jüngste Entwicklung sind so genannte ACE-Getränke mit den Vitaminen C und E, sowie mit dem Provitamin Betacarotin.

Werbung und Wirklichkeit angereicherter Lebensmittel

Da die Anbieter von vitamin- und mineralstoffangereicherten Produkten auf das positive Image von Vitaminen und Mineralstoffen bauen können, brauchen sie weniger als bei anderen Functional-Food-Produkten eine Gesundheitswirkung der Zusätze zu versprechen. Auf den Fruchtzwergen verweist Anbieter Danone zum Beispiel nur auf die zugesetzten "wichtigen B-Vitamine". Der Fruchttiger von Eckes-Granini mit sieben zugesetzten Vitaminen wird einfach als "gesunder Durstlöscher" beworben und auf dem Bonbon-Klassiker Nimm 2 findet sich der eher schlichte Hinweis auf den Zusatz "wertvoller Vitamine". Nur bei ACE-Produkten ist die Auslobung hin und wieder etwas vollmundiger: "kann aktiv die körpereigenen Abwehrkräfte stärken und ist deshalb ein tägliches Plus für Ihre Gesundheit", steht zum Beispiel auf dem ACE-Drink von Müller zu lesen.

Auch wenn die Werbebotschaften anderes vermuten lassen: Eine ausgewogene Ernährung reicht nach wie vor aus, um den täglichen Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen zu decken. Entgegen anders lautenden Berichten [32] ist der Gehalt an essenziellen Nährstoffen in unserer Nahrung in den vergangenen Jahrzehnten nicht gesunken. "Im Wesentlichen sind die Werte konstant", bestätigte Professor Heimo Scherz von der Deutschen Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie in Garching auf einem Vortrag im Rahmen eines DGE-Seminars [11].

Dennoch kann es aufgrund von bestimmten Ernährungsgewohnheiten zu einer schlechten Versorgung mit Vitaminen oder Mineralstoffen kommen. Ein Mangel mit gesundheitlichen Auswirkungen lässt sich in Deutschland allerdings nur für Jod und Folsäure belegen. Um einer Unterversorgung mit Jod vorzubeugen, rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) zur konsequenten Verwendung von jodiertem Speisesalz und regelmäßigen Seefisch-Mahlzeiten [47]. Auch die Versorgung mit Folsäure ist nach Einschätzung der DGE generell unbefriedigend. Ein Mangel an Folsäure kann vor allem in der Frühschwangerschaft gesundheitliche Auswirkungen haben: So erhöht eine Unterversorgung der Mutter das Risiko eines Neuralrohrdefekts beim Baby. Um diesen und anderen Gefahren eines Folsäuremangels zu begegnen, hält das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) einen Zusatz von Folsäure zu Grundnahrungsmitteln wie Mehl für denkbar und ernährungsmedizinisch unproblematisch [46].

Wie Untersuchungen des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund zeigen, spielen solche ernährungsmedizinischen Überlegungen bei den derzeit üblichen Anreicherungen mit Vitaminen und Mineralstoffen offenbar jedoch kaum eine Rolle [48]. Prof. Dr. Karl-Heinz Wagner vom Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Wien berichtet von einer Untersuchung nährstoffangereicherter Produkte, die zeigt, dass sowohl die Auswahl der Lebensmittel als auch die der zugesetzten Nährstoffe eher willkürlich ist [49].

Anreicherungen ohne ernährungsphysiologisches Konzept sind aber nicht nur überflüssig, sondern können letztlich auch gefährlich werden. Schließlich sind die Vitamine, Spurenelemente und Mineralstoffe nicht nur essenzielle Nährstoffe, sondern auch Wirkstoffe, die ab einer gewissen Dosis Nebenwirkungen zeigen. "In der Diskussion stehen vor allem antioxidativ wirkende Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe und mehrfach ungesättigte Fettsäuren", resümiert Prof. Dr. Peter Stehle vom Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Bonn. So raten sowohl der Wissenschaftliche Lebensmittelausschuss der Europäischen Kommission (SCF) als auch das BgVV zur Vorsicht bei Produkten mit Betacarotin-Zusätzen [34, 35]. Der Grund: In großen klinischen Studien wurden gesundheitsschädliche Wirkungen bei Rauchern schon ab einer Dosis von 20 mg pro Tag beobachtet. Allein in zwei Gläsern ACE-Saft können bis zu 15 mg enthalten sein.

Auch von anderen Vitaminen nimmt man durch den Verzehr angereicherter Produkte unter Umständen mehr auf, als gesundheitsverträglich ist. Die Ernährungswissenschaftlerin Ursula Tenberge-Weber von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat zum Beispiel ausgerechnet, dass ein Kind bei durchschnittlichem Konsum angereicherter Kinderlebensmittel von den Vitaminen B1, B2 und B6 jeweils rund viermal so viel aufnimmt, wie für Sieben- bis Neunjährige von der DGE empfohlen wird [36]. Im Falle des Vitamins B6 kommt sie auf 5,3 mg pro Tag. Diese Menge liegt nur rund 2 mg unter dem Wert, den der SCF als Tagesdosis für Vier- bis Sechsjährige wegen der potenziell neurotoxischen Wirkung des Vitamins für gerade noch tolerierbar hält [37].

Zusammenfassend ist festzustellen, dass - mit Ausnahme der jodierten Produkte - die derzeit angebotenen angereicherten Lebensmittel dem Verbraucher keinen Gesundheitsvorteil bieten. Im Gegenteil: Besonders Kinderprodukte enthalten neben den scheinbar gesunden Vitaminen häufig viel Zucker und/oder Fett. Zudem wird durch die vielfältige Anreicherung unserer Lebensmittel die Vitaminzufuhr unüberschaubar und dadurch im Extremfall sogar zu einem Gesundheitsrisiko.

Wellness- und Fitness-Nahrung - ein stark wachsender Markt

Sowohl Produkte als auch Inhaltsstoffe im Bereich der Wellness- und Fitness-Nahrung sind außerordentlich vielfältig. Neben so genannten Energy Drinks findet man Kombucha, isotonische Sportgetränke und Kraftriegel in den Regalen der Supermärkte. An Zusätzen sind beispielhaft zu nennen: Taurin, Glucuronolacton, L-Carnitin, Mineralstoffe, Vitamine und Extrakte von Guarana oder grünem Tee.

Mit am stärksten wächst derzeit der Markt für Wellness-Getränke. Der Ausdruck "Wellness" weist darauf hin, dass diese Produkte in der Regel keinen spezifischen Nutzen versprechen, sondern eher in Aussicht stellen, die allgemeine Befindlichkeit zu verbessern. Die mengenmäßig wichtigste Gruppe der Wellness-Getränke sind fruchthaltige Getränke mit Joghurt- oder Milchzusatz. Sie machen gut zwei Drittel dieses Marktsegments aus. Die zweitstärkste Gruppe sind so genannte Kombucha-Getränke - sie entstehen durch die Fermentation von gezuckertem Schwarztee mit Hilfe des Teepilzes Fungus japonicus [7].

Während die klassischen isotonischen Sportlergetränke eher mit rückläufigen Umsatzzahlen zu kämpfen haben, verzeichnen Energy Drinks wie Red Bull nach wie vor steil steigende Umsatzzuwächse. So stieg der Absatz des österreichischen Trendgetränks in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich 45% pro Jahr [38, 39]. Der Erfolg hat viele Nachahmer auf den Plan gerufen. Bereits 1997 zählte man etwa 100 verschiedene Marken auf dem deutschen und österreichischen Markt [40].

Werbung und Wirklichkeit von Wellness- und Fitness-Nahrung

Ebenso vielfältig wie die Produkte und Inhaltsstoffe in diesem Marktsegment sind auch die Werbeversprechen. So sollen die Produkte des Anbieters Xenofit "speziell auf den Bedarf von sportlich Aktiven" abgestimmt sein. Red Bull wiederum wurde "speziell für Zeiten geistiger und körperlicher Anstrengung" entwickelt. Seine angeblichen Wirkungen: "Regt den Stoffwechsel an, verbessert das Befinden, steigert die Ausdauer".

Am vollmundigsten aber ist sicherlich der Slogan für ein Kombucha-Getränk, das in Deutschland von Henkell & Söhnlein vertrieben wird: "Reinigt und erfrischt Deinen Körper, Deine Seele". Nebenbei sollen durch das Getränk noch die körpereigenen Abwehrkräfte unterstützt, die Darmfunktion verbessert und ein Beitrag zu reiner Haut geleistet werden.

Angesichts solcher Versprechen fragt sich vermutlich nicht nur die Deutsche Gesellschaft für Ernährung: "Ist Kombucha ein Gesundheitselexier?" Die Antwort des Präsidenten der DGE ist eindeutig: "Die angeführte Literatur zu den gesundheitlichen Effekten endet mit Beginn der 30er-Jahre - die wenigen Literaturstellen danach sind Berichte oder Aussagen, die wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen. Kombucha ist daher nicht mehr oder weniger als ein Erfrischungsgetränk [...] [41]." Vorsicht ist dann geboten, wenn das Getränk selbst mit Hilfe eines Teepilzes hergestellt wird, da sich neben den erwünschten Mikroorganismen auch Krankheitserreger auf dem Pilz ansiedeln können.

Im Gegensatz zu Kombucha haben Energy Drinks tatsächlich einen nachweisbaren Effekt: Sie wirken anregend. Das ist allerdings wenig verwunderlich, enthalten die Getränkedosen doch meist eine Koffein-Menge, wie sie auch in einer Tasse Kaffee vorkommt. Die angeblich leistungssteigernde Wirkung des ebenfalls häufig zugesetzten Taurin ist dagegen unbewiesen. Dabei hatte man die Aminosäure in zahlreichen klinischen Studien mit der Hoffnung auf therapeutische Effekte getestet, auch in relativ hohen Dosierungen. Insgesamt hat sich dabei nicht viel mehr ergeben, als dass diese Substanz als relativ harmlos angesehen werden kann [42]. Ebenfalls ohne Beweis blieb bisher die Behauptung, der Stoff Glucuronolacton würde die Entgiftung von Stoffwechselprodukten beschleunigen. Alles, was man bisher weiß ist, dass eine verwandte Substanz, die Glucuronsäure, an der Biotransformation von Arzneimitteln in der Leber beteiligt ist [43].

Die Inhaltsstoffe von Sportgetränken und -nahrung sind weniger exotisch. Den Getränken werden in der Regel Mineralstoffe, Vitamine und Kohlenhydrate beigemischt. So genannte Energieriegel enthalten zudem noch Eiweiße. Um es vorneweg zu sagen: Breitensportler können problemlos ohne diese Produkte auskommen. Was man durch die sportliche Leistung an Kohlenhydraten verbraucht oder an Flüssigkeit und Mineralstoffen mit dem Schweiß verliert, kann man ohne Schwierigkeit durch normale Nahrung und Getränke ausgleichen. Teure isotonische Drinks können durch Saftschorle ersetzt werden. Statt zu Energieriegeln sollte man besser zu Bananen oder getrocknetem Obst greifen [44]. Auch für eine ausreichende Eiweißzufuhr muss nicht auf spezielle Sportlernahrung zurückgegriffen werden. "Es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, Sportler bräuchten mehr Eiweiß als Nichtsportler", sagt Prof. Dr. Peter Stehle vom Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Bonn und Leiter des DGE-Arbeitskreises "Sport und Ernährung" [45].

Zusammenfassung und Ausblick

Werbung und Wirklichkeit von Functional Food liegen nach den Ergebnissen der vorliegenden Analyse häufig sehr weit auseinander. Belastbare Belege für die versprochenen Wirkungen fehlen meist. Einen gesundheitlichen Nutzen von den funktionellen Produkten hat der Verbraucher nach heutigem Kenntnisstand deshalb in der Regel nicht. Gut belegt ist die versprochene Wirkung bislang nur bei Produkten, die mit pflanzlichen Sterinen angereichert sind. Ob diese Lebensmittel allerdings dazu beitragen, das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung substanziell zu mindern, bleibt zumindest fragwürdig.

Die Unzulänglichkeit des Konzepts, das den funktionellen Lebensmitteln zu Grunde liegt, wird allein durch das Problem deutlich, eine geeignete Definition für diese Produkte zu finden. Denn auch viele herkömmliche Nahrungsmittel wie Karotten, Kohl, Trauben oder Äpfel haben ohne Zweifel positive Wirkungen auf den Körper, die über den schlichten Nährwert hinausgehen. Der Gruppe der funktionellen Lebensmittel liegt somit eine künstliche Abgrenzung zur restlichen Nahrung zu Grunde, die in Wirklichkeit gar nicht existiert.

Das Marktvolumen von Functional Food wird dennoch weiter wachsen. Das prophezeien alle Marktanalysten - uneinig ist man sich nur über die konkreten Umsatzzahlen. Wie groß das Marktvolumen letztlich sein wird, hängt aber mit Sicherheit von der zukünftigen europaweiten Ausgestaltung der Werbemöglichkeiten ab. Bislang ist die Werbung mit krankheitsbezogenen Aussagen (zum Beispiel: "...schützt vor Erkrankungen des Herz-/Kreislaufsystems") bei Nahrungsmitteln in der gesamten Europäischen Union verboten. Derzeit wird aber auf europäischer Ebene darüber nachgedacht, zukünftig so genannte "health claims" für bestimmte Nahrungsinhaltsstoffe zuzulassen. Die könnten dann beispielsweise so aussehen: "Regelmäßige Bewegung und eine Ernährung mit ausreichend Calcium fördert die Gesundheit der Knochen und kann das Risiko von Osteoporose im späteren Leben verringern. Eine Portion dieses Produktes liefert x g Calcium." Letztlich versuchen die Behörden damit, einen unkontrollierbaren Wildwuchs an Gesundheitsversprechen zu verhindern und die Werbeaktivitäten der Lebensmittelhersteller zu kanalisieren. Aus Sicht des Verbraucher- und Gesundheitsschutzes muss diese Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit beobachtet werden. Besteht doch die Gefahr, dass durch das Werben mit wohlklingenden "health claims" gerade hoch verarbeiteten Nahrungsmitteln besondere Aufmerksamkeit zuteil wird, die diese im Rahmen einer gesunden Ernährung gar nicht verdienen.

Kastentext: Beispiele für Definitionen von Functional Food in Japan, Europa und USA

Japanisches Gesundheitsministerium: "Funktionelle Lebensmittel sind verarbeitete Lebensmittel mit Inhaltsstoffen, die zusätzlich zu ihrem Nährwert bestimmte Körperfunktionen unterstützen." [1]

Europäische Ernährungsexperten im Rahmen des Projekts "Functional Food Science in Europe" (FUFOSE): "Ein Nahrungsmittel kann dann als funktionell angesehen werden, wenn zufriedenstellend gezeigt werden konnte, dass es, über seinen Nährwert hinaus, eine oder mehrere Körperfunktionen positiv beeinflusst und zwar in einer Weise, die für das Wohlergehen oder die Reduktion eines Krankheitsrisikos relevant ist." [2]

Institute of Medicine der National Academy of Sciences (USA) "Funktionelle Lebensmittel sind solche, bei denen die Konzentration von einem oder mehreren Inhaltsstoffen modifiziert sind, um ihren Beitrag zu einer gesunden Kost zu verbessern." [3]

Australia New Zeeland Food Authority: "Funktionelle Lebensmittel sind in ihrem Erscheinungsbild ähnlich zu herkömmlichen Lebensmitteln und verfolgen das Ziel, als Teil der normalen Ernährung verzehrt zu werden. Sie wurden jedoch modifiziert, um zusätzlich zur Versorgung mit Nährstoffen eine positive physiologische Funktion zu erfüllen." [10]

Kastentext: Buchtipp

Im S. Hirzel Verlag hat Marcus Brian im vergangenen Jahr 2000 das Buch "Essen auf Rezept - Wie Functional Food unsere Nahrung verändert" veröffentlicht, das sich detailliert mit den Versprechen funktioneller Lebensmittel und der wissenschaftlichen Wirklichkeit auseinandersetzt. "Essen auf Rezept" deckt nicht nur auf, was hinter den vielen Werbeversprechungen der Lebensmittelhersteller steckt, sondern erzählt auch Geschichten, die die Ernährungswissenschaft schreibt. Unterhaltsam und fundiert zugleich - für alle, die wissen wollen, was auf den Teller kommt.

Zu beziehen ist das Buch zum Preis von 38,- DM über S. Hirzel Verlag, Postfach 10 10 61, 70009 Stuttgart, Tel.: 07 11-25 82-3 41 oder -3 42, Ferngespräch zum Nulltarif mit Bandaufzeichnung 0800 2990 000, Fax: 07 11-25 82-2 90, E-Mail: Service@Hirzel.de, Internet: www.Hirzel.de

Der Autor

Marcus Brian hat Chemie, Biochemie und Toxikologie in Freiburg, Konstanz und in den USA studiert. Von 1996 bis 2000 arbeitete er als Redakteur beim Öko-Test-Magazin in Frankfurt am Main und war dort zuletzt verantwortlich für die Abwicklung der Warentests. Zu seinen Schwerpunktthemen bei Öko-Test gehörten Gesundheits- und Ernährungsthemen. Seit Juli 2000 lebt Marcus Brian als freier Journalist und Autor in Freiburg im Breisgau.

Literatur: [1] Ichikawa, T.: Functional Foods in Japan, in: Goldberg, I. (Hrsg.): Functional Foods, Chapmann & Hall, 453 - 467, New York 1994. [2] Diplock, A. T. et al.: Scientific Concepts of Functional Foods in Europe: Consensus Document, British Journal of Nutrition 81, 1 - 27 (1999). [3] Glinsmann, W. H.: Functional Foods in North America, Nutr Rev 54, 33 - 37 (1996). [4] Liste der zugelassenen FOSHU-Produkte vom 16.2.01, Hrsg.: Japan healthy and nutritive food assosiation (JHNFA). [5] Murmann, C: Berichtigung: Markt für Probiotik kleiner., Lebensmittelzeitung 9, 22 (2000). [6] Murmann, C.: Probiotische Milchprodukte boomen. Lebensmittelzeitung 8, 22 (2000). [7] v. Pilar, G.: Rasante Newcomer - Zuwachsraten bei Getränken mit Zusatznutzen. Lebensmittelzeitung 16, 47 (2000). [8] Kühn, I.: Gesundheit braucht Konzepte. Lebensmittelzeitung 26, 42 (2000). [9] GfK Marktforschung, Nürnberg, Food Trends 1998, Basis: rund 2000 Befragte. [10] Head, R. J. et al.: Functional foods: approaches to definition and substantiation. Nutr Rev 54, 132 - 140 (1996). [11] Scherz, H.: Sind unsere Lebensmittel nicht mehr in der Lage uns zu ernähren? Nährwertgehalte früher und heute. Beitrag auf dem DGE-Seminar: "Functional Food: Vom Lebensmittel zum maßgeschneiderten Gesundheitsprodukt" am 10. 12. 1998 in Frankfurt/Main. [12] De Vresse, M. und Schrezenmeir, J.: Pro- und Präbiotika. Stand der Diskussion, Ernährungs-Umschau 45, 79 - 89 (1998). [13] Teuber, M.: Probiotika - Wissenschaft und Marketing. Kritische Gedanken zum Konzept. Rundgespräche der Kommission für Ökologie, Bd. 15 " Lebensmittel im Wandel", 93 - 102 (1998). [14] Roberfroid, M.: Dietary fiber, inulin abd oligofructose: a review comparing their physiological effects. Crit Rev Food Sci Nutr 33, 103 - 148 (1993). [15] De Vrese, M.: Präbiotika. Ernährungs-Umschau 44, 398 - 402 (1997). [16] Bellisle, F. et al.: Functional food science and gastrointestinal physiology an function. British journal of nutrition 80 (Suppl. 1), 147 - 171 (1998). [17] Roberfroid, M. B.: Prebiotics and probiotics: are they functional foods. Am J Clin Nutr; 71 (6 Suppl):1682 - 1687 (2000). [18] Henninger, M. und Ulberth, F.: Fettsäurespektren von heimischen Fischen, Seefischen und Fischölen. Deutsche Lebensmittelrundschau 6, 178 - 183 (1997). [19] Kühn. I.: Gesundheit braucht Konzepte. Lebensmittelzeitung 26, 42 (2000). [20] N. N.: Vitaler Kick. Lebensmittelzeitung Spezial 2, 24 - 25 (2000). [21] Schalinski, J.: Neuer Versuch mit Omega-Ei. Lebensmittelzeitung 18, 64 (2000). [22] Erbersdobler, H. F.: Neu entdeckte Lebensmittelinhaltsstoffe - Wirkungen und Wirkungsbehauptungen. Was können Lebensmittel mit gesundheitlichem Zusatznutzen. Moderne Ernährung heute 11, 1 - 5 (1999). [23] O'Keefe J. H., Harris W. S.: From Inuit to implementation: omega-3 fatty acids come of age, Mayo Clin Proc, 75 (6): 607 - 614 (2000). [24] Renaud. S. et al.: Cretan Mediterranean diet for prevention of coronary heart disease. Am J Clin Nutr 61 (suppl), 1360 - 1367 (1995). [25] Marchioli, R. et al.: Dietary supplementation with n-3 polyunsaturated fatty acids and vitamin E after myocardial infarction: results of the GISSI-Prevenzione trial. Gruppo Italiano per lo Studio della Sopravvivenza nell'Infarto miocardico. Lancet 354 (9177), 447 - 55 (1999). [26] Schmidt, E. B. et al.: n-3 fatty acids from fish and coronary artery disease impications for public health. Public Health Nutr 3 (1), 91 - 98 (2000). [27] Hornstra, G. et al.: Functional Food Science and the cardiovascular system. British Journal of nutrition 80 (Suppl.1), 113 - 146 (1998). [28] Miettinen, T. A. et al.: Reduction of serum cholesterol with sitostanol-ester maragrine in a mildly hypercholesterolemic population. The New England Journal of Medicine 333, 1308 - 1312 (1995). [29] Moghadasian, M. H., Frohlich, J. J.: Effects of dietary phytosterols on cholesterol metabolism and atherosclerosis: clinical and experimental evidence. Am J Med 107 (6): 588 - 594 (1999). [30] Ramsey, L. E. et al. British Medical Journal 303, 953 (1991). [31] Miettinen, T. A., Gylling, H.: Regulation of cholesterol metabolism by dietary plant sterols. Curr Opin Lipidol 10, 9 - 14 (1999). [32] Sünder, H.: Unsere Ernährung deckt nicht den Vitaminbedarf. Welt am Sonntag vom 24.08.1997. [33] Forschungsinstitut für Kinderernährung: Derzeitiges Angebot von Kinderlebensmittel auf dem Lebensmittelmarkt. DGE-Info 9, 131 - 133 (1997). [34] Stellungnahme des BgVV zur Einschätzung von Betacarotin durch den Wissenschaftlichen Lebensmittelausschuss (SCF) der Europäischen Union. Presseerklärung des BgVV vom 31.01.01. [35] SCF (2000). Opinion of the Scientific Committee on Food on the Tolerable Upper Intake Level of Beta Carotene. [36] Tenberge-Weber, U.: Süß, bunt und überflüssig. UGB-Forum 2, 99 - 102 (1998). [37] SCF (2000). Opinion of the Scientific Committee on Food on the Tolerable Upper Intake Level of Vitamin B6. [38] v. Pilar, G.: Red Bull erlebt fulminanten Aufstieg. Lebensmittelzeitung 17, 18 (2000). [39] Vongehr, U.: Ausgelaugt!. Lebensmittelzeitung spezial 2, 83 (1998). [40] Foą, D.: The new generation of soft drinks in Europe: Tastes and flavours. Agro-Food-Industry hi-tech 6, 36 - 38 (1997). [41] N. N.: Ist Kombucha ein Gesundheitselexier? DGE aktuell 23 (2000). [42] Viell, B.:Sportlernahrung und "Energy Drinks" - Fragen der Abgrenzung. Bundesgesundheitsblatt 10, 384 - 388 (1996). [43] Schek, A.: Ernährungsbezogene Leistungsförderer versus leistungsbezogene Ernährung. Ernährungsumschau 42, 243 - 249 (1995). [44] Trinkempfehlungen für Breitensportler. DGE-Infothek, Frankfurt 1998. [45] N. N.: Fitness zum Anbeißen - Was ist dran am Sportlerriegel. DGE aktuell 5 (2000). [46] N. N.: Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch brauchen zusätzlich Folsäure. BgVV-Pressedienst 08/98. [47] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (Hrsg.): Essen und Trinken 2000. Frankfurt/Main 2001. [48] Kersting, M. et al.: Sind Kinderlebensmittel sinnvoll? Kinderärztliche Praxis 69 198 - 203 (1998). [49] Wagner, K.-H.: Anreicherung von Lebensmitteln mit Nährstoffen in Österreich. Beitrag auf der 10. Dreiländertagung der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung, der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährungsforschung am 9. und 10.11.2000 in Wien.

Funktionelle Lebensmittel sollen nicht nur satt machen, sondern dazu beitragen, Krankheiten vorzubeugen. Mit Werbeaussagen wie "beeinflusst die Darmflora positiv", "fördert die körpereigenen Abwehrkräfte" oder "leistet einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung Ihres Wohlbefindens" zielen die Hersteller dieser Art von Lebensmitteln auf besonders gesundheitsbewusste Kunden ab. Das zugrunde liegende Konzept ist allerdings fragwürdig. Meist fehlen aussagekräftige Wirkungsnachweise.

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