Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

25.04.2021, 07:45 Uhr

Wir Apothekers sind meist die gekniffenen – Opfer unseres eigenen Erfolgs, weil wir zu gut sind. (Foto: Alex Schelbert)

Wir Apothekers sind meist die gekniffenen – Opfer unseres eigenen Erfolgs, weil wir zu gut sind. (Foto: Alex Schelbert)


Wie sind unsere Apotheken? Zu gut darin, sich selbst zu helfen, „wir sind Opfer unseres eigenen Erfolgs geworden“ – und deswegen werden wir Apothekers von der Politik leider zu oft vergessen – beschreibt es unser Ex-ABDA-Präsident Schmidt. Schön formuliert. Beispiele gefällig? Unser supergutes Funktionieren in der Pandemie ohne Mehrhonorar, die reibungslose Maskenausgabe trotz gekürzter Margen, die perfekte Belieferung der Praxen mit Vials trotz zu geringer Vergütung und zahlreicher Zusatzkosten, auf denen wir sitzenbleiben. Unser Honorar dafür ist deutlich zu wenig, sagt unsere ABDA-Präsidentin Overwiening und hofft auf Anpassung. Und wir hoffen, dass die ABDA da nicht locker lässt und die Anpassung auch durchsetzt. 

19. April 2021

Testen, testen, testen – das gilt auch für das Apothekenpersonal. Betriebe, auch Apotheken, werden dazu verpflichtet. Mindestens zweimal in der Woche müssen die Arbeitgeber ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Testangebot machen, so will es die SARS-CoV-2-Arbeitschutzverordnung. Getestet werden muss mit Corona-Tests, mit deren Hilfe ein direkter Erregernachweis möglich ist – also PCR- und Antigen-Selbsttest sowie Tests, die durch geschultes Personal anzuwenden sind. Antikörpertests sind dagegen nicht zugelassen, sie detektieren nicht das Virus, sondern reagieren nur auf eine Antwort des Immunsystems. Mein liebes Tagebuch, alles richtig, alles wichtig, aber wer trägt die Kosten für die Tests? Grundsätzlich der Arbeitgeber, heißt es vom Bundesarbeitsministerium. Und wieder werden die Apotheken belastet. Und da sagt noch mal einer, die Apotheken würden sich in Pandemiezeiten eine goldene Nase verdienen.

 

Wenn diese Woche zu Ende geht, liegen schon drei Wochen Corona-Impfstoff-Lieferungen an Arztpraxen hinter uns. Die Apotheken versorgen rund 50.000 Arztpraxen mit Covid-19-Impfstoffen. Zwar hat es an der einen oder anderen Stelle mal kurz geknirscht, aber unterm Strich läuft’s, alles gut. Klar, es gibt noch immer zu wenig Impfstoff, die Arztpraxen hätten gerne mehr Vials, wie die Bestellungen der Apotheken an den Großhandel zeigen. Aber es soll schon bald besser werden. Immerhin werden in dieser Woche bereits zwei Impfstoffe ausgeliefert, Comirnaty und Vaxzevria. Kleine logistische Herausforderung für die Großhandlungen – und für die Apotheken, aber wir schaffen das. Und nächste Woche soll es dann gleich zwei Millionen Dosen geben, allerdings nur Comirnaty. Aber auch da dürfte gerne noch ein bisserl mehr gehen: Die Apotheken bestellen weitaus mehr, als wir liefern können“, sagt André Blümel, der Vorsitzende des Bundesverbands der pharmazeutischen Großhandlungen (Phagro). Das Licht am Ende des Kontingent-Tunnels: Die Zahl der Impfdosen für die Praxen soll in den nächsten Wochen beständig steigen.

20. April 2021

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer zeigte auf dem Sächsischen Apothekertag Verständnis für die Apotheken: Dass Apotheken weniger Honorar für Corona-Tests erhalten, findet er nicht gerecht. Fein, mein liebes Tagebuch, aber warum hat er dann in seinem Bundesland das Honorar für Apotheken nicht aufgestockt? Bayern hat’s doch auch gemacht? Wegen der vielfältigen finanziellen Belastungen während der Pandemie, sagte er. Ach so – aber an den Apotheken bleibt es hängen. Immerhin, es kam noch ein Dankeschön vom Ministerpräsidenten für die Apotheken hinterher, sie hätten in der Krise eine gute Figur gemacht. Mein liebes Tagebuch, Danke für das Lob, bella figura schön und gut, aber finanziell mager! Sachsens Kammerpräsident Friedemann Schmidt interpretiert das Lob mit der guten Figur allerdings so, dass die Apotheken von der Politik leider zu oft vergessen werden. Seine Theorie: Die Apotheken sind zu gut darin, sich selbst zu helfen: „Wir sind Opfer unseres eigenen Erfolgs geworden.“ Mein liebes Tagebuch, schöner kann man es kaum beschreiben, oder? Schmidt gab dem Ministerpräsidenten Kretschmer noch einige Wünsche mit auf den Weg: Es dürfe nicht bei warmen Worten bleiben, der Dank müsse auch spürbar werden. Auf dem Wunschzettel stehen ein klares Bekenntnis zur Freiberuflichkeit und der inhabergeführten Apotheke, ein Vergütungsplus, die Ausweitung der pharmazeutischen Leistungen und mehr Engagement bei der Ausbildung des pharmazeutischen Nachwuchses. Ja, mein liebes Tagebuch, man kann es nicht oft genug sagen. Immerhin, dem Sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer ist klar geworden, wie er selbst sagte, welche Auswirkungen der Versandhandel auf die Apotheken hat, wie DocMorris und Co. den Präsenzapotheken das Geschäftsmodell „wegknabbern“. Er appellierte aber auch an die Bürgerinnen und Bürger, auf die Vor-Ort-Apotheken zu setzen statt im Internet zu bestellen. Kretschmer möchte dem Versandhandel keinen weiteren Raum geben: „Und wenn man ihn an einzelnen Stellen zurückdrängen könnte, wäre ich nicht böse darum.“ Mein liebes Tagebuch, der Zug ist leider abgefahren, da hätten er sich und seine lieben Politikerinnen und Politiker eher dagegen stemmen müssen, z. B. durch ein Rx-Versandverbot.

 

Für Apotheken macht es in der Tat viel Arbeit, die richtige Menge Vials zu bestellen und zu koordinieren, an die oft kilometerweit entfernten Arztpraxen zu verteilen, den Überblick zu behalten und auch Unterstützung in den Praxen bei der Rekonstitution des Biontech-Impfstoffs zu leisten. Und für diese aufwendige Arbeit gibt’s nur 6,85 Euro pro Vial. „Deutlich zu wenig für das, was wir in dieser Phase der Versorgung leisten“ – ist unsere ABDA-Präsidentin Gabriele Overwiening überzeugt und hofft auf eine mögliche Anpassung des Apothekenhonorars für die Impfstoffverteilung. Mein liebes Tagebuch, ja, so eine Anpassung ist vorgesehen: Allerdings muss die ABDA dem Bundesgesundheitsministerium bis zum 17. Mai 2021 eine Aufstellung vorlegen, die den tatsächlichen Aufwand für die Apotheken darstellt. Sollte eigentlich kein Problem sein – Wirtschaftsexperten haben bereits vorgerechnet, dass die vorläufige Vergütung nicht die Kosten deckt – das müsste sich doch überzeugend darstellen lassen. Dumm nur, dass da das Masken-Desaster irgendwie noch im Hintergrund mitwabert. Wir erinnern uns: Einige Gesundheitspolitiker kritisierten die Höhe der Vergütung für die Ausgabe der Schutzmasken in Apotheken. Die Apotheken verdienen sich daran eine goldene Nase, tönte es von verschiedenen Seiten – und sogar aus unseren eigenen Apothekerreihen hieß es, wir Apothekers hätten uns da „dumm und dämlich“ verdient. Da wird’s für die ABDA nicht einfacher, Überzeugungsarbeit im Gesundheitsministerium zu leisten, dass Vials keine Masken sind.

 

Na, sieh einer an: Es ist nicht (mehr) verboten, dass Apotheken einzelne PoC-Antigen-Tests aus einer Großpackung verkaufen, also Teilmengen entnehmen. Mein liebes Tagebuch, wie finden wir das denn? Natürlich gut, nur: Warum nicht gleich so? Warum erst die Einschüchterung, dass eine Entnahme aus Großpackungen nicht erlaubt sei, weil die Großpackungen eine Sonderzulassung hätten und Pipapo. Nun ja, da wurde der Begriff der Sonderzulassung wohl nicht recht interpretiert. Also, die Sonderzulassung mit Auseinzelungsverbot betrifft nur den Hersteller, nicht die endabgebende Stelle – sagt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und stellt fest, dass das BfArM selbst nie ein Auseinzelungsverbot verhängt habe. Ja, mein liebes Tagebuch, man muss einfach die richtige Stelle fragen. Allerdings, schiebt das BfArM nach: „Inwieweit die Bundesländer noch an Vereinzelungsverboten festhalten könnten, müsste dort erfragt werden.“ Mein liebes Tagebuch, putzig, oder? Wir lieben ihn, unseren Föderalismus!

21. April 2021

16,7 Millionen Rabattarzneimittel waren im vergangenen Jahr nicht lieferbar – und darunter vor allem Blutdrucksenker, Magensäureblocker und Schmerzmittel. Lieferengpässe sind der Alltag im Apothekenbetrieb. Dass Patientinnen und Patienten derzeit nicht allzu hart davon betroffen sind, liegt daran, dass Pandemieregeln (SARS-CoV-2-Arzneimittelversorgungsverordnung) den Apotheken erlauben, ein Austauschpräparat statt des verordneten Arzneimittels abzugeben: Die Apotheken haben durch diese Verordnung mehr Flexibilität erhalten, ohne Sorge zu haben, retaxiert zu werden. Thomas Dittrich, Chef des Deutschen Apothekerverbands, spricht hier von mehr „Beinfreiheit“ für die Apotheken. Er fordert zum wiederholten Mal, dass diese Beinfreiheit erhalten bleiben sollte, unabhängig von der Pandemie. Mein liebes Tagebuch, diese Forderung kann er nicht oft genug und nicht laut genug in die Politik tragen, will sagen: Der Deutsche Apothekerverband muss sich mit aller Macht dafür einsetzen, dass diese Beinfreiheit so bleibt. Zum einen ist angesichts der abenteuerlichen, abstrusen und äußerst anfälligen Lieferketten auch nach der Pandemie weiterhin mit Lieferengpässen zu rechnen, zum andern haben die Apotheken gezeigt, dass sie mit der Sonderregelung und ihrer Beinfreiheit äußerst verantwortungsvoll umgehen: Die Einsparungen bei Rabattarzneimitteln sind trotz des gelegentlichen Einsatzes vorrätiger statt nicht lieferbarer Präparate auf die Rekordsumme von 4,96 Milliarden Euro gestiegen (2019: 4,88 Milliarden). Und nicht zuletzt bringt diese Beinfreiheit der Apotheken auch den Patientinnen und Patienten den großen Vorteil, rascher versorgt zu werden. Sie erspart ihnen zudem Kontakte und Wege – in Pandemiezeiten von unschätzbarem Vorteil.

 

Das war erschreckend, was mir Apothekerin Schropp aus Markt Rettenbach berichtete: Eines Morgens lagen Kinderschuhe vor ihrer Apothekentür und Plakate mit Parolen gegen Masken und Schulschließungen. Wie sie feststellen musste, waren hier Personen zugange gewesen, die der Querdenker-Szene nahestehen: Der Verein „Eltern stehen auf“ wehrt sich mit solchen zweifelhaften Aktionen gegen Schulschließungen und will Kinder von der Test- und Maskenpflicht befreien. Die Apothekerin wollte solche Aktionen nicht dulden und suchte Hilfe beim Bürgermeister und bei der Polizei. Vergeblich, wie sie mir im Podcast-Gespräch sagte. Sogar eine Demo von Querdenker-Gruppierungen fand vor ihrer Apotheke statt – gegen die sie couragiert einschritt. Unterstützung fand sie in der Bevölkerung ihres Ortes.

 

Die Belieferung der Arztpraxen mit Covid-19-Impfstoffen durch Apotheken läuft, auch ohne dass die Apotheken anfangs genau wussten, wie das Procedere der Abrechnung stattfindet. Diese Unsicherheit hat nun ein Ende: Die ABDA veröffentlichte einen Leitfaden zur Abrechnung der Corona-Impfstoffe. Zur Erinnerung: Die Apotheken sollen bekanntlich nicht nur ihre eigene Vergütung pro Vial abrechnen, sondern auch die des Großhandels. Die Abrechnung erfolgt monatlich. Die Apotheken-Rechenzentren übermitteln dann dem Bundesamt für soziale Sicherung (BAS) den Gesamtbetrag, der sich aus der Apotheken- und der Großhandelsvergütung ergibt und leiten dann die Zahlung an die Apotheken weiter, die wiederum ihrem Großhändler seinen Vergütungsanteil zukommen lassen. Mein liebes Tagebuch, klingt hoffentlich nur umständlicher als es in der Praxis laufen wird. Der ABDA-Leitfaden gibt Hilfestellung, welche Angaben die Arztpraxen und Apotheken aufs Rezept drucken müssen, damit alles reibungslos läuft. Und dennoch: Alles macht Mehrarbeit. Die ABDA sollte die Apothekervergütung genau ansehen und auf eine adäquate Anpassung pochen.

22. April 2021

Als Spahn Ende Januar während der laufenden Masken-Ausgabe-Aktion den Apotheken das Honorar pro Maske von 6 Euro auf 3,90 Euro kürzte, nannte das die ABDA-Präsidentin Gabriele Overwiening ein „fatales Signal“ für die Apothekers, sie sprach von erschüttertem Vertrauen in die Zusagen der Politik. Nun ja, mein liebes Tagebuch, erschüttertes Vertrauen war das eine, sinkende Marktpreise für Masken das andere. Und so setzten Stimmen aus der Gesundheitspolitik den Bundesgesundheitsminister gehörig unter Druck, marktgerechte Maskenpreise zu bezahlen. Was diesen Druck vergrößerte, war mutmaßlich auch das Verhalten einiger unserer lieben Kolleginnen und Kollegen, die der Politik und der Öffentlichkeit vorrechneten, wie „dumm und dämlich“ sie sich an den sinkenden Einkaufs- und hohen Verkaufspreisen für Masken verdienten. Friedemann Schmidt, Präsident der Sächsischen Landesapothekerkammer und bis Ende letzten Jahres noch ABDA-Präsident, prononcierte auf seiner Kammerversammlung solches Verhalten einzelner Kollegen mit den deutlichen Worten: Wer sowas öffentlich kommuniziere, „der hat es nicht anders verdient“, sagte Schmidt bei der Online-Kammerversammlung, „diesen Arschtritt haben einige von uns eingefordert.“ Nun ja, mein liebes Tagebuch, wir sehen, der Kammerpräsident scheint dem Verein für deutliche Aussprache beigetreten zu sein. Und vielleicht muss man bisweilen deutliche Worte finden, um zu zeigen, was man von einer Sache hält. Mein liebes Tagebuch, ja, es war mehr als unkollegial, was damals so einige clever einkaufende Kollegen vorrechneten, zumal bei weitem nicht alle Apotheken von Einkaufsvorteilen profitierten.

 

Die Bundes-Notbremse ist gezogen, spät, hoffentlich nicht zu spät. Denn der Corona-Zug rollt rasend dahin. Ärzte und Intensivmediziner beklagen bereits, dass zu spät gehandelt wurde angesichts steigender Inzidenzen, aber auch wegen einer zunehmenden Belegung der Intensivbetten. Das vierte Bevölkerungsschutzgesetz, das die Bundes-Notbremse in das Infektionsschutzgesetz einfügt, ist, wie soll es anders sein, natürlich umstritten, es gibt sogar verfassungsrechtliche Bedenken. Und so manche Länder meinen, dass ihre Erfahrungen in der Pandemiebekämpfung nicht berücksichtigt würden. Andererseits: Es besteht dringender Handlungsbedarf. Und so ließ der Bundesrat das Gesetz letztlich passieren. Die Notbremse greift, wenn die Inzidenz an drei Tagen hintereinander über 100 liegt: Dann gibts nächtliche Ausgangsverbote, noch weniger Kontakte, Ladenöffnungen nur noch für Kunden mit negativem Corona-Test und mit Termin, auch beim Frisör, und einige weitere Einschränkungen. Die Regelungen treten am 23. April in Kraft und spätestens mit Ablauf des 30. Juni außer Kraft. Und was ist, wenn die Inzidenz unter 100 sinkt? Dann, so heißt es, entscheiden weiterhin die Länder über Maßnahmen. Mein liebes Tagebuch, können wir uns auf einen Sommer freuen?

 

Reißen Lieferketten ab, kommt es zu Lieferengpässen. ProGenerika, der Verband der Generikahersteller, befasste sich in einer Online-Talkrunde mit der Frage, wie Lieferketten stabiler gestaltet werden können. Mein liebes Tagebuch, als zu Beginn der Pandemie die Arzneimittel auf Intensivstationen knapp wurden, hat dies uns deutlich gezeigt, wie anfällig das System der Lieferketten ist. Kein Wunder, wenn man sich vor Augen hält, auf welch verschlungenen Wegen heute viele Arzneimittel produziert werden: Wirkstoffquellen liegen nicht selten in China, die Roh- und Hilfsstoffe kommen aus China und verschiedenen anderen Ursprungsländern, die Produktionsstätten für Fertigarzneimittel liegen in China, oft aber auch in Indien. Von dort kommen die Arzneimittel per Schiff in europäische Großlager, dann zu den Lagern der Großhändler. Mein liebes Tagebuch, ganz abgesehen davon, dass uns dies enorm abhängig macht von diesen Ländern: Solche Lieferketten sind immens empfindlich und vielfältigen Einwirkungen ausgesetzt, wie der Lieferketten-Experte Dr. Martin Schwarz erklärte, z. B. möglichen Explosionen in Fabriken, Erdbeben und Tsunami, Seuchen, Exportbeschränkungen, politischen Unruhen, Streiks, Unglücken wie die Blockade im Suezkanal und vielen anderen Einwirkungen. Ja, mein liebes Tagebuch, da darf man sich schon wundern, dass diese Lieferketten überhaupt so funktionieren. Und warum wird überhaupt fast nur noch in Ländern wie China und Indien produziert? Der Kostendruck zwingt die Hersteller dazu, sagt Christoph Steller von Teva. So liegen heute beispielsweise die tagestherapeutischen Kosten für ein durchschnittliches Generikum bei nur noch 6 Cent. Stoller: „Maßnahmen für mehr Liefersicherheit verursachen Extra-Kosten. Aber wer deshalb den Preis erhöht, hat in Ausschreibungen keine Chance.“ Mein liebes Tagebuch, ob die Pandemie die Krankenkassen zum Umdenken bewegt? Dr. André Breddemann von der Barmer ließ wissen, dass seine Kasse bei Ausschreibungen nicht nur auf den günstigsten Preis achtet, sondern auch die Nachhaltigkeit zum Wettbewerbsvorteil macht. Gesundheitspolitiker Michael Hennrich (CDU) ist überzeugt: „Kriterien für mehr Liefersicherheit müssen in die Rabattverträge.“ Und Kordula Schulz-Asche (Die Grünen) ist überzeugt: „Es sind auch Preise nötig, die eine europäische Produktion wieder ermöglichen.“ Mein liebes Tagebuch, dass die Arzneimittelversorgung resilienter werden muss, hat mach sichtlich auf dem Schirm. Aber ob und wann sich letztlich etwas tut? Der Wettbewerb und der Kostendruck sind gnadenlos.

23. April 2021

Oh, oh, das sieht nach neuen Ungerechtigkeiten für Apotheken, nach Fallstricken und irgendwie nach einem Ärgernis aus: Die Coronavirus-Impfverordnung regelt u. a. die Honorierung von Großhandel und Apotheken für die Belieferung der Arztpraxen. Sichtlich wurde der Passus, der die Honorierung der Logistik der eiskalten Impfstoffe regelt, mit heißer Nadel gestrickt. Kann man nachzuvollziehen, warum der Großhandel für ein Vial derzeit fast doppelt so viel erhält wie die Apotheke? Noch seltsamer ist es, dass die Abrechnung der Großhandelsvergütung über die Apotheken verläuft: Die Apotheken erhalten auch die Großhandelsvergütung vom Bundesamt für soziale Sicherung (BAS) überwiesen und müssen diese dann an den Großhandel weiterleiten. Warum das so ist? Mein liebes Tagebuch, dazu haben wir noch nichts gelesen oder gehört – war halt vielleicht einfacher für den Verordnungsschreiber, das so festzulegen. Das Dumme dabei sind – wie so oft – die bürokratischen und finanztechnischen Fallstricke des Kleingedruckten: Wie läuft das mit der Umsatzsteuer, wie ist sie korrekt zu verbuchen, ohne dass sich diese Vorgehensweise nachteilig für die Apotheke auswirkt? Das hängt auch davon ab, wem der Großhandel seine Rechnung stellt, dem BAS oder der Apotheke. Mein liebes Tagebuch, es ist wie so oft: ein Mehraufwand für die Apotheke, den sie bezahlen muss, aber nicht erstattet bekommt. Hier wäre es doch wirklich viel einfacher, wenn alle Beteiligten ihre Leistungen direkt mit dem Kostenträger abrechnen würden – dann würde auch jeder die Gebühren seiner Abrechnung tragen. Warum muss alles so kompliziert verschwurbelt ablaufen? Und was zusätzlich für Ärger sorgt: Da die Großhandelsvergütung für die Vial-Logistik über die Apotheken läuft, sind es die Apotheken, die dafür die Kosten ihres Apothekenrechenzentrums tragen. Ungerecht! Damit nicht genug: Manche Rechenzentren, z. B. das ARZ Haan, haben ihre Kunden bereits darüber informiert, dass für die Bearbeitung der Verordnungen eine Bearbeitungsgebühr fällig wird. Auch das noch! Da sind die Apotheken gleich zweifach, nein dreifach gekniffen: Höhere Abrechnungsgebühren, extra Bearbeitungskosten und bürokratischer Aufwand mit Umsatzsteuer und Rechnungsstellung. Mein liebes Tagebuch, das ruft nach deutlichen Worten aus dem Berliner Apothekerhaus: So geht’s nicht! Bei der vom Bundesgesundheitsministerium angekündigten Überprüfung des Honorars für die Impfstofflieferungen müssen diese Fehlstellungen korrigiert und das Honorar dem tatsächlichen Aufwand angepasst werden. Da kommt Arbeit auf ABDA und DAV zu!

 

Und wie läuft es eigentlich beim Großhandel mit der Vial-Logistik? Alles im Griff? Im DAZ.online-Podcast sprach ich mit Stefan Holdermann, geschäftsführender Gesellschafter der Pharmagroßhandlung Kehr Holdermann. Er sagte mir, dass die reine Logistik, die Tiefkühlung und Verteilung der Impfstoff-Vials kein Problem für den Großhandel darstellen. Das Problem liegt allerdings derzeit darin, dass es noch zu wenig Impfstoff gibt, „der pharmazeutische Großhandel verwaltet den Mangel“, so Holdermann. Herausfordernd ist zudem die Bestellabwicklung der Apotheken, keine Apotheke darf bevorzugt oder benachteiligt werden. Der Kommunikationsaufwand sei immens. Und die Nerven liegen durchaus manchmal blank. Holdermann: „Wir versuchen alles, was möglich ist, können aber nicht zaubern.“



Peter Ditzel (diz), Apotheker
Herausgeber DAZ / AZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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Rückblick auf das Jahr 2021

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1 Kommentar

Opfer????

von Gunnar Müller, Detmold am 25.04.2021 um 12:27 Uhr

Im Jahr 10 nach Apothekerprotest ist das eine allzu armselige wenn nicht gar: erbärmliche Bilanz für alle alt- und neu-verantwortlichen Standeszertreter:innen!
Und eine ernüchternde Bilanz der zurückliegenden Jahre von FS, Fritz Becker, Arnold und Co. Samt verantwortlichem ABDA-Hauptamt.
Die Ärzteschaft muckt nur einmal kurz, und schon ist AstraZeneca in Impfpraxen Schnee von gestern!
Soviel zum Thema eines offenbar immer noch in vielen Köpfen herumwabernden „Vertrauen“ ....

Wenn uns die Pandemie etwas gezeigt hat
dann doch bitte:
Die Notwendigkeit einer „sprechenden“, einer empathisch erklärenden Pharmazie, einer unmittelbar ansprechbaren Pharmazie, akademisch fundiert, gut informiert, auf dem aktuellen Stand des Geschehens und sofort verfügbar, barrierefrei für alt und jung, allgemein-verständlich, jederzeit und unmittelbar vor Ort.

Zum zweiten die Notwendigkeit von Handlungsfreiheit! Wenn Apotheken schnell handeln können sollen, dann dürfen sie nicht bürokratisch gegängelt werden!

Die Notwendigkeit einer auskömmlichen Vergütung insbesondere für kleinere und mittlere Apotheken-Standorte! Die großen überleben allein schon „aufgrund Masse“, Blockbuster-Standorten, größerem Pool an Mitarbeiter:innen und nicht zu vergessen den günstigeren Einkaufsbedingungen!

Und die Notwendigkeit einer nicht allein öffentlichen Anerkennung sondern die Verankerung dieser Wertschätzung durch die Allgemeinheit dann bitte doch auch in den Köpfen und Herzen der Politiker:innen - zur Not nach der Devise:
Die Allgemeinheit, das sind auch Wählerinnen und Wähler!

Was bedeutet das alles insbesondere in einem Wahljahr:
Es müssen die richtigen Dinge getan werden und es müssen die Dinge richtig getan werden. Und sie müssen jetzt getan werden!

Und deshalb abschließend ins Stammbuch
aller berufspolitischen Kleriker/Dogmatiker in welchen standespolitischen Echo-Kammern auch immer:
Wolkenkuckucksheim muss warten!
Oder frei nach Brecht:
Erst kommt das Fressen sprich die Vergütung für den immensen Aufwand für die vielen „kleinen“, systemrelevanten Dienstleistungen wie Beratung in Sachen Rabattverträgen, Rückfragen bei Ärzten und Genehmigungsaufwand gegenüber KrankenKassen - dann erst kommen „Neue Dienstleistungen“ wie AMTS.

Was hindert uns, allein für unseren bisherigen Mehraufwand von den KrankenKassen aus deren Erträgen ihres Rabattvertragsgeschäfts einen kick-back von 10% für die Apotheken zu fordern und gleichmäßig auf jede der 18.500 Apotheken zu verteilen?

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