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Kritische Forschung zur Naturheilkunde: Gibt es eine sanfte Medizin?

FREIBURG (alu/ko). Naturheilverfahren haben in der Bevölkerung Konjunktur. Sie sind beliebt, weil sie angeblich nebenwirkungsärmer, sanfter und ganzheitlich sind. Eine sorgfältige repräsentative Befragung aus den Vereinigten Staaten belegt, dass 42 Prozent der Gesamtbevölkerung unkonventionelle medizinische Richtungen (UMR) anwenden. 1990 waren dies noch 34%. Die Tendenz ist also steigend.

Die Ausgaben dafür werden auf 12,2 Milliarden Dollar geschätzt und übersteigen damit diejenigen für den Primärsektor der medizinischen Versorgung. Ein häufiger Grund für das Aufsuchen unkonventionell arbeitender Ärzte oder Heilpraktiker ist die mangelnde Wirksamkeit konventioneller Behandlungen, zu starke Nebenwirkungen oder auch die positiven Erfahrungen von Bekannten und Freunden. Über die Effektivität dieser Maßnahmen gibt es allerdings zu wenig gesicherte Aussagen.

Vor diesem Hintergrund hat es sich Prof. Dr. Franz Daschner, Direktor des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Freiburg, zur Aufgabe gemacht, Naturheilverfahren wissenschaftlich zu erforschen und ein fundiertes Angebot an Naturheilverfahren in einer dafür spezialisierten Ambulanz bereit zu stellen. Die Ambulanz für Umweltmedizin und Naturheilverfahren, die mit Prof. Dr. Dr. h. c. Hubert E. Blum, dem Ärztlichen Direktor der Abteilung Innere Medizin II an der Medizinischen Universitätsklinik Freiburg, zusammenarbeitet, wird von der Carl und Veronica Carstens-Stiftung gefördert und bietet ein breitgefächertes Angebot an medizinischer Versorgung, heißt es hierzu in einer Pressemitteilung des Uniklinikums Freiburg.

Die Patienten, besonders solche mit umweltmedizinischen Belastungen, werden dort diagnostiziert und können an einem integrierten Versorgungsangebot teilnehmen. Dessen Bestandteile werden individuell zugeschnitten, bestehen aber in der Regel aus Akupunktur und anderen Elementen einer ganzheitlichen Behandlung. Wie Dr. Michael Lacour, der klinische Leiter der Ambulanz, der die Behandlungen durchführt, erklärt, legen die dort tätigen Ärzte besonderen Wert auf die Verbindung zwischen sorgfältiger medizinischer Diagnose, wie sie dem momentanen Stand des Wissens entspricht, und einer ganzheitlichen Behandlung nach den Grundsätzen der traditionellen chinesischen Medizin. "Unser Hauptanliegen ist die Überwindung des Schulendenkens in der Medizin", fasst Professor Daschner sein Anliegen zusammen. "Es gibt keine Schul- und Alternativmedizin, sondern nur Schulen in der Medizin, die teils besser, teils weniger gut untersucht sind, und die sich heftig bekämpfen. Der Kampf soll einem konstruktiven Miteinander weichen, das auf sauberer wissenschaftlicher Erkenntnis aufbaut."

Schwierige Verständigung

Die Naturheilverfahren wissenschaftlich zu erforschen, ist Aufgabe von PD Dr. Dr. Harald Walach, der die Arbeitsgruppe "Evaluation Naturheilverfahren und Umweltmedizin" am Institut für Umweltmedzin und Krankenhaushygiene leitet. Der Mediziner sieht das größte Hindernis, das eine Verständigung zwischen Naturheilverfahren und konventioneller Medizin häufig schwer macht, in der weit verbreiteten Meinung, nur so genannte spezifische Therapieeffekte seien wertvoll. Diese spezifischen Effekte sind der pharmakologischen Zusammensetzung eines Arzneimittels zu verdanken. Doch mittlerweile haben Untersuchungen ergeben, dass alle therapeutischen Maßnahmen sehr große allgemeine und unspezifische therapeutische Effekte haben, die meist als Plazebo-Effekte bezeichnet werden. Diese kommen vermutlich vor allem durch psychologische Prozesse zustande, über die noch wenig bekannt ist.

Die Arbeitsgruppe von Walach hat mittlerweile viele Daten gesammelt, die belegen, dass Naturheilverfahren zwar deutliche Effekte, aber sehr wenig spezifische Effekte zeigen. Dennoch sind diese Verfahren in vielen Fällen nicht weniger effizient. So zeigt beispielsweise eine Langzeitbeobachtung von Akupunkturpatienten eine deutliche und anhaltende Besserung der Lebensqualität. Eine Vergleichsstudie zur Wirksamkeit Geistigen Heilens hat erbracht, dass - vermutlich aufgrund der hohen Erwartung und Hoffnung, die bei den Patienten durch die Heiler mobilisiert wurden - auch hier die Lebensqualität gesteigert wurde. Ein besseres Verstehen der unspezifischen Therapieeffekte sei daher notwendig, um den Schlüssel zur sanften Medizin zu finden. Diese wäre gezielt und ohne großen Eingriff so zu stimulieren, dass sich der Organismus von selber heilt. Laut Walach liegen dieser Methode alle hilfreichen therapeutischen Maßnahmen zugrunde. Naturheilverfahren unterscheiden sich von konventionellen Methoden letztlich darin, dass sie andere Zugänge wählen, um diese Selbstheilungsprozesse anzuregen, die schließlich zur Genesung führen sollen.

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