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Bald neues Aktions-Sparprogramm bei Arzneien

BONN (im). Die Ärzte wollen im Herbst erneut die Sparbremse bei Arzneimitteln treten. Eine Neuauflage des "Aktionsprogramms" wird derzeit bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vorbereitet, bestätigte eine Sprecherin der KBV in Köln auf Anfrage. Insgesamt fühlen sich die niedergelassenen Mediziner mit dem Problem der gesetzlichen Arzneimittelbudgets allein gelassen. Sie werfen der Politik und den gesetzlichen Krankenkassen in diesem Zusammenhang "Versäumnisse" vor.

Sollte es ein neues Sparprogramm bei Arzneiverordnungen in diesem Herbst geben, sollen die Krankenkassen beteiligt werden, heißt es bei der KBV, die die 110 000 niedergelassenen Ärzte in Deutschland vertritt. Dabei werden die Empfehlungen zu noch mehr Generikaverschreibungen und noch stärkerem Verzicht bei so genannten umstrittenen Präparaten voraussichtlich enthalten sein. Für den 11. September ist ein Treffen von Ärzten und Krankenkassen anberaumt.

Daten fehlen

Dringend fordern die Ärzte von den Krankenkassen zeitnahe Verordnungsdaten. Ohne diese Steuerungsinstrumente und ohne Informationsmöglichkeiten wie durch die "stringenten" Arzneimittelrichtlinien, die gerichtlich angehalten wurden, sollten die Ärzte die Budgetsteuerung allein bewerkstelligen, zugleich gestatte man jedoch der Industrie, "ihre Präparate hochpreisig im Markt zu platzieren". Das kritisiert Dr. Jürgen Bausch, Vorstandsmitglied der KBV und deren Arzneiexperte. Der Kinderarzt, der auch Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen ist, hat vor kurzem eine Studie über den Budgetverlauf 1999 basierend auf Zahlen von IMS Health vorgelegt, aus der die Rationierung bereits sichtbar werde.

Fragwürdige Budgets

Die Budgets provozierten Ausweichreaktionen der Ärzte. Zum Jahresende 1999 habe es einen scharfen Knick bei den Verordnungen gegeben, um anschließend im Januar 2000 - teils überproportional - wieder hochzuschnellen. "Man rationiert in den letzten zwei Monaten und streckt die Verordnungen notwendiger Arzneimittel mit Hilfe von Kleinpackungen, um über die Budgetphase zu kommen. In dem einen oder anderen Fall dürfte das eine oder andere Präparat auch privat verordnet worden sein", beschreibt Bausch das Verhalten seiner Kollegen.

Fakten nicht beachtet

Der KBV-Arzneiexperte kritisiert darüber hinaus die fehlende Anpassung des Finanzrahmens an morbiditätsbedingte Fakten. So zeigten sich beispielsweise bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen und beim Diabetes deutliche Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern. Es gebe keinen Zweifel, dass die Herz-Kreislauf- und Zuckerkrankheit-Morbidität im Osten höher als im Westen sei, was die Krankenkassen jedoch ignorierten.

Teure Spezialpräparate

"Absolut budgetrelevant" ist für den Kinderarzt die Konzentration mit Spezialpräparaten in bestimmten KVen. So werden seinen Angaben zufolge besonders viele Krebs- oder HIV-Patienten aufwendig in Schwerpunktpraxen in Hamburg, Berlin und Bremen behandelt. Die Kosten dafür müssten bei den Verhandlungen um das jeweilige regionale Budget berücksichtigt werden.

Innovation und Distribution

Hohe Kosten sieht Bausch darüber hinaus durch Innovationen auf die Krankenkassen zukommen. Hier nannte er das Beispiel der modernen monoklonalen Antikörper vom Typ der Tumornekrosefaktorinhibitoren mit Jahrestherapiekosten von bis zu 40 000 Mark pro Patient. Der Markt der wirksamen, aber hochpreisigen Spezialpräparate explodiere. In diesem Sektor hält er die Diskussion über die Distributionskosten für notwendig, ohne jedoch Details anzugeben.

Insgesamt hätten die Ärzte ihre Hausaufgaben gemacht. Dies zeigten die "dramatisch" rückläufigen Verordnungen so genannter umstrittener Präparate auf zuletzt 3,80 Mark pro Versicherten im vierten Quartal 1999. In einem Kraftakt hätten die Ärzte die Verschreibungen in diesem Sektor in den vergangenen fünf Jahren gedrückt. Wer noch mehr wolle, müsse diese Präparate auf die Negativliste setzen und sie von der Verordnungsfähigkeit ausschließen.

Ausgepresste Zitrone

Für weitgehend ausgepresst hält Bausch neben den so genannten umstrittenen Präparaten den Generikasektor. Kontinuierlich sei der Nachahmeranteil am Markt der gesetzlichen Krankenversicherung (West) auf 55,3 Prozent gestiegen. Weltweit stünden die deutschen Ärzte damit an der Spitze. Allerdings moniert der hessische KV-Chef die im Vergleich zu "anderen Märkten" höheren Generikapreise in unserem Land und die fehlende rechtlich unanfechtbare Festbetragsregelung.

Deutlich bekommen die Kliniker ihr Fett weg. Sie hätten bei ihren Entlassungsempfehlungen wohl noch nie etwas von Generika gehört, kritisiert Bausch die Krankenhausärzte. Bekanntlich geben Krankenhausärzte den Patienten Empfehlungen zur ambulanten Weiterbehandlung mit.

Echte Rationierung zeigt er an ausgewählten Beispielen wie neben Antipsychotika am Einsatz moderner Anti-Alzheimer-Medikamente vom Typ der Cholinesterasehemmer. Unter Budgetdruck verordneten die Ärzte "ausgesprochen verhalten".

Die Ärzte wollen im Herbst erneut die Sparbremse bei Arzneimitteln treten. Eine Neuauflage des "Aktionsprogramms wird derzeit bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vorbereitet, bestätigte eine Sprecherin der KBV in Köln auf Anfrage. Insgesamt fühlen sich die niedergelassenen Mediziner mit dem Problem der gesetzlichen Arzneimittelbudgets allein gelassen. Sie werfen der Politik und den gesetzlichen Krankenkassen in diesem Zusammenhang "Versäumnisse" vor. 

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