Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

29.11.2020, 07:44 Uhr

Wie lange wird das neue Vor-Ort-Apotheken-Stärkungsgesetz wohl unsere Vor-Ort-Apotheken stärken können? (Foto: Alex Schelbert)

Wie lange wird das neue Vor-Ort-Apotheken-Stärkungsgesetz wohl unsere Vor-Ort-Apotheken stärken können? (Foto: Alex Schelbert)


24. November 2020

Ja, jetzt erst recht, jetzt legt unser Lieblings-Arzneiversandhaus DocMorris noch eins drauf: Doppelter Bonus beim Einreichen eines Rezepts. Der Vorteil für die Patienten: „Bis 31.1. gilt: 1 x Medikament bestellen – 2 x Bonus erhalten. Pro rezeptpflichtiger Packung erhalten Sie dann mindestens 5 und bis zu 10 Euro Bonus.“ Mein liebes Tagebuch, das Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz (VOASG) wird noch in diesem Jahr in Kraft treten und damit auch das Rx-Boni-Verbot. Das niederländische Versandhaus scheint das nicht zu tangieren, DocMorris denkt sichtlich gar nicht daran, das neue Verbot zu beachten, DocMorris macht weiter wie bisher – und legt noch eins drauf. Dann können wir kleinen Apothekers mal gucken, was passiert, was unsere lieben Gesundheitspolitiker:innen, unsere Standespolitiker:innen und die Krankenkassenvertreter:innen dazu sagen werden. Aufschrei? Klagen? Oder nur ein Achselzucken? Werden die Krankenkassen die Rezepte der Niederländer dann zurückweisen und nicht erstatten? Wer glaubt noch an den Weihnachtsmann? Mein liebes Tagebuch, es wird nicht lange dauern, dann landet das VOASG vor Gericht, letztlich auch vor dem EuGH. Lange Freude werden wir nicht am VOASG haben.

 

Hach, ist das nicht wunderschön: „Ihr Rezept liegt uns am Herzen“, flötet das Versandhaus DocMorris und wirbt damit für seinen persönlichen (Video-)Live-Chat. Ja klar, so offen und unverhohlen macht es kaum ein anderer Versender deutlich, was er eigentlich damit sagen will: Hey Patient, schick mir dein Rezept! Und das mit dem Herz wird ab sofort noch deutlicher kommuniziert: Seit dieser Woche hat sich das Versandhaus ein neues Markendesign gegeben. Der Versender will nicht mehr zu Kreuz kriechen. Statt des grünen Kreuzes hat er nun ein grünes verschlungenes Herz als Logo und eine neue Schrifttype fürs Logo. Begründet wird diese Metamorphose damit, dass DocMorris einen Wandel vollziehen will vom reinen Arzneimittelhändler zum digitalen Gesundheitsdienstleister. Die selbst zugeschriebene Rolle als Innovationstreiber und Nr. 1 im Arzneimittel-Versandhandel soll weiter ausgebaut werden. Der Versender sieht sich erst „am Anfang eines Paradigmenwechsels von Pharma zu Gesundheit“. Mein liebes Tagebuch, da kommt was auf uns zu. Übrigens, die unterschiedlichen Grüntöne des Logo-Herzens sollen „die vielfältigen bestehenden und zukünftigen Services widerspiegeln“, als da sind „Beratung, Arzneimitteltherapiesicherheit, Betreuung chronisch Kranker oder elektronische Rezepte und Medikationsplan“. Das sieht nach einem Angriff auf die Kernkompetenzen unserer Vor-Ort-Apotheken aus. Und während sich das Versandhaus in Stellung bringt, hütet die ABDA ihre ausbaldowerten pharmazeutischen Dienstleistungen immer noch als Staatsgeheimnis. Oh Gott, wo soll das hinführen!

 

Während die ABDA abwiegelte und extrem gelassen reagierte, war der Schock bei uns Apothekers und bei Gesundheitspolitikern groß: Die DocMorris-Schwester eHealthTec darf unter der Führung von IBM am Fachdienst E-Rezept mitbasteln. Starkes Stück, oder? Ausgerechnet ein Zur Rose-Unternehmen ist an unserem Herzstück des E-Rezeptdienstes mitbeteiligt. Alles safe, beschwichtigt Gematik-Chef Dr. Markus Dieken im DAZ.online-Gespräch. Man sei sich bewusst gewesen, das allein der Name für Irritationen sorge. Aber bei allen Emotionen: eHealth-Tec habe eh nur eine sehr kleine Rolle bei der Entwicklung des Fachdienstes und sei später am Betrieb gar nicht mehr beteiligt. Nur ein paar Programmierer arbeiteten in IBM-Teams mit, „wir haben die volle Kontrolle“. Ach so, mein liebes Tagebuch, wenn’s weiter nichts ist, dann lehnen wir uns vollkommen beruhigt zurück, trinken ein Tässchen Tee und freuen uns auf den sicheren E-Rezept-Fachdienst, gell? Mal ehrlich, mein liebes Tagebuch, welch großes Vertrauen wird uns da abverlangt! Die Gematik möchte außerdem nur eine Punkt-zu-Punkt-Verschlüsselung des E-Rezepts, keine Ende-zu Ende-Verschlüsselung, denn diese würde neuen Techniken nur im Wege stehen und die Interoperabilität behindern – wenn du weißt, was ich meine, mein liebes Tagebuch. Im Klartext: Nur ohne diese supersichere Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sind viele weitere Services für die Bürger:innen möglich, z. B. eine europaweite Einlösung von deutschen E-Rezepten. Ja genau, aber vielleicht ist es gerade das, was wir nicht wollen!

 

eHealth-Tec ist lieb und die Gematik hat alles unter Kontrolle – das beschwichtigende Lullaby des Gematik-Chefs kommt nicht so richtig an in der kritischen Szene. Die Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche bleibt skeptisch. Sie sorgt sich ernsthaft um die Präsenzapotheken und wollte vom Bundesgesundheitsministerium wissen, ob man Nachteile für die Präsenzapotheken ausschließen kann. Dank an Schulz-Asche für ihren Einsatz! Denn die Sorgen sind berechtigt, mein liebes Tagebuch. Schulz-Asche erhielt eine Antwort der Parlamentarischen Staatssekretärin beim Bundesgesundheitsminister, Sabine Weiss, die im Prinzip das wiedergab, was der Gematik-Chef auch im DAZonline-Interview erklärt hatte. Nun ja, mein liebes Tagebuch, was allerdings nach wie vor offen bleibt: Wie will die Gematik Interessenskonflikte erkennen und ihnen begegnen, wenn eHealth-Tec kein unmittelbarer Partner des Gremiums ist, sondern unter Verantwortung von IBM arbeitet? So ganz beruhigt sind wir noch nicht.

 

Wir trauern um Hartmut Derendorf, Professor und Kämpfer für die Klinische Pharmazie. Er ist am 23. November überraschend gestorben. Derendorf (Jahrgang 1953) ging nach seinem Pharmaziestudium in Münster nach Florida und arbeitete und wirkte dort am College of Pharmacy der University of Florida (UF). Eines seiner Fachgebiete war die Klinische Pharmazie. Sein Einsatz für dieses Fach zeigte auch hierzulande Wirkung. Über 500 Pharmazeuten im Praktikum verbrachten eine Hälfte ihres praktischen Jahres an der UF, wo sie sich für die Klinische Pharmazie begeistern ließen. Viele Pharmazeuten aus Deutschland absolvierten an der UF ein PharmD-Studium und lernten das pharmakotherapeutische Handwerk. 2018 wurde Derendorf emeritiert. Derendorf war auch Mitbegründer und Mitautor der DAZ-Serie für die Patientenorientierte Pharmazie (POP). Sein Wahlspruch war: „It’s the patient, stupid!“ Hartmut Derendorf hat enorm viel dazu beigetragen, die Klinische Pharmazie voranzubringen. Danke dafür!  Wir werden ihn vermissen!



Peter Ditzel (diz), Apotheker
Herausgeber DAZ / AZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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5 Kommentare

Die Worte hör ich wohl, Kai Siemsen . . .

von Uwe Hansmann am 29.11.2020 um 16:23 Uhr

. . . nicht nur mir allein fehl5 de4 Glaube, das es da zu irgendwie gearteten Anpasungen in adäquater Höhe kommen wird. Ich erinnere an den Rohrkrepierer „Perspektivpapier 2030“. Was bleibt am Ende davon, wenn die Politik weiter die Konzentrationsschraube dreht? Denn nichts anderes spielt sich doch vor unseren Augen ab, ohne das wir ich nur im Entferntesten an Besserung glauben können. Schon jetzt sind viele Betriebe älterer Kollegen nahezu unverkäuflich, da die rigorose Preispressingpolitik der Regierung im Verein mit den Krankenkassen die Roherträge an die absolute Schmerzgrenze gedrückt hat. Die vielgepriesenen Mehrwertdienste und deren immer noch unklare, ja schwammige, Entlohnung wird den Berufsstand nicht aus dem Keller holen.

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Widerspruch

von Reinhard Rodiger am 29.11.2020 um 14:51 Uhr

Da redet die neue Führung von Weiterentwicklung der fachlichen Arbeit trotz stetigem, selbst erzeugten Schwinden von Apotheken.Das Studium soll verlängert werden, bei Erhöhung der Chancenlosigkeit für Selbstständigkeit."Junge" sollen motiviert werden trotz schwindender Möglichkeiten.Das KO für Vor-Ort-Apotheken soll Zuversicht bringen.Es geht also weiter mit der Fehleinschätzung von Zukunft.Der Sack mit der unerwünschten Katze bleibt weiterhin zu. Ist nicht allein der Widerspruch zwischen Förderung der einen Seite und systematischer Verkleinerung der anderen vielsagend genug?

Kurz gesagt: nichts wurde gelernt.Motivierend könnte nur sein, offen einzustehen für die Fehlhandlung der Vergangenheit :
Preisgabe der Basis, der Geschäftsgrundlage.Die Politik hat das begriffen, sie lässt ihre Missachtung überall durchscheinen.
Niemand sagt etwas. Das Schweigen ist laut genug.Auch das wird verstanden.Ergebnis: Spielball.

Positiv interpretiert:das Spiel kann gedreht werden und mit neuer Führung die Regie übernommen werden.Oder , wir bleiben, was vorher erreicht wurde: eben Spielball, zu beliebigen Verwendung.

Also das Spiel drehen oder durch den Wolf gedreht werden.
Ein Appell.


PS: Es ist schwer,aber es wurde ja auch nie versucht.Eine Chance.

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Ergebnispolitik

von Ulrich Ströh am 29.11.2020 um 9:35 Uhr

Recht so, Kai-Peter Siemsen :

„Das Honorar muß wachsen, auch ohne zusätzliche Arbeit ….“

Endlich ein norddeutscher Kammerpräsident,der Klartext nach vielen Jahren des Stillstands spricht.

Standespolitik ist auch immer Ergebnispolitik.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Ergebnispolitik

von Dr.Diefenbach am 29.11.2020 um 12:49 Uhr

Also mal ehrlich:DAS kann ja wohl kaum als pfiffiger Leuchtturm in Form einer Aussage angesehen werden!DIESE Forderung, halt mit anderen Worten, besteht seit JAHREN,sie wurde auf Apothekertagen und Kammerversammlungen x-fach vorgetragen.Und dass die Realisierung jetzt wieder gefordert wird, ist zwar nett gemeint, wird aber wohl im Strudel der Spahnschen Corona-Geldverteilung vom Tisch gewischt werden."Nett" gemeint heisst allerdings:ES ist eine Unverschämtheit,dass die Politik uns mit einer lächerlichen Centanpassung vor einigen Jahren abspeiste, sich wohl auch weiterhin am durchschnittlichen Jahresergebnis OHNE Berücksichtigung der Rechtsverschiebung orientiert und letztendlich die Systemrelevanz der Apotheken (ein zweifelhafter Auslegungsbegriff) schon wieder ad acta gelegt haben könnte.Wie in dieser Woche in einem Beitrag auch MAL WIEDER erwähnt:Mediziner bekommen bei Forderungen stets Zusatzhonorare,den Juristen droht eine Erhöhung(!) der Vergütungen um 1o !!!! Prozent.UND:Fritz Becker führte mal aus, dass die Kompensation vor einigen Jahren, die uns Cents einbrachte,über einen Euro hinaus (die genaue Summe weiss ich nicht mehr) gehen müsse, aber nicht realisierbar sei.SO siehts aus,lieber Herr Siemsen, und DA wäre wohl die ABDA MV schon lange in der Pflicht gewesen.Da turteln doch 34 Organisationen zusammen, oder ???

60. Große Fortbildung - Herzlichen Glückwunsch Kammer Nordrhein

von Smilla Schwarz am 29.11.2020 um 8:07 Uhr

Am Mittwoch dieser Woche fand in der Apothekerkammer Nordrhein zum 60. mal die Große Fortbildung statt. Für diesen runden Geburtstag wurde das Thema „Health goes digital - wir Apotheker auch?!“ ausgewählt. Diese Kombination weckte Hoffnungen auf ein digitales Feuerwerk der Fortbildung. Denn in der Coronakrise hat sich keine Branche so rasant fortentwickelt wie das digitale Veranstaltungsmanagement und wie die Methodik in der digitalen Lehre. Professionell organisierte Tagungen vermögen inzwischen einen großen Teil dessen auch digital abzubilden, was den Erfolg der große Fortbildung in Nordrhein immer ausgemacht hat, das Treffen von Kollegen, die man lange nicht gesehen hatte, der fachliche Austausch in den Veranstaltungspausen und das „Get together“ im Anschluss.

Es ist sehr bedauerlich, dass gerade in dieser Jubiläumsveranstaltung die neuen Chancen und Optionen des professionellen Tagungsmanagements nicht eingesetzt wurden. Man beschränkte sich auf bewährte hauseigene Möglichkeiten. Auch dann dürfen die mehr als 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer als Vorbild für ihr eigenes Handeln von ihrer Kammer Nordrhein einen professionellen Auftritt erwarten. Das gilt nicht nur für den Neuigkeitswert der Inhalte der großen Fortbildung, sondern ganz besonders auch für eine professionelle Selbstdarstellung als Körperschaft öffentlichen Rechts. Dazu gehören die perfekte Ausleuchtung der Moderierenden, eine Kameraführung, die den Referenten in den Mittelpunkt des Bildes rückt, ein einheitlicher, organisationsbezogener virtueller Hintergrund, eine angemessene, anlassbezogene Buisiness-Kleidung und die konsequente Einhaltung des im Programm veröffentlichten Zeitplans. Es mag der Einschätzung jedes einzelnen der über 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern selbst überlassen bleiben, in wie weit jeder selbst bei dieser Veranstaltung diese Anforderungen vom Flaggschiff der nordrheinischen Fort- und Weiterbildung als erfüllt ansieht. Die Apothekerkammer Nordrhein selbst hat jedenfalls damit, dass nicht der Präsident selbst sondern seine Stellvertreterin das Eröffnungsreferat übernommen hat, nonverbal ein unmissverständliches Signal gesetzt. Sie hat damit den Stellenwert beschrieben, den die Kammer selbst sowohl dem Thema „Health goes digital“ als auch der beruflichen Fort- und Weiterbildung derzeit zumisst.

...ach übrigens, Apothekerinnen und Apotheker freuen sich durchaus über ein online-Grußwort, das eine persönliche Wertschätzung für die in der Apotheke vor Ort Tätigen zum Ausdruck bringt. Das gilt erst recht, wenn sich jemand am nächsten Tag für eine Position im BAK-Vorstand bewerben will, die er aus eigenen Kräften allein niemals hätte erreichen können sondern für die er als Grundvoraussetzung ein zustimmendes Wahlverhalten seiner Kolleginnen und Kollegen vor Ort benötigt hat.

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