Geschichte

Pistole statt Pistill: Die Apotheker von 1848/49

Vor 150 Jahren kämpften liberale und demokratische Bürger gegen die "Fürstenherrschaft" für die Einigung Deutschlands unter einer freiheitlichen Verfassung. Als Vertreter des Bürgertums hatten Apotheker einen zwar regional unterschiedlichen, insgesamt aber bedeutenden Anteil an diesen Auseinandersetzungen, die zuerst in der Märzrevolution, dann in drei Aufstandswellen, insbesondere im deutschen Südwesten, eskalierten. Nicht für alle politisch aktiven Apotheker stellte sich nach den stürmischen Ereignissen von 1848/49 die Normalität wieder ein; einige flohen vor der Reaktion nach Amerika und fanden dort ihr Glück, andere aber saßen lange Zuchthausstrafen ab und wurden gesundheitlich und finanziell ruiniert. Bei der Würdigung der Vorkämpfer unserer demokratischen Verfassung muß auch an diese traurigen Schicksale erinnert werden.

Vormärz Die Jahrzehnte vor der Märzrevolution waren gekennzeichnet durch die politische Ohnmacht des wirtschaftlich aufstrebenden Bürgertums. Die süddeutschen Staaten hatten zwar nach dem Wiener Kongreß Verfassungen erlassen und Parlamente eingerichtet. Die Mitwirkungsrechte der Bürger am öffentlichen Leben waren jedoch wiederholt beschnitten worden, insbesondere nach dem Hambacher Fest von 1832. Die großen Staaten Österreich und Preußen waren immer noch absolutistische Monarchien. Mitte der 40er Jahre formierten sich neben den Liberalen, die eine gemäßigte Reformpolitik vertraten, die Radikalen oder Demokraten, die grundlegende gesellschaftliche Veränderungen durchführen und die Monarchie abschaffen wollten, letzteres auch deshalb, weil sie in den Fürsten die Hauptgegner der deutschen Einheit erblickten. Nach Mißernten, insbesondere bei Kartoffeln, in den Jahren 1846/47 läßt die wirtschaftliche Not die allgemeine Unzufriedenheit wachsen. Teile Deutschlands ähneln einem Pulverfaß. Brenzlich wird die Lage dann mit der französischen Februarrevolution von 1848, die die Monarchie hinwegfegt. Als erste deutsche Stadt reagiert Mannheim am 27. Februar auf die Ereignisse in Paris: Eine stürmischen Volksversammlung von 2500 Personen, immerhin ein Zehntel der damaligen Einwohnerzahl, formuliert eine Petition an den badischen Landtag, die u.a. folgende Forderung enthält: "Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle Klassen der Gesellschaft ohne Unterschied der Geburt und des Standes". Entsprechende Petitionen in anderen Städten folgen schnell. Ab 3. März gilt im ganzen Deutschen Bund die Pressefreiheit, aber andere Forderungen, insbesondere diejenige nach der Wahl einer deutschen Nationalversammlung, bleiben noch unerfüllt. Daraufhin kommt es zu Aufständen.

Märzrevolution Bevor die Bürger in den großen Zentren Wien und Berlin auf die Barrikaden gehen, gibt es in Süddeutschland vergleichsweise harmlose Demonstrationen. An zwei von ihnen sind Apotheker führend beteiligt: Gustav Justi (1810-1879), Apotheker und Likörfabrikant in Idstein im Taunus, ein "radikaler Fortschrittler", führt als Bürgerwehr-Kommandant am 4. März Idsteiner Bürger und Bauern aus der Umgebung vor das Schloß des Herzogs Adolf von Nassau in Wiesbaden. Dieser sieht sich gezwungen, ihre Forderungen sogleich zu bewilligen - "bewilligt" ist in jenem Monat eines der meistgebrauchten Wörter in Deutschland [18]. Am selben Tag kommt es in (Frankfurt-)Bockenheim, einer damals zum Kurfürstentum Hessen-Kassel gehörenden Stadt, zu stürmischen Kundgebungen gegen die Vertreter der Regierung. Johann Friedrich Wiechmann (1816-1871), Eigentümer der Bockenheimer Apotheke, macht sich zum Wortführer der protestierenden Bürger und organisiert ein "Freikorps". Am 12. März führt er über 200 Bürger nach Hanau, wo sich eine große Menschenmenge aus den umliegenden Ortschaften versammelt. Noch am selben Tag gibt auch Kurfürst Friedrich Wilhelm seinen Untertanen nach [19]. Am 13. März revoltiert die Bevölkerung von Wien und stürzt den verhaßten Kanzler Metternich, am 18. März brechen in Berlin Barrikadenkämpfe aus. Apotheker sind zwar hier wie dort nicht als Anführer mitbeteiligt, vorübergehend reiht sich jedoch in Berlin der damalige Apothekergehilfe Theodor Fontane in das Geschehen ein und wird so zu einem wichtigen Zeitzeugen [6]. Am 19. März versammeln sich in Offenburg, einer zentral und verkehrsgünstig gelegenen Stadt, Vertreter der badischen "vaterländischen Vereine", in denen sich das gehobene und mittlere Bürgertum organisiert hat, um eine Dachorganisation zu schaffen, die politischen Ziele zu diskutieren und einen Vorstand zu wählen. Diesem 16köpfigen "Central-Ausschuß" gehört auch der Offenburger Einhorn-Apotheker Eduard Rehmann an, der zusammen mit seiner Ehefrau Nannette einen besonders ausdauernden Kampf für die Demokratie führen wird [26]). In der "Märzrevolution" hat das Bürgertum in ganz Deutschland fürs erste auf ganzer Linie gesiegt. Bereits am 31. März tritt in Frankfurt am Main ein Vorparlament zusammen, um die Wahl zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung vorzubereiten. Doch tritt nun der programmatische Gegensatz zwischen den Liberalen, die vor allem die erkämpften Rechte sichern wollen, und den Demokraten, die die Revolution fortsetzen wollen, offen zutage.

Erste Aufstandswelle: April 1848 Obwohl die extrem radikale Bewegung in Südwestdeutschland am stärksten ist, kann sie sich auch dort zunächst nicht durchsetzen. Ihr Sprachrohr in Heilbronn ist der knapp 27jährige Adolf Majer, der als Apothekergehilfe in Sinsheim tätig gewesen war, bevor er Anfang März 1848 in der ehemaligen Reichsstadt auftauchte und Redakteur der Tageszeitung "Das Neckardampfschiff" wurde. Majer ruft in der Zeitung wie in mehreren Ansprachen zum Umsturz und zur Errichtung der Republik auf, wird jedoch bereits am 3. April auf Anweisung gemäßigter Bürger verhaftet und Anfang August auf die württembergische Festung Hohenasperg gebracht - als erster von etwa 400 politischen Häftlingen, die dort während jener Revolutionsjahre inhaftiert werden [16,25]. Wir werden ihm später wieder begegnen. Am 20. April scheitert der erste größere Versuch, in Baden die Republik einzuführen: Der Mannheimer Rechtsanwalt Dr. Friedrich Hecker, dem sich etwa 1000 Freischärler angeschlossen haben, wird bei Kandern in Südbaden militärisch besiegt und flieht in die Schweiz [2,4]. Um Hecker zu unterstützen bzw. seinen Mißerfolg doch noch abzuwenden, werden auch zwei Apotheker aktiv: Karl Brunner in Waldkirch und Gustav Mayer in Sinsheim. Brunner ruft die Bewohner des gesamten Elztals am 23. April, einem Ostersonntag, auf, zu den Waffen zu greifen und den Freischaren in Freiburg zu Hilfe zu kommen. So eilen etwa 40 Mann dorthin, reißen das Straßenpflaster auf und errichten Barrikaden, müssen aber schon am nächsten Tag dem Militär weichen. Brunner flieht vorübergehend in die Schweiz, wo er am 4. Juni an einem Treffen deutscher Republikaner in Schaffhausen teilnimmt. Am 24. April unternimmt Gustav Mayer, der eine Zeitlang der Prinzipal des Heilbronner Revolutionärs Adolf Majer gewesen war, im nördlichen Landesteil einen Umsturzversuch: Er ruft in Sinsheim die Republik aus und zieht mit 250 Mitbürgern nach Heidelberg, um über eine Volksversammlung zu verhandeln. Zwar schließen sich ihm auch dort republikanisch gesonnene Bürger an, doch der Bürgermeister und die Bürgerwehr widersetzen sich ihm. Noch am selben Tag legen die Sinsheimer ihre Waffen nieder, während Mayer nach Straßburg flieht [2,3,10].

Standespolitische Aktivitäten Die Ereignisse von 1848 geben auch den Standespolitikern neue Impulse. Ihr seit langem - gegen den Widerstand Österreichs und der süddeutschen Staaten - verfolgtes Ziel, einen allgemeinen deutschen Apothekerverein zu gründen, scheint nun in greifbare Nähe gerückt. So nehmen etwa 150 Apotheker am 12. September in Leipzig am ersten allgemeinen deutschen Apothekerkongreß teil. Sie fordern für alle Gesetzgebungen in pharmazeutischen Fragen ein Mitentscheidungsrecht und eine Vereinheitlichlung der Ausbildung in ganz Deutschland [8].

2. Aufstandswelle: September 1848 Die seit dem 18. Mai in der Frankfurter Paulskirche tagende deutsche Nationalversammlung gerät in eine schwere Krise, nachdem Preußen am 26. August mit Dänemark den für die Deutschen in Schleswig-Holstein ungünstigen Waffenstillstand von Malmö geschlossen hat. Da die Mehrheit der Nationalversammlung den Freiheitskampf der Schleswig-Holsteiner weiterhin unterstützen möchte, tritt die Regierung der provisorischen Zentralgewalt zurück. Die damalige Situation karikiert eine Lithographie mit dem Titel "Reichs-Apothecke": Friedrich Christoph Dahlmann, der den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten hat, fragt in der Apotheke um Rat für ein gutes Rezept. Der Provisor hinterm Rezepturtisch - das ist Heinrich von Gagern, Präsident der Nationalversammlung - rät ihm, auch "etwas von der famosen Blum" (den linken Abgeordneten Robert Blum) zu nehmen, während der Gehilfe - Vizepräsident Alexander von Soiron - ihn ermahnt, "was Rechtes" nicht zu vergessen. Anscheinend gibt es kein Patentrezept, und in der Tat scheitert Dahlmann mit der Regierungsbildung. Als die Nationalversammlung dem Waffenstillstand von Malmö nachträglich zustimmt, kommt es in Frankfurt zu Barrikadenkämpfen und in Südbaden unter Führung von Gustav Struve zu einer zweiten republikanischen "Schilderhebung". Diese findet allerdings in der Bevölkerung wenig Anklang und ist militärisch ebenso erfolglos wie der Heckerzug [2,4]. Auch die Apotheker halten sich diesmal zurück. Lediglich von Heinrich Saul in (Waldshut-)Tiengen ist bekannt, daß er, in welcher Form auch immer, "beteiligt" war. Die überwiegende Mehrheit des Bürgertums wünscht keinen gewaltsamen Umsturz, sondern die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. Es hat weiterhin Vertrauen in die Arbeit der "Paulskirche", insbesondere als diese am 28. Dezember die "Grundrechte des deutschen Volkes" verkündet. Zugleich zeigt sich das gestiegene Selbstbewußtsein der Bürger in der Zunahme der lokalen Bürgerwehren und Volksvereine, in denen einige Apotheker tonangebend sind.

3. Aufstandswelle: Mai 1849 Am 28. März hat die Nationalversammlung nach monatelangen Debatten endlich eine Reichsverfassung verabschiedet und den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zum Kaiser gewählt. Dieser lehnt die Wahl jedoch ab, angeblich, um die Souveränität der anderen Fürsten nicht zu verletzen. Baden und Württemberg erkennen zwar, wenn auch zögerlich, die Reichsverfassung an, nicht jedoch Bayern, das - wie zuvor schon Österreich und Preußen - erklärt, an die Beschlüsse der Frankfurter Nationalversammlung nicht gebunden zu sein. Gegen die Mißachtung des Parlaments durch die Regierungen protestieren große Teile der Bevölkerung. In der damals zu Bayern gehörenden Pfalz und in Baden werden Volksversammlungen veranstaltet, deren Beauftragte die Regierungsgewalt übernehmen. Diese können sich jedoch nicht halten, als auf Bitten der alten Machthaber preußische Truppen einmarschieren.

Georg Friedrich Walz - Revolutionär wider Willen Am 1./2. Mai wählt eine pfälzische Volksversammlung in Kaiserslautern einen Landesverteidigungsausschuß, der die Volkswehren seinem Kommando unterstellt und die Annahme der Reichsverfassung erzwingen will. Zum Vorsitzenden des kantonalen (Kreis-) Ausschusses in Speyer wird am 12. Mai Dr. Georg Friedrich Walz (1813 bis 1862), Eigentümer der Schwanen-Apotheke und Lehrer an der Gewerbeschule, gewählt. Er bemüht sich vergeblich, den revolutionären Elan zu dämpfen. Gegen ihn stimmt die Mehrheit der pfälzischen Kantonalausschußvorsitzenden am 17. Mai für die Einsetzung einer provisorischen Regierung. Einen Monat später (ab 12. Juni) erobern preußische Truppen die Pfalz. Allein wegen seines Amtes, das er während der Revolution innehatte, ist Walz der reaktionären Regierung mißliebig, und da sie ihm keine politischen Straftaten nachweisen kann, fingiert sie eine medizinalrechtliche Anklage: In seiner Apotheke sei auf ungesetzliche Weise Phosphorlatwerge zur Vertilgung von Mäusen abgegeben worden. Walz gewinnt den Prozeß zwar in höchster Instanz, verliert jedoch seine Stelle als Gewerbelehrer und seinen Sitz im Kreismedizinalausschuß [3,8].

Ein "Wühler" in Offenburg: Eduard Rehmann Am 12. Mai tagt in Offenburg der Landeskongreß der badischen Volksvereine. Um in letzter Minute eine Radikalisierung zu verhindern, beschließt die Mehrheit der Delegierten, eine dreiköpfige Deputation - unter ihnen Apotheker Rehmann - mit einem Katalog von Forderungen nach Karlsruhe zu schicken. Erst als diese ihr Ziel nicht erreicht, wird in Offenburg der Zustand der Revolution und der Notwehr gegen die Fürsten erklärt. Das Militär meutert, der Großherzog flieht ins Ausland, seine Minister folgen ihm, und ein vom Landeskongreß gewählter Landesausschuß übernimmt provisorisch die Regierung. Auch Rehmann gehört diesem Gremium an; der zeitgenössische Historiker Ludwig Häusser spricht ihm jedoch höhere geistige Fähigkeiten ab und erkennt nur seine Eignung zur "Wühlerei" (Anstiftung zum Aufruhr) auf lokaler Ebene an [12]. Wie auch immer, Rehmann tritt politisch nicht weiter hervor, weil er noch im Mai in die Schweiz geht, um dort für die badische Armee Waffen einzukaufen [2,26].

Radikale Republikaner: die Brüder Mayer Am 15. Mai kehrt Apotheker Carl Gustav Mayer (s.o.) aus dem französischen Exil nach Sinsheim zurück. Unter seiner Führung gelingt es den Volkswehren im Amtsbezirk Sinsheim, den konterrevolutionären Oberst Hinkeldey auf der Flucht festzunehmen. Bei seinen militärischen Unternehmungen unterstützt ihn sein Apothekergehilfe Emil Herwig, der Schwager seines Bruders Friedrich (s.u.). Als radikaler Verfechter der Revolution macht Mayer sich jedoch bei vielen Bürgern unbeliebt und zieht auf Wunsch der provisorischen Regierung in den Odenwald, um dort eine Freischar aufzustellen. Am 28. Mai fordert eine Volksversammlung in Reutlingen die württembergische Regierung zu einem Bündnis mit Baden auf. Als die Regierung ablehnt, ergreifen einzelne Bürger die Initiative. So kommt der Heilbronner Apotheker und Bürgerwehr-Kommandant Friedrich Mayer, der ältere Bruder des Sinsheimer Apothekers, am 13. Juni mit etwa 50 Mann nach Baden. Schon elf Tage später wird er von den am 20. Juni in Baden einmarschierten Preußen gefangengenommen und nach Württemberg ausgeliefert, während Carl Gustav Mayer ein zweites Mal die Flucht über den Rhein gelingt [25]. Einem anderen Heilbronner Freikorps, das am 13. Juni das damals hessische Bad Wimpfen besetzt, hat sich auch Apotheker Dr. Albert Frech aus Ingelfingen angeschlossen. Er wird Adjutant des badischen Kriegsministers Sigel und nimmt an fast allen Gefechten gegen die Preußen sowie am geordneten Rückzug in den Süden bis ins Schweizer Exil teil. Als er nach Württemberg heimkehrt, wird er verhaftet und auf den Hohenasperg gebracht. Im Mai 1850 gelingt ihm von dort die Flucht [9].

Hauptquartier in der Apotheke Die Preußen haben innerhalb von zwei Wochen den Norden Badens erobert und rücken gegen die Festung Rastatt vor. Da der Oberbefehlshaber Prinz Wilhelm, der spätere deutsche Kaiser, mit einer längeren Belagerung rechnet, richtet er sein Hauptquartier in dem nahegelegen Städtchen Malsch ein, und zwar in der Apotheke. Die steht nämlich leer, weil ihr Besitzer Wilhelm Kölreuter, Gründer und Vorsitzender des Malscher Volksvereins, bereits geflohen ist. Malsch ist übrigens der einzige Ort Badens, der 1849 nicht nur seinen Apotheker, sondern auch seine Apotheke verliert. Erst 1858 wird sie wiedereröffnet.

Raubzüge eines Chaoten Auch der Apotheker-"Literat" Adolph Majer, der im Februar 1849 vom Hohenasperg geflohen war und sich danach in Frankreich aufgehalten hatte (s.o.), ist der badischen Republik zu Hilfe geeilt, widersetzt sich aber während der Junikämpfe dem Oberbefehl und organisiert im südlichen Landesteil eine schwäbische Freischar von etwa 100 Mann. Seine Absicht, von dort nach Stuttgart zu marschieren und die Monarchie in Württemberg zu stürzen, erweist sich als illusorisch. Statt dessen macht Majer mit seinen Leuten die Gegend um Rottweil und Donaueschingen unsicher. Seine letzte "Heldentat", bevor er Mitte Juli auf schweizerisches Gebiet übertritt, ist ein Überfall auf die Insel Mainau, bei dem er über 5000 Maß Wein "erobert" [12,25].

Das Ende in Rastatt Ein Rest der republikanischen badischen Armee mit über 5500 Mann zieht sich in die Festung Rastatt zurück, die am 30. Juni von preußischen Truppen eingeschlossen wird. Dort nimmt ein junger Apotheker ein besonders tragisches Ende: Friedrich Wilhelm Ferdinand Bopp (1825-1849) aus Darmstadt. Nach einer Apothekerlehre hatte Bopp in Gießen bei Liebig studiert und war dessen Privatassistent geworden, wurde aber durch die politischen Ereignisse jäh aus seiner vielversprechenden wissenschaftlichen Laufbahn herausgerissen. Im September 1848, während der 2. Aufstandswelle (s.o.), gehörte er dem Präsidium des oberhessischen Demokratenkongresses an und zog an der Spitze eines bewaffneten Stoßtrupps in Richtung Frankfurt. Nach seiner Rückkehr wurde er inhaftiert und angeklagt, im Dezember aber gegen Kaution entlassen. 1849 schließt sich Bopp - wie viele andere begeisterte Republikaner aus ganz Deutschland - der badischen Armee an und teilt das Schicksal von deren hartem Kern: Kapitulation von Rastatt am 23. Juli, danach Haft in den Kasematten der Festung unter unwürdigsten Bedingungen. Er unternimmt einen Fluchtversuch, der jedoch mißlingt. Am 12. November beendet ein "Nervenfieber" (Typhus) das Leben des 24jährigen [15].

Flucht und Emigration Die Niederlage der republikanischen Armee veranlaßt viele unmittelbar Beteiligte zur Flucht nach Frankreich oder in die Schweiz, um ihr Leben zu retten. Dort stehen sie vor dem Problem, sich eine neue Existenz aufzubauen, was um so schwieriger ist, wenn der heimische Besitz wegen finanzieller Entschädigungsforderungen der alten/neuen Regierung beschlagnahmt ist. So wird Rehmanns Vermögen einschließlich Apotheke 1850 versteigert, und er schlägt sich in Zürich als "Fabrikant für Likör und chemische Mineralwässer" durch. Seine Frau, die in Offenburg zurückgeblieben ist, konnte vor der Versteigerung zum Glück das von ihr in die Ehe eingebrachte Vermögen abtrennen. Unternehmungslustigere Flüchtlinge ziehen weiter in die USA, wo ihre Berufsaussichten verhältnismäßig günstig sind: Albert Dung, Gustav Adolf Enslin, Emil Herwig, Carl Gustav Mayer und vielleicht noch einige andere gründen dort eigene Apotheken [27]. Dagegen weisen einige in Untersuchungshaft befindliche Apotheker das Angebot der badischen Regierung zurück, sie unter der Bedingung, daß sie nach Amerika auswandern, freizulassen. Zwei Apotheker kehren nach ihrer Flucht über den Atlantik wieder heim: Friedrich Mayer aus Heilbronn und Wilhelm Kölreuter aus Malsch. Beide finden nach erneuter Haft schließlich in ihren angestammten Beruf zurück. Zwei junge Apotheker (Jahrgang 1821) absolvieren nach ihrer Flucht ins Ausland ein Medizinstudium und bauen sich damit eine neue Existenz auf: Albert Frech in Frankreich und Adolph Majer in den USA.

Zuchthaus und Festungshaft Während die badischen Revolutionäre, sofern sie nicht ins Ausland geflohen sind, ihre Haftstrafen im neuerrichteten Zuchthaus Bruchsal absitzen müssen, kommen ihre württembergischen Mitstreiter auf die Festung Hohenasperg, gewissermaßen ein Gefängnis für Honoratioren [16]. In Baden gelten die politischen Gefangenen als gemeine, ehrlose Verbrecher und werden auf vielfältige Weise gedemütigt, während auf dem Hohenasperg die "Angehörigen der gebildeten Stände" vergleichsweise komfortable Haftbedingungen genießen. Wie die Beispiele von Majer und Frech zeigen, boten sich sogar Gelegenheiten zur erfolgreichen Flucht. Der bekannte rheinische 1848er und spätere US-amerikanische Minister Carl Schurz beschrieb in seiner Autobiographie die Unterschiede von Festungs- und Zuchthausstrafe so [24]: "Was war Festungsstrafe? Einsperrung in eine Festung unter militärischer Bewachung, bei welcher der Gefangene immerhin die Zeichen seiner bürgerlichen Identität, seinen Namen, seine Kleider, seinen Charakter als Mann behielt, eine dieses Charakters nicht unwürdige Behandlung seitens der Wächter empfing, ja, wo ihm nicht selten seine gewohnten geistigen Beschäftigungen verblieben - eine Haft, aber keine Beschimpfung, keine Marter. Und was war Zuchthausstrafe? Einsperrung in eine Strafanstalt der gemeinen Verbrecher, wo der Gefangene mit dem Diebe, dem Fälscher, dem Raubmörder gleichgestellt, wo sein Haupthaar geschoren, seine bürgerliche Kleidung mit der Zuchthausjacke vertauscht wurde - wo er seinen Namen verlor und statt dessen eine bloße Nummer empfing, wo er im Falle eines Disziplinarfehlers mit Stockschlägen gezüchtigt werden durfte, wo er sein ganzes geistiges Leben aufzugeben hatte, um dafür geisttötende Zwangsarbeit zu verrichten." Zwar werden in Baden alle politischen Häftlinge in der Regel lange vor Abbüßung ihrer gesamten Strafe begnadigt und entlassen, aber die meisten, die länger als zwei Jahre "gesessen" haben, sind gesundheitlich ruiniert, von der finanziellen Misere (Zwangsversteigerung der Apotheke oder anderen Eigentums) ganz zu schweigen. So wissen wir nicht einmal, was aus den ehemaligen Apothekenbesitzern Heinrich Saul und Franz Josef Schlosser geworden ist. Ihre Kollegen Raimund Fischer und Karl Brunner sterben bereits im Alter von 29 bzw. 36 Jahren. Auch der über 2 Jahre lang auf dem Hohenasperg inhaftierte Apotheker Johann Baptist Bauernfeind findet nicht mehr in seinen alten Beruf zurück. Wir hören von ihm erst wieder unmittelbar nach seinem Tod: Er starb durch einen Arbeitsunfall mit einer Dampfmaschine. Davon, daß Bauernfeind während seiner Haft auch geistigen Betätigungen nachging, zeugen seine Zeichnungen und ein erhaltener Brief an seine Frau, in dem er sie um Materialen zum Bau eines "Daguerrotyp-Apparates" bat [24]. Während dessen führte Friedrich Mayer in der Festung eine angefangene wissenschaftliche Arbeit, nämlich die Erstellung einer Tabelle für Alkoholmischungen, zu Ende, korrespondierte mit einem Kollegen über fachliche Probleme und organisierte eine Versammlung des Pharmazeutischen Vereins [28].

Bilanz: Apotheker als Hauptbeteiligte Die badischen Behörden stellten nach 1849 ein Verzeichnis der Hauptbeteiligten der Revolution zusammen. Selbst wenn man berücksichtigt, daß es sich bei dieser Revolution im wesentlichen um eine bürgerliche Bewegung handelte und die zahlenmäßig dominierende Landbevölkerung fast nur als Mitläufer auftrat, so waren unter den insgesamt 603 hauptbeteiligten Personen die 13 Apotheker (gut 2%) doch überproportional vertreten; diese Aussage gilt übrigens auch im Vergleich mit den 35 hauptbeteiligten Ärzten. Handelte es sich bei den letzteren hauptsächlich um "Landärzte", so waren auch die revolutionären Apotheker haup