DAZ-Tipp

Leberzirrhose – Gift fürs Gehirn

Herdecke - 12.05.2022, 17:50 Uhr

Für die Entgiftung im Körper ist unter anderem die Leber zuständig, wenn sie nicht mehr richtig arbeitet, kann das schwere Folgen haben. (Foto: Igor Stevanovic / AdobeStock)

Für die Entgiftung im Körper ist unter anderem die Leber zuständig, wenn sie nicht mehr richtig arbeitet, kann das schwere Folgen haben. (Foto: Igor Stevanovic / AdobeStock)


Wie wichtig die Rolle der Leber als Entgiftungsorgan unseres Körpers ist, zeigt sich am eindrucksvollsten, wenn sie dieser Aufgabe nur noch eingeschränkt nachkommen kann. Vielfältige neurologische, motorische und psychiatrische Beschwerden haben bei Patienten mit Leberzirrhose hier ihren Ursprung, wie Dr. Verena Stahl im aktuellen AMTS-spezial in dieser Ausgabe der Deutschen Apotheker Zeitung zu berichten weiß. 

Die besonders folgenschwere zerebrale Komplikation einer Leberzirrhose wird als hepatische Enzephalopathie bezeichnete. Sie ist zum Großteil auf die eingeschränkte hepatische Entgiftungsleistung in Bezug auf das Neurotoxin Ammoniak zurückzuführen.

Mehr zum Thema

Was tun bei auffälligen Leber- und Nierenwerten?

Eine Patientin mit Leberzirrhose und eingeschränkter Nierenfunktion

Welche Arzneimittel bei geschädigter Leber sicher eingesetzt werden können

Dos und Don‘ts bei Leberzirrhose

Die zunächst unspezifischen Symptome, wie schnelle Ermüdbarkeit, Konzentrationsschwäche und eine herabgesetzte Feinmotorik, werden von Betroffenen und deren Angehörigen nicht immer gleich wahrgenommen. Im weiteren Verlauf sind die pathologischen Bewusstseins- und Persönlichkeitsveränderungen offensichtlich und beeinträchtigen den Alltag der Erkrankten und ihres Umfelds massiv.

Mehr als jeder Dritte mit Leberzirrhose betroffen

Bei einer Leberzirrhose entwickeln schätzungsweise 30 bis 45 Prozent der Betroffenen diese metabolisch bedingte Hirnschädigung. Eine leichte, klinisch unauffällige, und nur durch spezielle Tests zu diagnostizierende Form, zeigen sogar 70 Prozent. Während die neuropsychiatrischen und motorischen Symptome anfänglich meist episodisch auftreten und bei entsprechender Intervention reversibel sind, können sie im weiteren Verlauf immer häufiger beobachtet werden, bis sie schließlich persistieren und im lebensbedrohlichen Coma hepaticum enden können.

Vom Darm ins Gehirn

In der Therapie der hepatischen Enzephalopathie sowie zur Sekundärprävention weiterer Episoden haben sich sehr simple Maßnahmen als effektiv erwiesen (s.u.). Dabei hilft das Verständnis, weshalb Ammoniak im Gehirn von Patienten mit Lebererkrankungen akkumulieren kann. Es fällt zunächst regulär als bakterielles und enzymatisches Endprodukt von Nahrungseiweißen im Kolon an und gelangt dann über die Pfortader zur Entgiftung in die Leber. Dort entsteht zum einen – über den Harnstoffzyklus – wasserlöslicher Harnstoff, der sodann ausgeschieden wird. Zum anderen kann Ammoniak in der Leber zu Glutamin verstoffwechselt werden. Sind diese Abbauwege bei zirrhotischen Veränderungen gestört, kann Ammoniak in den großen Blutkreislauf eintreten und anschließend die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Die Akkumulation ist aber auch dadurch bedingt, dass bei portaler Hypertension oder portosystemischen Shunts, venöses, Ammoniak-haltiges Blut aus dem Darm an der Leber vorbeigeleitet wird.

Gliaödem und gestörte neuronale Kommunikation

Im Gehirn verursacht Ammoniak über eine osmotisch bedingte Astrozyten-Schwellung ein geringgradiges Gliaödem sowie eine sekundär gestörte Neuron-Glia-Kommunikation. Daneben beeinflussen neuroinflammatorische Prozesse, eine erhöhte Permeabilität der Blut-Hirn-Schranke, Astrozytendegeneration und eine Beeinträchtigung diverser Neurotransmitter die Entstehung und Ausprägung der vielgestaltigen hepatischen Enzephalopathie.

Auslöser erkennen und Ammoniak senken

Zunächst müssen Faktoren, die eine hepatische Enzephalopathie auslösen oder verstärken können, erkannt und, falls möglich, eliminiert oder kausal behandelt werden. Anschließend kommt eine Therapie und Sekundärprophylaxe zur Senkung der Ammoniakplasmaspiegel zum Einsatz. Dies kann über eine Reduktion der Ammoniakproduktion im Darm, eine forcierte Ausscheidung und eine Förderung des Ammoniakabbaus bewerkstelligt werden. Angewendet werden 

  • Lactulose (p.o. oder als Einlauf), 
  • das nicht-resorbierbare Antibiotikum Rifaximin, 
  • eine Bevorzugung pflanzlicher Eiweißquellen und L-Ornithin-L-Aspartat zur Entlastung des Harnstoffzyklus. 

Von entscheidender Bedeutung ist die Therapieadhärenz der Patienten. Zudem sind Ansätze zur Stuhltransplantation in der Diskussion.

DAZ 19/2022


Apothekerin Dr. Verena Stahl
redaktion@daz.online


Diesen Artikel teilen:


1 Kommentar

Darmkur bei Leberproblemen

von Christina Rohrer am 12.05.2022 um 20:44 Uhr

Gute Rückmeldung aus der Praxis habe ich in der Beratung von Patienten erhalten, die bei Leberproblemen (z.T. arzneimittelbedingt oder NASH) eine Darmkur mit probiotischen Bakterien gemacht haben. So gut sogar, dass der Hausarzt verwundert nachgefragt hat, was da unternommen wurde. Im Speziellen empfehle ich das Präparat „OmniBiotic Hetox“, da hier auch einige kleinere Studien vorliegen.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.