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10 Jahre Apothekerverband Brandenburg: Privatisierung der Apotheken war eine Erf

POTSDAM (uk). In direkter Nachbarschaft zum Schloss Sanssouci konnte der Apothekerverband Brandenburg am 21. Oktober sein zehnjähriges Bestehen feiern. Der Festakt stand im Zeichen der Erinnerung an die Zeit nach der Wende. Durch das Engagement und die Risikofreude der brandenburgischen Apothekerschaft und die tatkräftige Hilfe aus den alten Bundesländern konnten damals alle Schwierigkeiten gemeistert werden. Festredner aus Politik und Standespolitik zogen eine durchweg positive Bilanz der vergangenen zehn Jahre, beurteilten die gegenwärtige Entwicklung im Gesundheitswesen und warfen einen Blick in die Zukunft.

Die Vorsitzende des Apothekerverbandes Brandenburg, Dr. Andrea Lorenz, begrüßte die anwesenden Gründungsmitglieder des Verbands, die zahlreichen Gäste aus der Standespolitik in Ost und West und der Gesundheitspolitik sowie die Vertreter der Krankenkassen, der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg, der Apothekenrechenzentren und des pharmazeutischen Großhandels. Ihr besonderer Dank richtete sich an jene, die den problemlosen Übergang des staatlich gelenkten Apothekenwesens hin zu privatwirtschaftlich geführten Apotheken ermöglicht haben, wie z. B. der jetzige Ehrenvorsitzende des Apothekerverbandes Brandenburg Dr. Hans Dobbert, der ABDA-Ehrenpräsident Klaus Stürzbecher und der Sprecher der ABDA-Geschäftsführung Dr. Johannes Pieck.

Bevor die 14 Apothekerinnen und Apotheker aus den damals noch bestehenden DDR- Bezirken Cottbus, Frankfurt/Oder und Potsdam am 25. September 1990 im Niederlausitzer Apothekenmuseum in Cottbus den Apothekerverband Brandenburg gründen konnten, mussten viele Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden. Der Saarländische Apothekerverein und der Apothekerverband Westfalen- Lippe leisteten in dieser Zeit uneigennützig und großzügig materielle und ideelle Hilfe.

Mut der Wendezeit wurde belohnt

Den größten Verdienst am nahezu reibungslosen Wandel in den öffentlichen Apotheken haben laut Lorenz die Kolleginnen und Kollegen, die damals den Schritt in die Selbstständigkeit wagten. Mit Engagement, Mut und Entschlossenheit übernahmen sie fast alle der bestehenden 300 staatlichen Apotheken aus dem Besitz der Treuhandanstalt und stürzten sich damit in ein großes finanzielles Risiko, obwohl viele von ihnen - so wie die Verbandsvorsitzende selbst - damals nicht mehr besaßen als "ein paar tausend Mark und einen wertvollen Trabbi". Das Risiko hat sich gelohnt. Der Apothekerverband Brandenburg zählt heute 477 Mitglieder in 466 Mitgliedsapotheken, das sind mehr als 92 Prozent der Apothekenleiter in diesem Bundesland. Die Arbeit des Verbandes war in den zurückliegenden Jahren überaus erfolgreich und die Zusammenarbeit mit der Landesapothekerkammer sehr gut. Das 1996 gemeinsam errichtete Apothekerhaus in Potsdam ist heute nicht nur Sitz der Geschäftsstellen von Kammer und Verband, sondern auch Ort der Fort- und Weiterbildung des Berufsstandes.

Gemeinsame Interessen im Gesundheitswesen

Neben den eigenen Bemühungen um sachliche Verhandlungen mit den Krankenkassen unterstützt der Apothekerverband Brandenburg gemeinsam mit den Rechenzentren seit 1997 die Ärzteschaft in ihrer Argumentation gegenüber den Kostenträgern, indem sie die arztbezogenen Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg zur Verfügung stellt.

In diesem Jahr wurden Gespräche mit der KV Brandenburg aufgenommen, die das Verständnis für die Aut-idem-Regelung verstärken sollen. Lorenz betonte, dass bei aller Auseinandersetzung und Diskussion um Kosten und Konditionen stets der Mensch, der Kranke, der Patient, der Versicherte gesehen werden sollte.

Die Schlüsselqualifikationen des Apothekers - hohes Fachwissen und Kommunikationsfähigkeit - werden jetzt im gesamten Gesundheitswesen eingefordert, wie die Diskussion über die bessere Vernetzung der Behandlungsabläufe zeigt. Die Offizinapotheke wird sich diesen Herausforderungen stellen müssen. "Gesetzgeber, Bundesregierung und Apothekerschaft wollen im Prinzip das Gleiche: Verbraucher- und Gesundheitsschutz in einem Gesundheitswesen, das auch morgen noch bezahlbar ist", so die Vorsitzende des Apothekenverbandes Brandenburg.

Unter sich verändernden Rahmenbedingungen muss die Gesundheitspolitik ebenso wie die apothekerliche Interessenvertretung beweglich sein und Zukunftsvisionen entwickeln, sich "ohne Scheuklappen" den Herausforderungen stellen. Dass die Apothekerinnen und Apotheker in Brandenburg dazu in der Lage sind, haben sie laut Lorenz in den zurückliegenden zehn Jahren eindeutig unter Beweis gestellt.

Nur positive Erinnerungen an Privatisierung der Apotheken

Der Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen des Landes Brandenburg, Herwig Schirmer, überbrachte die Grüße der Landesregierung und des Ministeriums und bedankte sich für die bisherige gute Zusammenarbeit. Als damaliger Geschäftsführer der AOK Berlin habe er die tiefe Zäsur, die die Wende für das gesamte Gesundheitswesen bedeutete, selbst erfahren. Der Übergang zur Privatwirtschaft im Apothekenwesen ohne eine Unterbrechung in der Arzneimittelversorgung spreche für die hervorragende Arbeit der Akteure. Der Begriff "Privatisierung im Apothekenwesen" löse bei ihm im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen nur positive Erinnerungen aus. "Wäre die Privatisierung in allen Bereichen so reibungslos verlaufen, hätten wir heute deutlich weniger Probleme", betonte Schirmer.

Die 525 Apotheken in Brandenburg mit ihren ca. 3800 Mitarbeitern stellen einen wichtigen Arbeitgeber dar. Es ist nach Schirmers Worten im Interesse der Landespolitik, die Berufsbilder in der Apotheke weiter auszugestalten, um eine Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte aus Brandenburg zu verhindern. In diesem Zusammenhang äußerte sich der Staatssekretär zustimmend zur Einführung eines Qualitätsmanagementsystems (QMS) in den öffentlichen Apotheken. QMS habe nichts mit den "vorab gezeichneten Schreckensbildern" gemein, sondern demonstriere die Anpassungs- und Zukunftsfähigkeit der Apothekerschaft.

In Zeiten des "Ressort-Egoismus" ist laut Schirmer das Verhältnis zwischen Arzt und Apotheker entscheidend für ein funktionierendes Gesundheitswesen. Für den Arzt sei der Apotheker ein unverzichtbarer Partner, den er niemals ersetzen könne.

Zur Frage alternativer Vertriebswege für Arzneimittel empfahl Schirmer, das Internet als modernes Hilfsmittel und nicht als "gesellschaftspolitische Ersatzreligion" zu betrachten. Die Kommunikation und der persönliche Kontakt seien gerade im Gesundheitswesen weitaus wichtiger als die virtuelle Computerwelt. Ein Direktvertrieb potenziell gefährlicher Stoffe wie Arzneimittel müsse in Europa unbedingt unterbunden werden. Auf gar keinen Fall dürfe man die Entwicklung einfach so laufen lassen. Schließlich habe man die Arzneimittelabgabe aus wohlerwogenen Gründen den Apothekern übertragen.

Turbulenzen auch im Westen

In dieser Frage stimmte Hermann S. Keller, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), uneingeschränkt mit seinem Vorredner überein. Ob sein Wunsch - der Staatssekretär möge doch die nicht weit entfernt wohnende Gesundheitsministerin von seinen Argumenten überzeugen - erfüllt werden wird, bleibt allerdings fraglich.

Keller erinnerte daran, in welche gesundheitspolitisch turbulente Zeit in den alten Bundesländern die deutsche Wiedervereinigung fiel. So mussten sich ABDA, Bundesapothekerkammer (BAK) und DAV 1989 gerade mit den Auswirkungen des Gesundheitsreformgesetzes (GRG) des damaligen Gesundheitsministers Blüm auseinandersetzen, als die Einigungsgespräche begannen. Nicht nur im Osten gab es Politiker, die Teile des staatlichen Gesundheitswesens der DDR erhalten wollten, auch im Westen wurden in dieser Zeit Systemveränderungen gefordert. Neben seiner Unterstützung für die Apothekerschaft der neuen Bundesländer sah sich der DAV gezwungen, "dirigistische Maßnahmen auf Wunsch einiger Systemveränderer in den alten Bundesländern abzuwehren".

Ein besonders kritischer Punkt war der kurzfristig in den Einigungsvertrag aufgenommene Passus, der die pharmazeutischen Hersteller zu einem 55-prozentigen Preisabschlag bei Lieferung in die neuen Bundesländer verpflichtete. Dieser war betriebswirtschaftlich nicht durchzuhalten und führte zu einem Kollaps der Arzneimittelversorgung. Bereits nach drei Tagen wurde er wieder abgeschafft. Es folgte die Zeit des 22-prozentigen Preisabschlags und der Saldoregelung für Arzneimittel in den neuen Bundesländern.

Nachdem der DAV nachweisen konnte, dass der Defizitdeckungsbeitrag erreicht und sogar ein Überschuss erzielt worden war, hob das Bundesgesundheitsministerium unter Horst Seehofer den Sonderabschlag Ost zum 1. Juli 1993 auf. Die bundeseinheitliche Preisbildung für Arzneimittel war erreicht.

Keller dankte den Apothekerinnen und Apothekern für ihr Vertrauen und ihren Mut, sich in dieser Phase "ohne Netz und doppelten Boden" auf die Regelungen eingelassen zu haben. Neben der tatkräftigen Unterstützung durch Apothekerverbände der alten Bundesländer und Tätigkeit von ABDA, BAK und DAV, sei es vor allem dem Engagement der ostdeutschen Apothekerinnen und Apotheker zu verdanken, dass sich die Einheit im Apothekenbereich nahezu geräuschlos vollzogen habe.

Das traditionell gute Verhältnis zwischen Ärzten und Apothekern in den neuen Bundesländern, müsse auch im alten Bundesgebiet gepflegt und ausgebaut werden, betonte der DAV-Vorsitzende abschließend.

Rückblick gibt Kraft für die Zukunft

Dr. Hans Dobbert, Vorsitzender des Apothekerverbandes Brandenburg von 1990 bis 1999 und jetziger Ehrenvorsitzender, stellte seine Festrede ganz unter das Motto der Veranstaltung: "Zukunft braucht Erinnerung". Wer denkt heute noch an die Schwierigkeiten nach der Wende, als es kaum Telefonanschlüsse gab und die Reise von Frankfurt/Oder nach Frankfurt/Main zu einer Vorstandsbesprechung von ABDA und DAV drei Tage in Anspruch nahm? Ohne die Unterstützung der Apothekerverbände des Saarlandes und Nordrhein-Westfalens wäre die Arbeit in der Gründungsphase des Verbands kaum möglich gewesen. Die auf dem Düsseldorfer Apothekertag 1990 geschlossene Partnerschaft zwischen Brandenburg und Nordrhein-Westfalen gestaltete sich sehr produktiv. So übernahm die Geschäftsstelle Westfalen-Lippe einen Großteil der Büroarbeiten in dieser Zeit.

Als Gründungsvorsitzender erinnerte Dobbert auch an die vielen Besuche beim pharmazeutischen Großhandel, in Apothekenrechenzentren und Anwaltskanzleien in den alten Bundesländern, die der Gründung des Apothekerverbandes Brandenburg vorangingen.

Für die Zukunft wünschte der Ehrenvorsitzende dem jetzigen Vorstand eine glückliche Hand. Da unsere Gesellschaft, nach Dobberts Worten, einer Zeit zutreibt, die zwar von allem den Preis, aber von nichts mehr den Wert kennt, sollten sich die Apothekerinnen und Apotheker immer an die Eigenschaften erinnern, die sie in den vergangenen zehn Jahren vorangebracht haben. Dazu zählen ihre Glaubwürdigkeit, Effizienz, Verlässlichkeit und Kompetenz.

Am 21. Oktober konnte der Apothekerverband Brandenburg sein zehnjähriges Bestehen feiern. Der Festakt stand im Zeichen der Erinnerung an die Zeit nach der Wende. Festredner aus Politik und Standespolitik zogen eine durchweg positive Bilanz der vergangenen zehn Jahre, beurteilten die gegenwärtige Entwicklung im Gesundheitswesen und warfen einen Blick in die Zukunft. 

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