Berichte

Herbert Oelschläger – ein Forscherleben

Am 23.Juli 2000 erhielt Prof. Dr. Herbert Oelschläger das Ehrendoktorat der Universität Jena. Den Festvortrag hielt Prof. Dr. Christian R. Noe, Wien, unter dem Titel "Herbert Oelschläger - Dimensionen eines Forscherlebens". Noe schilderte den Laureaten als charismatische, vielseitige Persönlichkeit und als einen der am härtesten arbeitenden Menschen, der ihm in seiner Berufslaufbahn begegnet ist. Wir geben an dieser Stelle eine gekürzte Fassung dieses Vortrags wieder.

Arzneimittelfachmann im Dienst der Gesellschaft

Herbert Oelschläger ist ein pharmazeutisch-chemischer Hochschullehrer. Was bedeutet das eigentlich? Ein Pharmazeut ist ein Arzneimittelfachmann. Mittel zu finden und verlässlich bereitzustellen, die kranke Menschen heilen, ist eine wunderbare und zeitlose Aufgabe. Es gibt in unserem Land kein Arzneimittel, dessen Herstellung und Qualitätsbestimmung nicht in der Obhut von Apothekern wären. Ein richtiger Pharmazeut hat also kein Problem mit seinem fachlichen Selbstverständnis: Ist er doch in erster Linie Wahrer des Arzneimittelschatzes, jener Auswahl von Arzneien, die jeweils zu ihrer Zeit zur Therapie der Krankheiten eingesetzt werden. Seit Tausenden von Jahren wird dieser Arzneimittelschatz fortgeschrieben und stetig verbessert. Man kann stolz und standesbewusst sein, sich dieser so ethischen Aufgabe unserer Gesellschaft beruflich zu widmen.

Verbundenheit von Pharmazie und Chemie

So wie die meisten Bausteine des Lebens sind auch die meisten Arzneistoffe organische Moleküle. Das Chemische ist also der Pharmazie inhärent und die chemische Formelsprache der beste Weg, um Verständnis über Arzneistoffe zu gewinnen. Aus historischer Sicht ist allerdings nicht das Pharmazeutische aus dem Chemischen erwachsen, sondern es war eher umgekehrt: In der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts entstanden pharmazeutische Privatinstitute, die in der Folge zum Vorbild für chemische und pharmazeutische Laboratorien an Universitäten wurden. Besonders bemerkenswert sind dabei die Ereignisse in Königsberg, der Heimatstadt von Immanuel Kant: Dort richtete 1775 der Hofapotheker und Universitätsprofessor Karl Gottfried Hagen das erste pharmazeutisch-chemische Laboratorium an einer Universität ein. Dass er damit zum Begründer der wissenschaftlichen Pharmazie und der pharmazeutisch-chemischen Unterrichtslehre wurde, ist dabei nur ein Gesichtspunkt. Hagen schuf überdies mit seinen nach induktiver Methode geordneten Lehrbüchern den Typus des modernen Chemie-Lehrbuches. Der vor Ort wirkende Kant jedenfalls bezeichnete diese naturwissenschaftlichen Lehrbücher als "logische Meisterwerke". Während des 19.Jahrhunderts wurde schließlich mit der Entwicklung der Formelsprache die Chemie dem logischen Denken endgültig zugänglich gemacht. Der Schlüssel zum Erfolg lag in der damals sich entwickelnden Atomtheorie. Justus von Liebig - früher einmal selbst Apothekerlehrling - verband die auf der Atomtheorie basierende chemische Wissenschaft mit der pharmazeutisch-chemischen Experimentierkunst und schuf ein vorbildliches System der experimentellen chemischen Grundausbildung an den Universitäten.

Mehrere "Dimensionen"

Der pharmazeutisch-chemische Hochschullehrer ist also nicht aus den Verästelungen eines "Grundlagenfaches" erwachsen. Er war schon vor dem Aufkommen der heutigen Klassifizierung der naturwissenschaftlichen Fächer präsent. Offenheit gegenüber aktuellstem Wissen auf verschiedensten Gebieten und zugleich großer Respekt vor vorhandenem Wissen: Das charakterisiert einen gestandenen pharmazeutisch-chemischen Hochschullehrer. Extreme Eingleisigkeit, einseitiges Spezialistentum oder hektische Gier, immer nur dem "main-stream" der Grundlagenforschung nachzulaufen, wären bei diesem Beruf verfehlt: Mehrere Ebenen des Wirkens, mehrere "Dimensionen", sind somit eine Voraussetzung für ein langfristig erfolgreiches Wirken als pharmazeutischer Chemiker an der Universität.

Triumphe der pharmazeutischen Industrie

Die im 19.Jahrhundert einsetzende industrielle Revolution erreichte auf dem pharmazeutischen Sektor ihre höchste Dynamik erst gegen Ende des Jahrhunderts, als es auf der Grundlage der wissenschaftlichen Chemie zu einem geradezu explosionsartigen Wachsen der chemischen Industrie - vor allem in Deutschland - kam. Was heutzutage das Silicon Valley in Kalifornien ist, war damals das Rhein-Main-Tal. Die Faszination, Arzneistoffe synthetisieren zu können, war ungeheuer. Aus dem Entdecker war nun der Erfinder geworden. Dieser war zum einen Architekt, der Arzneistoffe nach geordneten Regeln aus Molekülbausteinen zusammensetzte. Ein wenig fühlte er sich aber auch als Schöpfer von Organischem im Sinne von Lebendigem. Als Herbert Oelschläger im Jahre 1921 geboren wurde, lag also das Primat der pharmazeutischen Forschung unangefochten bei den Baumeistern der Wirkstoffe. Die pharmazeutische Industrie feierte mit immer neuen Synthetika einen Erfolg nach dem anderen. Serienweise kam es zu herausragenden Ergebnissen von allgemeinem Interesse, etwa auf den Gebieten der Alkaloid- oder Hormonforschung.

Präparative Chemie

Sicherlich haben diese Triumphe der Naturwissenschaft Oelschläger motiviert, mit dem Studium der Chemie und Physik zu beginnen. Doch schon nach zwei Trimestern holten ihn die Ereignisse der Geschichte ein: Kriegsdienst im zweiten Weltkrieg. Es waren nur wenige Jahre, aber es waren Jahre, in welchen eine Welt in einem Armageddon unterging. Oelschläger war 24 Jahre alt, als er aus dem Krieg zurückkehrte, und wandte sich nunmehr der Pharmazie zu. Sein Doktorvater war Karl Kindler, der unter Organikern durch die nach ihm benannte Willgerodt-Kindler-Reaktion bekannt ist. Neue Wege der Wirkstoffsynthese aufzuzeigen war damals durchaus legitimes pharmazeutisch-chemisches Bemühen. Und damit sind wir auch bei der ersten Dimension des Forschers Herbert Oelschläger angelangt: Es sind seine Beiträge zur präparativen Chemie. Nicht nur spezielle Varianten von Reaktionen, auch neue Reagenzien entwickelte er.

Neue Wirkstoffe

"Über neue Amidamidine und eine neue Klasse von Aminoethern mit lokalanaesthetischer Wirkung" ist der Titel von Oelschlägers Habilitationsschrift: Wir kommen damit zur zweiten "Dimension" seiner Forschung. Durch neue Arzneistoffe den Arzneimittelschatz zu bereichern, ist ein großes Anliegen. Und doch überrascht es, wie viele synthetische Arbeiten auf diesem Gebiet nur halbherzig durchgeführt wurden. "Ein neuer Heterozyklus mit potenzieller pharmakologischer Aktivität", so etwa könnte ein typischer Titel aus einem organisch-chemischen oder pharmazeutisch-chemischen Laboratorium lauten. Man publizierte neue Strukturen, denen man eine Wirkung zutraute, ohne jedoch jemals den Wahrheitsbeweis zu führen.

Fomocain - immer neue Erkenntnisse über eine Substanz

Oelschläger dagegen strebte von Anfang an in seinen Arbeiten nach der pharmakologischen Information. Das von ihm entwickelte Lokalanästhetikum Fomocain begleitet ihn sein ganzes Forscherleben - in stetiger thematischer Variation. Nostalgisch ist eine solche langfristige Zuwendung zu einem Wirkstoff keineswegs. Denn neue Kenntnisse zur Pathobiochemie und Pathophysiologie von Erkrankungen eröffnen stets neue Möglichkeiten für bewährte Wirkstoffe und für daraus abgeleitete neue Strukturen. Im Sinne einer positiven Tradition kann man es nicht hoch genug einschätzen, wenn man in der pharmazeutischen Forschung auf Strukturen zurückgreifen kann, über deren Verhalten im menschlichen Körper bereits Erfahrungswerte bestehen. So überrascht es nicht, dass sich in letzter Zeit neue therapeutische Möglichkeiten für Fomocain in der Migränetherapie ergeben haben. Es ist das Schicksal von Wirkstoffforschern, dass nicht alle ihre "Kinder" den Markt erreichen. Doch werden bei guter Forschung stets Ergebnisse von Bedeutung erhalten. Oelschläger erforschte systematisch die Struktur-Wirkungs-Beziehungen der Fomocaine, von denen mittlerweile über 300 Verbindungen bekannt sind, und zwar:

  • die Ursachen ihrer lokalanästhetischen Wirkung,
  • positionsisomere Fomocaine als Antiarrhythmika, welche ebenso wie die Lokalanästhetika Natrium-Kanäle blockieren,
  • ein nicht-opioides Analgetikum, das die basische Seitenkette des Fomocain trägt,
  • ein nicht-steroidales Antiphlogistikum, das die andere Seitenkette des Fomocain trägt,
  • Muskelrelaxanzien, deren Seitenketten Ähnlichkeit zu Fomocain zeigen.

Auch bei Oelschlägers Spiroverbindungen dürfte es sich um überaus aktuelle Strukturen handeln: Wirkstoffe am NMDA-Kanal, Kanalblocker und/oder Polyamin-Agonisten bzw. -Antagonisten. Als diese Verbindungen dargestellt wurden, war nichts über den NMDA-Rezeptor und daran angreifende Wirkstoffe bekannt. Nichtsdestoweniger wurde eine interessante Wirkstoffklasse entdeckt und mit scharfen Augen mit dem Wirkstoff Amantadin verglichen.

Elektrochemie

Ein gutes pharmazeutisch-chemisches Universitätsinstitut erkennt man daran, dass eine Ausgewogenheit zwischen Aktivitäten zur Arzneimittelentwicklung und solchen zur pharmazeutischen Analytik, im weitesten Sinn zur Qualitätssicherung, besteht. Oelschläger machte sich an die analytische Herausforderung mit höchstem Anspruch heran: Er ging Anfang der 60er-Jahre zum Studium der Elektrochemie an das Polarographische Institut der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften in Prag, zum Nobelpreisträger Jaroslav Heyrovsk. So eröffnete er sich die dritte Dimension seiner Forschung: die Elektrochemie. Oelschläger hat sogleich die neu erschlossene Technik auf die aktuellste der damaligen Wirkstoffklassen, die Benzodiazepine, angewendet, z.B. bei der Ringverengung des Chlordiazepoxid. Durch die Umformung polarographisch inaktiver Arzneistoffe mit polarographisch aktiven Verbindungen in quantitativ gestalteten vorgelagerten Reaktionen wurde der Einsatzbereich der Polarographie in der Elektrochemie wesentlich erweitert. Eine ganze Reihe von analytischen Verfahren für pharmazeutische Wirkstoffe wurde so im Laufe der Jahre entwickelt.

Biotransformation und Pharmakokinetik

Die elektrochemische Expertise wurde auch eine Basis für die vierte Dimension von Oelschlägers Forschung: die Biotransformation von Arzneimitteln. Erstmalig wurde nachgewiesen, dass die Mitochondrien der Leberzellen einen merklichen Beitrag zur Biotransformation leisten und dass nicht nur das RE-System und das Zytoplasma für den Arzneistoffmetabolismus verantwortlich sind. War dies ein frühes Ergebnis von großer Bedeutung, so konnte mit der Anfang der 60er-Jahre erfolgten Entdeckung der in der Literatur als "Frankfurt-Shift" bezeichneten Umlagerung von N-Oxiden zu Cyclolactamen ein wesentlicher Beitrag zur Aufklärung der Biotransformation von Aminen geleistet werden. Biotransformation und Pharmakokinetik stehen einander nahe und gehen ineinander über: Daher wollen wir Oelschlägers pharmakokinetische Studien ebenfalls der vierten Dimension zuordnen. Als gegen Ende der 80er-Jahre die Thematik der Chiralität von Wirkstoffen aktuell wurde, wandte Oelschläger seine besondere Aufmerksamkeit der Stereopharmakokinetik zu, also dem unterschiedlichen Verhalten von Arzneistoff-Enantiomeren im Körper. Besonders imponierend sind die Arbeiten über den Lipidsenker Ciprofibrat, dessen Enantiomere erstmals mittels präparativer Hochdruckflüssigchromatographie isoliert wurden. Durch Hydrophobisierung wurden hydrophile O-, S-, N- und C-Glucuronide als kristalline Derivate erhalten. Ein besonders komplexes Bild ergab sich auch beim Muskelrelaxans Chlormezanon.

Technologie und Biopharmazie

Das technologische Oeuvre von Oelschläger ist so breit, dass man es als fünfte Dimension seines Forschens ansprechen kann. Dazu zählen Untersuchungen zu den galenischen Formen des Fomocain, aber ebenso auch zu Retardformen von Antidepressiva und Augentropfen. Oelschläger hat stets den Arzneistoff im physiologischen Umfeld und mit allen Implikationen betrachtet. Seine Arbeiten zur In-vivo-Analytik, zur Biotransformation und zur Pharmakokinetik sind dafür ein beredter Beweis. Er ist stets als Protagonist der bewussten Integration biochemischer Aspekte in die pharmazeutische Chemie aufgetreten und hat auch durch weitsichtige Berufungspolitik daran mitgewirkt, der Molekularbiologie als Teilgebiet der pharmazeutischen Biologie eine Heimat in der Pharmazie zu geben. Als wertekonservativer Pharmazeut war er dem Neuen gegenüber stets offen, aber nicht auf Kosten des Bewährten. Für ihn ist es selbstverständlich, Techniken aus den verschiedensten Fachgebieten anzuwenden, aber stets im Bezug auf eine pharmazeutische Fragestellung. Immer noch werden von Oelschläger neue Akzente gesetzt. So beim GMP. Die Suche nach kleinsten Verunreinigungen, das "impurity profiling", ist eine Herausforderung an das analytische Können von Pharmazeuten. Die Beherrschung dieses Könnens bietet auch berufliche Möglichkeiten für Absolventen. Industrielle Pharmazie als Lehrfach zu etablieren, ist daher ein weiteres aktuelles Anliegen von Oelschläger.

Mitarbeit in den Gremien

Wie kein anderer hat Oelschläger die deutsche Pharmazie über Jahrzehnte hinweg geprägt. Sein gremiales Wirken ist überaus eindrucksvoll und stellt hier die sechste Dimension seines Wirkens dar. Es beginnt bei der Universität Frankfurt, deren Geschick er über Jahre erfolgreich mitgestaltet hat. Seine beruhigende und stabilisierende Rolle während der Studentenunruhen des Jahres 1968 und seine konstruktive Hilfe bei der Neuorientierung der Universität sei kurz erwähnt. In führender Position war er über 35Jahre lang in der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft tätig. Der Zusammenhalt zwischen dem Berufsstand und der Universität war sein unmittelbares Anliegen. Heute noch prägen die Frankfurter Hochschullehrer die Weiterbildung der Apotheker in Deutschland. Sein Sachverstand und sein breites Wissen sind stets gefragt: bei den Behörden, in der Industrie und nicht zuletzt auch bei der Bundeswehr. Bemerkenswert sind seine herakleische Arbeitskraft und die Fähigkeit des Implementierens, des Durchziehens von Projekten, so z.B. bei der Wiedereinrichtung des Pharmaziestudiums in Jena. Er hat es nicht irgendwie geschafft, sondern er hat es in einzigartiger Weise geschafft. Er hat die Pharmazie in Jena auf eine Schiene gestellt, welche für die ganze Universität zum langfristigen Segen gereichen kann: die Pharmazie im Zentrum eines dichten wissenschaftlichen und industriellen Umfeldes, nicht nur als Ausbildungsstelle sondern auch als Katalysator. Seine Auszeichnung mit dem "Großen Bundesverdienstkreuz" ist nicht zuletzt auch eine Anerkennung für diese Leistung. Die heuer erfolgte Verleihung des Jan Weber Preises der Slowakischen Pharmazeutischen Gesellschaft ist ein weiteres Symbol der langjährigen stetigen Bemühungen von Oelschläger, der Pharmazie und den Pharmazeuten hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang Hilfestellung und Anbindung an die Scientific Community zu geben. Er ist eben ein wahrer Europäer. Zahlreiche Ehrenmitgliedschaften und Ehrendoktorate reflektieren Oelschlägers internationale Anerkennung. Mehrere Berufungen, die er ablehnte, zeigen, dass er ein begehrter Hochschullehrer war.

Der siebente Himmel

Dieser Vortrag soll nicht zu Ende gehen, ohne die siebente Dimension anzusprechen. Der siebente Himmel oder das siebente Siegel zum Buch seiner schier unerschöpflichen Kraft ist Inge Oelschläger. Als Apothekerin, Ehefrau und Mutter in gleichem Maß kompetent, ist sie eine hervorragende Beraterin und wunderbare Gefährtin. Sie lässt den "Drachen" in den Himmel seiner Träume steigen und gibt ihm doch Sicherheit an der langen Leine.

Lehrer und Forscher

Oelschläger hat im Laufe seiner wissenschaftlichen Laufbahn mehr als 110 Doktoranden ausgebildet, 13 seiner Schüler sind habilitiert. Sein experimentelles Schriftenverzeichnis umfasst mehr als zweihundert Arbeiten. Er hat in den acht Jahren seit seiner Emeritierung in Frankfurt etwa 40 wissenschaftliche Arbeiten publiziert, die in bewährter Weise von hoher Qualität und aktuell sind.