Schnelle und anhaltende Wirkung

Psilocybin bei schweren Depressionen

Stuttgart - 26.11.2020, 15:35 Uhr

Das in „Zauberpilzen“ enthaltene halluzinogene Psilocybin kann nach einer aktuellen Studie die depressive Stimmung von Patienten positiv beeinflussen. (p / Foto: kichigin19 / stock.adobe.com)

Das in „Zauberpilzen“ enthaltene halluzinogene Psilocybin kann nach einer aktuellen Studie die depressive Stimmung von Patienten positiv beeinflussen. (p / Foto: kichigin19 / stock.adobe.com)


Lindert Psilocybin schwere Depressionen? Eine kleine Proof-of-Concept-Studie an depressiven Patienten zeigte, dass der halluzinogene Inhaltsstoff mancher Pilze Depressionen schnell und vor allem auch über mehrere Wochen bessern kann. Und das bei guter Verträglichkeit.

Psilocybin findet sich in einigen Pilzen („Zauberpilze“, „magic mushrooms“). Es hat eine halluzinogene Wirkung und könnte durch seine bewusstseinserweiternde Wirkung auch die depressive Stimmung von Patienten beeinflussen. Bereits in früheren Untersuchungen fanden Wissenschaftler Hinweise auf antidepressive Effekte von Psilocybin. So veröffentlichten Wissenschaftler des Centre for Neuropsychopharmacology des Imperial College London 2016 die Ergebnisse einer kleinen Machbarkeitsstudie an zwölf Patienten mit schweren Depressionen. Es ging um die Sicherheit und Wirksamkeit des Psychedelikums (halluzinogen und psychotrop wirksame Substanzen) und die Frage, ob größere Studien mit diesem heiklen Wirkstoff überhaupt machbar und vertretbar sind: Schwerwiegende unerwünschte Wirkungen traten damals nicht auf, zudem besserte sich die depressive Symptomatik der Patienten nach Gabe von 10 oder 25 mg Psilocybin über drei Wochen, jedoch nicht darüber hinaus. Nun stimmt eine neue Studie optimistischer. 

Schnell und anhaltend

Wissenschaftler um Alan K. Davis (Arbeitsgruppe von Roland Griffiths) vom Center for Psychedelic and Consciousness Research at Johns Hopkins Bayview Medical Center in Baltimore (Maryland, USA) fanden bei 24 Patienten mit schweren Depressionen (Major Depression), dass eine Psilocybin-gestützte Therapie eine „starke, schnelle und anhaltende antidepressive Wirkung“ hervorruft. Sie veröffentlichten ihre Ergebnisse unter „Effects of Psilocybin-Assisted Therapy on Major Depressive Disorder: A Randomized Clinical Trial“ im Fachjournal „JAMA Psychiatry“.

Studie an 24 Patienten

Die Patienten waren zwischen 21 und 75 Jahre alt, nahmen zum Zeitpunkt der Untersuchung keine Antidepressiva ein, zudem durften keine psychotischen Störungen oder ernsthafte Selbstmordversuche berichtet sein. Alle 24 Teilnehmer erhielten Psilocybin, allerdings wurden die Patienten zufällig auf zwei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe startete sofort mit der Psilocybinbehandlung, die zweite erhielt Psilocybin acht Wochen nach der ersten Gruppe. Die Wissenschaftler wählten dieses Studiendesign, um die Effekte der Psilocybin-Gabe von einer spontanen Symptomverbesserung zu unterscheiden – positive Effekte, die beispielsweise allein durch die Aufnahme in die Studie auftreten könnten.

Depressionen bessern sich von mittelschwer nach leicht

Die Patienten erhielten zwei Gaben Psilocybin: 20 mg pro 70 kg Körpergewicht (mittlere Dosis) und im Schnitt 1,6 Wochen später eine hohe Dosis mit 30 mg pro 70 kg Körpergewicht (jeweils als orale Kapsel). Während der gesamten Behandlungszeit wurden die Probanden psychotherapeutisch betreut. Die Schwere der Depression vor und nach Psilocybin-Gabe wurde anhand der GRID-Hamilton-Skala bewertet, was ein Standardinstrument zur Bewertung von Depressionen ist. Bei Werten ab 24 liegt eine schwere Depression vor, als mittelschwere Depression werden Werte zwischen 17 und 23 eingestuft, von leichten Depressionen spricht man bei einem GRID-Hamilton-Wert zwischen 8 und 16 und bei Werten von 7 und weniger liegt ein normaler Gemütszustand vor. 

Vor Psilocybin-Gabe lag der durchschnittliche GRID-Hamilton-Wert bei 22,8 (mittelschwere Depression). In der ersten Behandlungsgruppe sank der Depressionsindex eine Woche nach der zweiten Gabe Psilocybin auf 8 und lag vier Wochen nach der zweiten Gabe bei 8,5 (leichte Depression). Die Patienten der verzögerten Behandlungsgruppe hatten zu diesen Zeitpunkten noch kein Psilocybin erhalten. Zum Vergleich wurde zu denselben Zeitpunkten deren Depressionswerte bestimmt. Diese hatten sich nicht verbessert und lagen bei 23,8 und 23,5 (mittelschwere Depression).

Auch nach vier Wochen noch antidepressive Effekte

Eine Woche nach Psilocybin-Einnahme zeigte sich bei zwei Drittel der Teilnehmer (67 Prozent, 16 Probanden) eine signifikante klinische Verbesserung der Depression, nach vier Wochen war dies bei 17 Teilnehmern (71 Prozent) bemerkbar. Für eine klinisch signifikante Verbesserung musste sich der GRID-Hamilton-Score um mindestens 50 Prozent verringert haben. Die Kriterien einer Remission erfüllten 58 Prozent (14 Teilnehmer) eine Woche nach Abschluss der Psilocybin-Gabe und 54 Prozent (13 Teilnehmer) noch nach vier Wochen. Am häufigsten traten den Wissenschaftlern zufolge Kopfschmerzen und Gefühlsveränderungen während der Psilocybin-Sitzungen auf, diese seien von leichter bis mittlerer Schwere gewesen.

Die Wissenschaftler sehen in diesen Ergebnissen die Wirksamkeit einer Psilocybin-gestützten Therapie bei Patienten mit schweren Depressionen belegt: Psilocybin habe „starke, schnelle und anhaltende antidepressive Wirkungen“ gezeigt. Die Ergebnisse stehen im Einklang mit einer früheren doppelblind-randomisierten Psilocybin-Studie an lebensbedrohlich erkrankten Krebspatienten – auch aus dem Arbeitskreis von Griffith. Hier reduzierte Psilocybin Depressionen und Ängste der Patienten.

Abhängigkeitspotenzial untersuchen

Als Stärke der Studie sehen die Wissenschaftler ihr Design. Auch wenn sie einräumen, dass die Gabe in verzögerten Gruppen – und nicht placebokontrolliert – Erwartungseffekte auf die Behandlung oder die Effekte durch das Verhältnis zu den Therapeuten und Behandlern nicht ausräumen. Als Schwäche der Studie können die kleine Probandenzahl (24) und die nur kurze Nachbeobachtungszeit genannt werden. Zudem seien größere, placebokontrollierte und längere Studien vonnöten, um das Missbrauchspotenzial von Psilocybin, psychotische Notfälle oder das Selbstmordrisiko unter der Behandlung zu bewerten. 

Psilocybin im Vergleich zu Ketamin

Obwohl die raschen antidepressiven Wirkungen von Psilocybin ähnlich denen seien, die über Ketamin berichtet wurde, sind die therapeutischen Wirkungen laut den Wissenschaftlern anders: So dauerten die Ketaminwirkungen typischerweise einige Tage bis zwei Wochen an, während ihre Psilocybin-Studie eine mindestens vierwöchige antidepressive Wirkung gezeigt habe. Zudem erwarten die Wissenschaftler bei Psilocybin ein geringeres Abhängigkeitsrisiko als bei Ketamin.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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