Weniger Antibiotika, mehr Schmerzmittel

Was nutzen Bärentraubenblätter bei Blasenentzündung?

Stuttgart - 07.10.2021, 10:45 Uhr

Die Autoren des „Arznei-Telegramm“ raten von der Einnahme von Bärentraubenblätterextrakt ab – zumal bereits die Europäische Arzneimittelagentur EMA 2018 die Datenlage zu Wirksamkeit und Sicherheit des Pflanzenextrakts in ihrer Pflanzenmonographie als „sehr dürftig“ bewertet hat. (x / Foto: Peakstock / AdobeStock)

Die Autoren des „Arznei-Telegramm“ raten von der Einnahme von Bärentraubenblätterextrakt ab – zumal bereits die Europäische Arzneimittelagentur EMA 2018 die Datenlage zu Wirksamkeit und Sicherheit des Pflanzenextrakts in ihrer Pflanzenmonographie als „sehr dürftig“ bewertet hat. (x / Foto: Peakstock / AdobeStock)


Weniger Antibiotika unter Bärentraubenblätterextrakt

Insgesamt nahmen 398 Patientinnen an der Studie teil, 207 Frauen erhielten bei ihrer Harnwegsinfektion Bärentraubenblätterextrakt und 191 Fosfomycin. Unter der Einnahme von Bärentraubenblättern war die Zahl der Antibiotikaanwendungen in den beobachteten vier Wochen um 63,6 Prozent niedriger als in der Fosfomycingruppe. So kam es zu 92 antibiotischen Therapien in der Bärentraubenblättergruppe (bei 207 Teilnehmerinnen) – das entspricht 44 Behandlungen pro 100 Teilnehmerinnen – und 233 antibiotischen Behandlungen (bei 191 Teilnehmerinnen) in der Fosfomycingruppe – das entspricht 122 Behandlungen pro 100 Teilnehmerinnen. Nach Ansicht der „Arznei-Telegramm“-Autoren belegen diese Zahlen allerdings nicht, dass Bärentraubenblätter den Antibiotikaeinsatz reduzieren: „Die Abnahme lässt sich angesichts des gewählten Studiendesigns mit der obligatorischen Anwendung von Fosfomycin in der Kontrollgruppe aus unserer Sicht jedoch nicht sicher auf den Extrakt zurückführen“, erklären die Autoren.

Häufiger Pyelonephritis und Fieber mit Bärentraubeblätterextrakt

Wie sieht es mit dem zweiten primären Endpunkt der Studie aus, der Symptomlast innerhalb der ersten Woche? Hier durften Bärentraubenblätter einer antibiotischen Therapie nicht unterlegen sein, um diesen Studienendpunkt zu erreichen. Allerdings scheint die Verringerung der antibiotischen Gaben in der Bärentraubenblättergruppe mit einer höheren Symptombelastung einherzugehen – die Frauen hatten im Mittel eine 36,5 Prozent höhere Symptomlast als unter Fosfomycin (um das Studienziel der Nichtunterlegenheit zu erreichen, hätten sie maximal eine 25 Prozent höhere Symptomlast haben dürfen): Die Teilnehmerinnen, die Bärentraubenblätterextrakt als Erstbehandlung erhalten hatten, entwickelten häufiger eine Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung, obere Harnwegsinfektion; 8 vs. 2) oder Fieber, sie erholten sich langsamer (Harnwegssymptome dauerten 4,2 Tage unter Bärentraubeblätterextrakt und 3,4 Tage unter Fosfomycin), benötigten mehr Schmerzmittel (42,5 Prozent vs. 30,9 Prozent) und mussten häufiger erneut zum Arzt und sich krankschreiben lassen. „Daher muss die Annahme der Nichtunterlegenheit der Erstbehandlung mit Bärentraubenblätterextrakt verworfen werden“, schlussfolgern die Wissenschaftler. Und weiter: „Bei Frauen mit unkomplizierten Harnwegsinfektionen führte die Erstbehandlung mit Bärentraubenblätterextrakt zu einem geringeren Antibiotikaverbrauch, aber zu einer höheren Symptombelastung und mehr Sicherheitsbedenken als Fosfomycin.“

Nutzen von Fosfomycin vor allem bei positiver Urinkultur

Den Ergebnissen zufolge scheinen vor allem Frauen mit positiven Urinkulturen von einer Antibiotikabehandlung zu profitieren, hingegen stellten die Wissenschaftler keinen Unterschied fest, wenn die Urinkultur negativ war. Die Nebenwirkungsrate war in beiden Gruppen vergleichbar.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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