Berichte

Ausstellung: Medizin der klassischen Antike

Nach einer Umgestaltung der Dauerausstellung lud das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt für den 13. Februar zu einer "Begegnung mit der Medizin der klassischen Antike" ein. Vorgestellt wurde die neu gestaltete Vitrine "Antike" mit einer Einführung in die Sammlung antiker Instrumente des Hauses durch Dr. Karin Krämer. Im Anschluss daran beleuchtete Dr. Sabine Vogt "historische und ethische Perspektiven des Hippokratischen Eides".

Im Rahmen einer Dissertation waren alle im Deutschen Medizinhistorischen Museum vorhandenen antiken Instrumente anhand von Vergleichsstücken aus Sammlungen und Museumsbeständen des In- und Auslands neu bestimmt und datiert worden. Der so entstandene neue Bestandskatalog sei ein wichtiger Beitrag zur realienkundlichen Quellenforschung weltweit, betonte Prof. Dr. Christa Habrich, die Direktorin des Museums, in ihren Einführungsworten. Die Verfügbarkeit und Transparenz der Studiensammlung wurde durch die Bearbeitung optimiert, sodass die im neuen Katalog enthaltenen Stücke nunmehr der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung stehen. Diese Ergebnisse seien auch in die Neukonzeption der Präsentation der Antike in der Schausammlung eingeflossen.

Praktiker, Chirurg und Apotheker in einer Person

Apothekerin Dr. Karin Krämer, die Verfasserin des neuen Katalogs, gab in ihrer Einführung zur Umgestaltung auch einen anschaulichen Einblick in das Gesundheitswesen der Antike. Letztendlich sei es das Ziel solcher Art von Forschung, unser Geschichtsbild zu erweitern und abzurunden. Der antike Arzt war universell ausgebildet, er war - mit unseren heutigen Begriffen ausgedrückt - Praktiker, Chirurg und Apotheker in einem. Die Medizinkunst wurde damals meist innerhalb der Familie weitergegeben, später entwickelten sich die berühmten Arztschulen von Kos, Knidos und Pergamon.

Der antike Arzt behandelte noch ganzheitlich: Neben chirurgischen Eingriffen beriet er über die Ernährung, das Sportprogramm (Fitness schon damals!), verordnete Kuren, sorgte in philosophischen Disputen für das Seelenheil des Kranken und versorgte ihn auch gleich mit selbst bereiteten Medikamenten.

Die Forschung lässt vermuten, dass die Arzneien der Antike sich nicht wesentlich von unserer heutigen "Naturmedizin" unterschieden: Aus Kräutern, tierischen und mineralischen Drogen bereitete man auch damals - zeitgemäß zwar - Pulver- und Teemischungen, Tränke, Pillen, Salben und Zäpfchen.

Das nötige Instrumentarium trug ein Wanderarzt meistens mit sich. Erst in "gehobenen" Positionen, als Stadtarzt oder gar als kaiserlicher Leibarzt, wurde der Arzt sesshaft, letzterer mit dem Nachteil, mit seinem Herrn auch in den Krieg ziehen zu müssen.

Instrumente und ihre Funktion

Medizinische Gerätschaften aus dieser Zeit waren demnach oft Vielzweckgeräte. Zur Ingolstädter Sammlung gehören unter anderem neben rein chirurgischen Instrumenten wie Nadeln, Kathetern, Spekulen oder Skalpellen - oft haben davon nur die kunstvoll aus Halbedelstein gearbeiteten Griffe die Jahrhunderte überdauert - auch Spatel, Zäpfchenzangen, Pinzetten, alle Arten von (Pulver-)Löffeln, Reiben, Fläschchen und Waagen. Sie stammen aus Wohnfunden oder Gräbern, obwohl Grabbeigaben solcher Art eher selten waren, denn damals nutzte man metallische Gerätschaften meist bis zur Unbrauchbarkeit und schmolz sie dann wieder um. Die Ausgrabungen von Paestum (bei Neapel) waren diesbezüglich besonders ergiebig und aufschlussreich, da der Ausbruch des Vesuvs offensichtlich auch einen damaligen Arzt-Apotheker mitten in seinem Tun überrascht hatte.

Anhand von Dekor- und Formmerkmalen wurden die Ingolstädter Instrumente, die aus Ankäufen und Geschenken stammen, in mühevoller Detailarbeit mit bereits gesicherten Stücken verglichen und zugeordnet. So wurden mit dieser Arbeit nicht nur neue Kenntnisse zur Antike geschöpft, es konnte auch die Spreu vom Weizen getrennt werden. Nicht alle Instrumente waren dem medizinischen Gebrauch (im weitesten Sinne) zuzuordnen. Und eine Gruppe besonders dekorativer Objekte erwies sich als Fälschung. Wobei, wie Professor Habrich in ihrem Schlusswort bemerkte, der sehr seriöse Kunsthändler sie sofort zurücknahm und gegen ein viel wertvolleres Stück eintauschte.

Vom Hippokratischen Eid zum Genfer Gelöbnis

Auch heute, im Zeitalter von In-vitro-Fertilisation, Sterbehilfe-Diskussionen oder neu aufgeflammten Auseinandersetzungen um die Anwendung der Gentechnik in der Medizin, sei der Hippokratische Eid von erstaunlicher und geradezu erschreckender Aktualität, gab Dr. Sabine Vogt, Habilitandin am Institut für klassische Philologie der Universität München, im zweiten Teil des Abends zu bedenken. Während der antike Arzt durch den Hippokratischen Eid den Göttern, allen voran dem Apoll, der Hygieia und dem Asklepios, verpflichtet war, richtet sich die säkularisierte Neufassung, das "Genfer Gelöbnis", an die persönliche Ehre des Arztes. Dieses war 1948, noch ganz unter dem Eindruck der Nazigräuel und der Ärzteprozesse der Nach-NS-Zeit, von der World Medical Association auf der Basis des Hippokratischen Eides entworfen worden und hat heute in vielen Ländern das Original ersetzt. Wie dieser basiert das Genfer Gelöbnis auf dem großen Vertrauen in die Kompetenz und die sittlich-moralische Zuständigkeit des Arztes. Mit ihm bezeugt der Arzt beim Wohlwollen der Götter bzw. bei seiner Ehre, sein Leben in den Dienst der Menschheit zu stellen, die Gesundheit des Patienten als oberstes Gebot anzuerkennen, menschliches Leben von der Empfängnis an bedingungslos zu achten, seine Lehrer und Kollegen wie eine Familie zu ehren und die Schweigepflicht zu wahren.

Schweigepflicht hatte in der Antike noch eine weitere Bedeutung, so die Referentin. Frauen wurden damals nur von Frauen oder Hebammen behandelt. Nur in äußersten Komplikationen wurde ein männlicher Arzt zurate gezogen, von dem dann auch die entsprechende Diskretion - eben Schweigen - erwartet wurde.

Neben seinem berühmten Eid wurden Hippokrates, einem griechischen Arzt aus der Dynastie der Asklepiaden auf der Insel Kos, noch 60 weitere Schriften zugeordnet. Neueste Sprachforschungen ergaben jedoch, dass die ethisch und stilistisch sehr hochstehenden Texte wahrscheinlich in einem Zeitraum von 500 Jahren entstanden sind. Dass der Hippokratische Eid nicht nur von zeitloser, sondern auch von heute noch wachsender Bedeutung ist, machen Zahlen deutlich: 1993 verpflichteten sich 80% der Absolventen von US-amerikanischen Medical Schools mit dem Eid des Hippokrates, noch 1926 waren es nur 26%.

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