Positionspapier aus Sicht der Pharmaziestudierenden

Gute Ansätze nicht zu Ende gedacht

Stuttgart - 31.05.2022, 17:49 Uhr

Fabian Brückner, BPhD-Beauftragter für Lehre und Studium. (s / Foto: BPhD)

Fabian Brückner, BPhD-Beauftragter für Lehre und Studium. (s / Foto: BPhD)


Das Positionspapier der Bundesapothekerkammer zur „Novellierung der Approbationsordnung für Apotheker“ ist aus Sicht der Pharmaziestudierenden kein großer Wurf. Ihr Bundesverband, der BPhD, lehnte das Papier in der vergangenen Woche ab. Gegenüber der DAZ äußert sich nun Fabian Brückner, Beauftragter für Lehre und Studium des BPhD, und erläutert die kritischen Punkte.

Mit geeinter Stimme und so schnell wie möglich – die Bundesapothekerkammer (BAK) hätte das Positionspapier zur Novellierung der Approbationsordnung am liebsten ohne große Turbulenzen direkt an das Bundesgesundheitsministerium geleitet. Doch die Interessenvertreterinnen und -vertreter, die sich zuvor jahrelang am Runden Tisch trafen, um über die Apothekerausbildung der Zukunft zu beratschlagen, haben offenbar so manche Probleme mit dem Papier.

Auf seiner 132. Bundesverbandstagung beschäftigten sich die Delegierten des Bundesverbands der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD) unter anderem mit dem Positionspapier zur Novellierung der apothekerlichen Approbationsordnung und lehnten es – nach eingehender Diskussion – ab. 

Das Papier hatte die BAK zusammen mit dem BPhD, den Hochschullehrerinnen und -lehrer sowie anderen Interessenvertretungen in einem jahrelangen Prozess erarbeitet, um damit in Gespräche mit dem Bundesgesundheitsministerium zu gehen. Die Studierenden sehen die Beschlüsse jedoch kritisch. Gegenüber der DAZ äußert sich Fabian Brückner, Beauftragter für Lehre und Studium des BPhD, und erläutert, welche Ansätze unbedingt nochmal weitergedacht werden sollten.

DAZ: Herr Brückner, einerseits erkennt der BPhD die Arbeit des Runden Tisches an. Andererseits finden im Positionspapier essenzielle Inhalte Ihrer Ansicht nach kein ausreichendes Gewicht, weshalb der BPhD es nicht mitträgt. Brachten die Verhandlungen der letzten Jahre also nicht den erhofften großen Wurf?

Brückner: Aus unserer Sicht ist das Positionspapier nicht der große Wurf, weil viele Punkte darin nicht zu Ende gedacht werden. Das stand wohl auch nicht im Vordergrund dieses Prozesses. Vielmehr sollte die Finalisierung des Positionspapiers so schnell wie möglich gehen. Außerdem will man als Apothekerschaft unbedingt mit geeinter Stimme die Vorschläge an die Politik bzw. an das Bundesgesundheitsministerium herantragen.

DAZ: Gemessen daran, dass Novellierungen von Approbationsordnungen ohnehin nur alle paar Jahrzehnte stattfinden, stellt sich die Frage, weshalb es jetzt plötzlich so schnell gehen soll.

Brückner: Die Bundesapothekerkammer sieht den aktuellen Zeitpunkt als ideal an: Nach den Novellierungen der Approbationsordnungen in der Human- und Zahnmedizin müsste jetzt auch die Zeit für die Pharmazie gekommen sein. Außerdem ist der Berufsstand durch die Corona-Pandemie in die öffentliche Wahrnehmung gerückt. Dieser Aufwind soll beim Novellierungsprozess für die nötige Dynamik sorgen.

Rechnerisch benötigt man drei Vollsemester mehr

DAZ: Neben dem Zeitfaktor kritisieren Sie natürlich auch die konkreten Inhalte des Positionspapiers. Welche Punkte wurden Ihrer Meinung nach nicht zu Ende gedacht?

Brückner: Uns ging es beispielsweise darum, die Benotungsstruktur anzupassen. In dem vorliegenden Vorschlag fehlt nun jedoch ein klares Konzept, wie dies tatsächlich umgesetzt werden soll. Dazu gibt es im Positionspapier keinerlei Informationen. Die Modellstudiengänge, die auch in dem Positionspapier angesprochen werden, leben vor, dass eine Überarbeitung der alten, starren Bewertungsmuster der einzelnen Prüfungen möglich ist und guten Anklang findet. Es wird aber hier nicht mit aufgenommen, in welchem Verhältnis die Einzelprüfungen zu den Noten der Staatsexamina stehen soll. Es besteht lediglich Konsens darüber, die Zeugnisse durch die Einzelnoten der Staatsexamina der Prüfungsfächer zu ergänzen.

DAZ: Außerdem?

Brückner: Auch die Einführung der wissenschaftlichen Arbeit ist ja grundsätzlich zu begrüßen. Aber im Positionspapier bleiben einfach zu viele Fragen bezüglich der praktischen Umsetzung offen: Wie sollen die einzelnen Hochschulstandorte das organisatorisch hinbekommen? Wie wird die Arbeit in die bestehenden Lehrinhalte implementiert? Weiterhin ist auch hier die Gewichtung der Note nicht geklärt.

DAZ: Eine andere Forderung der Studierenden wurde dagegen sehr wohl umgesetzt. Statt acht, soll es in Zukunft zehn Semester geben. Was versprechen Sie sich von der Verlängerung der Regelstudienzeit?

Brückner: Wir versprechen uns davon eine Entzerrung der Lehrinhalte und eine zumindest zeitliche Aufwertung der Fächer Klinische Pharmazie und Pharmakologie.

DAZ: Ist beides gelungen?

Brückner: Nein, leider nicht. Die Klinische Pharmazie und die Pharmakologie wurden zwar stundenzahlmäßig erhöht, hinzukam aber auch die wissenschaftliche Arbeit. Rein rechnerisch benötigt man nun eigentlich drei Vollsemester mehr. Wenn man realisiert, dass bereits heute Laborpraktika und Seminare in die vorlesungsfreie Zeit gelegt werden, damit die Umsetzung nicht an den personellen und räumlichen Voraussetzungen scheitert, kann man erahnen, welche Mehrbelastungen auf Studierenden und das Lehrpersonal zukommen wird.

DAZ: Stattdessen fordern Sie eine paritätische Stundenverteilung im Hauptstudium. Was genau bedeutet das?

Brückner: Dass im Hauptstudium alle Fächer gemessen an der Stundenzahl einen Anteil von jeweils 20 Prozent haben sollten. Dazu stehen wir auch weiterhin. Dass das Studium aus den Nähten platzt, könnte dadurch kompensiert werden, dass stattdessen Inhalte anderer Fächer in das Grundstudium überführt werden und obsolete Inhalte im Grundstudium entfernt werden.

DAZ: Es drängt sich der Verdacht auf, dass man sich beim Runden Tisch nicht darauf einigen konnte, auch Lehrinhalte zu streichen?

Brückner: Das trifft zum Teil zu. Es gibt Themen, die man unbedingt überdenken sollte. Gerade im Hinblick auf die Pharmazeutische Chemie. Immerhin konnten wir erreichen, dass die Instrumentelle Analytik gegenüber der klassischen qualitativen und quantitativen Analytik aufgewertet werden soll. Bei der Mathematik und der Physik sollen Themen mit pharmazeutisch-praktischem Bezug im Vordergrund stehen.

BMG soll Studierbarkeit der Vorschläge prüfen

DAZ: Neben der Verlängerung des Studiums haben Sie sich erfolgreich für die Verkürzung der Famulatur eingesetzt. Inwiefern soll das von Vorteil sein?

Brückner: Die Famulatur findet bereits ganz am Anfang im Grundstudium statt. Es soll um einen Einblick in den Apothekenbetrieb gehen. Von einer aktiven Mitarbeit kann eigentlich keine Rede sein, vor allem in Zukunft nicht mehr, wenn die Arzneiformenlehre erst im Hauptstudium durchgeführt wird. Außerdem ist die Famulatur bisher häufig mit Veranstaltungen in der vorlesungsfreien Zeit kollidiert. Vor diesem Hintergrund erscheint es richtig, eine Verkürzung anzustreben. Eine freiwillige Verlängerung wäre aber durchaus möglich, wenn denn die Zeit dafür gelassen wird

DAZ: Außerdem kritisieren Sie, dass nicht beabsichtigt wurde, den Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Pharmazie (NKLP) ausdrücklich in die neue Approbationsordnung miteinzubeziehen. Warum?

Brückner: Eine Einbindung der neuen Approbationsordnung mit dem NKLP hätte es in Zukunft ermöglicht, Lehrinhalte in kürzeren Zeitabständen in einem geregelten Verfahren anzupassen, ohne einen ganzen Novellierungsprozess beginnen zu müssen. Diese Chance zu verpassen, halten wir für sehr tragisch.

DAZ: Das klingt alles eher nach einem schwierigen Kompromiss als nach einem starken Konsens. Wie werden Sie als BPhD nun fortfahren?

Brückner: Die BAK hat dem Positionspapier zugestimmt. Somit wird es erst einmal keine weitere Auseinandersetzung über einzelne Inhalte oder das ganze Papier geben. Deshalb haben wir uns als Studierendenvertretung positioniert und werden unsere Anliegen an die Politik herantragen.

DAZ: Haben Sie die Hoffnung, dass es in den Reihen der anderen Interessenvertretungen am Runden Tisch sowie spätestens im Bundesgesundheitsministerium Unterstützung für Ihre Positionen geben wird?

Brückner: Auf jeden Fall. Wir sind zuversichtlich, dass im Ministerium genau geprüft wird, ob die Vorschläge tatsächlich studierbar sind, oder nicht. Außerdem erkennen wir am Runden Tisch keine klare Einigkeit bei den übrigen Interessenvertretungen. Einzelne Hochschullehrerinnen und -lehrer stehen mit den Landesapothekerkammern in Kontakt, weil sie Zweifel haben.

DAZ: Die Auseinandersetzung über die neue Approbationsordnung könnte man reduzieren auf das akademische Tauziehen zwischen Pharmazeutischer Chemie und den Fächern Klinische Pharmazie sowie Pharmakologie. Waren die Befürworter der Chemie am Ende doch lauter, oder die der anderen Fächer zu leise?

Brückner: Die Pharmazeutische Chemie hat klar nach wie vor eine sehr dominante Stellung und ihre Stimme ist unüberhörbar. Allerdings ist das Ganze leider nicht so einfach. Wir möchten in erster Linie ein modernes Studium und daran sind wir auch alle interessiert. Das Positionspapier beinhaltet gute Ansätze, die das Pharmaziestudium verbessern und modernisieren können. Aber hierfür muss unbedingt nochmal weitergedacht werden.

DAZ: Herr Brückner, vielen Dank für das Gespräch.



Dr. Armin Edalat, Apotheker, Chefredakteur DAZ
redaktion@daz.online


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