Berichte

Kongress zur pharmazeutischen Ausbildung in Europa

Die Lehrinhalte im Pharmaziestudium müssen an den wissenschaftlich-technischen Fortschritt und an die Anforderungen der Berufspraxis, die sich ändern und immer höherwertigere Qualifikationen erfordern, angepasst werden. Auf einer Tagung der European Association of Faculties of Pharmacy (EAFP) und des Portugiesischen Apothekerverbandes (Ordem dos Farmaceuticos), die vom 11. bis 13.Mai in Lissabon stattfand, wurden die damit verbundenen Probleme intensiv, kontrovers und fruchtbar diskutiert.

Das Problem der Harmonisierung und der Anpassung von Inhalt, Methodik, Gliederung und Qualitätssicherung der Aus- und Weiterbildung stellt sich in allen Ländern in ähnlicher Weise. Besonderes Interesse an einem internationalen Erfahrungsaustausch besteht bei den ost- und mitteleuropäischen Ländern, die der Europäischen Gemeinschaft beitreten möchten, sowie in Staaten, die nur eine oder wenige Ausbildungsstätten besitzen und deshalb für die Weiterentwicklung auf den internationalen Dialog angewiesen sind.

Engagement der Studierenden

Bemerkenswert war vor allem das Engagement der Studierenden, die in drei Vorträgen ihre Vorstellungen formulierten und dabei auf eine eindrucksvolle, 1999 herausgegebene Untersuchung der European Pharmaceutical Students' Association (EPSA) und der International Pharmaceutical Students' Federation (IPSF) mit dem Titel "Pharmacy Education - A Vision for the Future" verweisen konnten. Darin werden in vier Abschnitten

  • die Entwicklung der Berufsbilder und der Verantwortungsbereiche von Pharmazeuten,
  • die Qualität und die laufende Verbesserung der Aus- und Weiterbildung,
  • die Lern- und Lehrmethoden sowie die Bewertung der Ergebnisse und
  • die Inhalte der pharmazeutischen Aus- und Weiterbildung

sachkundig und engagiert behandelt.

Wie ändert man ein eingefahrenes System?

In mehreren Vorträgen wurden Themen, die sich vorwiegend auf das Universitätsstudium und die praktische Ausbildung beziehen, aus unterschiedlichen Perspektiven behandelt, z.B.

  • "Perspektiven der theoretischen und praktischen Ausbildung von Pharmazeuten",
  • "Herausforderungen bei der Umsetzung von Veränderungen" und
  • "Evaluation: die drei Kernfragen" (Warum, Was, Wie?).

Dabei wurde deutlich, dass die Anpassung der Lehrinhalte an sich ändernde Erfordernisse der Berufspraxis überall schwierig ist und dass sie keinesfalls von kurzfristigen Modetrends bestimmt sein sollte.

Angesichts der begrenzten Zeit, die für das Studium zur Verfügung steht, ist eine fachübergreifende Perspektive für die Setzung von Prioritäten erforderlich. Das schließt die Kraft zur Kürzung von Lehrgegenständen ein, wenn deren Bedeutung für die Berufspraxis abnimmt, aber auch die Bereitschaft zur Erprobung und im Erfolgsfall zur Einführung neuer Formen der Lehre und des Lernens. Dazu gehören z.B. das Problemorientierte Lernen (PBL, Problem Based Learning), das Frau Prof. M. Hammarlund Udenaes aus Uppsala in einem brillanten Vortrag präsentierte, und die Nutzung moderner Informationstechnik im Projekt SPIDER (Strathclyde Pharmacy Interactive Development Educational Resource), über die Dr. A. Florence aus Glasgow berichtete. Prof. Marion Schaefer aus Berlin berichtete über die deutschen Erfahrungen mit der Reform des Pharmazie-Curriculums.

Thema "Evaluation"

Prof. K. Wilson aus Birmingham und Prof. D. Helling aus Denver berichteten über die Evaluation von Studiengängen in ihren Heimatländern durch die Royal Pharmaceutical Society bzw. den American Council on Pharmaceutical Education. Aus kontinentaleuropäischer Sicht ist bemerkenswert, welche Freiheiten die Fakultäten mit angelsächsischer Tradition bei der Gestaltung des Pharmaziestudiums haben und wie flexibel sie ihren Spielraum nutzen. Dabei wird die Qualität der Ausbildung durch externe Evaluation der Studiengänge sichergestellt. Lernziele, Lehrinhalte und -methoden sowie Erfolgskontrollen und Ergebnisse müssen von der Fakultät schriftlich formuliert und so transparent gemacht werden, dass Auditoren prüfen können, wie weit die Ansprüche mit der Wirklichkeit übereinstimmen.

Das erste Audit ist für die betroffene Einrichtung meist ein schmerzhafter Vorgang und vergleichbar mit der Erfahrung einer FDA-Inspektion in einem Betrieb der pharmazeutischen Industrie. Die Verbesserungsvorschläge (oder aus anderer Perspektive Mängelrügen) der Auditoren sind in der Regel nicht angenehm. Sie erleichtern aber eine realistische Selbsteinschätzung, und ein positives Ergebnis kann gegenüber der Universitätsverwaltung oder anderen Geldgebern als Instrument zur Erhöhung der Zuwendungen genutzt werden.

Teilnehmer, die dieses Purgatorium absolviert hatten, wollten die Transparenz, die sich daraus ergab, nicht mehr missen und bewerteten den Zwang zur Zusammenarbeit im Team bei der gemeinsamen Bewältigung von Problemen und zur zeitlichen, methodischen und inhaltlichen Koordination von Lehrveranstaltungen als ein positives Ergebnis.

Ethische Implikationen der Berufsausübung

Andere Vorträge waren eher standespolitischen Aspekten der Aus- und Weiterbildung gewidmet. Behandelt wurden die Themenbereiche

  • "Zugang zum Beruf",
  • "Erhaltung der Kompetenz durch lebenslanges Lernen" und
  • "Gegenseitige Anerkennung von Diplomen und freie Ortswahl für Studenten und Apotheker".

Beim Austausch von Erfahrungen stellte Prof. Helling am Beispiel der Fortbildung von Pharmazeuten in einer amerikanischen "Health Maintenance Organization" fest, dass eine rein zeitliche Vorgabe für den Besuch von Fortbildungsveranstaltungen in Form von "Continuing Education Credit Hours" aus seiner Sicht nicht angemessen ist, sondern dass inhaltliche und qualitative Kriterien für den Erfolg wesentlich sind.

Der Vorsitzende des englischen Advisory Committee for Pharmaceutical Education and Training, Mr.Ferguson, sprach über das Problem, welche Kernkompetenzen ein Pharmazeut angesichts der nationalen Unterschiede und der Vielfalt der Tätigkeitsbereiche beherrschen sollte. Aus deutscher Sicht fiel auf, dass im Ausland vielfach auch die ethischen Implikationen der Berufsausübung ein Studieninhalt sind, der die Auffassung des Pharmazeuten bzw. der Pharmazeutin von seinem/ihrem Beruf, wenigstens in der Anfangsphase, wesentlich prägen kann. Die Aufgaben der Universität werden dort weiter gefasst und sehr viel grundsätzlicher gesehen, als das bei uns derzeit üblich ist. Es geht nicht nur um die Vermittlung von (Prüfungs-)Wissen, sondern um Kenntnisse, Fähigkeiten und Einstellungen (knowledge, skills and attitudes).

Keine pharmazeutische Betreuung ohne Kommunikation

Ein weiteres Hauptthema war die "Verwirklichung der Pharmazeutischen Betreuung im Curriculum". Hier wurde in Vorträgen von Prof. Lambert (Chicago) und Dr.Schulz (ABDA, Eschborn) deutlich, welche Rolle die Kommunikation bei der Umsetzung konkreter Ziele im Gespräch mit Patienten und vor allem mit Ärzten spielt. In schwierigen Gesprächssituationen führen genetisch fixierte und in allen Kulturen ähnlich ablaufende unreflektierte Verhaltensmuster dazu, dass Ergebnisse verfehlt werden, die für die sichere und wirksame Anwendung von Arzneimitteln wichtig sind und die bei besserer Gesprächsführung erreicht werden können. Hier können Erkenntnisse der Kommunikationswissenschaft für den Erfolg der medikamentösen Therapie ebenso wichtig sein wie die Kenntnis naturwissenschaflicher Fakten und Zusammenhänge.

Veränderung als Chance

Insgesamt war es eine anregende Tagung, bei der die meisten Teilnehmer unvermeidbare Veränderungen eher als Chance denn als Gefahr begriffen und bei der der Optimismus der Studierenden gegenüber der skeptischen Grundhaltung älterer Professoren die Oberhand behielt.

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