Neue Netzwerke entstehen

Wie verändert Psilocybin das Gehirn bei Depression?

Stuttgart - 20.04.2022, 17:50 Uhr

Wie wirkt der Wirkstoff aus Zauberpilzen antidepressiv? Was macht das Psychedelikum mit den Netzwerken im Gehirn? (x / Foto: zef art / AdobeStock)

Wie wirkt der Wirkstoff aus Zauberpilzen antidepressiv? Was macht das Psychedelikum mit den Netzwerken im Gehirn? (x / Foto: zef art / AdobeStock)


Neue Netzwerke geknüpft, andere aufgelöst

Möglich ist also, dass Psilocybin zu neuen Verknüpfungen von Nervenzellen im Gehirn führt und Verbindungen zu anderen Regionen geschwächt werden, was den Patient:innen vielleicht ermöglicht, bestimmte Probleme anders zu bewerten und ihre Sichtweise zu ändern.

Erhöhte funktionelle Flexibilität und bessere emotionale Flexibilität?

Professor Matthias Liechti, Stellvertretender Chefarzt, Universitätsspital Basel (Schweiz), ordnet die Studienergebnisse für das Science-Media-Center (SCM) ein: „Die erhöhte funktionelle Verbindung könnte einer beschriebenen subjektiven erhöhten Flexibilität und emotionaler Entspannung entsprechen“. Allerdings korreliere auch „die akute subjektive angenehme Wirkung von Psilocybin sehr gut mit dem therapeutischen Effekt“, und man „könnte also genauso gut die Patienten mittels Fragebogen befragen, wie das Erlebnis war, und das als Marker für die Therapieantwort verwenden“. 

Dennoch zeige das MRT Mechanismen auf, welche für Psilocybin typisch sein könnten: Die Erhöhung funktioneller Verbindungen sei nur nach Behandlung mit Psilocybin und nicht nach einer Behandlung mit dem klassischen Antidepressivum Escitalopram gefunden worden. Jedoch sei nicht klar, „was die erhöhte funktionelle Verbindung nach der Einnahme von Psilocybin genau bedeutet oder reflektiert“. Wichtig sei die Erkenntnis, dass „Psilocybin möglicherwiese spezielle Aspekte einer Depression – zum Beispiel kognitive Probleme – besser behandelt als ein Antidepressivum“. Und weiter: „Psilocybin wirkt also anders als ein klassisches Antidepressivum. Zudem wirkte es auch stärker antidepressiv als Escitalopram.“

Biomarker für Wirkung von Psilocybin wünschenswert

Privatdozentin Dr. Katrin Preller (Leiterin der Arbeitsgruppe Pharmaco-Neuroimaging and Cognitive-Emotional Processing, Institut für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Universität Zürich, Schweiz) findet, die Erkenntnisse zeigen, dass „die Behandlung mit Psilocybin Veränderungen in der Informationsverarbeitung im Gehirn – gemessen als funktionale Konnektivität – herbeiführt, die mit einer Reduktion der Symptome einhergehen“. Sie wünscht sich für die Zukunft weitere Forschung und einen Biomarker, der schon „vor der Behandlung vorhersagen lässt, ob ein Patient von der Therapie profitieren kann.“

Phase-3-Studie untersucht Psilocybin an der Berliner Charité

Derzeit läuft eine klinische Studie zur Wirksamkeit von Psilocybin („Efficacy and Safety of Psilocybin in Treatment-Resistant Major Depression: EPIsoDE“) sogar in Deutschland: Die Berliner Charité untersucht gemeinsam mit dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, wie sicher und wirksam Psilocybin bei Menschen mit therapieresistenten Depressionen ist. Das heißt: Bei diesen Patient:innen haben alle bisherigen Therapien und Arzneimittel versagt. 144 Patient:innen erhalten entweder eine hohe therapeutische Dosis Psilocybin oder eine niedrige oder Placebo, und die Wissenschaftler vergleichen sodann die antidepressiven Effekte. Sie untersuchen auch, ob eine mehrmalige Psilocybin-Gabe bei Depressionen besser wirkt als eine Einmalgabe.

Depressionen – ein weltweites Problem

Der Weltgesundheitsorganisation („Depression and Other Common Mental Disorders: Global Health Estimates“, 2017) zufolge lebten 2015 geschätzt 4,4 Prozent der Weltbevölkerung mit Depressionen – häufiger Frauen (5,5 Prozent) als Männer (3,6 Prozent). Mittlerweile dürften es deutlich mehr sein. Allein von 2005 bis 2015 erhöhte sich die Zahl der Depressiven um 18,4 Prozent, was sich der WHO zufolge auf das allgemeine Bevölkerungswachstum sowie den Anstieg der älteren Bevölkerungsgruppen (Depressionen treten am häufigsten bei älteren Erwachsenen auf) erklären lässt. Zudem trägt die Corona-Pandemie ihren Teil bei, denn Wissenschaftlern im Fachjournal „Psychology & Health“ („COVID-19 related depression and anxiety among quarantined respondents“) zufolge förderte eine Corona-bedingte Quarantäne Depressionen und Angstzustände bei den Betroffenen signifikant. Das mache sich nicht zuletzt an häufigeren Antidepressiva-Verordnungen bemerkbar, wie Rezeptzahlen und Antidepressiva-Kosten aus Großbritannien zeigen: Von Januar bis Dezember 2020 verordneten britische Ärzte vier Millionen Mal häufiger ein Antidepressivum als im Vorjahreszeitraum (2020: 78 Millionen; 2019: 74 Millionen). Der NHS (National Health Service) gab dadurch 139 Britische Pfund (etwa 162 Millionen Euro, Wechselkurs: 1,21 Euro/Pfund; Stand 16. April 2022) mehr aus als im Jahr zuvor („DARU Journal of Pharmaceutical Sciences“; „Surging trends in prescriptions and costs of antidepressants in England amid COVID-19“).



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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