Arzneimittel und Therapie

Onkologie: Fatigue, die totale Erschöpfung bei Krebspatienten

Etwa 70 bis 80% aller Krebspatienten leiden unter Fatigue, einer lähmenden Müdigkeit, Kraftlosigkeit und Antriebsschwäche. Obwohl dieses Symptom so verbreitet ist und eine enorme Belastung für die Betroffenen darstellt, hat man sich erst in jüngster Zeit damit auseinandergesetzt und nach Behandlungsmöglichkeiten gesucht. Als ein entscheidender Ansatzpunkt hat sich die bei vielen Tumorpatienten bestehende Blutarmut herauskristallisiert; durch die Kontrolle der Anämie lässt sich oft eine signifikante Besserung der Fatigue erreichen.

Da gut drei Viertel aller Krebspatienten an Fatigue leiden, ist es erstaunlich, dass darüber so wenig bekannt ist. Was bedeutet Fatigue? Wenn man Fatigue einfach mit Müdigkeit übersetzt, wird man den Patienten und ihrem Leiden nicht gerecht. Denn Fatigue ist einerseits so anders und auf der anderen Seite so viel mehr als nur Müdigkeit.

Bei Gesunden ist Müdigkeit etwas Normales, was nach einem anstrengenden Tag immer deutlicher wahrgenommen wird und zu einem unmissverständlichen Schlafbedürfnis führt. Während des Schlafs regenerieren sich Körper und Geist, und am nächsten Tag ist man fit für neue Herausforderungen. Beim Patienten mit Fatigue ist die Müdigkeit, Erschöpfung und Kraftlosigkeit ein Dauerzustand, schon nach dem Aufstehen beginnt der Kampf gegen die Antriebslosigkeit. Viele Patienten sehen sich kaum noch in der Lage, Freunde zu treffen, ein Telefonat zu führen, eine Tasse Tee zuzubereiten - von den alltäglichen Verpflichtungen ganz zu schweigen.

Auch für viele Ärzte ein Novum

Viele bezeichnen die Fatigue als quälendste Begleiterscheinung der Krebserkrankung, die sie noch mehr belastet als die Schmerzen. Bei einer Umfrage gaben 78% der Befragten an, unter Fatigue zu leiden, und fast zwei Drittel fühlten sich dadurch mehr beeinträchtigt als durch die Schmerzen. Das könnte damit zu tun haben, dass für die Schmerzbekämpfung heute sehr effiziente Therapien verfügbar sind, während sich die Patienten der Fatigue völlig ausgeliefert fühlen.

Interessanterweise teilten nur 37% der behandelnden Onkologen in derselben Umfrage die Einschätzung der Patienten, und 61% gingen davon aus, dass die Schmerzen belastender seien als die Fatigue. Während jeder dritte Patient angab, den Arzt bei jeder Konsultation auf die Fatigue angesprochen zu haben, konnten sich nur 6% der Onkologen daran erinnern. Vielleicht muss man das als Hilflosigkeit interpretieren.

Auswirkungen der Fatigue

Bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Fatigue konnte man eine physische, eine psychische und eine soziale Komponente herausarbeiten. Physisch bemerken die Patienten vor allem die rasche Ermüdbarkeit, Kurzatmigkeit und Herzjagen. Als psychische Symptome fallen beeinträchtigte Gedächtnisleistung und depressive Verstimmung bis hin zur manifesten Depression auf. Im sozialen Bereich lassen sich Rückzugstendenzen und Isolation erkennen. Die gesamte Lebensqualität wird durch die Fatigue massiv beeinträchtigt, ebenso wie das Selbstwertgefühl.

Eine Folge des Tumors oder eine Folge der Therapie?

Bei der Fatigue handelt es sich um ein sehr komplexes Geschehen, das vielfältigen Einflüssen unterworfen ist. So kann die Fatigue schon lange vor der Diagnosestellung bestehen und retrospektiv als allererstes Anzeichen der malignen Entartung interpretiert werden. Sie kann sich aber auch erst im Verlauf der Erkrankung oder als Folge der onkologischen Therapie manifestieren.

  • Fatigue und Chemotherapie. Je nach Therapieschema machen sich die Symptome der Fatigue bei 50 bis 96% der Patienten unter zytostatischer Chemotherapie bemerkbar. Die Müdigkeit wird in der Regel drei bis vier Tage nach Beginn der Chemotherapie registriert und nimmt bis zum zehnten Tag zu, gefolgt von einer Abnahme bis zum Start des nächsten Chemotherapiezyklus. Mit zunehmender Zahl der Chemotherapiezyklen nimmt auch der Anteil derjenigen zu, die über Fatigue klagen.

  • Fatigue und Operation. Die Fatigue erreicht etwa zehn Tage nach dem Eingriff ihren Höhepunkt und sinkt während etwa einem Monat auf das präoperative Niveau ab, das allerdings bei einigen Patienten bereits durch Fatigue-Erscheinungen gekennzeichnet war.

  • Fatigue und Strahlentherapie. Zwischen 35 und 100% der Patienten bemerken Müdigkeit und Abgeschlagenheit nach einer Strahlentherapie, und zwar um so ausgeprägter, je größer das bestrahlte Areal war. Die Fatigue kann bis zu drei Monate anhalten. Manche Patienten fühlen sich auch längerfristig geschwächt und in der Leistungsfähigkeit eingeschränkt; dies trifft vor allem für ältere Menschen zu.

  • Fatigue und Immuntherapie. Unter der Immuntherapie kann die Müdigkeit und Schwäche solche Ausmaße annehmen, dass die Therapie unterbrochen werden muss.
Medikamentöse Intervention Inzwischen hat man erkannt, dass die therapie- oder tumorassoziierte Anämie wesentlich zur Entstehung der Fatigue beiträgt. Bei Patienten mit einem Hämoglobin-Wert über 12 mg/dl zeigen sich signifikant weniger Fatigue-Symptome. Auch hatte ein Hb-Wert im Normbereich einen günstigen Einfluss auf die Fähigkeit zu arbeiten, einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen sowie auf die Lebensqualität insgesamt. Durch Gabe von Erythropoetin konnte das Defizit korrigiert und bei vielen Patienten eine deutliche Besserung der Fatigue erreicht werden.

Nicht-medikamentöse Intervention

Für Patienten mit Fatigue kommen Entspannungs- und Stressbewältigungstechniken ebenso in Frage wie verschiedene, an der individuellen Situation orientierte Psychotherapie-Verfahren. Auch ganz praktische Tipps, wie man mit den nachlassenden Kräften besser haushalten kann, haben sich als nützlich erwiesen. Außerdem wurde ein spezielles körperliches Aufbautraining konzipiert, das die Patienten unter Anleitung praktizieren.

Der Patient mit Fatigue in der Apotheke

Die Diagnose "Fatigue" ist noch nicht sehr bekannt, weshalb sich viele Patienten schicksalhaft damit abfinden. Im Gespräch kann es für den onkologischen Patienten außerordentlich hilfreich sein, wenn er erkennt, dass er mit dieser Problematik nicht allein da steht und dass es Interventionsmöglichkeiten gibt.

Quelle Pressekonferenz "Fatigue - lähmendes Symptom bei Krebspatienten", Köln, 3. September 1999, veranstaltet von den Kölner Universitätskliniken für Innere Medizin und Kinder- und Jugendpsychiatrie zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie, unterstützt von der Janssen-Cilag GmbH, Neuss.

Etwa 70 bis 80 % aller Krebspatienten leiden unter Fatigue, einer lähmenden Müdigkeit, Kraftlosigkeit und Antriebsschwäche. Obwohl dieses Symptom so verbreitet ist und eine enorme Belastung für die Betroffenen darstellt, hat man sich erst in jüngster Zeit damit auseinandergesetzt und nach Behandlungsmöglichkeiten gesucht. Als ein entscheidender Ansatzpunkt hat sich die bei vielen Tumorpatienten bestehende Blutarmut herauskristallisiert; durch die Kontrolle der Anämie lässt sich oft eine singnifikante Besserung der Fatigue erreichen.

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