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Medizin und Mobilität: Bessere Vorbereitung auf Fernreisen erforderlich

BERLIN (ko). Menschen jeden Alters werden immer mobiler. Fernreisen mit dem Flugzeug - sei es als Geschäfts- oder Urlaubsreisen - nehmen jährlich um etwa 5% zu. Das Flugzeug ist zu einem selbstverständlichen Transportmittel geworden. Dennoch gibt es im Zusammenhang mit Fernreisen zahlreiche, die Gesundheit der Menschen betreffende Fragen. Bei dem vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin organisierten Kongress "Medizin und Mobilität" trafen Spezialisten unterschiedlichster Fachdisziplinen zum Informationsaustausch zusammen, um zu diskutieren, wie sich die Medizin um den Menschen unterwegs kümmern muss, und wie er auf seine Fernreise vorbereitet werden kann, um wieder gesund nach Hause zu kommen.

Bei einer Reise verlegt der Mensch seinen Lebensmittelpunkt für einen kürzeren oder längeren Zeitraum in einen anderen Teil der Welt. Die extremste Form der Reise ist der Weltraumflug. Ein wesentliches psychisches Problem der Astronauten ist die Isolation und die Vereinsamung. Daneben treten auch massive körperliche Probleme auf.

Die Schwerelosigkeit bewirkt eine extreme Verlagerung von Körperflüssigkeit aus den unteren Extremitäten in das Gesicht. Die Knochen- und die Muskelmasse nehmen rapide ab. Beide Phänomene sind allerdings reversibel. Je länger ein Weltraumflug andauert, desto intensiver machen sich diese Veränderungen bemerkbar und desto länger ist die Rückbildungsdauer. Die amerikanische Weltraumbehörde NASA hat vor kurzem entschieden, bis 2020 einen bemannten Flug zum Mars durchzuführen.

Jet-Lag, was ist zu tun?

Jet-Lag ist nach der Definition des leitenden Arztes der Deutschen Lufthansa AG, Dr. med. Lutz Berlau, die Summe der Befindlichkeitsstörungen, die durch Änderungen des zirkadianen Rhythmus verursacht werden. Beim Überfliegen von mehr als zwei Zeitzonen wird der Reisende zur Unzeit hungrig und müde. Je mehr Zeitzonen überflogen werden desto stärker machen sich die Störungen bemerkbar. Der Schlaf und Wachrhythmus benötigt pro zwei Stunden Zeitverschiebung 24 Stunden zur Anpassung. Bei einer zehnstündigen Zeitverschiebung sind noch nach drei Wochen Änderungen der Feinregulation der Hormonspiegel nachweisbar.

Die beste Methode, den Jet-Lag zu überwinden, ist die schnelle Anpassung an den Zeitrhythmus im Zielgebiet. Fliegt eine Person von Deutschland nach Kalifornien und kommt dort mittags Ortzeit an, ist es für den Körper normalerweise Zeit, schlafen zu gehen. Dies sollte auf keinen Fall getan werden. Man sollte sich bis in den Abend hinein wach halten, um den Körper schnell an den neuen Tag- und Nachtrhythmus zu adaptieren.

Hilfreich ist der Aufenthalt in der Sonne. Der Körper wird getäuscht, dass es Tag ist, und gleichzeitig wird Melatonin produziert, das im wachen Körperzustand gebildet wird. Die Einnahme von Arzneimitteln, auch von Melatonin, bewirkt keine schnellere Anpassung an den neuen Lebensrhythmus. Auch vor der Einnahme von Schlaftabletten warnte Bergau. Vor allem bei gleichzeitiger Zufuhr von Alkohol kann es zu gefährlichen Situationen kommen: "Dem Körper muss die Zeit zur Anpassung gegeben werden."

Beratung vor Auslandsreisen

Der Ferneisende begibt sich häufig in ferne Länder ohne ausreichende Information und Vorbereitung. Prophylaxemaßnahmen werden nicht oder nur unvollständig durchgeführt. Auf eventuelle Unfälle sind die meisten Reisenden nicht genügend vorbereitet. In diese Lücke will der Deutsche Fachverband Reisemedizin e. V., die Interessenvertretung reisemedizinisch tätiger Arzte, stoßen. Nach Einschätzung dieses Vereins benötigt der Reisemediziner als fachliche Grundlage Kenntnisse über relevante Reiserisiken, regionale Gegebenheiten und aktuelle Prophylaxe und Behandlungsmöglichkeiten. Der Fachverband Reisemedizin hat eine umfassende fundierte Beschreibung der erforderlichen wissenschaftlichen und praktischen Weiterbildungsinhalte in Angriff genommen. Diese orientieren sich an dem Beratungs- und Betreuungsbedarf aller Reisenden. Im Rahmen einer praktischen und theoretischen. Weiterbildung von 120 Stunden soll die Zusatzbezeichnung "Reisemedizin und Touristikmedizin" erworben werden können.

Reisemedizinische Beratung in der ärztlichen Praxis

Eine Erhebung von E. Kröger, B. Pfeiffer und I. Bergmann, Düsseldorf, bei 605 niedergelassenen Ärzten, die in ihren Praxen reisemedizinische Beratung durchführen, ergab als Gründe für diese Tätigkeit fachliches Interesse der Ärzte sowie Service für die Stammpatienten anzubieten. Bei der Hälfte der Befragten stand der Wunsch nach Verbesserung der privatärztlichen Einkünfte im Vordergrund. Fast 50 % der Praxen führten etwa zehn derartige Beratungen pro Monat durch. Mehr als 90 % der Praxen beraten auf der Grundlage des vom Centrum für Reisemedizin Düsseldorf(CRM) herausgegebenen Handbuchs zur reisemedizinischen Beratung und des Informationsdienstes "Reisemedizin aktuell". Dagegen werden lediglich in 7 % der Praxen moderne Medien wie Internet und Faxabruf genutzt. Allerdings mussten die Autoren eingestehen, dass der Wissensstand der deutschen Ärzteschaft in Infektions- und Tropenmedizin als Basis für reisemedizinische Beratung defizitär ist.

Die gegenüber anderen Industrieländern hohe Zahl an Malariatodesfällen in Deutschland belege dies eindringlich. Daher müssen sich sowohl Ärzte in der Praxis als auch in der Klinik mehr Kenntnisse auf diesem Gebiet aneignen.

Beratung in der Apotheke

Nach Auffassung von Dr. med. Raymund Lösch, Kirchdorf an der Amper, ist die Reise- und Impfberatung in der Apotheke ein "Werbegag". Das Apothekenpersonal sei nicht einschlägig ausgebildet, um eine qualitativ ausreichende Beratung durchzuführen. Selbstverständlich gebe es Ausnahmen. Die in Apotheken genutzten EDV-Programme werden einmal monatlich aktualisiert. Dies reiche aber nicht aus, um korrekt bei kurzfristig in einem Reisegebiet auftretenden Epidemien beraten zu können. Ferner dienen die verwendeten Programme primär dem Abverkauf von Arzneimitteln. Er könne sich ein Miteinander von Arzt und Apotheker vorstellen, wenn die Beratung in der Apotheke zu einer Überweisung an den Tropenmediziner führen würde.

Gesundheitliche Risiken einer Flugreise

Die Mehrzahl der Flugreisenden fliegt in der so genannten Holzklasse. Die lange Zeit des Sitzens und die dort herrschende Enge könne zum "Economy-Class-Syndrom" führen. Durch den Flug in 10 000 Meter sinkt in der Kabine die Luftfeuchtigkeit auf 20 % des Normalwertes, der Luftdruck entspricht dem in etwa 2000 Meter Höhe. Während eines zehnstündigen Fluges verlieren die Passagiere mehrere 100 ml Flüssigkeit, die unbedingt ersetzt werden müssen. Flüssigkeitsverluste führen nicht nur zum Austrocknen der Mund- und Nasenschleimhäute, sondern erhöhen auch das Risiko thromboembolischer Zwischenfälle. Ein spezieller Problemfall sind inkontinente Reisende, die bereits vor dem Flug wenig Flüssigkeit zu sich nehmen, um während des Fluges der Inkontinenz entgegen zu wirken. Auch bei diesen, zumeist älteren Passagieren, ist auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten, um ein "Austrocknen" zu vermeiden.

Bei bekanntem Thromboserisiko soll den Reisenden empfohlen werden, als einfachste Maßnahme Thrombosestrümpfe währen des Fluges zu tragen. Die Gabe niedermolekularer Heparine kann ebenfalls empfohlen werden. Es ist jedes in Deutschland zugelassenes Präparat geeignet. Die Applikation sollte vor Reiseantritt und dann erneut am Tag nach dem Flug erfolgen. Acetylsalicylsäure und ähnliche gerinnungshemmende Substanzen sind nicht geeignet. Als einfachste Maßnahme zur Thromboseprophylaxe dient die Aktivierung der Muskelpumpe, die im Sitzen mehrmals durchgeführt werden kann bzw. durch häufiges Aufstehen erfolgt.

Frauen und Flugreisen

Die Anpassung der Einnahme eines Ovulationshemmers während einer Fernreise ist abhängig von der Art des jeweiligen Präparates. Wird ein Estrogen-Gestagen-Präparat eingenommen, werden bis zu 12 Stunden Überschreitung des normalen Einnahmezeitraumes toleriert, wenn der Ovulationshemmer anschließend regelmäßig weiter eingenommen wird. Bei der Einnahme eines reinen Gestagenpräparates (Minipille) sollte bei einer bis zu erwartenden mehr als dreistündigen Überschreitung des normalen Einnahmezeitraumes 12 Stunden nach der Einnahme eine Zwischeneinnahme erfolgen. Die weiteren Einnahmen erfolgen dann jeweils wie zu Hause zur entsprechenden Lokalzeit (morgens oder abends). Bis zu welchem Zeitpunkt einer Schwangerschaft eine Flugreise durchgeführt werden darf, hängt von der jeweiligen persönlichen Situation, sowie von den Regularien der einzelnen Fluglinien ab. Die kosmische Strahlung während eines Polarfluges ist so gering, dass sie keine Auswirkungen auf den Fötus hat. Auch die durch die Reduzierung des Luftdruckes in der Kabine bedingte geringere Sauerstoffversorgung hat außer bei Erkrankungen, die den Sauerstofftransport beeinflussen, keinen Einfluss auf eine Schwangerschaft. Die Schwangerschaft bringt kein erhöhtes Infektionsrisiko für die werdende Mutter. Eine Reise in Länder mit geringen Hygienestandards birgt dagegen ein hohes Infektionsrisiko für die Schwangere und das ungeborene Kind. Von einer Reise in derartige Länder ist Schwangeren dringend abzuraten. Sollte eine Reise allerdings unaufschiebbar sein, empfiehlt sich, diese im 5. bis 7. Schwangerschaftsmonat durchzuführen. In dieser Zeit ist die Wahrscheinlichkeit einer Frühgeburt oder eines Abortes am geringsten. Die Schwangere muss auf die Reise einen ausführlichen Arztbrief in der jeweiligen Landessprache mitnehmen. Ferner sollte sie die Anschrift eines Gynäkologen und einer Hebamme am Zielort kennen. Zur Erhöhung der Sicherheit während des Fluges sollte sich die Schwangere in den mittleren Teil des Flugzeuges setzen. Dort wirken sich Turbulenzen am wenigsten aus. Plätze am Gang und dem Notausgang bieten mehr Platz, so dass sie bevorzugt werden sollten.

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