Arzneimittel und Therapie

HIV-Infektion: Risikofaktoren für eine Lipodystrophie

Heute gibt es dank der modernen antiretroviralen Arzneimittel immer mehr Menschen, die jahrelang mit dem Virus leben. Dabei kommt es häufig zu einer so genannten Lipodystrophie. Eine Ursache für diese Fettverteilungsstörung scheinen die Nebenwirkungen von Proteasehemmern zu sein.

In einer prospektiven Kohortenstudie an HIV-Infizierten mit hochaktiver antiretroviraler Therapie einschließlich Proteasehemmer wurden Lipodystrophie-Risikofaktoren identifiziert.

Abnorme Fettverteilung

Eine abnorme Fettverteilung wurde im Jahr 1998 erstmals unter der Bezeichnung Lipodystrophie-Syndrom als Krankheitsbild bei HIV-Infizierten beschrieben. Wenig später wurde die Lipodystrophie als einer der begrenzenden Faktoren einer antiretroviralen Langzeittherapie erkannt.

Es gibt mindestens zwei Formen:

  • die Lipatrophie, also der Verlust an subkutanem Fett,
  • und die zentrale oder viszerale Fettansammlung.

Nicht nur durch Proteasehemmer ausgelöst

Zunächst schien es, als ob die Lipodystrophie ausschließlich durch Proteasehemmer hervorgerufen wird. In neueren Studien wurde sie aber auch mit nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmstoffen in Verbindung gebracht. In einer prospektiven Kohortenstudie wurde jetzt nach Risikofaktoren für eine Lipodystrophie bei HIV-1-Infizierten gesucht. Alle Patienten waren nie zuvor antiretroviral behandelt worden und begannen während der Studie eine hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) aus zwei nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmern und mindestens einem Proteasehemmer. Die antiretrovirale Therapie durfte abgeändert werden, solange sie einen Proteasehemmer enthielt.

Veränderung der Fettverteilung

An der Studie beteiligten sich 494 Patienten der AIDS-Abteilung eines Krankenhauses in Barcelona. Zu Beginn und alle drei Monate wurden die Körperfett-Veränderungen überprüft. Als Lipodystrophie galten mäßige bis starke Veränderungen des Körperfettes, die vom Patienten gemeldet und vom Arzt bestätigt oder vom Arzt bemerkt und vom Patienten akzeptiert worden waren. Unterschieden wurden:

  • eine subkutane Lipatrophie (nur Fettverlust)
  • eine zentrale Fettleibigkeit (nur Fettansammlung)
  • eine gemischte Lipodystrophie (Fettverlust und -ansammlung)

Die regionale Dicke der Fettschicht wurde in einer Patienten-Untergruppe sonografisch untersucht.

Nach 1,5 Jahren waren 17% der Patienten betroffen

Die häufigsten Arzneimittel im antiretroviralen Erstregime waren Indinavir (Crixivan), Lamivudin (Epivir), Stavudin (Zerit) und Zidovudin (Retrovir). In einem eventuellen Zweitregime kamen am häufigsten Lamivudin, Nelfinavir (Viracept), Stavudin, Saquinavir (Invirase, Fortovase) und Zidovudin hinzu.

Nach einer mittleren Beobachtungszeit von 1,5 Jahren hatten 85 Patienten (17%) eine Lipodystrophie entwickelt, davon 38 (45%) eine gemischte, 29 (34%) nur eine subkutane Lipatrophie und 18 (21%) nur eine zentrale Fettleibigkeit. Die Neuerkrankungsrate betrug für irgendeine Lipodystrophie 11,7 pro 100 Patientenjahre, für eine Lipodystrophie mit subkutanem Fettschwund 9,2 pro 100 Patientenjahre und für eine Lipodystrophie mit zentraler Fettleibigkeit 7,7 pro 100 Patientenjahre.

Mehr Frauen als Männer

Die Multivarianzanalyse ergab ein höheres Lipodystrophie-Risiko für Frauen als für Männer (relatives Risiko 1,87), für heterosexuell oder homosexuell Infizierte als für Anwender intravenöser Drogen (relatives Risiko 2,86 bzw. 2,17). Das Lipodystrophie-Risiko stieg mit dem Alter der Patienten (um 33% pro zehn Jahre) und mit der Dauer der antiretroviralen Therapie (um 57% für jedes halbe Jahr). Für einzelne antiretrovirale Substanzen konnte dagegen kein Anstieg des Lipodystrophie-Risikos festgestellt werden.

Die Risikofaktoren für spezielle Lipodystrophie-Arten (mit subkutanem Fettschwund oder mit zentraler Fettleibigkeit) stimmten im Großen und Ganzen mit den allgemeinen Lipodystrophie-Risikofaktoren überein, mit wenigen interessanten Abweichungen:

  • Die Dauer der Stavudin-Therapie war mit dem Risiko eines subkutanen Fettschwundes verknüpft (16% für jedes halbe Jahr).
  • Die Dauer der Indinavir-Anwendung erhöhte das Risiko einer Lipodystrophie mit zentraler Fettleibigkeit (26% für jedes halbe Jahr, aber nicht signifikant).

Die Prävalenz der Lipodystrophie lag mit 17% in dieser Studie im üblichen Rahmen bei HIV-Infizierten. Ein hoher Anteil dieser Patienten (45%) hatte sowohl eine zentrale Adipositas als auch eine subkutane Lipatrophie.

Ursache ist kein bestimmtes Arzneimittel

Die Studie zeigt, dass bei HIV-Infizierten, die mit HAART einschließlich einem Proteasehemmer behandelt werden, die Risikofaktoren für eine Lipodystrophie, eine Lipodystrophie mit subkutaner Lipatrophie oder eine Lipodystrophie mit zentraler Adipositas ähnlich sind. Zu den Risikofaktoren zählt auch die Dauer der antiretroviralen Therapie. Die Lipodystrophie kann gewöhnlich nicht auf die Anwendungsdauer eines bestimmten Medikamentes zurückgeführt werden. Auch Laborparameter, die zu Therapiebeginn gemessen wurden (z. B. CD4+-Zellzahl, Viruslast, Triglycerid- und Cholesterol-Konzentration), weisen nicht auf ein erhöhtes Lipodystrophie-Risiko hin.

Literatur: Martinez, E., et al.: Risk of lipodystrophy in HIV-1-infected patients treated with protease inhibitors: a prospective cohort study. Lancet 357, 592 - 598 (2001).

Heute gibt es dank der modernen antiretroviralen Arzneimittel immer mehr Menschen, die jahrelang mit dem Virus leben. Dabei kommt es häufig zu einer so genannten Lipodystrophie. Eine Ursache für diese Fettverteilungsstörung scheinen die Nebenwirkungen von Proteasehemmern zu sein. In einer prospektiven Kohortenstudie an HIV-Infizierten mit hochaktiver antiretroviraler Therapie einschließlich Proteasehemmer wurden Lipodystrophie-Risikofaktoren identifiziert.

1 Kommentar

Lipodystrophie bei HiV

von Heinz-Jürgen Overfeld am 15.03.2019 um 22:15 Uhr

Habe gehört und auch schon gesehen, das z.B. das Wachstumhormon Omnitrope (Somatropin) helfen soll.

Was sagt die Fachwelt dazu?

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