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Was ist ein "rationales" Phytopharmakon?

BAD NEUENAHR-AHRWEILER (hb). Der Markt pflanzlicher Arzneimittel steht seit einigen Jahren vor einer Zerreißprobe. Hardliner wollen nur noch die "rationalen" Phytopharmaka mit Wirksamkeitsnachweis als Arzneimittel akzeptieren. Andere kämpfen für den Fortbestand und die wissenschaftliche Anerkennung auch altbewährter Präparate mit zum Teil milder Wirksamkeit. Das dritte Fachsymposium des Extraktherstellers Finzelberg am 18./19. Mai 2000 in Bad Neuenahr-Ahrweiler war dieser Thematik gewidmet. Beleuchtet wurde auch die Sinnhaftigkeit von Phytopharmaka als Nahrungsergänzungsmittel.

Marktentwicklung: starker Zuwachs bei Harpagophytum

Anhand der Absatzentwicklung von Finzelberg machte Geschäftsführer Christian Krementz deutlich, wie sich der Phytopharmaka-Markt in den letzten Jahren entwickelt hat und welche Arzneipflanzen die "Renner" sind. Gegenüber dem Vergleichsjahr 1996 (=100) habe Harpagophytum mit Abstand den stärksten Zuwachs (568) verzeichnet, in einigem Abstand gefolgt von Hypericum (222), Kava (208) und Ginseng (200). Bei den Rohstoffquellen gehe der Trend immer mehr hin zum Anbau.

Während unter den zwölf wichtigsten Extraktgruppen Sabal, Crataegus, Harpagophytum und Brennesselwurzel noch ausschließlich aus Wildsammlungen stammen, werden Johanniskraut, Baldrian, Ginseng, Kava, Cynara, Senna, Knoblauch, Brennessel und Kürbis bereits zu 100% angebaut. Über 65% der verkauften Extrakte, berichtete Krementz, würden insgesamt aus Anbaudroge hergestellt.

Nach der letzten Ausgabe des Arzneiverordnungsreports hätten die Antitussiva unter den zu Lasten der GKV verordneten pflanzlichen Arzneimittel den ersten Rang eingenommen (nach Anzahl der Verordnungen). An zweiter Stelle mit weitem Abstand fänden sich die Psychopharmaka, in etwa auf gleicher Stufe mit den Antidementiva.

Phytos zahlen die Patienten häufig selbst

ABDA-Geschäftsführer Prof. Dr. R. Braun, Eschborn, zeigte sich zufrieden mit der Weiterentwicklung des Marktes pflanzlicher Arzneimittel in den letzten Jahren. Als besonders erfreulich hob er hervor, dass viele Hersteller die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Aufbereitung in ihren Präparaten umgesetzt hätten. Vor diesem Hintergrund wehrte sich Braun auch gegen die zum Teil pauschale Abqualifizierung ganzer Indikationsgruppen im Arzneiverordnungsreport.

Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien für Neuentwicklungen seien hierbei offensichtlich unberücksichtigt geblieben. Dass der Umfang der Kassenerstattung bei pflanzlichen Arzneimitteln insgesamt immer mehr abnimmt, führte er darauf zurück, dass sich unter den etwa 15% des GKV-Gesamtumsatzes, die wegen der erhöhten Zuzahlung nicht mehr zu Lasten der GKV gingen, in großem Umfang pflanzliche Arzneimittel befinden.

Auch bewährte Gesamtextrakte sollten "rational" sein

Den Begriff der "rationalen" Phytotherapie umriss Dr. Frauke Gaedcke, Andernach. Hierunter würden gemeinhin diejenigen Präparate verstanden, deren Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit im Zulassungs- oder Nachzulassungsverfahren nachgewiesen worden sei. Ihre Zukunft werde heute oft in den sog. Spezialextrakten gesehen, die zwischen Gesamtextrakten und isolierten Einzelstoffen anzusiedeln seien.

Die "klassische" Phytotherapie basiere demgegenüber auf Gesamtextrakten, die die stoffliche Ganzheit der Droge in ihrem natürlichen Verhältnis repräsentierten. Diese haben aus Gaedckes Sicht in gleicher Weise ihre Berechtigung in der "rationalen" Phytotherapie (siehe nebenstehenden Kasten). Gelänge es nicht, sie dort zu positionieren, so könne der zunehmende Kostendruck die Hersteller zwingen, ihre Produkte im "Graubereich der Nahrungsergänzungen" unterzubringen.

Arzneimittelstatus erhalten

Gaedcke forderte die Hersteller pflanzlicher Arzneimittel vor diesem Hintergrund zur Bündelung ihrer Ressourcen auf dem Gebiet der pharmakologisch-toxikologischen und der klinischen Forschung auf, um deren Arzneimittelcharakter zu erhalten. Gemeinsames Ziel müsse es im übrigen sein, den Vorsprung, den Deutschland in der Phytotherapie heute weltweit habe, nicht zu verlieren. Unterstützt wurde sie in diesem Anliegen von Prof. Dr. F. H. Kemper, Münster. Auch er plädierte nachdrücklich dafür, dass Phytopharmaka, die in der EU derzeit noch unterschiedlich eingestuft werden, ihren Arzneimittelstatus beibehalten. Als wichtige Voraussetzungen hierfür führte er klare Definitionen und den Nachweis der Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit an.

Patienten wissen nicht, was ein "rationales" Phytopharmakon ist

Die Vorstellungen von Ärzten und Patienten im Hinblick auf den Begriff "rationale" Phytotherapie beleuchtete Priv.-Doz. Dr. K Kraft, Bonn. Patienten sähen ein Arzneimittel normalerweise als "rational" an, wenn es keine Nebenwirkungen und ein gutes Preis-Leistungsverhältnis haben. Sie störten sich in der Regel weder an unscharfen Indikationsformulierungen bei traditionellen Arzneimitteln, noch fänden sie etwas dabei, die empfohlene Dosis eines Arzneimittels oder einer Nahrungsergänzung nach eigenem Regime zu reduzieren. Etwas Besonderes könne ein Patient bei einem "rationalen" Phytopharmakon wohl nicht erkennen.

Ärzte stellen sich unter "rational" etwas anderes vor

Ärzte hielten demgegenüber ohnehin die gesamte Phytotherapie unbewusst häufig für "irrational", weshalb der Begriff "rational" sie in diesem Zusammenhang wohl eher irritiere. Da Hausärzte gerade bei chronischen Erkrankungen auf eine gute Compliance, merkbare Therapieerfolge und kostengünstige Verordnungen angewiesen seien, würden sie ein Phytopharmakon wohl am ehesten nach den Kriterien "Preis und Wirksamkeit" als "rational" beurteilen. Kraft warnte jedoch davor, Präparate mit einem klinischen Wirksamkeitsnachweis automatisch als "rational" zu qualifizieren. In klinischen Prüfungen würden häufig Surrogatparameter gemessen, die nur sehr ungenügende Hinweise auf klinisch relevante Endpunkte gäben. Sie hält es deswegen auch nicht für zulässig, ein Phytopharmakon als "nicht rational" auszugrenzen, weil die wissenschaftliche Datenlage noch nicht ausreichend ist. Letztendlich werde also mit dem Begriff "rational" etwas suggeriert, was nur zur Irritation bei Ärzten, Apothekern und Patienten führen könne.

Sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe und ihre präventive Wirkung

Unter sekundären Pflanzeninhaltsstoffen würden, wie Prof. Dr. M. Hamm, Hamburg ausführte, die nicht-nutritiven und nicht essenziellen Inhaltsstoffe der Nahrung verstanden. Ein Schutzpotenzial werde verschiedenen sekundären Pflanzeninhaltsstoffen im wesentlichen gegenüber dem Herz-Kreislauf-System und in bezug auf Krebserkrankungen zugeschrieben. Schlagworte, die diese Effekt umschrieben, seien die Begriffe "antioxidativ, immunmodulierend, stoffwechselregulierend und antimikrobiell".

Als zahlenmäßig größte Gruppen führte Hamm die Polyphenole und die Carotinoide an. Wenn auch die gesundheitsfördernden Eigenschaften einiger sekundärer Pflanzeninhaltsstoffe durch weltweit übereinstimmende Ernährungsempfehlungen bestätigt zu werden schienen, fehle für Richt- und Schätzwerte einer angemessenen Zufuhr derzeit doch noch eine zuverlässige wissenschaftliche Basis.

Seriöse "Functional Foods" und Nahrungsergänzungen könnten zwar durchaus einen sinnvollen Teilbeitrag zur Sicherstellung nutritiver und präventiver Ernährungsempfehlungen leisten, so meint Hamm, sich jedoch auf bestimmte Einzelsubstanzen zu verlassen, werde dem Anspruch an eine gesundheitsfördernde Ernährung nicht gerecht.

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