Vor allem unter Ocrelizumab und Fingolimod

Dritte COVID-19-Impfung für Menschen mit MS?

Stuttgart - 11.08.2021, 10:45 Uhr

Vor allem Menschen mit MS, die Ocrelizumab (Ocrevus) oder Fingolimod (Gilenya) erhalten, weisen nur geringe Antikörperspiegel nach einer COVID-19-Impfung auf. (Foto: Maridav / AdobeStock)

Vor allem Menschen mit MS, die Ocrelizumab (Ocrevus) oder Fingolimod (Gilenya) erhalten, weisen nur geringe Antikörperspiegel nach einer COVID-19-Impfung auf. (Foto: Maridav / AdobeStock)


Menschen mit MS raten Fachgesellschaften „dringend und mit generell hoher Priorität“, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen. Doch wie sieht es mit einer dritten Impfdosis – der Auffrischimpfung – aus? Sollen vorher die Antikörperspiegel geprüft werden und für welche MS-Arzneimittel könnten sie besonders wichtig sein?

Das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) und die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft DMSG haben Empfehlungen zur dritten COVID-19-Impfung von Menschen mit MS veröffentlicht. Bereits im Januar dieses Jahres hatten sie an MS Erkrankten geraten, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen. Fragen, die für Patienten unter immunsuppressiver Therapie unweigerlich aufkommen, sind, ob eine Impfung überhaupt ausreichend wirkt und das Immunsystem trotz MS-Medikation ausreichend Restaktivität aufweist, um Antikörper gegen SARS-CoV-2 zu bilden.

Schlechte Antikörper-Antwort unter Fingolimod und Ocrelizumab

In der Tat räumen KKNMS und DMSG ein, dass eine kürzlich publizierte israelische Studie bei MS-Patienten gezeigt hat, dass vor allem unter dem B-Zell-Antikörper Ocrelizumab und dem Sphingosin-1-Rezeptormodulator (S1P-Modulator) Fingolimod eine „niedrige beziehungsweise fehlende humorale Antwort“ – sprich Antikörpertiter gegen das Spikeprotein von SARS-CoV-2 – beobachtet wurden. Geimpft wurde mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer. 

Der Studie zufolge entwickelten nur 22,7 Prozent der mit Ocrelizumab behandelten Patienten IgG-Antikörper gegen das Spikeprotein von SARS-CoV-2, von den mit Fingolimod behandelten Patienten waren es sogar lediglich 3,8 Prozent. Dabei schienen Alter, Krankheitsdauer und die Zeit seit der letzten Verabreichung keinen Einfluss auf die humorale Immunantwort zu haben (Dosierungsintervall Ocrelizumab: alle sechs Monate; Fingolimod: täglich).

Höhere Antikörperspiegel nach Moderna als nach Biontech/Pfizer

Bei der Antikörperantwort scheint es einer anderen Studie zufolge auch eine Rolle zu spielen, mit welchem mRNA-Impfstoff man geimpft wird. So zeigen laut KKNMS und DMSG Daten aus Italien, dass mit Moderna geimpfte Menschen mit MS 3,5-fach höhere Antikörperspiegel aufwiesen als mit Pfizer/Biontech Geimpfte – auch wenn sie B-Zell-Antikörper oder Fingolimod erhalten hatten. Insgesamt gehen die Fachgesellschaften davon aus, dass eine abgeschlossene Corona-Impfung (zwei vollständige Impfungen) „auch bei Menschen mit MS und Immuntherapie ausreichend ist, um schwere COVID-19-Verläufe zu unterbinden“, erklären sie in ihrer aktuellen Stellungnahme. Aus diesem Grund raten sie Menschen mit MS – unabhängig, ob mit oder ohne Immuntherapie – „dringend und mit generell hoher Priorität“, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen, da im kommenden Herbst und Winter mit einem hohen Infektionsrisiko zu rechnen sei.

Antikörperspiegel bestimmen lassen?

Ist es dann sinnvoll, die Antikörperspiegel nach Impfungen bestimmen zu lassen, um zu schauen, wie effektiv die Immunantwort ist? Auch wenn das Fehlen von Anti-S-Antikörpern (Antikörpern gegen das Spikeprotein von SARS-CoV-2) nach vollständiger Impfserie ein „deutlicher Hinweis“ auf eine unzureichende Impfantwort bei Personen unter immunmodulierender Therapie sei, wird laut KKNMS und DMSG eine Antikörperbestimmung nach Impfung bislang nicht generell empfohlen. Die Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Nachweisverfahren sei noch nicht gegeben, zudem fehlten allgemein etablierte Cut-off-Werte bislang. Die Fachgesellschaften betonen, dass auch die T-Zell-Antwort eine „wichtige Rolle in der Verhinderung schwerer Krankheitsverläufe“ spiele.

Dritte Impfdosis für Ocrelizumab- und Fingolimod-Patienten

Und wie sieht es mit einer Auffrischimpfung aus, einer dritten Impfdosis? Sollte jeder mit Multipler Sklerose sich um eine dritte Impfdosis bemühen? Auch hierzu äußern sich KKNMS und DMSG. Sie sehen eine dritte Impfdosis sechs Monate nach der zweiten Dosis und mit einem mRNA-Impfstoff aktuell vor allem für MS-Patienten, die Ocrelizumab oder S1P-Modulatoren anwenden, da diese erwiesenermaßen die Impfantwort beeinträchtigten: „Für Menschen mit MS, die mit Immuntherapeutika behandelt werden, die die Impfantwort beeinträchtigen – was zum jetzigen Zeitpunkt insbesondere für Ocrelizumab und S1P-Modulatoren mit Daten gezeigt werden konnte – und solchen mit negativem Anti-S-Antikörpertest kann sechs Monate nach der zweiten Impfung eine dritte Impfung gegen COVID-19 mit einem mRNA Impfstoff erwogen werden“, erklären sie. Allerdings kann nach Einschätzung der Fachgesellschaften auch eine dritte Impfdosis nicht für positive Antikörperspiegel garantieren.

STIKO rät derzeit nicht zur dritten Impfung bei Risikogruppen

Derzeit empfiehlt die STIKO keine Drittimpfung für Risikogruppen. Allerdings hatte die Gesundheitsministerkonferenz am 2. August 2021 beschlossen, dass Alte, Pflegebedürftige und Immunschwache ab September eine Auffrischimpfung erhalten sollen. Am vergangenen Montag präzisierte die GMK ihre Empfehlung. Demnach soll mit den Auffrischungsimpfungen in Pflegeeinrichtungen, Einrichtungen der Eingliederungshilfe und weiteren Einrichtungen mit vulnerablen Gruppen sowie für Personen mit Immunschwäche oder Immunsuppression und Pflegebedürftige in ihrer eigenen Häuslichkeit und Höchstbetagte (ab 80 Jahren) gestartet werden, sofern der Abschluss der ersten Impfserie mindestens sechs Monate zurückliegt.

KKNMS und DMSG sind sich dessen bewusst, dass ihre Empfehlung sodann aktuell über die der STIKO hinausgeht und „damit spezifische medizinrechtliche Fragen noch offen sind“. Doch lasse sich die Empfehlung aufgrund der derzeitig verfügbaren Evidenz im Rahmen der ärztlichen Fürsorgepflicht rechtfertigen, argumentieren sie.

Sie raten aber in jedem Fall davon ab, „zugunsten einer dritten Impfung eine laufende MS-Therapie zu unterbrechen oder abzuändern, da die Risiken hierdurch als deutlich höher bewertet werden als der angenommene Nutzen der Impfung“.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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