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Deutschland immer noch ein medizinisches Notstandsgebiet

BADEN-BADEN (rw). Wenn jeder Fünfte in Deutschland an einer allergischen Erkrankung leidet - mit zunehmender Tendenz - sollte man annehmen, daß die Ärzte während ihrer Ausbildung darauf vorbereitet werden und mit Diagnostik, Therapie und Prävention einer Allergie bestens vertraut sind. Mit dieser Illusion räumte Prof. Dr. Ulrich Wahn (Berlin) auf einem Fachpressegespräch gründlich auf, indem er eine geradezu schockierende Situationsanalyse präsentierte.


In Deutschland existiert weder ein Lehrstuhl für Allergologie, noch ist die Allergologie ein eigenständiges Prüfungsfach. Während der Ausbildung werden die allergischen Krankheitsbilder nur punktuell im Rahmen der Dermatologie, Immunologie, Inneren Medizin und Kinderheilkunde angesprochen. Ein übergeordnetes Curriculum existiert hingegen an keiner deutschen Fakultät.
Dieser Mißstand darf nicht länger andauern, und die Betreuung von Allergiekranken muß endlich als "Public-Health-Aufgabe" verstanden werden. Wenn rund ein Viertel der Erwachsenenbevölkerung an Heuschnupfen, Neurodermitis, Asthma oder an einer Nahrungsmittelallergie leiden, dann ist es ein Skandal, wenn ein Medizinstudent in der Regel vielleicht drei Stunden Allergologie in der Hautklinik hört, ein oder zwei Stunden in der Inneren Medizin und je eine Stunde in der HNO-Klinik und in der Pädiatrie. Wen wundert es da, so Professor, Wahn, daß die vergleichsweise wenigen Allergologen mit diesem Patientengut in Millionenzahl schlichtweg überfordert sind? So ist es auch nicht damit getan, daß man einen Lehrstuhl für Allergologie schafft und intensive Forschung auf diesem Gebiet betreibt - worauf es ankommt ist eine solide allergologische Ausbildung für alle Medizinstudenten.
Dieses Defizit ist besorgniserregend, weshalb man in Berlin nach einer Lösung suchte und bereits ein Modellprojekt etablierte. Am interdisziplinär strukturierten Allergie- und Asthmazentrum Berlin wurde mit Unterstützung der Stiftung Perspectives of Allergy sowie der Firma Hoechst Marion Roussel Deutschland erstmals ein Modell geschaffen, das Medizinstudenten des letzten Studienjahres einen umfassenden Überblick in Form eines einwöchigen Ferienkurses anbietet. Zu den Themen zählen die epidemiologischen, molekularen und zellbiologischen Grundlagen ebenso wie die verschiedenen klinischen Manifestationsformen und die Möglichkeiten der Diagnostik, Therapie und Prävention. Doch das ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein - aber immerhin ein guter Start, ein Schritt in die richtige Richtung, der ein Umdenken bewirken sollte.
"Wußten Sie, daß ein Student bis zum Staatsexamen ,Lungenfunktion zwar buchstabieren kann und darüber gelesen hat, das aber noch nie in seinem Leben praktizierte? Und das sind dann unsere Ärzte, welche die Lungenfunktion der Patienten messen und beurteilen sollen, urteilte Wahn. Bei den Hauttestungen sieht es nicht viel besser aus, wahrscheinlich haben weniger als 1% das jemals während ihrer Ausbildung gemacht." l

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