Mehr Einsatz gegen Diskriminierung nötig

HIV – Was sich seit der Entdeckung vor 40 Jahren alles getan hat

Stuttgart - 04.06.2021, 17:50 Uhr

Am Samstag (5. Juni) ist der 40. Jahrestag der ersten Beschreibung von AIDS. Zu diesem Anlass fordert UNAIDS neue Anstrengungen, um die Pandemie wie von den Vereinten Nationen geplant bis 2030 zu beenden. (c / Foto: IMAGO / UIG)

Am Samstag (5. Juni) ist der 40. Jahrestag der ersten Beschreibung von AIDS. Zu diesem Anlass fordert UNAIDS neue Anstrengungen, um die Pandemie wie von den Vereinten Nationen geplant bis 2030 zu beenden. (c / Foto: IMAGO / UIG)


Im Jahre 1981 wurde zum ersten Mal in den USA das Auftreten einer neuen Krankheit beschrieben, welche vor allem bei gesunden, jungen homosexuelle Männern auftrat. Um genau zu sein: Vor 40 Jahren, am 5. Juni 1981, berichtete die US-Gesundheitsbehörde CDC erstmals über die damals mysteriöse Krankheit. Bereits ein Jahr später wurden dann die ersten Fälle in Deutschland bekannt. DAZ.online wirft einen Blick auf die aktuellen Therapie-Möglichkeiten.

In den 80er-Jahren wusste die Medizin noch sehr wenig über eine damals neuerdings häufiger auftretende Immunschwäche. Das ist heute anders: Man weiß, dass es sich bei HIV (Humaner-Immundefizienz-Virus) um eine Viruserkrankung handelt, die im schlimmsten Fall unbehandelt zu AIDS, einer erworbenen Immunschwäche, führt. Mittlerweile gibt es viele verschiedene Arzneimittel, die in Kombination eingesetzt die Vermehrung der HI-Viren reduzieren oder eine AIDS-Erkrankung viele Jahre in die Zukunft verschieben können. Die Betroffenen dürfen dank der enormen Forschung ein weitaus normales Leben führen. Die aktuelle Leitlinie der Deutschen AIDS Gesellschaft wird gerade überarbeitet, da neue Medikamente und Wirkstoffe in den letzten Jahren zugelassen wurden.

Ziel einer jeden antiretroviralen Therapie ist es, die Replikation der HI-Viren zu hemmen und dadurch Symptome zu lindern, die Infektiosität zu minimieren, die Progression der Krankheit einzudämmen sowie die chronische Immunaktivierung herabzusetzen. Die Viruslast wird durch die medikamentöse Therapie deutlich nach unten gedrückt, was die Mortalität senkt. Wichtig hierfür ist die dauerhafte meist lebenslange Einnahme der Medikamente sowie eine optimal abgestimmte Kombination von antiretroviralen Arzneimitteln, damit über die Dauer keine oder nur wenige Resistenzen entstehen.

NRTI und NtRTI

Zur Behandlung werden Nukleosid Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NRTI) eingesetzt. Diese zählen zu den Virustatika und werden im Rahmen einer hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART) angewendet. Sie hemmen die reverse Transkriptase von RNA in DNA, was zu einem Abbruch der Virusreplikation führt. Zur gleichen Gruppe gehören die Nukleotidanalogen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NtRTI), die bereits in Wirkform vorliegen und im Gegensatz zu den NRTI nicht erst phosphoryliert werden müssen. Zu den meist eingesetzten Arzneimitteln dieser Gruppe gehören Tenofovir, Emtricitabin, Abacavir und Lamivudin. Diese Wirkstoffe werden in der HIV-Therapie zusammen mit weiteren Arzneimitteln als Kombinationstherapie verordnet.

NNRTI

Weiterhin kommen die nicht-nukleosidischen Reverse-Transkriptse-Inhibitoren (NNRTI) zum Einsatz. Diese Stoffgruppe wirkt nicht-kompetetiv und hemmt durch Bindung an die Transkriptase, dass diese in einen aktiven Zustand übergehen kann. Beispiele hierfür sind Efavirenz, Nevirapin und Rilpivirin.

PI

Zu den Proteaseinhibitoren (PI) wie Atazanavir, Darunavir und Lopinavir wird immer ein Booster kombiniert, wodurch die verabreichte Dosis möglichst niedrig gehalten werden kann. Die eingesetzten Booster Ritonavir (r, selbst ein PI) und Cobicistat (c, ein CYP-3A4 Inhibitor) verlangsamen den hepatischen Abbau der kombinierten PI und verbessern somit deren Wirkprofil. 

INI

Auch die Integraseinhibitoren (INI) werden mit einem Booster kombiniert. Sie hemmen das Enzym Integrase, welches den Einbau des Virusgenoms in die Viruszelle katalysiert. Durch deren Hemmung wird die Virusvermehrung gestoppt. 

Für die Initialbehandlung des HI-Virus werden bestimmte Kombinationen bevorzugt:

Kombinationspartner 
1

 

 

 

 

+

Kombinationspartner 2

Nukleosid-/ Nukleotidkombinationen empfohlen: 

- Tenofovir / Emtricitabin 

- Abacavir / Lamivudin 

Alternative: 

- Tenofovir / Lamivudin

NNRTI empfohlen: 

- Efavirenz 

- Nevirapin 

- Rilpivirin 

PI empfohlen: 

- Atazanavir / r 

- Darunavir / r 

Lopinavir / r 

Alternative 

- Fosamprenavir / r 

INI empfohlen:

- Dolutegravir 

- Raltegravir 

- Elvitegravir / c 
(+ TDF / FTC = Tenofovir-DF / Emtricitabin)

Quelle: Deutsch-Österreichische Leitlinien zur antiretroviralen Therapie der HIV-Infektion, abgelaufen, gültig bis 12.05.2019, Version 1.0 vom 13.5.2014

Nach gewisser Zeit werden aufgrund von Nebenwirkungen, Resistenzen oder weiteren auftretenden Symptomen die Kombinationen angepasst. Regelmäßig sind neue Wirkstoffe in der Pipeline, die zum Ziel haben, die Therapie zu vereinfachen oder Resistenzen zu vermeiden.

Das ist neu in der HIV-Therapie

Im Februar erhielt das neue Medikament Rukobia des Herstellers ViiV Healthcare mit dem Wirkstoff Fostemsavir seine europäische Erstzulassung. Es ist bei einer HIV-1-Infektion indiziert, für die kein anderes geeignetes antiretrovirales Behandlungsregime verwendet werden kann. Das Prodrug wird im Körper zum aktiven Metaboliten Temsavir umgewandelt und hemmt selektiv die Interaktion zwischen dem Virus und dem zellulären CD4-Rezeptor, was das Eindringen des Virus in die Wirtszelle verhindert. Der CD4-Rezeptor spielt bei der HI-Virusverbreitung eine entscheidende Rolle, da er an das gp120 –Protein bindet und so die Kontaktstelle zur Zelle darstellt. 

Der erste zugelassene Antikörper Ibalizumab 

Ibalizumab ist der erste zugelassene Antikörper zur Therapie von HIV-positiven Patienten. Dieser Wirkstoff wird als Reserve-Mittel verwendet, wenn kein anderes Therapieregime eingesetzt werden kann. Dieser monoklonale humanisierte Antikörper bindet an den CD4-Rezeptor und verhindert so das Eindringen des Virus in die Wirtszelle und gleichzeitig die Übertragung von Zelle zu Zelle.

Die erste langwirksame, parenteral applizierbare Therapie

Mit dem Integrasehemmer Cabotegravir (Vocabria vom Hersteller ViiV Healthcare) steht die erste langwirksame, parenteral applizierbare Form der antiretroviralen Therapie zur Verfügung und verspricht Erleichterung für die Betroffenen. Die Depotspritzen werden alle 4 – 8 Wochen in das Gesäß appliziert und zeigen in den Studien eine gute Wirksamkeit. Sie wird mit dem NNRTI Rilpivirin (Rekambys von Janssen-Cilag) kombiniert, welches ebenfalls injiziert wird. Diese Therapieform kommt bei über 18-Jährigen mit HIV-1 Infektion zum Einsatz, die bereits erfolgreich behandelt werden und bei denen keine Resistenzen gegen NNRTI oder INI vorliegen.

Doch auch wenn die Therapieoptionen zur Bekämpfung von HIV schon sehr ausgereift sind, die Information der Bevölkerung sowie geeignete Präventionsmaßnahmen sind sehr wichtige Bausteine, um in Zukunft Neuinfektionen reduzieren zu können.

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UNAIDS: Mehr Einsatz gegen Diskriminierung bei HIV nötig

Stigma und Diskriminierung erschweren den weltweiten Kampf gegen HIV und AIDS. Immer noch kriminalisieren rund 70 Länder Homosexualität und Prostitution. „Das treibt Betroffene in den Untergrund, und dann lassen sie sich seltener testen oder werden nicht behandelt“, sagte die Chefin des UN-Programms für den Kampf gegen AIDS, Winnie Byanyima, der Deutschen Presse-Agentur.

Am Samstag (5. Juni) ist der 40. Jahrestag der ersten Beschreibung einer damals mysteriösen neuen Krankheit. Zu diesem Anlass fordert Byanyima neue Anstrengungen, um die Pandemie wie von den Vereinten Nationen geplant bis 2030 zu beenden. Sie lobte die deutschen UNAIDS-Beiträge zum Kampf gegen HIV und AIDS.

Doch auch in aufgeklärteren Ländern werde von Regierungen noch zu wenig getan, um Vorbehalte gegen Betroffene auszuräumen, sagte Byanyima der dpa. „Regierungen müssen Kampagnen haben, um Einstellungen zu ändern.“ In sozialen Medien müssten Klischees angegriffen werden. UNAIDS setze sich dafür ein, dass Hilfe – mit finanzieller Unterstützung von Behörden – nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch in anderen sicheren Räumen und von Betroffenen selbst geleistet werde. „Zum Beispiel eine Organisation schwuler Männer, die Dienstleistungen für schwule Männer anbietet – so werden die Menschen nicht herabgewürdigt und ihre Menschenrechte werden nicht verletzt“, sagte Byanyima.

Nach einer neuen Umfrage der Deutschen Aidshilfe erlebt gut die Hälfte der HIV-Positiven immer noch Diskriminierung. Knapp 100.000 Menschen lebten Ende 2019 in Deutschland mit HIV/AIDS, knapp 11.000 davon wissen nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts nicht davon.

„Stigma und Diskriminierung sind eine der Ursachen dafür, dass die HIV-Pandemie weltweit nach 40 Jahren noch nicht zu Ende ist“, sagte auch der Virologe und AIDS-Forscher Hendrik Streeck, der sich zuletzt als Corona-Experte einen Namen gemacht hatte, der dpa. Er spricht von einem traurigen Meilenstein. „Wir könnten die Pandemie viel besser eindämmen, als es der Fall ist.“ In vielen Ländern müssten Menschen, die mit HIV infiziert sind oder ein erhöhtes Ansteckungsrisiko haben, im Verborgenen leben. 

Die Folgen der Corona-Pandemie auf die HIV-Infektionen seien noch nicht abzusehen, sagte Streeck. Vielerorts hätten sich weniger Menschen testen lassen, und viele hätten ihre Medikamente nicht mehr regelmäßig bekommen. Das könne zu vielen Neuinfektionen führen, und viele Menschen könnten ernsthaft erkranken. 

Bis 2030 will die Weltgemeinschaft die HIV-Pandemie beenden – aber sie droht bei diesem Ziel zu scheitern. Davor warnt das UN-Programm UNAIDS. Seit einigen Jahren werden weniger internationale Gelder zum Kampf gegen HIV aufgebracht. Bei der 5. UNAIDS-Konferenz kommende Woche in New York sollen neue Weichen gestellt werden. 

(dpa/dm)



Carolin Kühnast, Apothekerin
redaktion@daz.online


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