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Meinung

Das "Jobwunder"

Was haben die amerikanische Wirtschaft und deutsche Apotheken gemeinsam? Nun, beide beeindrucken im Zeitalter des allgegenwärtigen Arbeitsplatzabbaus durch ein "Jobwunder". Die Amerikaner sind derzeit - so schreibt der Spiegel - "Weltmeister beim Schaffen neuer Arbeitsplätze": Acht Millionen neue Jobs sollen seit 1990 in den USA entstanden sein. In den deutschen Apotheken gelten zwar andere Größenordnungen. Dennoch stellt die ABDA, Abteilung Wirtschaft und Soziales, in ihrem Bericht zur wirtschaftlichen Lage des Jahres 1996 fest: Erstmals liegt die Zahl der Arbeitsplätze in Apotheken über 130000. Damit setze sich, so die ABDA, der seit Jahren anhaltende Trend fort, daß die Branche Apotheke mehr und mehr Arbeitsplätze zur Verfügung stelle. "Eine wohltuende Ausnahme" sei dies in einer gesamtgesellschaftlichen Situation mit 4,5 Millionen Arbeitslosen. Und überhaupt seien die Arbeitsplätze in Apotheken "lokal und oft als Teilzeitarbeitsplätze verfügbar und damit frauenfreundlich".

Ohne Billigarbeiter wäre der Arbeitsplatz-Boom in den USA nicht denkbar, so urteilen Wirtschaftsexperten. Und soziale Absicherung nach deutscher Art ist für die Mehrheit der Amerikaner ein Fremdwort. "Hire und fire" ist an der Tagesordnung. Viele US- Arbeitnehmer brauchen mehrere Jobs, um überhaupt ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ein Szenario zum Gruseln. Unzumutbar und menschenunwürdig. Das alles wollen wir in Deutschland nicht.

Doch schauen wir uns einmal die Arbeitsplätze in Deutschlands Apotheken an. Die Tarifgehälter liegen für alle Berufsgruppen am unteren Ende der Lohnskala vergleichbarer Berufe (siehe DAZ 1996, Nr. 34, S. 67). PKA- oder PTA-Gehälter sind aufs "Zuverdienen" ausgelegt. Sie erlauben eine eigenständige Lebensführung nur mit starken Einschränkungen. Hinzu kommt: die Mehrheit der Apothekenangestellten ist teilzeitbeschäftigt. Und das durchaus nicht immer freiwillig und auf eigenen Wunsch. Teilzeitarbeit schmälert das ohnehin knappe Gehalt weiter. Und auch wenn wir vom amerikanischen "hire and fire" noch weit entfernt sind: Der Kündigungsschutz für Arbeitnehmer wurde im letzten Jahr für Betriebe mit weniger als zehn vollen (!) Mitarbeitern (also auch für Apotheken) stark eingeschränkt. Wer jetzt argumentiert, daß hierzulande wenigstens die soziale Absicherung stimmt, sollte einmal an die Zukunft denken: Wie mag wohl der Rentenanspruch aussehen, der sich mit einem "typischen Frauengehalt" ą la Apotheke aufbauen läßt? Ist der soziale Abstieg nicht spätestens im Seniorenalter bittere Realität? Ist das alles menschenwürdig oder gar "frauenfreundlich"?

Jeder mag da seine Bewertung selber treffen. Was ich jedoch aus dem Arbeitsplatz-"Boom" in deutschen Apotheken schließen möchte: Trotz zunehmender Technisierung ist die menschliche Zuwendung zum Patienten, das intensive Gespräch unverzichtbarer denn je. Daß aus dieser Erkenntnis heraus sogar neue Jobs entstehen, spricht für die Leistung der Apotheke. Und daß neue Arbeitsplätze auch in Deutschland mit Einbußen an sozialer Sicherheit verbunden sind - darauf müssen sich zukünftig vielleicht sogar Männer einstellen. Reinhild Berger

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