Stromausfall, zerstörte Arztpraxen, fehlende Rezeptvordrucke

„Wir haben hier unsere eigenen Gesetze geschaffen“

Stuttgart - 20.07.2021, 17:50 Uhr

Im Ahrtal trat der Fluss über die Ufer und überschwemmte ganze Ortschaften. Im Bild der Ort Dernau, Landkreis Ahrweiler. (x / Foto: IMAGO / Future Image)

Im Ahrtal trat der Fluss über die Ufer und überschwemmte ganze Ortschaften. Im Bild der Ort Dernau, Landkreis Ahrweiler. (x / Foto: IMAGO / Future Image)


Die Hochwasserlage im Westen der Republik bleibt angespannt. Zahlreiche Ortschaften sind verwüstet und zum Teil sogar völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Während die Apothekerkammern sondieren, welche Apotheken noch „am Netz“ sind, müssen die Kolleginnen und Kollegen vor Ort aufräumen, improvisieren und vor allem versuchen, unter widrigen Umständen die Arzneimittelversorgung aufrechtzuerhalten. Der DAZ berichtet nun ein Apotheker im Ruhestand, wie er sich im Katastrophengebiet der Ahrschleife engagiert.

Die akute Phase nach der Unwetterkatastrophe im Westen Deutschland scheint zwar vorerst überstanden. Doch mit den Aufräumarbeiten wird das Ausmaß der Zerstörungen und des menschlichen Leids immer sichtbarer. Allein im rheinland-pfälzischen Landkreis Ahrweiler wird berichtet, dass die Zahl der Toten nach den Überflutungen auf 117 gestiegen ist. Zudem wurden mindestens 749 Menschen verletzt, eine vierstellige Anzahl von Personen gilt weiterhin als vermisst. Die Gemeinde Schuld zwischen Altenahr und Adenau steht seit dem Wochenende im Fokus vieler Medien, da sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hier vor Ort ein Bild von der Hochwasserlage machte und zu Betroffenen sowie Hilfskräften sprach.

Seit Ende vergangener Woche zählt die Region zwischen Altenahr und Adenau auch zum Einsatzbereich von Apotheker Günter Witzmann, der gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen sowie dem Krisenstab die Arzneimittelversorgung organisiert. Witzmann ist in der Branche kein Unbekannter. Als Lokalpolitiker der AfD kandidierte er beispielsweise 2017 aus seinem Kölner Wahlkreis heraus für den Bundestag – allerdings ohne Erfolg. In seinen aktiven Berufsjahren betrieb er eine Landapotheke zwischen Bad Münstereifel und Blankenheim in der Eifel. Seitdem er im Ruhestand ist, übernimmt er Vertretungsdienste.

Als Witzmann von der Unwetterkatastrophe in seiner unmittelbaren Nachbarschaft erfuhr, zögerte er nicht lange und machte sich mit seinem Auto auf in den Landkreis Ahrweiler, um vor Ort Unterstützung anzubieten. Und diese wird seit vergangener Woche auch dankbar angenommen: Sein Weg führte ihn nach Adenau in der südlichen Ahreifel, ein Ort, der von den Wassermassen weitgehend verschont geblieben ist. Drei Apotheken garantieren dort die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung – und die Zahl der Menschen, die potenziell versorgt werden müssen, ist nun sprunghaft angestiegen. Denn 15 km nordöstlich liegt Altenahr, direkt lokalisiert am Rhein-Nebenfluss Ahr, und dort können die beiden Apotheken derzeit nicht in Betrieb sein.

 „Eine tolle Truppe“

Witzmann organisiert derzeit mit den Apothekerinnen und Apothekern in der Region sowie mit dem Krisenstab, wie die Arzneimittelversorgung trotz dieser widrigen Umstände aufrechterhalten werden kann. Gegenüber der DAZ berichtet Witzmann von ungeheuren Ausmaßen der Zerstörung. Seit den ersten Stunden und Tagen versorge vor allem die Bundeswehr mit Fahrzeugen und Hubschraubern die Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern, darunter auch Arzneimittel. „Eine tolle Truppe“, so Witzmann, „die haben sehr effektiv die Logistik organisiert und den Leuten vor Ort geholfen.“ Auch die zivilen Sanitätsorganisationen, wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK), hat mit dem Aufbau von medizinischer Infrastruktur in Form von sogenannten Mobile Medical Units (MMU) begonnen.

Für diesen Fall gibt es praktisch keine Handlungsanweisungen

Doch für Witzmann, die anderen Apotheker und den leitenden Notarzt geht es aktuell darum, die mittelfristige Versorgung der Menschen mit Hilfe der Arztpraxen und Apotheken zu sichern. In Altenahr liege die medizinische Vor-Ort-Versorgung gewissermaßen brach. Das Hochwasser habe sogar dazu geführt, dass den Ärzten Rezeptvordrucke fehlten. Dies sei vor allem im Bereich der Betäubungsmittelverordnungen besonders tragisch, da die Präparate aus dem Palliativ- und Schmerzbereich akut und ohne Unterbrechung benötigt werden. „Wir haben für alles Gesetze und Verordnungen“, so Witzmann, „aber für diesen Fall gibt es praktisch keine Handlungsanweisungen.“ Damit es trotzdem im Katastrophengebiet „irgendwie“ funktioniert, gehen die Helferinnen und Helfer ganz pragmatisch an die Sache: „Wir haben hier unsere eigenen Gesetze geschaffen“, erklärt der Apotheker im Ruhestand. Und wer meint, dass elektronische Rezepte das Problem mit den fehlenden Rezeptblättern gelöst hätten, sollte realisieren, sagt Witzmann, dass der großräumige Stromausfall bzw. die Abschaltung des Netzbetriebs den digitalen Weg nur sehr schwer bis unmöglich gemacht hätte.

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Laut Witzmann werden in Altenahr aktuell zwei Container aufgestellt, um darin die Arzneimittelversorgung zu organisieren. Notapotheken quasi, die von den Großhändlern beliefert werden. Mittels Apothekenwirtschaftssystem wird die Medikation dann dem jeweiligen Patienten zugeordnet, konfektioniert und ausgeliefert. Die Apotheker vor Ort sind zuversichtlich, dass sie im Laufe dieser Woche gemeinsam mit dem Krisenstab wieder etwas mehr Normalität herstellen können. Die zuständige Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz hat bereits reagiert und die Dienstbereitschaft der Apotheken in den Notdienstbereichen modifiziert. So dürfen Apotheken, die ihren Betrieb ohne Einschränkungen aufrechterhalten können, auch über das Wochenende für den Publikumsverkehr geöffnet bleiben. Heute meldete die Kammer, dass in Rheinland-Pfalz mindestens 18 Apotheken betroffen und nicht dienstbereit seien. Die Zahlen seien jedoch weiterhin vorläufig, noch immer könnte nicht mit allen Apotheken im Flutgebiet in Kontakt getreten werden.

„Erhöhte Sensibilität gegenüber Katastrophen und den Auswirkungen  im Berufsstand ist notwendig“

Günter Witzmann hält es für dringend notwendig, dass es im Berufsstand zu einer erhöhten Sensibilität gegenüber Katastrophen und den Auswirkungen kommen muss. Neben den existenziellen Gefahren für jede betroffene Apotheke gehe es dabei vor allem um die Aufrechterhaltung der flächendeckenden und bevölkerungsnahen Versorgung. Hier sieht er auch die Bundesregierung in der Pflicht. Denn auf solche Szenarien könne man sich vorbereiten. Dabei weist er auf den in den vergangenen Monaten viel zitierten „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ hin. In dieser Drucksache (17/12051) des Deutschen Bundestags, die bereits am 3. Januar 2013 an die Bundestagsabgeordneten, Ministerien und Länder ging, wurde bekanntlich unter der fachlichen Federführung des Robert Koch-Instituts analysiert, wie man am besten gegen ein außergewöhnliches Seuchengeschehen mit einem neuartigen Erreger wirken kann. Im selben Papier geht es auch um ein weiteres Ergebnis einer Risikoanalyse – und zwar bei „Extremen Schmelzhochwasser aus den Mittelgebirgen“.



Dr. Armin Edalat, Apotheker, Chefredakteur DAZ
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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