Cochrane-Review liefert Hinweise zur Entwöhnung

Nikotinhaltige E-Zigaretten erfolgreicher als Nikotinersatz

Stuttgart - 23.10.2020, 09:15 Uhr

Es gibt leichte Hinweise, dass nikotinhaltige E-Zigaretten bei der Rauchentwöhnung besser helfen als nikotinfreie oder Nikotinersatztherapie. (s / Foto: alexshalamov / stock.adobe.com)

Es gibt leichte Hinweise, dass nikotinhaltige E-Zigaretten bei der Rauchentwöhnung besser helfen als nikotinfreie oder Nikotinersatztherapie. (s / Foto: alexshalamov / stock.adobe.com)


Was unterstützt Raucher bei der Entwöhnung von Tabakzigaretten? Eine aktuelle Cochrane-Analyse liefert Hinweise, dass ein Enzug mit nikotinhaltigen E-Zigaretten erfolgreicher ist, als mit nikotinfreien E-Zigaretten oder einer Nikotinersatztherapie. Allerdings treffen die Cochrane-Autoren nur Aussagen über sechs Monate.

Helfen E-Zigaretten bei der Entwöhnung von Tabakzigaretten, und haben sie irgendwelche unerwünschten Effekte? Diese Frage versuchten Wissenschaftler des internationalen Forschungsnetzwerks Cochrane zu beantworten. Sie begründen ihre Motivation damit, dass ein Rauchstopp von Tabakzigaretten das Risiko für Lungenkrebs oder andere Erkrankungen verringert, es vielen Rauchern jedoch schwerfällt, mit dem Tabakrauchen aufzuhören. Cochrane wollte herausfinden, ob E-Zigaretten die Raucher hierbei unterstützen könnten. Sie veröffentlichten ihre Ergebnisse unter „Electronic cigarettes for smoking cessation” am 14. Oktober in der Cochrane-Database.

Cochrane – was ist das?

Cochrane ist ein internationales Forschungsnetzwerk, das systematische Übersichtsarbeiten (Reviews) zu konkreten medizinischen Fragen oder zu Fragen aus anderen Gesundheitswissenschaften erstellt. Diese Reviews sollen eine wissenschaftliche Grundlage für die evidenzbasierte Gesundheitsversorgung schaffen. Cochrane betont, dass seine Informationen „aktuell, einer strengen wissenschaftlichen Methodik folgend und frei von kommerziellen Interessenkonflikten“ sind. Cochrane Reviews gelten weltweit unter Fachleuten und Patienten als vertrauenswürdige Informationen aus der Medizin und angrenzenden Fachgebieten.

Mit nikotinhaltigen E-Zigaretten: einer von zehn Rauchern über sechs Monate rauchfrei 

Ihr Ergebnis: Nikotinhaltige E-Zigaretten könnten mehr Menschen helfen, für mindes­tens ein halbes Jahr das Rauchen von Tabakzigaretten aufzuhören als andere Nikotiner­satzprodukte oder nikotinfreie E-Zigaretten. Auch waren nikotinhaltige E-Zigaretten bei der Entwöhnung erfolgreicher als eine Verhaltenstherapie oder gar keine Unterstützung. In Zahlen ausgedrückt: Von 100 Rauchern gelang es im Mittel zehn Personen mithilfe von nikotinhaltigen E-Zigaretten das Rauchen (Tabak) aufzuhören. Nutzten die Raucher stattdessen eine Nikotinersatztherapie oder nikotinfreie E-Zigaretten, schafften es sechs Personen. Verzichteten die Raucher auf jegliche Unterstützung oder nutzten sie eine Verhaltenstherapie, waren vier von 100 Personen erfolgreich beim Rauchstopp über sechs Monate.

Gab es schwere Nebenwirkungen?

Als unsicher stufen die Cochrane-Autoren die Aussagen zu Nebenwirkungen der einzelnen entzugsunterstützenden Maßnahmen ein. Den Ergebnissen der Studien zufolge traten generell wenige Nebenwirkungen, auch wenige schwerwiegende, auf. Hinsichtlich der unerwünschten Wirkungen habe es zwischen den einzelnen Interventionen – nikotinhaltige E-Zigaretten, nikotinfreie E-Zigaretten, Nikotinersatztherapie, Verhaltenstherapie oder keine Unterstützung – kaum Unterschiede gegeben, liest man im Cochrane-Review dazu.

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Am häufigsten berichteten die Nutzer von nikotinhaltigen E-Zigaretten über Reizungen von Hals oder Mund, Kopfschmerzen, Husten und Übelkeit beziehungsweise Krankheitsgefühl. Die unerwünschten Wirkungen nahmen mit der Zeit ab, wenn die Studienteilnehmer nikotinhaltige E-Zigaretten weiter konsumierten.

Nur kleine Anzahl von Studien

Die Wissenschaftler schränken die Aussagekraft dieser Cochrane-Analyse jedoch ein: Ihre Ergebnisse basierten auf einer kleinen Anzahl von Studien, bei denen die Daten zum Teil stark variierten. Sie berücksichtigten in ihrer Auswertung 50 randomisierte klinische Studien mit insgesamt 12.430 Rauchern. Die Untersuchungen verglichen E-Zigaretten mit

  • einer Nikotinersatztherapie, wie Pflaster oder Kaugummis,
  • mit Vareniclin (Champix®),
  • nikotinfreien E-Zigaretten, 
  • Verhaltenstherapie,
  • keiner Unterstützung beim Entzug.

In manchen Studien nutzten die Raucher E-Zigaretten zusätzlich zu einer Nikoteinersatztherapie. Die Studien fanden vor allem in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Italien statt, keine wurde in Deutschland durchgeführt.

Wie wirkt Vareniclin?

Vareniclin wirkt als teilweiser Agonist (Partialagonist) an nikotinergen Acetylcholinrezeptoren, das bedeutet, Varenicilin wirkt dort wie Nikotin, nur weniger stark, und mindert so die Entzugssymptomatik. Gleichzeitig wirkt es in Gegenwart von Nikotin als Antagonist und hemmt die Wirkung von extern zugeführtem Nikotin, was zusätzliches Rauchen wirkungslos macht. Seit 2006 ist der Wirkstoff in der EU zugelassen zur Rauchentwöhnung bei Erwachsenen, Pfizer vermarktet Champix® seit 2007 auch in Deutschland.

Das Fazit der Wissenschaftler

Abschließend kommen die Wissenschaftler zu der Aussage, dass Nikotin-E-Zigaretten den Menschen wahrscheinlich helfen, für mindestens sechs Monate mit dem Rauchen aufzuhören, dass sie wahrscheinlich besser wirken als eine Nikotinersatztherapie und nikotinfreie E-Zigaretten, möglicherweise besser als keine Unterstützung oder Verhaltenshilfe allein und möglicherweise keine schweren Nebenwirkungen haben. Dennoch brauche man verlässlichere Daten hierzu. Man wolle ab Dezember 2020 die Datenbanken monatlich auf neue Studien zum Thema Rauchentwöhnung mithilfe nikotinhaltiger E-Zigaretten durchsuchen und den Review um neue Erkenntnisse anpassen.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Der Vergleich hinkt!

von Norbert Veicht am 27.10.2020 um 14:59 Uhr

Ein Raucher, der auf E-Zigaretten umsteigt, dampft nicht weniger, als er vorher geraucht hat.
Beim Ausstieg mit Hilfe von Nicotinpflastern, -spray ... ist der Weg sehr klar zum kompletten Verzicht vom Nicotin vorgezeichnet. Außer ein paar Dauerkonsumenten von Nicotinkaugummis steigen die auch wirklich aus.
Da kann ich auch einem Privinisten anbieten, seinen abschwellenden Wirkstoff als Nasentropfen statt Nasenspray anzuwenden. Das geht natürlich sehr viel leichter, als wirklich von dem Suchtstoff weg zu kommen.

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