Zuckersüßes Beratungswissen – Teil 12

Traubenzucker – geballte Energie

Korntal-Münchingen - 05.08.2020, 11:45 Uhr

Wie gesund ist die schnelle Ernergiezufuhr durch Traubenzucker? (Bild: imago images / imagebroker)

Wie gesund ist die schnelle Ernergiezufuhr durch Traubenzucker? (Bild: imago images / imagebroker)


Liebling der Nahrungsmittelindustrie

Glucosesirup, durch enzymatische Aufspaltung aus Stärke gewonnen, ist ein Liebling der Nahrungsmittelindustrie. Durch die Verwendung von wenig wertvollen Ausgangsstoffen, oft Mais und Maisabfällen, und gentechnisch maßgeschneiderten Enzymen ist die großtechnische Herstellung in guter Qualität so preisgünstig wie nie zuvor. Je nach Bedarf entstehen Sirupe mit verschiedenen Glucose- und Fructose-Anteilen. Reiner Glucosesirup darf auch bis zu fünf Prozent Fructose enthalten, ohne dass dies deklariert werden muss. Genauso wenig müssen die bei der Herstellung eingesetzten, gentechnisch veränderten Mikroorganismen deklariert werden.

Die Lebensmittelindustrie verwendet Glucosesirup wegen seiner wohlschmeckenden und technologisch erwünschten Eigenschaften nicht nur als Süßungsmittel, sondern auch als Feuchthaltemittel, zur Volumenvergrößerung und um ein weiches Mundgefühl zu erzeugen. Seine Klebrigkeit ist ideal für die Herstellung von Pralinen, Schokoriegeln und süßem Frühstücks-Müsli. Auch für die Bonbon-Herstellung ist Glucosesirup unverzichtbar, weil er das Auskristallisieren von Zucker verhindert. Nicht zu vergessen: Glucose ist auch ein Konservierungsmittel.

Glucose als Arzneimittel

Glucose ist Bestandteil der Oralen Rehydratations- bzw. Elektrolytersatzlösung, die von der WHO zur Behandlung einer Dehydratation, in der Regel aufgrund schwerer Durchfallerkrankungen, empfohlen wird. Durch die Kombination von Glucose mit Natrium werden beide Stoffe sowie Wasser vom Körper besser aufgenommen. Infusionslösungen, die Glucose enthalten, kommen bei der parenteralen Ernährung zur Anwendung.

Klassisch ist der Einsatz von Glucose bei der Hypoglykämie. Die Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft zur Therapie des Typ-1-Diabetes enthält ein Erste-Hilfe-Schema, das die Hypoglykämie in „milde“ und „schwere“ Formen unterteilt. Entscheidendes Kriterium ist nicht der Blutglucose-Wert, sondern ob der Patient sich selbst helfen kann oder Fremdhilfe benötigt.

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Bei einer milden Hypoglykämie kann der Patient selbst agieren: Empfohlen ist die sofortige Einnahme von 20 Gramm Glucose, das entspricht vier Täfelchen Dextro Energy Classic. Alternativ können 200 Milliliter Fruchtsaft getrunken werden. Wenn der Patient zwar noch bei Bewusstsein ist, sich aber nicht mehr selbst helfen kann, ist er auf die Unterstützung von Mitmenschen angewiesen. Empfohlen wird in diesem bereits „schweren“ Fall die Gabe von 30 Gramm Glucose.

Noch schwerer ist eine Hypoglykämie zu bewerten, wenn der Patient bewusstlos ist. Einem Bewusstlosen darf man keinesfalls Festnahrung oder Getränke geben! Die Leitlinie schreibt vor: Notarzt verständigen, stabile Seitenlage, Glucagon-Gabe.

Zur Erinnerung: Was ist Glucagon?

Glucagon ist ein Peptidhormon, das aus dem Glykogen-Speicher der Leber die benötigte Glucose freisetzt und damit schnell den Blutzuckerspiegel erhöht. Als Notfallmedikament gibt es das Glucagon Hypokit, das in den Oberarm oder Oberschenkel des Notfallpatienten gespritzt werden muss. Im Idealfall hat der Patient in seiner Umgebung Mitmenschen, die ihm das Arzneimittel verabreichen können. Lösungsmittel und gefriergetrocknetes Glucagon müssen erst sachgerecht zusammengeführt, vollständig gelöst und dann mit einer Spritze aufgezogen werden – das schaffen in einer Stresssituation meist nur geschulte Personen. 

Neu auf dem Markt ist das Nasale Glucagon Baqsimi, das zur Behandlung schwerer Hypoglykämien bei Erwachsenen und Kindern ab vier Jahren zugelassen ist. Großer Pluspunkt: In einer Studie konnte gezeigt werden, dass auch ungeschulte Personen in über 90 Prozent der Fälle in der Lage waren, die nasale Applikation korrekt durchzuführen.

In allen Fällen, egal ob mild oder schwer, ist nach erfolgreicher Behandlung eine Mahlzeit oder ein Snack einzunehmen, um einer nochmaligen Hypoglykämie vorzubeugen.



Reinhild Berger, Apothekerin
redaktion@daz.online


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