Arzneimittel und Therapie

Zinkgluconat wirkt bei Kindern nicht

Bisher haben mehrere Untersuchungen gezeigt, daß eine Zinktherapie bei Erwachsenen die Dauer einer Erkältung verkürzen kann. Aus den USA liegt nun erstmals eine Studie vor, in der Zink ausschließlich an Kindern und Jugendlichen getestet wurde. Dabei wies Zinkgluconat in Form von Lutschpastillen keine signifikanten positiven Effekte hinsichtlich der Erkältungsdauer auf. Gemessen wurde die Zeitspanne bis zum Abklingen mehrerer relevanter Erkältungssymptome.


Ein Erwachsener leidet durchschnittlich zwei- bis viermal pro Jahr an einer Erkältung, Kinder sechs- bis achtmal. Der gewöhnliche grippale Infekt ist damit eine der häufigsten Erkrankungen und verursacht den Hauptanteil an Arztbesuchen und krankheitsbedingten Arbeitsausfällen.

Bisher gibt es zehn Studien


mit Erwachsenen
Alle zehn bisher veröffentlichten Studien zur Zinkbehandlung bei gewöhnlichen Erkältungskrankheiten wurden nur mit erwachsenen Patienten durchgeführt. Fünf dieser Studien berichteten über positive Wirkungen einer Zinkgabe, was sich vor allem im schnelleren Abklingen der Krankheitssymptome äußerte. In den übrigen fünf Studien konnte jedoch keine Wirksamkeit festgestellt werden.

Plazebokontrollierte Studie mit 249 Schülern


Gegenstand einer neuen US-amerikanischen Studie war es, die Wirksamkeit von Zinkgluconat bei Kindern und Jugendlichen mit vermutlich viraler Infektion des oberen Respirationstrakts zu beurteilen. Diese randomisierte, plazebokontrollierte Doppelblindstudie wurde während der Erkältungssaison 96/97 (vom 7. Oktober 1996 bis zum 13. März 1997) an zwei Vorortschulen in Cleveland, Ohio, durchgeführt. Insgesamt wurden 249 Schüler der Klassenstufen eins bis zwölf innerhalb der ersten 24 Stunden einer Erkältung in die Studie aufgenommen. Sie mußten dabei mindestens zwei der folgenden Krankheitssymptome aufweisen: Husten, Heiserkeit, Kratzen im Rachen, Halsschmerzen, verstopfte Nase, Nasenlaufen, Niesen, Kopfschmerz, Muskelschmerzen.
Ausschlußkriterien waren neben Immundefekt und Schwangerschaft eine bereits bestehende Einnahme von Zinkpräparaten, eine Körpertemperatur von über 37,7ľ C, andere akute Erkrankungen sowie Erkältungssymptome, die schon länger als 24 Stunden bestanden.

10 mg Zink fünfmal täglich


Behandelt wurde in der Verumgruppe mit 10 mg Zink fünfmal täglich bei Schülern der Klassenstufen eins bis sechs (entspricht 50 mg Zink täglich) bzw. sechsmal täglich in den Klassenstufen sieben bis zwölf (entspricht 60 mg Zink täglich). Die Probanden wurden angehalten, die Pastillen im Mund zergehen zu lassen und nicht zu kauen.
Anhand einer numerischen Punkteskala von Null bis Drei bewerteten die jungen Patienten täglich die Stärke der oben genannten neun Erkältungssymptome. Das Ende der Krankheit war als der Zeitpunkt definiert, an dem die Summe aller Punkte den Wert Null erreichte und damit sämtliche Erkältungssymptome verschwunden waren.
Die Verteilung von Geschlecht und Hautfarbe, die Anzahl von Rauchern und Allergikern sowie die vorherige Verwendung von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten und die Infektionsanfälligkeit der Probanden waren in Plazebo- und Verumgruppe ähnlich. Somit war die Ausgangssituation beider Gruppen vergleichbar.

Ergebnisse der Studie


In der Studie ergab sich für die Zeitspanne bis zur Symptomfreiheit kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen Probanden, die Zink einnahmen (n = 124), und denen, die Plazebo erhielten (n = 125).
In beiden Gruppen betrug die Krankheitsdauer durchschnittlich neun Tage. Schüler der höheren Altersstufe waren im Mittel einen halben Tag früher beschwerdefrei als Schüler der Grundstufe. Auch beim Vergleich einzelner Erkältungssymptome war kein signifikant schnelleres Abklingen zu erkennen.
Man fand darüber hinaus keine Korrelation zwischen Zinkdosierung und Erkältungsdauer. Bei zehn Schülern (drei Plazebo, sieben Verum) verschwand die Erkältung während der beobachteten Zeit überhaupt nicht.

Gastrointestinale Nebenwirkungen waren häufig


In der Zinkgruppe berichteten verglichen mit der Kontrollgruppe deutlich mehr Probanden über unerwünschte Nebenwirkungen (88,6% vs. 79,8%). Dazu zählten insbesondere Beschwerden im Verdauungstrakt wie Geschmacksstörungen (60,2% vs. 37,9%), Übelkeit (29,3% vs. 16,1%), Mund-, Zungen- oder Halsirritationen (36,6% vs. 24,2%) und Diarrhö (10,6% vs. 4%). Hingegen war bei der Häufigkeit von Erbrechen, abdominalen Schmerzen, Obstipation, Schwindel, Kopfschmerzen und Mundtrockenheit kein ausgeprägter Unterschied zwischen beiden Gruppen zu beobachten.

Ist die Studie aussagekräftig?


Die Aussagekraft der vorliegenden Studie wird durch folgende Faktoren relativiert: Zinkionen sind besonders effektiv gegen Rhinoviren, die am Anfang und Ende einer Erkältungssaison dominieren. Die Studie wurde jedoch während der gesamten Erkältungssaison durchgeführt. Außerdem war die verwendete Dosierung für Kinder und Jugendliche wahrscheinlich zu niedrig, denn in zwei Studien mit höheren Tagesdosen zeigte sich (mit der gleichen Zinkformulierung) bei Erwachsenen ein 42%iger Abfall der Symptomdauer.
Auch wenn das Ausmaß subjektiver Krankheitssymptome hohe klinische Relevanz hat, wäre die Messung objektiver Parameter, wie virologische Untersuchungen oder das Ausmessen
der geschwollenen Nasenschleimhaut, wünschenswert. Daher sind weitere Studien mit serologischen Prüfungen nötig, um zu klären, welche Rolle Zink in der Behandlung von Erkältungssymptomen spielt und warum möglicherweise die Wirkung bei Kindern von der bei Erwachsenen abweicht.
Literatur
Macknin, M. L., et al.: Zinc gluconate lozenges for treating the common cold in children, a randomized controlled trial. J. Am. Med. Assoc. 279, 1962-1967 (1998).
Christiane Weber, Reutlingen