Berichte

Hermann Blumenau und Wernigerode

Am 12.März 2000 veranstaltete die Regionalgruppe Niedersachsen der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie (DGGP) eine Exkursion nach Wernigerode am Harz. Anlass war eine Sonderausstellung im Schloss Wernigerode über den Apotheker und Kolonisator Hermann Blumenau (1819-1899).

Schloss Wernigerode

Wernigerode ist auch ohne speziellen Anlass eine Reise wert. Die "bunte Stadt am Harz", wie Hermann Löns sie nannte, beeindruckt durch ihre Fachwerkhäuser. Auch zu DDR-Zeiten war Wernigerode ein beliebtes Ferien-, Ausflugs- und Tagungsziel. Drei viertel der Häuser waren in privatem Besitz geblieben, sodass sie erhalten und gepflegt wurden. Bedeutendstes Bauwerk ist das Schloss Wernigerode, das bis 1945 im Besitz der Grafen von Stolberg-Wernigerode war und danach Museum wurde. Von Fürst Otto von Stolberg-Wernigerode (1837-1896), der Stellvertreter Bismarcks (Vizekanzler) war, wurde das Schloss grundlegend umgebaut. Es gilt als Leitbau des norddeutschen Historismus.

Vom Apotheker zum Kolonisator

Durch eine Sonderausstellung im Schloss über Leben und Werk des Apothekers Hermann Blumenau führte die Kustodin Frau Hasert. 1819 im benachbarten Hasselfelde geboren, absolvierte Blumenau seine Apothekerlehre in Blankenburg und Erfurt. 1846 wurde er an der Universität Erlangen mit einer Arbeit über Alkaloide promoviert.

Schon früh widmete er sich geographischen Studien. Beeinflusst von den Reisebeschreibungen Alexander von Humboldts, setzte er seine Auswanderungspläne sofort nach der Promotion in die Tat um und kehrte dem Apothekerberuf den Rücken. Im Jahr 1850 gründete er mit 17 deutschen Auswanderern die Kolonie Blumenau in Brasilien. Schwierige wirtschaftliche und politische Verhältnisse veranlassten damals viele Deutsche, ihre Heimat zu verlassen.

Die ersten Jahre in der Kolonie waren hart. Die Kolonisten hatten zwar die Genehmigung der Regierung, nicht aber die der Bevölkerung. Wiederholt kam es zu schweren Überfällen auf die Kolonie. Hinzu kamen die klimatischen Gegebenheiten. Ständig wiederkehrende Überschwemmungen drohten das eben Aufgebaute wieder zu zerstören. Im Jahr 1860 wurde die Kolonie von der brasilianischen Regierung übernommen und Blumenau als Direktor angestellt. Mit staatlicher Unterstützung vergrößerte sich die Siedlung zusehends. Im Jahr 1880 erhielt die Kolonie Selbstverwaltungsrechte. Vier Jahre später kehrte Blumenau mit Frau und Kindern nach Deutschland zurück. 1899 starb er in Braunschweig.

Pharmazeutisch tätig war Blumenau in Brasilien nur noch am Rande. Gelegentlich schickte er Drogen nach Deutschland. Ansonsten investierte er seine gesamte Energie und fast sein gesamtes Privatvermögen in den Aufbau der Kolonie. Heute ist Blumenau eine Stadt mit 250000 Einwohnern und zugleich ein wichtiger Industrie- und Wirtschaftsstandort.

425 Jahre Apothekengeschichte

Frau Buchhorn referierte über die Stadt- und Apothekengeschichte von Wernigerode. Älteste Apotheke ist die Rats-Apotheke, die bereits 1575 in den städtischen Rechnungsbüchern erwähnt wurde. Ihre Besitzer bzw. Leiter waren angesehene Persönlichkeiten der Stadt. Hermann Forcke (1825-1895) war jahrzehntelang Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und schließlich Ehrenbürger von Wernigerode.

Im Jahr 1737 wurde mit der Hof-Apotheke die zweite Apotheke gegründet. Bis zu Beginn dieses Jahrhunderts blieb es bei diesen zwei Apotheken. In den 1970er- Jahren waren alle der mittlerweile vier Apotheken verstaatlicht und in das "Versorgungszentrum für Pharmazie und Medizintechnik" eingebunden. Nach der Wende wurden die Apotheken wieder in private Hände übergeben. Bei der Verstaatlichung wie bei der Reprivatisierung wurden Familientraditionen respektiert, sodass sie sich auch durch die wechselvolle Geschichte verschiedener politischer Systeme behaupten konnten.

Ein Lehrling der Rats-Apotheke war Willy Drube (1880-1952), der sich später in Schierke niederließ und ein beliebtes alkoholisches Destillat, den Schierker Feuerstein, kreierte. Er war wohl auch selbst ein Liebhaber der hauseigenen Spezialität, wie seine Grabinschrift nahelegt: "In dieser Erdengrube ruht Apotheker Drube. Oh Wanderer eile fort von hier, sonst steht er auf und trinkt mit Dir!"

Die Verköstigung dieser Apotheken-Spezialität gehörte leider nicht zum Exkursionsprogramm.

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