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Schulung contra Migräne - wie profitieren die Patienten?

DRESDEN (tmb). Spannungskopfschmerz und Migräne verursachen als weitverbreitete chronische Erkrankungen bei Millionen von Betroffenen Schmerzen und beträchtlichen Leidensdruck. Aus der eingeschränkten Arbeitskraft und den Fehlzeiten ergeben sich zudem enorme ökonomische Folgen. Die dauerhaften Wirkungen lassen das Krankheitsbild der Migräne als erfolgversprechendes Einsatzgebiet für die Pharmazeutische Betreuung und Patientenschulungen erscheinen. Wie Patienten hiervon profitieren, wird demnächst in einer Studie untersucht.


Die Apotheken in Dresden und Umgebung werden daher bald Post vom Gesundheitsökonomischen Zentrum (GÖZ) in Dresden erhalten und zur Mitarbeit an einer Studie aufgefordert. Diese noch recht junge Einrichtung der Technischen Universität Dresden möchte ermitteln, wie sich die Schulung von Patienten, Apothekern und Ärzten auf die gesundheitliche Situation von Patienten mit Migräne oder Spannungskopfschmerz auswirkt. Partner bei der geplanten Studie sind die Schmerzambulanz der TU Dresden und der Arzneimittelhersteller Glaxo Wellcome, was den interdisziplinären Ansatz der Arbeit des GÖZ unterstreicht. Geleitet wird die Studie von dem Dresdner Ökonometriker Prof. Dr. Bernhard Schipp zusammen mit Dr. Michael Hanisch, Schmerzambulanz Dresden, und Dipl.-Ök. Monika Behrens, Glaxo Wellcome. Das Pharmaunternehmen bringt Erfahrungen mit einem früheren Projekt zur Erfassung von Kopfschmerzerkrankungen ein, das von 1996 bis 1998 an Mitarbeitern der Howaldtswerke Deutsche Werft AG (HDW) in Kiel stattgefunden hatte. Im Unterschied zu dem damaligen Projekt ist in Dresden keine Krankenkasse beteiligt. Zielgruppe in Dresden sind die nicht-wissenschaftlichen Mitarbeiter der Technischen Universität und der Universitätsklinik. Diese Gruppe dürfte näherungsweise repräsentativ für den erwerbsfähigen Teil der Gesamtbevölkerung sein, ist aber organisatorisch wesentlich besser erreichbar als eine Zufallsstichprobe aus der Allgemeinbevölkerung. Bei etwa 5.000 verteilten Fragebögen ist eine Prävalenz von Migräne und Spannungskopfschmerz in der Größenordnung von etwa 1.000 Patienten zu erwarten. Seit Mitte Januar wurden an alle Mitarbeiter Fragebögen verteilt. Nach dem bisherigen Rücklauf und den ersten Reaktionen der Universitätsmitarbeiter zeichnet sich eine ausgezeichnete Resonanz auf die Untersuchung ab.
Die Fragebögen bestehen aus dem international etablierten Formular SF-36 zur Ermittlung der Lebensqualität, einer gekürzten Fassung des -Kieler Kopfschmerzfragebogens, detaillierten Fragen zur bisher eingesetzten Medikation sowie weiteren Fragen zur Schmerzintensität, zu Arztbesuchen, zur ärztlichen Diagnose sowie zu Arbeitsfähigkeit und -produktivität. Einschließlich der demografischen Fragen sind dies insgesamt etwa 90 Fragen auf 12 Seiten, die in 10 bis 15 Minuten zu beantworten sein sollten.

Schulungen auch für Apotheker


Nach Rücklauf der Fragebögen folgt die zweite und wesentliche Phase der Studie, in der die Schulungen stattfinden. Geschult werden alle am Versorgungsprozeß beteiligten Gruppen, d. h. Patienten, Ärzte und Apotheker. Die Apotheken im Raum Dresden erhalten daher in diesen Tagen Einladungen zu einer zweieinhalbstündigen Basisschulung zur Migräne, die am 8. April stattfinden wird. Interessierten Apothekerinnen und Apothekern wird außerdem ein ergänzendes Seminar zur Pharmazeutischen Betreuung bei Migräne am 10. April angeboten. Dies lehnt sich an die diesbezüglichen Veranstaltungen im Rahmen des 3. ABDA-Symposiums zur Pharmazeutischen Betreuung in Berlin und des jüngsten Kongresses der Bundesapothekerkammer in Davos an. Etwa zur gleichen Zeit finden Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte statt. Einzelne Ärzte aus dem Raum Dresden führen außerdem im April und Mai die Schulungen für die Patienten durch. In den Schulungen werden etwa 500 Betroffene erwartet, die auf 20 Seminare aufgeteilt werden sollen. Die Patientenveranstaltungen werden etwa 90 Minuten dauern. Gegenstand aller Schulungen sollen das Krankheitsbild der Migräne, die medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapie sowie alternative Heilverfahren sein. Dabei sollen die Therapierichtlinien anerkannter Fachgesellschaften besonders hervorgehoben. Auch über Schmerzmittelmissbrauch und induzierten Kopfschmerz soll diskutiert werden.
Im Anschluß an diese Interventionsphase sollen die Schulungsmaßnahmen wirken. Alle Patienten sollen die Gelegenheit erhalten, mit Ärzten und Apothekern auf der Grundlage der Schulungen fundierter über ihre individuellen Probleme sprechen zu können, damit letztlich alle Beteiligten gemeinsam zu einer erfolgreicheren Therapie finden können. Nach den Erfahrungen mit der Studie an HDW-Mitarbeitern in Kiel ist mit ungünstigen Ergebnissen zu rechnen, wenn geschulte Patienten auf Ärzte treffen, die nicht über die Studie informiert sind und hieran nicht mitwirken. Daher hofft die Studienleitung in Dresden besonders auf eine breite Akzeptanz der Fachkreise.

Steigende Lebensqualität erwartet


Da die Migräne nicht ständig auftritt, wird für die Entwicklung von Auswirkungen ein Zeitraum von sechs Monaten veranschlagt. Danach werden im November an die Teilnehmer erneut Fragebögen in der gleichen Art wie am Jahresanfang verschickt. Ausgewertet wird die Studie von einem interdisziplinär zusammengesetzten wissenschaftlichen Beirat. Die Initiatoren erhoffen sich, dass als Folge der Intervention die Zahl der Arztkontakte bei unterversorgten Betroffenen wächst, während andere Patienten besser eingestellt werden und daher mit weniger Arztkontakten auskommen. Erwartet wird auch ein höherer Kenntnisstand der Betroffenen und letztlich eine verbesserte Lebensqualität bei geringeren Fehlzeiten am Arbeitsplatz.
Bei einem positiven Ausgang könnte die Studie einen Weg zur verbesserten Versorgung von Migränepatienten weisen, was sowohl medizinische als auch erhebliche ökonomische Konsequenzen hätte. Denn nach bisherigen Erkenntnissen gehen 4% der gesamten Arbeitskraft in Deutschland durch Kopfschmerzen verloren, das sind etwa 20 Millionen Arbeitstage pro Jahr. Es wird angenommen, dass in Deutschland etwa 5,6 Millionen Menschen an Migräne leiden. Da die Krankheit häufig verdrängt oder unzureichend therapiert wird, werden nur etwa 30% regelmäßig und weitere knapp 30% der Patienten unregelmäßig ärztlich versorgt. In vielen Fällen entwikkeln die Patienten langandauernde "Schmerzkarrieren" mit häufigem Arztwechsel und stark beeinträchtigter Lebensqualität. Aufgrund dieser Situation verursacht die Erkrankung im Vergleich zu den direkten Kosten der ärztlichen und pharmakotherapeutischen Behandlung sehr hohe indirekte Kosten aufgrund der Fehlzeiten und der verminderten Arbeitskraft. l

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