Expertenkreis Aerosole legt Stellungnahme vor

Nur kombinierte Maßnahmen schützen wirkungsvoll vor dem Coronavirus

Remagen - 09.12.2020, 10:45 Uhr

Mit Maske, an der frischen Luft und mit Abstand: Kombinierte Maßnahmen können am besten vor SARS-CoV-2-Infektionen schützen. (Kzenon / stock.adobe.com)

Mit Maske, an der frischen Luft und mit Abstand: Kombinierte Maßnahmen können am besten vor SARS-CoV-2-Infektionen schützen. (Kzenon / stock.adobe.com)


Obwohl sich während der Corona-Pandemie bereits eine Vielzahl von persönlichen Schutzmaßnahmen etabliert haben, herrschen in der Bevölkerung weiterhin große Unsicherheiten. Muss ich Abstand halten, wenn ich eine Maske trage? Wie oft müssen wir lüften, um die Raumluft virenfrei zu bekommen und zu halten? Ein Expertenkreis hat eine Reihe von Fragen rund um die viel diskutierten Aerosole umfassend aufgearbeitet. Sein Fazit: Nur die kombinierte Einhaltung zahlreicher wirksamer Einzelmaßnahmen mindert das Risiko einer möglichen Infektion durch belastete Aerosole bestmöglich.

Aerosole, das heißt gasgetragene flüssige oder feste Partikel, werden gegenwärtig als einer der wesentlichen Übertragungswege für SARS-CoV-2 angesehen, wobei derzeit nicht abschließend geklärt ist, welcher Anteil der Ansteckungen tatsachlich darauf zurückzuführen ist. Durch Atmen, Sprechen, Singen oder Schreien, Husten und Niesen werden Tröpfchen und zuvor eingeatmeter Feinstaub ausgestoßen, die das Virus tragen können. Der interdisziplinär zusammengesetzte „Expertenkreis Aerosole“ der Landesregierung Baden-Württemberg hat sich mit relevanten Fragenstellungen rund um „Aerosole“ befasst und hat nun eine detaillierte Stellungnahme zum luftgetragenen SARS-CoV-2-Infektionsweg vorgelegt. Die Aussagen helfen, zahlreiche Unsicherheiten der Menschen mit Blick auf den Eigen- und Fremdschutz vor dem Coronavirus zu beseitigen. 

Gibt es einen Schwellenwert und eine kritische Expositionsdauer?

Wenn ich jemanden nur kurz sehe, kann doch sicher nichts passieren, oder? Nicht unbedingt, meinen die Experten. Zwar sind sowohl die Konzentration der infektiösen Viren als auch die Expositionsdauer von entscheidender Bedeutung, aber eine kritische Konzentration oder Zeit, bei deren Unterschreiten kein Risiko bestünde, lässt sich ihrer Einschätzung zufolge nicht angeben. Dasselbe gilt für eine etwaige direkte Korrelation von Virusmenge und Dauer der Exposition. Es gibt aber Hinweise darauf, dass der Krankheitsverlauf bei Exposition einer großen Virusmenge sowie in Abhängigkeit von der Penetrationstiefe im Atemwegstrakt (Partikel < 5 μm penetrieren tief in die Atemwege) schwerer sein kann. Für die Übertragungswahrscheinlichkeit ist besonders die Virusmenge im oberen Atemwegstrakt des Übertragers von Bedeutung, die auch bei asymptomatisch infizierten Personen hoch sein kann.

Wie lange schweben die Partikel in der Luft?

Wenn ich zwei Meter Abstand halte, macht das nichts, weil die infektiösen Partikel ja schnell zu Boden sinken. Das stimmt so wahrscheinlich nicht. Die WHO legt mit Blick auf die Bedeutung des Pfades „Aerosole“ für das Infektionsgeschehen eine Partikelgröße von 5 μm Durchmesser fest. Solche Partikel brauchen nach Darlegung in der Stellungnahme bei absoluter Windstille über 40 Minuten, um von einer Höhe von zwei Metern zu Boden zu sinken. Die Menge an ausgestoßenen luftgebundenen Aerosolen variiert außerdem stark von Person zu Person. Beim Atmen durch die Nase wurden circa 25 Partikel, beim Sprechen circa 200 Partikel und beim Singen etwa 2.000 Partikel, jeweils pro Sekunde, gemessen. Beim Husten liegt der Partikelausstoß noch deutlich höher.

Auch im Außenbereich Abstand halten

Wenn wir draußen sind, kann ich näher an mein Gegenüber ran, ohne eine Ansteckung befürchten zu müssen. Da ist doch genug Luft. Auch diese Annahme trifft nicht zu. Zwar kann die Ansteckungsgefahr durch Aerosole aus der Expertensicht durch das Atmen sauberer, nicht mit Viren belasteter, Atemluft vermindert werden. Aber auch im Außenbereich empfiehlt es sich, großen Abstand zu anderen Menschen einzuhalten und die Aufenthaltsdauer in deren Nähe zu reduzieren. Wo Abstände nicht eingehalten werden können, sollten auch im Außenbereich wirksame Masken getragen werden.

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Im Innenraum ist richtiges Lüften das A und O, wobei der Luftaustausch (mit Außenluftzufuhr) möglichst häufig erfolgen sollte. Effizientes Lüften heißt Stoß- und Querlüften, und zwar bei weit geöffneten Fenstern. „Kippen“ ist nicht „Lüften“. Die Lüftungsdauer richtet sich nach der Raumgröße, der Anzahl der Fenster und dem Temperaturunterschied zwischen „innen“ und „außen“. Die Effektivität ist höher, wenn zwischen Innen- und Außenluft möglichst große Temperaturdifferenzen bestehen.

Sind mehrere infizierte Personen im Raum, so hat die Fensterlüftung nach Meinung der Experten allerdings nur eine begrenzte Wirkung. Achtung: Auch regelmäßiges Lüften mindert nicht das Risiko einer Infektion durch kurzräumige Exposition, etwa durch direktes Anhusten.

Warum die CO2-Ampel?

Der Kohlenstoffdioxid-(CO2)-Gehalt in der Innenraumluft ist ein anerkannter Indikator für die Raumluftqualität. Nach gültigen Normen und Richtlinien wird die Qualität bei einer CO2-Konzentration < 800 ppm (0,08 Prozent) als hoch eingestuft, sodass dieser Grenzwert vielfach als Regelparameter zum Beispiel für Klima- bzw. Lüftungsanlagen eingesetzt wird. Obwohl eine generelle Korrelation zwischen der CO2-Konzentration und der Aerosol- und/oder einer möglichen Virenbeladung der Aerosole in Innenräumen derzeit nicht nachgewiesen ist, empfiehlt das Gremium den technischen Richtwert von 800 ppm CO2 für das Lüften. Zur Ermittlung des Zeitpunkts eines Lüftens und zur Überprüfung des Lüftungs-Erfolgs eignen sich genaue CO2-Messgeräte. 

Stellwände und Visiere nur bedingt geeignet

Ausreichend groß dimensionierte Plexiglas-Trennwände erachtet der Expertenkreis zum Beispiel in Kassen-Bereichen mit ständig wechselndem Kundenkontakt zur Minderung kurzzeitig kleinräumiger Exposition auf jeden Fall als sinnvoll. Visiere können bei kurzzeitigem Kontakt für größere Tröpfchen als „Spuck- und Spritzschutz“ und für Partikel < 1 μm als Strömungshindernis dienen. Beide Vorrichtungen helfen aber aus Sicht des Gremiums nur kurzfristig und kurzräumig. Strömungshindernisse jeglicher Art, wie Stellwände oder Möblierung, seien kein Mittel, um die Ausbreitung von Aerosolen im Raum über längere Zeit zu verhindern, heißt es in der Stellungnahme. Außerdem dürften auch die mögliche Brandlast und die Sicherstellung von Fluchtwegen nicht außer Acht gelassen werden.

Was bewirken Ventilatoren und Innenraumluftfilter?

Tisch- oder Stehventilatoren wie auch Heizlüfter bewirken eine Durchmischung der Raumluft und gleichen so Unterschiede in den Aerosolkonzentrationen im Raum schneller aus. Dieser Effekt kann positiv sein, wenn dadurch lokal kritische Aerosolkonzentrationen auf ein unkritisches Level verdünnt werden. Ist die Konzentration virenbeladener Aerosole dagegen so hoch, dass damit insgesamt eine kritische Infektionsschwelle überschritten ist, so kann sich die Umverteilung für einzelne von einem Infizierten entfernte Personen auch negativ auswirken. Stationäre oder mobile Innenraumluftfilter könnten ebenfalls ein wichtiger Baustein im Schutzkonzept sein, schreiben die Experten weiter, vor allem in Räumlichkeiten, die durch häufige Personenwechsel gekennzeichnet sind oder in denen richtiges Lüften nicht möglich ist. Sie könnten aber die AHA+L-Regeln nicht ersetzen.

Die richtige Maske richtig tragen

Zusätzlich sollten die bekannten Hygiene- und Verhaltensregeln beachtet werden. Das korrekte Tragen einer wirkungsvollen Maske sieht das Gremium als „essentiellen Schutzbaustein“ vor einer Ansteckung über Aerosole. Für Alltagsmasken geben sie jedoch zu bedenken, dass diese oft nicht nach klaren Vorgaben hergestellt werden. So beeinflussten unter anderem die Art des Stoffes, die Lagenanzahl und die Fasereigenschaften das Abscheideverhalten signifikant. KN95/N95/FFP2/FFP3-Masken böten dagegen einen guten Fremd- und Eigenschutz. Die wichtigste Empfehlung geht jedoch dahin, die Masken richtig zu tragen. Sie müssen Mund und Nase vollständig bedecken und eng anliegen. Masken, die schlecht oder falsch sitzen oder wie einlagige Stoffmasken nur unzureichend filtern, hätten keinerlei Eigen- und Fremdschutz, warnen die Experten. Eine schlampig getragene Maske ist demnach aus Sicht des Infektionsschutzes keine Bagatelle, obwohl dies im Alltag vielfach belächelt wird. Und auch mit Maske soll immer ein möglichst maximaler Abstand gehalten und die Aufenthaltsdauer in der Nähe von Personen bestmöglich reduziert werden.



Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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