Anabolika-Konsumenten zahlen hohen Preis
Auf einen Blick
- Anabole Steroide sind synthetische Derivate des Testosterons, die über den Androgenrezeptor die Proteinsynthese und damit das Muskelwachstum steigern.
- Die missbräuchliche Anwendung zum Muskelaufbau ist weit verbreitet; Schätzungen gehen von 5% der männlichen Freizeitsportler in Deutschland aus.
- Der Missbrauch exogener Androgene legt die körpereigene Hormon-Regulierung lahm, was bei Männern zu Hodenatrophie und Unfruchtbarkeit und bei Frauen zu Zyklusstörungen führt.
- Anabolikamissbrauch erhöht das Sterberisiko um fast das Dreifache, vor allem durch schwere kardiovaskuläre Schäden wie Herzinfarkte, Kardiomyopathien und Thromboembolien.
- Zu den äußerlich sichtbaren Nebenwirkungen zählen Akne, androgenetischer Haarausfall und bei Männern eine Gynäkomastie durch die Umwandlung der Steroide in Estradiol.
- Insbesondere orale, 17α-alkylierte Steroide sind hepatotoxisch und können zu Leberschäden führen.
- Psychische Folgen reichen von Aggressivität und Stimmungsschwankungen während des Konsums bis hin zu Depressionen und Suizidgedanken nach dem Absetzen.
Nicht jedes Rezept über ein Testosteronpräparat, das auf den HV-Tischen in unseren Apotheken landet, ist auch zur Therapie eines Hypogonadismus bestimmt. Diesem Verdacht ging kürzlich eine vom BfArM initiierte Studie nach [1]. Eine Auswertung der GePaRD-Datenbank (German Pharmacoepidemiological Research Database; Abrechnungsdaten von vier gesetzlichen Krankenkassen) ergab, dass die altersstandardisierte Verordnungsprävalenz für Testosteron-haltige Arzneimittel in Deutschland innerhalb von nur zwölf Jahren, zwischen 2009 und 2021, um 50% gestiegen ist.
Besonders auffällig war die Gruppe der 20- bis 29-Jährigen, in der sich die Verordnungen mehr als verdoppelten und zunehmend von Hausärzten ausgestellt wurden. Bei etwa einem Drittel der Männer fehlte zudem eine entsprechende Diagnose (z.B. Hypogonadismus), und wenn sie vorlag, dann häufig ohne die erforderlichen Testosteronmessungen. Die Wissenschaftler vermuten deshalb, dass ein großer Teil der Verordnungen einem nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch diente, etwa zum Muskelaufbau oder bei altersbedingtem Libidoverlust.
Unseriöse Beschaffungsquellen
So problematisch dieser Trend auch ist, zumindest vertrauen diese Männer einem Arzt, der ihre Steroidanwendung überwacht und sie auch wieder zum Aufhören bewegen kann. Viele Männer beschaffen sich Testosteron oder dessen potentere Derivate hingegen online oder über Kontakte im Fitnessstudio. Das gesamte Ausmaß lässt sich nur schwer erfassen. Eine konservative Schätzung geht davon aus, dass 5% der Freizeitsportler in deutschen Fitnessstudios anabole Steroide nutzen [2].
Auch wenn Frauen seltener zu anabolen Steroiden greifen, ist der Konsum keineswegs nur auf Männer beschränkt. Die weltweite Lebenszeitprävalenz wird bei Frauen auf 1,6% geschätzt, im Vergleich zu 6,4% bei Männern [3]. Ihre Konsummuster unterscheiden sich jedoch deutlich: Frauen neigen zu kürzeren Anwendungsperioden, sogenannten Zyklen, geringeren Dosierungen und bevorzugen spezifische Substanzen wie Stanozolol oder Oxandrolon [4].
Breites Substanzspektrum
Anabole Steroide sind eine Gruppe synthetischer Hormone, die vom körpereigenen Testosteron abgeleitet sind. Über ihre Bindung an den Androgenrezeptor entfalten sie zwei zentrale Wirkungen: Die androgene Komponente fördert die Ausbildung und Aufrechterhaltung männlicher Geschlechtsmerkmale, während der anabole Effekt, die Steigerung von Muskelmasse und -kraft durch eine verstärkte Proteinsynthese, für die meisten Anwender im Vordergrund steht.
Chemische Modifikationen dienen dazu, die Wirkung gezielt zu verbessern: So verlängern etwa Testosteronester wie Testosteronundecanoat (Nebido®) oder C-17-Alkylierungen (z.B. Stanozolol) die Halbwertszeit, während andere Verbindungen wie das C-19-demethylierte Nandrolon die anabole Komponente verstärken sollen (s. Abb. 1). Doch Androgenrezeptoren finden sich nicht nur in der Muskulatur, sondern im gesamten Körper. Entsprechend weitreichend sind die Folgen des Gebrauchs.

Gelähmte Hormon-Achse
Die naheliegendste Nebenwirkung der Anabolika sind hormoneller Natur. Über die Feedback-Inhibition bringt der massive Überschuss an exogenen Androgenen die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse (HHG-Achse) zum Erliegen (s. Abb. 2). Beim Mann drosselt die Hypophyse daraufhin die Freisetzung der Gonadotropine luteinisierendes Hormon (LH) und follikelstimulierendes Hormon (FSH), woraufhin die Produktion von Testosteron und Spermien im Hoden einbricht. In der Haarlem-Studie zeigten zwei Drittel der Probanden am Ende des Anabolika-Zyklus eine Oligo- oder Azoospermie (geringe bzw. fehlende Spermien) [5]. Zudem verkümmern die spermienproduzierenden Samenkanälchen, wodurch die Hoden schrumpfen.

Nach dem Ende eines Anabolika-Zyklus erholt sich die Hormon-Achse nur langsam wieder, je nach Dauer der Steroidanwendung sind dafür mehrere Monate bis Jahre nötig [4]. Dieser hypogonadale Zustand äußert sich durch sexuelle Funktionsstörungen wie Libidoverlust und erektile Dysfunktion, eine weiterhin eingeschränkte Fruchtbarkeit und psychische Belastungen. In manchen Fällen bleibt dieser Hypogonadismus sogar dauerhaft bestehen.
Weitere Selbstmedikation
Oftmals greifen die Männer eigenhändig zu verschreibungspflichtigen Substanzen, um die Erholung der HHG-Achse zu beschleunigen. In der sogenannten Post-Zyklus-Therapie werden selektive Estrogenrezeptor-Modulatoren (SERM), Aromatase-Inhibitoren und Analoga der Wachstumsfaktoren für einige Wochen eingesetzt, trotz umstrittenen Nutzens. Sexuelle Funktionsstörungen sind aber auch bereits während eines Zyklus möglich. Ein Ungleichgewicht zwischen Androgenen und Estrogenen kann trotz supraphysiologischer Testosteronspiegel zu einer erektilen Dysfunktion führen. Die Libido hingegen steigt durch die exogenen Androgene, auch bei Frauen.
Bei weiblichen Anwenderinnen zeigt sich außerdem ein vergleichbares Muster hormoneller Störungen: Die unterdrückte Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse führt oftmals zu Menstruationsstörungen (Spaniomenorrhö: ungewöhnlich langer Zyklusabstand, Amenorrhö) bis hin zur Unfruchtbarkeit, weil die Ovulation ausbleibt. Wie lange es dauert, bis sich der Hormonhaushalt bei Frauen wieder normalisiert, ist nicht untersucht, sodass sich nur an den für Männer berichteten Zeitspannen orientiert werden kann. Darüber hinaus ist die Anwendung von Anabolika bei Frauen oft von einer Klitorishypertrophie begleitet [4].
Folgen für Haut und Haar
Während sich die Nutzer von den Substanzen ein besonders muskulöses Erscheinungsbild versprechen, kann der Wunsch vom idealen Körperbild schnell durch nach außen sichtbare Nebenwirkungen getrübt werden. Testosteron und seine Derivate steigern die Sebumproduktion. Die Folge sind eine ölige Haut und Akne. In der Haarlem-Studie litten 29% der Teilnehmer darunter [6]. Auch die Haare leiden: Die Studie legt einen Zusammenhang mit vermehrtem androgenetischem Haarausfall nahe, einerseits durch die 5-alpha-reduzierten Dihydrotestosteron-Metaboliten, andererseits aber auch durch die supraphysiologischen Testosteronkonzentrationen [6]. Ein signifikanter Anteil des zugeführten Testosterons wird außerdem durch die Aromatase in Estradiol umgewandelt, welches die Entwicklung einer bisweilen schmerzhaften Gynäkomastie fördert.
Anabolikakonsumenten greifen auch hier häufig zu weiteren Substanzen, um die Nebenwirkungen zu kontrollieren: Isotretinoin gegen die Akne, Finasterid gegen den Haarausfall und Aromatasehemmer bzw. selektive Aromatasehemmer gegen die Gynäkomastie [4]. Bei Frauen führen die Substanzen hingegen zu einer Virilisierung: Die Stimme wird tiefer, und es wachsen vermehrt Haare (Hirsutismus). Bei jugendlichen Nutzern kann ein Missbrauch außerdem das Längenwachstum limitieren, weil exogen zugeführtes Testosteron zu einem vorzeitigen Verschluss der Epiphysenfugen führen kann.
Gefahr für Herz und Leben
Manche Konsumenten bezahlen den Preis für den gestählten Körper mit ihrem Leben: Der Gebrauch von Anabolika erhöhte das Sterblichkeitsrisiko gegenüber Nicht-Konsumenten in einer dänischen Kohortenstudie um fast das Dreifache (Hazard Ratio: 2,81; 95%-KI: 1,98 bis 3,99; p < 0,001) [7]. Daran schuld sind vor allem kardiovaskuläre Erkrankungen, da anabole androgene Steroide das Herz-Kreislauf-System an zahlreichen Punkten angreifen: In der Leber beeinflussen die Substanzen den Lipidstoffwechsel, was das gesamte Lipidprofil nachteilig verändert. Schon nach einigen Wochen steigen die LDL-Cholesterolwerte (> 20%), während die HDL-Werte drastisch um bis zu 70% sinken können [8].
Der Blutdruck erhöht sich ebenfalls, weil die Substanzen die Gefäße verengen und zur Wasserretention führen. Eine neue Metaanalyse belegt, dass die Anwendung von Anabolika den systolischen Blutdruck um durchschnittlich 12,43 mmHg und den diastolischen Blutdruck um 8,09 mmHg steigen ließ [9]. Die Effekte sind nicht immer einfach voneinander zu trennen. Oftmals werden auch andere Substanzen mit Wirkung auf den Blutdruck konsumiert, zum Beispiel Somatropin, Beta-Agonisten, aber auch Cocain oder Metamphetamin [10].
Blutdruck richtig messen
Bei der Blutdruckmessung sollte außerdem auf die richtige Manschettengröße geachtet werden: eine für die muskulösen Arme zu kleine Manschette überschätzt den Blutdruck [4]. Dabei darf nicht vergessen werden, dass das Herz ebenfalls ein Muskel ist. Unter dem Einfluss der Steroide verdickt und versteift sich der Herzmuskel, insbesondere der linke Ventrikel, was seine Pumpfunktion beeinträchtigt. Nicht zuletzt verändert sich auch die Blutviskosität. Testosteron und seine Derivate steigern die Bildung von Erythrozyten (Erythropoese), wodurch Hämoglobinlevel und Hämatokritwert (zellulärer Anteil des Blutes, vor allem Erythrozyten) steigen [8].
Für das Herz-Kreislauf-System bedeuten diese Veränderungen den perfekten Sturm, und die Konsumenten sollten eindringlich darüber aufgeklärt werden: Ihnen drohen Herzinfarkte (adjustierte Hazard Ratio [aHR]: 3,00; 95%-Konfidenzintervall [KI]: 1,67 bis 5,39), venöse Thromboembolien (aHR: 2,42; 95%-KI: 1,54 bis 3,80), Arrhythmien (aHR: 2,26; 95%-KI: 1,53 bis 3,32), Kardiomyopathien (aHR: 8,90; 95%-KI: 4,99 bis 15,88) und Herzinsuffizienz (aHR: 3,63; 95%-KI: 2,01 bis 6,55), so die Ergebnisse einer weiteren dänische Studie mit 1.189 Männern, die aufgrund von Anti-Doping-Verstößen in Fitnesszentren sanktioniert und über einen durchschnittlichen Zeitraum von elf Jahren beobachtet wurden [11].
Belastung für Leber und Nieren
Neben dem Herz-Kreislauf-System schädigen Anabolika auch die Leber. Insbesondere die oralen 17α-alkylierten Derivate belasten das Organ, da ihre chemische Struktur sie vor dem First-Pass-Metabolismus schützt und so ihre Bioverfügbarkeit erhöht [2]. Die Leber reagiert auf die Substanzen mit oxidativem Stress, der Leberkrankungen bis hin zum Leberkrebs begünstigen kann. Die Interpretation der Leberwerte wird zusätzlich dadurch erschwert, dass die Werte der Transaminasen AST und ALT auch durch intensives Krafttraining steigen [2].
Umstrittener sind die Auswirkungen der Anabolika auf die Nieren. Obwohl akute Nierenschäden selbst bei hohen Dosen selten sind, könnte ein langfristiger Konsum, insbesondere in Kombination mit einer unbehandelten Hypertonie, dennoch zu renalen Schäden führen [2]. Auch hier erschweren die physiologischen Besonderheiten der Anwender die Diagnostik: Die durch die Anabolika aufgebaute Muskelmasse erhöht die Kreatininproduktion, weshalb Kreatinin-basierte Schätzungen der glomerulären Filtrationsrate (eGFR) die Nierenfunktion systematisch unterschätzen [2].
Zwischen Aggression und Depression
Anabolikamissbrauch und neuropsychiatrische Symptome sind oftmals zwei Seiten einer Medaille: Psychische Vorerkrankungen gelten als Risikofaktor für den Konsum der Anabolika, während die Substanzen selbst psychiatrische Störungen auslösen können [10]. In kontrollierten Studien berichteten Probanden unter der Gabe von Methyltestosteron von Euphorie, gesteigerter Energie und erhöhtem sexuellem Verlangen, wobei die Effekte dosisabhängig waren und bei einem Teilnehmer sogar eine akute manische Episode auslösten [12].
Diese initial oft als positiv empfundenen Wirkungen können jedoch in Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen und eine erhöhte Aggressivität, die im Volksmund als Roid Rage bekannt ist, umschlagen. Insbesondere Trenbolon steht im Ruf, ausgeprägte psychologische Effekte wie Aggression und kognitive Defizite hervorzurufen [13]. Als neurobiologisches Korrelat dieser Verhaltensänderungen werden strukturelle und funktionelle Veränderungen im limbischen System vermutet. Bildgebende Verfahren zeigten bei Langzeitkonsumenten signifikante Abweichungen in Größe und Konnektivität der Amygdala, jener Hirnregion, die für die Verarbeitung von Emotionen wie Angst und Aggression zentral ist [10]. Nach dem Absetzen können depressive Verstimmungen und Craving bis hin zu Selbstmordgedanken auftreten und dazu führen, dass der Steroidkonsum wieder aufgenommen wird [10, 14].
Absetzen oder Ausschleichen
Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, kann ein offenes, wertfreies Gespräch zum Aufhören motivieren. Oftmals ist es aber der unerfüllte Kinderwunsch, der zum Beenden des Anabolikagebrauchs motiviert [14]. Neben dem abrupten Absetzen, vor allem nach kurzzeitiger Anwendung, kann eine schrittweise Reduktion der Testosterondosis (gegebenenfalls nach Umstellung von einem anderen Steroid auf Testosteron) über mehrere Monate eingeleitet werden, um die Entzugssymptomatik zu mildern. Bei Männern mit Langzeitgebrauch kann eine zeitlich begrenzte Therapie mit Clomifen oder humanem Choriongonadotropin (hCG) erwogen werden, um die Normalisierung der Spermatogenese zu beschleunigen [14].
Literatur
[1] Schäfer W et al. Verordnung von testosteronhaltigen Arzneimitteln in Deutschland. Bulletin zur Arzneimittelsicherheit 2025;3:4–8
[2] Hörning M. No Roids inside – ein Programm zur Prävention des Medikamentenmissbrauchs in Fitnessstudios. Sachbericht für das Bundesministerium für Gesundheit. 2015
[3] Sagoe D et al. The global epidemiology of anabolic-androgenic steroid use: a meta-analysis and meta-regression analysis. Ann Epidemiol 2014;24:383–398
[4] Bond P et al. Anabolic-androgenic steroids: How do they work and what are the risks? Front Endocrinol (Lausanne) 2022;13:1059473
[5] Smit D et al. Disruption and recovery of testicular function during and after androgen abuse: the HAARLEM study. Human Reprod 2021;36:880–890
[6] Smit DL et al. Positive and negative side effects of androgen abuse. The HAARLEM study: a one year prospective cohort study in 100 men. Scand J Med Sci Sports 2021;31:427–438
[7] Windfeld-Mathiasen J et al. Mortality Among Users of Anabolic Steroids. JAMA 2024;331:1229–1230
[8] Meagher S et al. Anabolic-androgenic steroids among recreational athletes and cardiovascular risk. Curr Opin Cardiol 2025;40:221–229
[9] Minxing L und Yanfei Y. Adverse effects of anabolic androgenic steroid abuse in athletes. Substance Use Misuse 2025;60:873–887
[10] Grant B et al. Androgen abuse: Risks and adverse effects in men. Ann N Y Acad Sci 2024;1538:56–70
[11] Windfeld-Mathiasen J et al. Cardiovascular Disease in Anabolic Androgenic Steroid Users. Circulation 2025;151:828–834
[12] Su TP. Neuropsychiatric effects of anabolic steroids in male normal volunteers. JAMA 1993;269:2760–2764
[13] Piatkowski TM et al. „My mind pretty much went to mush“: A qualitative exploration of trenbolone in the performance and image enhancing drug community. Drug and Alcohol Review;246:1566–1576
[14] Anawalt B D et al. Diagnosis and Management of Anabolic Androgenic Steroid Use. J Clin Endocrinol Metab 2019;104:2490–2500
[15] Kicman AT et al. Pharmacology of anabolic steroids. Br J Pharmacol 2008;154:502–521