Moderne Kommunikation

Über die Umgehensweise der Großkonzerne

02.03.2017, 15:25 Uhr - Ein Blog-Beitrag von DAZ.online-Mitglied Bernd Jas

Das waren noch Zeiten: Apotheker Bernd Jas macht sich über die Verkaufs- und Service-Strategien großer Kommunikationskonzerne Gedanken. (Foto: Smiltena / Fotolia)

Das waren noch Zeiten: Apotheker Bernd Jas macht sich über die Verkaufs- und Service-Strategien großer Kommunikationskonzerne Gedanken. (Foto: Smiltena / Fotolia)


Es begann mit Post vom Telefonanbieter. Alle „alten“ Telefonleitungen würden nun vom Netz gehen und auf V.o.I.P. umgestellt werden. Was Bernd Jas dann erlebte, bis seine Apotheke wieder über einen funktionierenden Telefonanschluss verfügte, ist kaum in Worte zu fassen.

Es war einmal eine Wählscheibe, auf dessen technische Umgebung man sich ziemlich gut verlassen konnte. Die locker an der Wählscheibe befestigten Telefonapparate waren sehr verlässlich und nicht mehr und nicht weniger abhörsicher als heute, wahrscheinlich aber doch viel mehr, da sich erstens das Interesse und die Möglichkeiten bestimmter Unternehmenskreise in Grenzen hielt und zweitens die Sprache heute nicht mehr in Form von elektromagnetischen Wellen sondern als digitale Datenpakete durch sämtliche Äther dringen.

Es waren ja nicht nur mehr gewollte, ja auch ungewollt daher gesagte Sprachbündel, die kaum ausgesprochen auch schon wieder verschwunden waren, es sei denn, es hieß damals jemand Gudrun Ensslin oder Erich Honecker. Nein, heute sind alle Nachrichten fein schwarz auf weiß mit Emojis oder anderen Selfies versehen, in Datenbündeln verpackt dafür vorgesehen sich nicht nur friedlich im grauen Schmalz des Empfängers oder im Äther aufzulösen, sondern auch für den Sender unbemerkt in Parallelwelten namens Clouds irgendwo auf der Welt gespeichert zu werden. 

Aber was für den Anwender wie eine trübe Brühe der Cloud daherkommen soll, wo kein Mensch mehr irgendeinen Wortfetzen wiederfinden könnte, ist für die Spezies der Anbieter die Weltausstellung von allem je Ersprochenen. Die Superrechnerleistung einer Cloud setzt dann Sortieralgorithmen ein, um in Sekundenschnelle die Ordnung (O) wieder herzustellen. Das große Vergessen für den einzelnen wird immer größer, für die Exabite-Speicher war es mal.

Warum mache ich mir Gedanken darüber?

Die neusten Bestrebungen, Telefonieren mit V.o.I.P.: Da ist die Diskretion schon durch den Begriff eliminiert: Stimme durch Internet-PROTOKOLL; von wegen Bürokratieabbau. Ende November bekam ich Post (per Brief, aber zeitgemäß digital erstellt) von „meinem“ privaten Telefonanbieter. In diesem Brief wurde erläutert, dass alle „alten“ Telefonleitungen (bei mir zu Hause ISDN) nun vom Netz gehen und nun auf V.o.I.P. umgestellt würden.

Dies war eine Kündigung, und zwar zum 22.02.2017, abgeschaltet wird die Leitung dann am 23.02.2017. „Wenn sie möchten, machen wir Ihnen gerne ein Angebot für einen neuen Vertrag. Mit 100Hz haben wir dann für nur 39,95€ einen flackerfreien Zugriff auf Ihre sämtlichen Daten und Konten. Sie brauchen nur noch unten rechts zu unterschreiben, den Rest inklusive bequemen Bankeinzug erledigen wir für Sie.“

„Moment mal, - Sie kündigen mir und ich soll sämtliche, für meinen Anschluss und die neue Technik entstehenden Kosten übernehmen und bei Ihnen in einem Jahr etwa das Doppelte für einen neuen Vertrag bezahlen als bei Ihren Mitbewerbern?“ Und weiter: „Ja, diese Angebote haben wir auch, gelten jedoch nur für Neukunden und Sie als Bestandskunde sind da nicht mehr lange. Ain schöönen Taag noch ...“  -...mit dem Rest Ihrer Bestandskunden – hab ich mir dann verkniffen. Nach weiteren „klärenden“ Anrufen bleibt nur noch eins,...der...

...Anbieterwechsel  mit Abschalt-Blues (in Schiss-Moll)

1.Strophe:

Ich las, dass es während der Umstellung auf V.o.I.P. bei vielen deutschen Anbietern zu einer 24-Stunden-Zwangstrennung kommt. (Hallo Regie; jetzt bitte den Woopie-Goldberg-Schrei aus Jumping Jack Flash einspielen.)

Na Prima. Aber zu Hause wäre das ja verkraftbar, zumindest während der Woche, und weil wir ja eh dann nicht zu Hause sind. Wäre, ja wäre! Ok, wenn Wechsel, dann auch gleich richtig. Also neuer Anbieter und neuer Vertrag am 26.01.2017. Am Freitag den 27.01.2017 fiel dann im Laufe des Tages in der APOTHEKE das Telefon aus.

Refrain:

Der Beginn einer Warteschleifen-Odyssee, unter der wir nach zig Versuchen von Kabeltrennungen und Resets unsere Telefon-Anlage von der Schuld frei sprechen durften. „Ich kann Ihnen einen Techniker raus schicken um die externe Leitung zu prüfen, ähh … frühestens am Dienstag den 31., wäre das möglich!“

2.Strophe:

Nach Erklärungen, wir seien eine Apotheke, ...öffentlich, ...wichtig, ... mit Versorgungsauftrag, ...Erreichbarkeit etc. „Ja schön, da haben wir dann unser Pissines-Angebot für nur 10,-€ zusätzlich im Monat, da haben Sie dann innerhalb von 8 Stunden Anspruch auf einen Techniker.“

In mir steigen Gedanken an neoliberale Maffiastrukturen und grüne Cholsäurederivate auf. Jetzt nur ruhig bleiben, sonst wird alles nur noch schlimmer. Was ein Geschäftsmodell!

Kölsche Rap-Einlage:

„Jupp! Treck mol dat jerüne Kkabel do eruss, dat künnt dat vum Schmitz sin. Un dann vieleisch no dat ruut-wieß-blou jestriefte do; wor dat nit ens dat vum van de Nerv? - Wat sääse?  -  Ejal, ooch erus domit, sons verpasse mir nooch dä Anfiff beim FC.!“ „Ever isch han do nooch eens över.!“ „Kumm,et jeeht loos!“

Und wie es los war. Bis am Montag den 30.01dann kurz nach Feierabend (19:40Uhr) die SMS auf dem Handy ankam. „Aufgrund Ihres Hinweises haben wir einen Fehler in unserer Technik festgestellt, ein Techniker bei ihnen vor Ort ist nun nicht mehr notwendig. Wir melden uns sobald alles wieder funktioniert.“  Viel Spaß noch mit Ihrem Anschluss und ain´n Schöön Taag!

So ging es dann sogar während des Sonntagsnotdienstes am 12.02.2017 ab 11:50 Uhr ohne Telefon weiter.

Refrain:

Der Beginn...

3.Strophe:

Am Dienstag den 14., 13:10 Uhr, hatte Jup dann auch dieses Kabel wieder „erinjedeut“. Donnerstag 16.02.2017; der Gau; um 19:40 Uhr kein EC-Kassenschnitt möglich, da kein Internet und kein Telefon. Keine Verbindung mehr zu Großhändlern und Software-Betreuung.

Refrain:

Der Beginn...

4.Strophe:

„Glücklicherweise“ geht am Freitagmorgen 17.02.2017 das Telefon für ca. 3 Stunden wieder und am Nachmittag steht das Internet wieder. Hey Jupp, sätz mer nooch eene dropp? Jou Tuppes, weed jemaat! Die bereits gut eingespielt laufende Rufumleitung auf mein Handy war Jupps nächstes Opfer am Freitagabend! Erneuter Break! Welch eine trügerische Ruhe ohne Telefon.

Refrain:

Der Beginn...

5.Strophe:

Dienstag 21.02.2017, etwa 9:30Uhr; es taucht tatsächlich ein Jup in der Apotheke auf. Fehler in Externer Leitung beseitigt und noch mal an allen Kabeln gerappelt. „Da wor ooch eens noch jet locker“! „Ja, ja Jup häste joot jemaat!“

Schluss-Akkord:

Wenn ich nur wüsste ob das DER Jup war. Dem hätt´ ich gerne mal eben die Batterie umgepolt.    

Grenzen der Erträglichkeit

Wir als Heilberufler mit e.K. haben (im Rahmen vom SGBV) nach Abgabe diverser Gerätschaften 24 Stunden auf hab Acht-Stellung zu verharren, diese bei Ausfall umgehend in Stand setzen oder austauschen und zwar für umme. Wir stehen beim Umgang mit BTM ständig mit einem Bein im Knast, müssen zulassen, dass sich Krankenkassen willkürlich an unseren Konten bedienen, kümmern uns sofort und persönlich um jede kleine und große Beule und auch um die rot-weiß-blau-gestreiften Pillen für Herrn van de Nerv, erklären dem Choleriker Schmitz mit Engelszungen, die Welt seiner Krankenkasse neu und dass er jetzt nicht mehr die grünen sondern gelben schlucken soll.

Für Kunden, Glühbirnen, Personal, Vertreter, Großhändler, Software, Kaffee, Buchhaltung, für all das und noch viel mehr sind wir da, aber nicht für solchen, sich verselbstständigenden Zwangsautomatismus, der uns nach allen Regeln der Kunst von den großen Playern (und ich meine nicht nur Telefon-Anbieter) bis zur Bewegungsunfähigkeit als Stacheldraht quer durchs Hirn gezogen wird; wahrscheinlich aber doch viel mehr als wir wollen müssen wir damit leben.

Welch ein Ausspielen von Macht. Was für Aussichten für die jüngeren Generationen in solchen Strukturen leben zu müssen.

Wer liest und versteht denn beispielsweise die ca. siebzig Seiten Vertragsbedingungen von WhatsApp und unterschreibt dann noch freiwillig, ohne Hirnwäsche und bei vollem Bewusstsein deren Vertrag? 

Über das Maß aller Erträglichkeit hinaus, müssen wir mit der unberechenbaren und unendlichen Dummheit dieser „Schwarm-Intelligenz“ umgehen lernen. Bis zum nächsten Lieferdefekt, dem nächsten Brexit, der nächsten Grippewelle, dem nächsten Trampel, dem nächsten EuGh-Urteil, der nächsten Einzugsermächtigung und bis zur nächsten Abschaltung verbleibe ich wachsam und auf der Hut.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion von DAZ.online.


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3 Kommentare

Irre; es geht weiter.

von Bernd Jas am 22.03.2017 um 9:15 Uhr

Heute per Mail:
"Ihr Auftrag
Ihre Auftragsnummer: XXXXXXXXXXXXXX
Lieber Herr Jas,
schön, dass Sie sich für unsere konvergenten Produkte interessieren.
Ihren Anschluss können wir aus technischen Gründen an dieser Adresse nicht einrichten:
XXXXXXXXXX
XXXXXXXXXXXXXX
Freundliche Grüße
Ihr Vodafone-Team"

Wie schon gesagt seit dem 23.Feb. warte ich schon. Ohne Festnetzanschluß.

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Die Zukunft der Wählscheibe?

von Heiko Barz am 14.03.2017 um 13:51 Uhr

Danke, ähnlich erlebt!
Besonders gut:
...... Weltausstellung von all je " Ersprochenem ".......

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Humor, nicht mit sondern ohne Risiken und Nebenwirkungen ...

von Christian Timme am 03.03.2017 um 0:35 Uhr

Selten so gelacht und gleichzeitig mit einem Auge geweint. Ein "Rezept", nicht nur für Apotheker, jederzeit anwendbar, ohne Auflagen und mit Wirkgarantie. Beratung mit Humor fürs ganze Jahr. Damit haben sich in der ehem. DDR Millionen "über Wasser" gehalten. Hilft auch nach der Wende gegen "Gesundheitspolitik". Bitte "mehr davon" ...

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