Arzneimittel-Lieferengpässe

Mehr Europa – und vor allem mehr Transparenz!

Stuttgart - 03.12.2020, 17:50 Uhr

Im Rahmen der „Konferenz zur zukünftigen Arzneimittelversorgung in der Europäischen Union“ wurde die Stellung Europas bei Arzneimittelengpässen erörtert und die Bedeutung von mehr Transparenz betont. (Foto: artjazz / stock.adobe.com)

Im Rahmen der „Konferenz zur zukünftigen Arzneimittelversorgung in der Europäischen Union“ wurde die Stellung Europas bei Arzneimittelengpässen erörtert und die Bedeutung von mehr Transparenz betont. (Foto: artjazz / stock.adobe.com)


Die Frage der Finanzierung und Sanktionen

Stellvertretend für Andrzej Rys, Direktor für Gesundheitssysteme, Gesundheitsprodukte und Innovation der Europäischen Kommission, ging Sylvain Giraud auf die Frage nach der finanziellen Förderung ein. Er stellte klar, dass die Rückholung der Arzneimittelproduktion in die EU keine Sache der Krankenkassen sei, sondern eine wirtschaftspolitische Maßnahme. Der Aufbau von Reserven sei eine Frage des Katastrophenschutzes.

Stefanie Stoff-Ahnis vom GKV-Spitzenverband ging ebenfalls auf die finanziellen Aspekte ein. Sie gab zu bedenken, dass finanzielle Anreize für die Rückverlagerung der Arzneimittelproduktion in die EU zu teureren Arzneimitteln ohne eine Verbesserung der Lieferfähigkeit führen könnten. Man erwarte, dass Pharmahersteller ihre Verpflichtung wahrnehmen. 

Sie gab zu bedenken, nicht die historisch gewachsene Arbeitsteilung zu zerstören. Länder wie Indien und China seien von der Herstellung generischer Wirkstoffe auch insofern abhängig, damit sie höherpreisige Produkte aus der EU importieren könnten. Die Herstellung in der EU schließt zudem mögliche Engpässe nicht aus. Stoff-Ahnis verwies auf ein Sondergutachten des Wirtschaftssachverständigenrats, das die Rückverlagerung der Arzneimittelproduktion in die EU als wenig zielführend beschreibt – besser seien nationale und europäische Bevorratung. 

Stoff-Ahnis plädierte schließlich für eine Diversifikation der Produktion und Transportwege sowie mehr Transparenz im Herstellungsprozess. Sie nannte Vertragsstrafen als Instrument. Zudem müsse die Daten-/Informationslage verbessert werden, etwa indem die Verfügbarkeit von Arzneimitteln schon in der Arztpraxis sichtbar gemacht werde. Reserven und Vorräte brauche es für kurzfristige Ausfälle. Stoff-Ahnis begrüßte ausdrücklich die stärkere koordinierende Rolle der EMA.

Die neue Leiterin der EMA, Emer Cooke, betonte, dass die Lieferengpässe noch nicht formal Teil des Mandats der EMA seien (Vorschlag einer neuen Verordnung). Im Rahmen der Corona-Pandemie sei die EMA von der EU-Kommission und den Mitgliedstaaten ersucht worden, sich im Umgang mit Lieferengpässen stärker einzubringen. Cooke verwies auf die zahlreichen Maßnahmen, die vonseiten der EMA bereits ergriffen wurden. So wurde eine extra EU-Exekutiv-Lenkungsgruppe zu Arzneimittelknappheit aufgrund von Großereignissen eingerichtet. Diese Gruppe hat das i-SPOC-System (Industry Single Point of Contact) errichtet – ein Meldesystem, über das gemeinsam mit der pharmazeutischen Industrie (erwartete) Engpässe direkt an die EMA kommuniziert werden sollen. Sie verwies auch auf die „European Medicines Agencies Network (EMAN) Strategy to 2025“. Die neue gestärkte Rolle der EMA soll nicht nur das Thema Arzneimittel-Lieferengpässe und Krisenmanagement einschließen, sondern auch Engpässe bei Medizinprodukten. 



Diana Moll, Apothekerin und Redakteurin, Deutsche Apotheker Zeitung (dm)
redaktion@daz.online


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