Arzneimittel und Therapie

Britische Ärzte-Studie: Rauchen schützt nicht vor Demenz

In einer großen britischen Studie mit über 30000 Ärzten wurde untersucht, ob Rauchen das Demenzerkrankungsrisiko beeinflusst. Weder erhöhte noch senkte langjähriges Rauchen das altersspezifische Erkrankungsrisiko für die Alzheimer-Demenz und Demenzen im Allgemeinen.

Schützt Rauchen vor Demenzerkrankungen? Oder verursacht Rauchen Demenzen? Im vergangenen Jahrzehnt gab es widersprüchliche Studienergebnisse zum Zusammenhang zwischen Rauchverhalten und Demenzrisiko. Anfang der 90er-Jahre wiesen einzelne Fall-Kontroll- und Familienstudien auf einen möglichen Schutzeffekt des Rauchens vor Demenzerkrankungen hin. Diese Ergebnisse wurden in den Medien hochgespielt. Einige Wissenschaftler gingen so weit zu behaupten, sie würden darüber nachdenken, mit dem Rauchen anzufangen, wenn in ihrer Familie Demenzerkrankungen vorkämen.

Nicotin als cholinerger Agonist

Eine schützende Wirkung des Rauchens vor einer Alzheimer-Demenz wäre sogar biologisch plausibel: Die Alzheimer-Erkrankung beeinträchtigt Neurotransmitter-Systeme, insbesondere die cholinerge Erregungsübertragung. Nicotin ist ein cholinerger Agonist. Seine Wirkungen auf Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Reaktionszeit wurden bei gesunden Probanden bereits untersucht. Die Nicotin-Wirkungen auf das Gehirn scheinen jedoch kurzfristiger Natur zu sein. Andererseits spricht das erhöhte Gefäßerkrankungs-Risiko von Rauchern eher für eine risikoerhöhende als für eine schützende Wirkung des Rauchens im Hinblick auf vaskulär bedingte Demenzen.

Schutzwirkung in Studien ein Artefakt?

Die in den retrospektiv durchgeführten Studien ermittelte Schutzwirkung war möglicherweise ein Artefakt, denn:

  • An Fall-Kontroll-Studien nehmen ja nur Lebende teil. Raucher sterben aber früher als Nichtraucher. Dies könnte den höheren Anteil der Nichtraucher bei den Demenzkranken erklären.
  • Bei der Diagnose Alzheimer wurden Patienten mit Gefäßerkrankungen von vornherein ausgeschlossen. Auch das erklärt, warum Nichtraucher überrepräsentiert sein konnten.
  • Von acht prospektiv durchgeführten Studien berücksichtigen nur drei den Einfluss von Alter, Geschlecht und Bildung auf den Zusammenhang zwischen Rauchen und Demenz angemessen. Alle drei erfassten Männer und Frauen über einen relativ kurzen Zeitraum (zwei bis drei Jahre): eine Bostoner Studie mit 1649 Senioren, eine schwedische Studie mit 343 Erwachsenen, eine Kombination aus vier europäischen Studien (in Dänemark, Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien) mit 12934 Erwachsenen.

Während die beiden kleineren Studien keinen Zusammenhang zwischen dem Rauchverhalten und dem Demenzrisiko ermitteln konnten, ergab die große Studie ein erhöhtes Risiko von Rauchern für eine Alzheimer-Demenz.

Neue Untersuchung

Jetzt wurde im Rahmen einer seit 1951 laufenden Prospektivstudie an männlichen britischen Ärzten der Zusammenhang zwischen Rauchen und Demenz erneut untersucht. An dieser Studie beteiligten sich 34439 britische Ärzte. Sie beantworteten zu Beginn und alle sechs bis zwölf Jahre einen Fragebogen zum Rauchverhalten. Bis Ende 1998 waren 24133 der Ärzte verstorben. In 483 Sterbeurkunden wurde eine Demenzerkrankung erwähnt. 473 Fälle waren auswertbar. Die Patienten waren durchschnittlich im Alter von 81 Jahren gestorben. In 269 Fällen wurde die Demenz als Todesursache genannt, in 204 Fällen als zusätzliche Erkrankung. Die meisten dieser Patienten (n = 370) hatten laut Sterbeurkunde an Alzheimer-Erkrankung (20%) oder wahrscheinlicher Alzheimer-Erkrankung (58%) gelitten. Nur 21% (n = 97) hatten eine vaskulär bedingte Demenz gehabt. Um einen Einfluss der Demenz auf das Rauchverhalten auszuschließen, wurde nur das mehr als zehn Jahre vor dem Tod erfragte Rauchverhalten zugrunde gelegt. Die Demenzhäufigkeit bei lebenslangen Rauchern wurde mit der von lebenslangen Nichtrauchern oder Exrauchern verglichen. Die Exraucher hatten das Rauchen im Durchschnitt bereits 34 Jahre vor ihrem Tod aufgegeben. Jeder verstorbene Demenzpatient wurde mit vier zum Befragungszeitpunkt gleichaltrigen Kontrollen auf das (vor mehr als zehn Jahren erfragte) Rauchverhalten verglichen.

Kein signifikanter Zusammenhang

Die Studie ergab keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Rauchen und Alzheimer-Demenz. Das relative Risiko eines Rauchers, an Alzheimer zu erkranken, betrug 0,99. Auch zwischen Rauchen und anderen Demenzerkrankungen bestand kein signifikanter Zusammenhang. Das relative Risiko eines Rauchers, an Nicht-Alzheimer-Demenzen zu erkranken, lag bei 0,86. Für alle Demenzerkrankungen betrug das relative Risiko eines Rauchers 0,96. Dieser Studie zufolge beeinflusst langjähriges Rauchen die altersspezifische Erkrankungsrate an Demenzen nicht. Das gilt sowohl für die Alzheimer-Demenz als auch für Demenzen allgemein.

In einer großen britischen Studie mit über 30 000 Ärzten wurde untersucht, ob Rauchen das Demenz-Erkrankungsrisiko beeinflusst. Weder erhöhte noch senkte langjähriges Rauchen das altersspezifische Erkrankungsrisiko für Alzheimer-Demenz und Demenzen im Allgemeinen.

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