Arzneimittel und Therapie

Therapie mit Silibinin sichert Überlebenschancen

Knollenblätterpilzvergiftungen sind die gefährlichste aller Pilzintoxikationen und verursachen zirka 95Prozent aller tödlichen Pilzvergiftungen. Die Letalitätsrate liegt bei unbehandelten Patienten bei über 30Prozent. Bei Verdacht auf eine Knollenblätterpilzvergiftung gilt daher die sofortige Gabe eines Antidots als erste und wichtigste Therapiemaßnahme. Neue klinische Daten bestätigen den Stellenwert des Antidots Silibinin in der Therpaie von Knollenblätterpilzintoxikationen. Bei insgesamt 355 Patienten, die Silibinin als Monotherapie oder in Kombination mit Penicillin erhielten, lag die Gesamtletalitätsrate als Maß für die therapeutische Wirksamkeit bei 10Prozent, in der Silibinin-Monotherapie-Gruppe sogar darunter.


Der grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) zeigt einen schmutzig-grünen Hut mit weißen Lamellen, sein Stiel entspringt aus einer Knolle. Der Pilz wächst von Juli bis Oktober bevorzugt in Laubwäldern unter Eichen, Buchen, Haseln und Kastanien, seltener in Nadelwäldern. Für die toxische Wirkung auf den Menschen sind die sogenannten Amatoxine verantwortlich. Ein 50g schwerer grüner Knollenblätterpilz enthält durchschnittlich über 10mg Amatoxin. Die letale Dosis beim Erwachsenen liegt bei 0,1mg pro kg Körpergewicht, so daß bereits der Verzehr eines Pilzes tödlich sein kann.

Tendenz zu Pilzvergiftungen steigt


Trends zu möglichst natürlicher Ernährung und ein wachsender Anteil selbsternannter -Pilzexperten haben dazu geführt, daß die Anzahl der Pilzvergiftungen jährlich steigt. Der Knollenblätterpilz spielt hierbei die weitaus größte Rolle, da er aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem Wiesenchampignon leicht verwechselt wird und das Bewußtsein für Giftigkeit und Gefahr nicht so ausgeprägt ist wie beispielsweise beim augenfälligen Fliegenpilz. Man geht davon aus, daß sich während einer Saison im Korb der Pilzsammler pro Tag etwa drei Knollenblätterpilze befinden. Aber auch eine Reihe von Vorurteilen und Irrtümern spielen bei den zunehmenden Pilzvergiftungen eine entscheidende Rolle (s. Kasten).

Pilzgift bremst die Proteinbiosynthese


Amatoxine sind starke Lebergifte. Nach Aufnahme in die Leberzelle binden sie sich reversibel an die RNA-Polymerase B oder II. Dadurch werden die Transkription und damit die Neusynthese von Proteinen gehemmt, was nach einer gewissen Latenzzeit - sobald das Reservoir von noch vorhandenen Synthesebausteinen aufgebraucht ist - zum Zelltod führt. Die Giftwirkung setzt aus diesem Grund mit Verzögerung ein.

Kompetetive Hemmung der Rezeptoren durch Silibinin


Die Amatoxine unterliegen einem enterohepatischen Kreislauf und werden über die Galle ausgeschieden. Daher sind für die Entgiftung sowohl die Aufnahmehemmung in die Leber als auch eine intakte Gallensekretion entscheidend. Das Antidot Silibinin verhindert die Penetration der Amatoxine durch die Leberzellmembran durch kompetetive Hemmung spezifischer Rezeptoren. Es kann sowohl die Aufnahme von Amatoxinen bei Erstpassage in die Leberzelle unterbinden als auch die Wiederaufnmahme nach Zirkulation im enterohepatischen Kreislauf unterbrechen, wodurch die intrazelluläre Konzentration der Amatoxine und deren Toxizität reduziert wird. Darüber hinaus hat Silibinin durch Inkorporation in die Phospholipidschicht der Zellmembran einen stabilisierenden Effekt auf die Membranen und stimuliert nach Eintritt in die Leberzelle die Proteinbiosynthese.

Klinischer Verlauf einer Knollenblätterpilzvergiftung


Die Klinik einer Amatoxinvergiftung verläuft in vier typischen Phasen:

  • symptomlose Latenzphase (6 bis 24 Stunden nach der Pilzmahlzeit),
  • gastrointestinale Phase, gekennzeichnet durch heftige, wäßrige cholera- artige Durchfälle, starke Abdominalschmerzen, verbunden mit Übelkeit und Erbrechen (Dauer meist 6 bis 9 Stunden),
  • das symptomarme, sogenannte trügerische Intervall von ca. 12 bis 24 Stunden, was gelegentlich nach stationärer Aufnahme zur Fehldiagnose und Entlassung der Patienten führt, und
  • die hepatorale Phase, die meist am 4.Tag nach der Pilzmahlzeit beginnt, auch wenn die vorher aufgetretenen Komplikationen durch Flüssigkeits- und Elektrolytersatz behandelt wurden. Die Patienten werden ikterisch, haben gastrointestinale Blutungen, werden zunehmend delirant und geraten in schweren Fällen ins Coma hepaticum, gefolgt von Nierenversagen und Tod.

Therapiemöglichkeiten


Die meisten Pilzvergiftungen treten in der Nacht von Samstag auf Sonntag auf, da Pilzsammler in der Regel am Wochenende unterwegs sind. Die Verfügbarkeit des Antidots muß also rechtzeitig sichergestellt sein, denn je eher die Behandlung beginnt, um so größer sind die Überlebenschancen. Neben der Giftelimination und der Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution sollte sofort mit der Gabe des Antidots begonnen werden. Nach heutigem Kenntnisstand ist dabei eine Monotherapie mit Silibinin i.v. zu bevorzugen, da sie hinsichtlich der Wirksamkeit und der Nebenwirkungen deutliche Vorteile gegenüber dem Einsatz von Penicillin bietet: Klinische Untersuchungen an insgesamt 355 Patienten, die Silibinin als Monotherapie oder in Kombination mit Penicillin erhielten, zeigen eine Gesamtletalitätsrate von 10Prozent. Die Letalitätsrate in der Gruppe, die Silibinin als Monotherapie erhielt, lag sogar noch darunter (1:28). Darüber hinaus sind bei der Gabe von Silibinin keine unerwünschten Nebeneffekte zu beobachten. Im Gegensatz dazu können die für die Therapie der Amatoxinvergiftung notwendigen Penicillin-Dosen zu neuromuskulären Krämpfen und Gerinnungsstörungen führen. Hinzu kommt die Gefahr einer möglichen Penicillin-Überempfindlichkeit. Hieraus ergibt sich die Empfehlung, nur dann Penicillin zu verwenden, wenn kein Silibinin verfügbar ist.
Quelle
Presseinformation der Madaus AG,
51101 Köln.

Die häufigsten Vorurteile und Irrtümer über Pilzvergiftungen

  • {te}-Kochen zerstört das Pilzgift (Amatoxine sind ausgesprochen hitzeresistent).
  • -Beim Kochen verfärbt sich ein Silberlöffel schwarz bei Anwesenheit von Pilzgiften (Stimmt nicht).
  • -Tierfraßspuren sind ein Hinweis auf die Eßbarkeit eines Pilzes (Einige Nager weisen wegen fehlender Resorption eine wesentlich höhere Amatoxinresistenz als Menschen auf).
  • -Alkohol vermag mögliche Symptome zu lindern, die Verdauung zu fördern und vor Vergiftung zu schützen (Würde man entsprechende Hinweise aus Experimenten an Mäusen, bei denen Alkohol die Überlebenszeit verlängerte und die Leberzellnekrose


nach Knollenblätterpilzintoxikation abschwächte, auf den Menschen übertragen, müßte dieser wahrscheinlich so viel Alkohol trinken, daß er zusätzlich an einer Ethanolvergiftung sterben wür-
de).

  • -Sofort auftretende Symptome weisen auf eine harmlose Vergiftung hin (Dies stimmt zwar hinsichtlich des wahrscheinlichen Ausschlusses einer reinen Amatoxinvergiftung, schließt jedoch eine Mischvergiftung von amatoxinhaltigen und anderen Pilzen nicht aus; dagegen hat der Umkehrschluß, daß bei langer Latenz der Symptome [also etwa 12 Stunden] eine potentiell lebensbedrohliche Vergiftung zu befürchten ist, einige Berechtigung).
  • -Leichte Schälbarkeit des Hutes ist ein Hinweis auf die Eßbarkeit des Pilzes (Irrtum; auch der Knollenblätterpilz läßt sich leicht schälen).


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