FAZ: „Apotheken unter Druck“

Das zukünftige „Quality Land“ der Apotheken?

Stuttgart - 22.09.2021, 17:50 Uhr

„Sind Apotheken noch zeitgemäß?“, fragt FAZ-Autor Jonas Prenissl und hat Ideen, wie man die Apotheken effizienter nutzen kann, indem die Arzneimittelversorgung mit „bestimmten Medikamenten“ outgesourct wird. (Foto: fotomek / AdobeStock)

„Sind Apotheken noch zeitgemäß?“, fragt FAZ-Autor Jonas Prenissl und hat Ideen, wie man die Apotheken effizienter nutzen kann, indem die Arzneimittelversorgung mit „bestimmten Medikamenten“ outgesourct wird. (Foto: fotomek / AdobeStock)


Ach wie herrlich einfach und kostengünstiger könnte das Apothekenwesen funktionieren, würden Apotheken mit Arzneimittel verkaufenden Supermarkt- und Drogerieketten und Versandapotheken symbiotisch zusammenleben, meint FAZ-Autor Jonas Prenissl im Beitrag  „Apotheken unter Druck“ in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Schließlich könnten bestimmte Medikamente auch im Supermarkt und ohne Approbation abgegeben werden. Bei der Maskenabgabe seien die Apotheken „sinnvoll“ gewesen, aber auch nur „vom Grundsatz her“. 

Im „Quality Land“ (Erklärung der Redaktion: satirisches dystopisches Buch von Marc-Uwe Kling) von „FAZ“-Autor Jonas Prenissl ist kein Platz für einfache Apotheken: Vernetzt sich die Welt zwar mehr und mehr und in allen denkbaren Bereichen, ist Prenissl das Netzwerk der Apotheken offenbar jetzt schon zu groß (auch wenn es seit Jahren schrumpft) – als „riesig“ beschreibt er es in seinem Print-Beitrag „Apotheken unter Druck“ oder Online unter „Sind Apotheken noch zeitgemäß?“ –, und vor allem auch unzeitgemäß teuer. Selbst Edeka verfüge über gerade einmal 11.000 Filialen bundesweit, wohingegen die Apotheken mit 18.753 (Stand 2020) aufwarteten. Den kleinen Denkfehler bemerkt der Autor jedoch gleich selbst im nächsten Satz – schließlich kann man Brot und Tomaten auch bei Rewe oder Lidl kaufen oder auf dem Markt. Bei Arzneimitteln wird das schwierig – doch genau da liegt dem FAZ-Artikel zufolge wohl auch der Hund begraben: in der Monopolstellung der Apotheken bei der Arzneimittelversorgung.

Mehr Wettbewerb lockert Strukturen

Ideen für Reformen hat sich der Autor beim Gesundheitsökonomie-Professor Konrad Obermann geholt, der sich mehr Flexibilität und Wettbewerb, auch mit anderen potenziellen Arzneimittelanbietern wie Drogeriemärkten, Supermärkten und Versandapotheken wünscht – das könne „Bewegung in die starren Strukturen bringen“, zitiert die FAZ Professor Obermann. Wie fair der Wettbewerb zwischen dm und der benachbarten Einzel-Apotheke wohl sein würde? Doch könnte man mit der Teilverlagerung der Arzneimittelversorgung wohl zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Denn wie ist außerdem vertretbar, fragen „Kritiker“ in der FAZ, dass „hoch qualifizierte, gut bezahlte Apotheker lediglich den Patienten das Medikament heraussuchen“ und die Einnahmehinweise vom PC abläsen?

Arzneimittelabgabe geht auch im Supermarkt

Genau hier sieht Prenissl künftig Potenzial für Supermärkte und Drogerien, wo sodann – wie er selbst schreibt – „deutlich weniger qualifiziertes Personal“ das „Aushändigen“ von „bestimmten Medikamenten“ übernehmen könne. Ob das dann auch merkt, dass Silomat nicht gleich Silomat ist – vor allem bei Schwangeren? Oder Loperamid nicht das optimale Durchfallmittel für einen Viertklässler auf Klassenfahrt? Und Nacht- und Notdienste übernimmt?

Beratungshonorar gerechtfertigt?

In FAZ-Text bleibt unklar, welche „bestimmten Medikamente“ denn supermarkttauglich wären und welche nicht – oder für wen –, und ob der Autor solche alltäglichen Apotheken-Praxisfälle noch unter purem „Aushändigen“ abstempelt oder vielleicht doch schon eine Beratung nötig ist. Doch selbst in puncto Beratung habe Stiftung Warentest in einer nicht repräsentativen Studie in 38 Apotheken „eklatante Mängel“ aufgezeigt, weiß Prenissl. „Ist das Beratungsentgelt dann noch adäquat?“, fragt er, und meint damit die 8,35 Euro „Beratungs-Personal-Festbetrag“, die die Arzneimittelpreisbildung berücksichtigt (den Apothekenabschlag der GKV von 1,77 Euro hat der Autor an dieser Stelle wohl vergessen). Ohnehin moniert Prenissl die fehlende Evidenz, wenn es um die Beratungsleistung der Apotheken geht, denn die Ergebnisse der apothekereigenen Pseudo-Customer-Tests würden nicht öffentlich gemacht.

Interessant ist an dieser Stelle jedoch noch eine weitere, im FAZ-Beitrag unerwähnte Untersuchung von Stiftung Warentest, in der es just auch um die Zufriedenheit der Patienten mit der Beratung der Apotheke ging: „Die meisten Umfrage-Teilnehmer zeigen sich 'zufrieden' oder gar 'sehr zufrieden' mit den Informationen zu den Arznei­mitteln, die sie vom Arzt beziehungs­weise Apotheker erhalten“, schrieb Stiftung Warentest 2017. Bei den rund 13.300 Patientenrückmeldungen kreuzten 19 Prozent „sehr zufrieden“ an, 57 Prozent entschieden sich für die zweite Zufriedenheitsstufe.

Maskenabgabe: ein guter Job für Apotheker

Der FAZ-Autor möchte allerdings bei der Umverteilung der Arzneimittelversorgung nicht nur Geld sparen, sondern auch, dass Apotheker ihrer Qualifikation entsprechend „anspruchsvoller“ eingesetzt werden, um den „positiven gesamtgesellschaftlichen Effekt der Arzneiversorgung“ zu heben: zu Gegenanzeigen und Wechselwirkungen beraten und als „zweite Kontrollinstanz nach dem Arzt fungieren“. Dass das derzeit alles nicht so einfach ist, wie sich viele Apotheker das vielleicht wünschen, darauf stieß auch Prenissl bei seiner Recherche: Denn wie sollen Apotheker zu Interaktionen beraten, wenn sie unter Umständen von den anderen Arzneimitteln des Patienten nicht wissen – wobei es dann wohl kaum zuträglich ist, wenn der Patient, wie vorgeschlagen, einen Teil seiner Arzneimittel in der Apotheke und „bestimmte Medikamente“ im Supermarkt holt. Doch die elektronische Gesundheitskarte naht ja mit großen Schritten, auch haben Apotheker durchaus selbst Ideen, wie sie ihre Arzneimittelexpertise noch besser in die Patientenversorgung einbringen können, auch wenn künftige pharmazeutische Dienstleistungen – und ihre Vergütung – noch nicht in trockenen Tüchern sind.

Auch beim Ausstellen der digitalen Impfzertifikate und der Maskenabgabe sieht der Autor die Apotheker gut aufgehoben – wenn sie nicht die Preise um ein Vielfaches höher gestaltet hätten als im Einzelhandel. Allerdings war die Vergütung im Rahmen der Bundes-Maskenaktion ja vom Bund vorgegeben. Und wo hier dann die vorher so hochgelobte sinnvoll einzusetzende Qualifikation der Apotheker zu suchen sein soll, ist unklar. Maskenabgabe – macht auch ein Affe gegen Banane.

Versandapotheken lösen viele Probleme?

Ein großer Fürsprecher scheint Jonas Prenissl auch von Versandapotheken zu sein, denn sie lösten „im Idealfall“ zumindest teilweise die Versorgungsaspekte: Arzneimittel direkt an die Haustür (macht der Bote auch, vielleicht sogar mit dem E-Bike), potenzielle Interaktionen könnten direkt per Software beim Kauf abgeglichen werden, falls die Kunden ihre Daten hinterlegten, allerdings fehle gerade „älteren Patienten“ die persönliche Beratung. Erstaunlicherweise fragen aber auch jüngere Menschen in der Apotheke nach, und grotesker Weise gehen große Versender, wie Zalando, in jüngster Zeit dazu über, auch Vor-Ort-Shops zu errichten. Auch scheint dem FAZ-Autor bei seiner Recherche durchgerutscht, dass auch bei Versandapotheken mitnichten alles Gold ist, was nach außen so schön postgelb glänzt, auch das fand Stiftung Warentest übrigens heraus, die DAZ berichtete. Die Tester störten sich insbesondere an den schlechten bis gänzlich ausbleibenden fachlichen Beratungen der Versender.

Symbiose oder Schmarotzer?

Versorgungsstrukturen hin und wieder zu hinterfragen und zu schauen, ob man „einen größeren Nutzen“ aus bestimmten Ausgaben – das Apothekensystem koste die GKV-Versicherten jährlich 5,5 Milliarden Euro – durch andere Art und Weise der Verwendung finde, ist sicherlich sinnvoll. Der abschließende Gedanke eines „gut integrierten Zusammenspiels von Apotheken, Arzneimittel verkaufenden Supermarkt- und Drogerieketten und Versandapotheken sei möglicherweise am ehesten langfristig zukunftsfähig“, liest man in der FAZ. Ob diese Symbiose funktioniert? Oder sich nicht dann doch die ein oder anderen als Schmarotzer entpuppen?



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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5 Kommentare

Prenissl - FAZ - Apothekenwesen sind kor­po­ra­tis­tische Relikte

von RWS Schott am 25.09.2021 um 8:27 Uhr

Leute –CAVE!!, FAZ Autor Prenissl ist ein Hochbegabter (siehe seinen Linkedin-Eintrag). Was ihn zu einen - meiner Meinung nach - solch undifferenzierten – sehr simplen Artikel bewegt hat – wäre interessant zu ergründen. Der Verdacht von Lobbyismus drängt sich leider auf. Als Research Assistant des Heidelberg Institute of Global Health macht er der Uni Heidelberg damit keine Ehre. Was die FAZ angeht – generell, leider kein Blatt mehr frei von Meinungsmache, alle Artikel – sofern keine Nachrichtenagentur-Meldungen – muss man alle – „als kluger Kopf“ - kritisch lesen.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Inkompetenz

von Thomas Kerlag am 23.09.2021 um 8:58 Uhr

Wenn man keine Ahnung hat, darf man heutzutage trotzdem schreiben was man will...

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Inkompetenz

von Thomas Kerlag am 23.09.2021 um 9:32 Uhr

Und Supermaktketten und Konzerne schmieren wohl eher, als der kleine Einzelapotheker

kluger Kopf

von atopom am 23.09.2021 um 0:04 Uhr

Spätestens seit der Gesundheitsreform 2004 u.a. mit Erlaubnis des Versandhandels, als der damals recht frische Korrespondent der Zeitung, Andreas Mihm (ami.), Artikel und Kommentare überwiegend im Wirtschaftsteil über Apotheken schreibt und die Politik der Rot-Ministerin Ulla Schmidt erstaunlicherweise begrüßte, ist mir dieser und die liberale Attitüde der FAZ suspekt.
Ein kluger Kopf mag hinter der Zeitung stecken, wenn er denn über den Zeitungsrand hinausschaut.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: kluger Kopf

von Bernd Küsgens am 23.09.2021 um 17:52 Uhr

Da ich ein "kluger Kopf" bin werde ich ab sofort auf die Lekture der FAZ verzichten. Nach ami sollte jeder sich entscheiden, wofür man sein Gels ausgibt.

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