SARS-CoV-2 auch im Gehirn

Neurologische Symptome bei COVID-19

Stuttgart - 13.07.2020, 12:45 Uhr

SARS-CoV-2 führt auch zu neurologischen Störungen. (s / Foto: Vink Fan / stock.adobe.com)

SARS-CoV-2 führt auch zu neurologischen Störungen. (s / Foto: Vink Fan / stock.adobe.com)


Enzephalopathie durch Zytokinsturm

Kennzeichnend für eine Enzephalo­pathie sind Erregung, Verwirrung, Lethargie, Delirium oder Koma. Entsprechende Bewusstseinseintrübungen erlitten in einer Studie mit 214 Patienten in Wuhan, China, 15 Prozent der schwer erkrankten, hospitalisierten Patienten. Bei leichter Erkrankung waren es nur 2,4 Prozent. Dabei ist zu berücksichtigen, dass für eine Enzephalopathie zahlreiche Risikofaktoren prädisponieren, etwa höheres Alter, kognitive Beeinträchtigungen, Multimorbidität, Elektrolytstörungen, Nieren- und Leber­dysfunktion. Schwere Verläufe von COVID-19 bringen womöglich weitere Auslöser für eine ­toxisch-metabolische Enzephalopathie mit sich. Sie sind charakterisiert durch einen „Zytokinsturm“ mit massivem Anstieg von Interleukinen (IL-2, IL-6, IL-7), Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α) und Granulozyten-Kolonie-stimulierendem Faktor (G-CSF). Durch eine erhöhte Permeabilität der Blut-Hirn-Schranke gelangen nicht nur Zytokine, sondern auch mit SARS-CoV-2 infizierte Leukozyten als „trojanische Pferde“ ins ZNS.

IL-6-Blockade hilft bei „Zytokinsturm“

Chinesische Mediziner haben schon Anfang Februar bei COVID-19-Patienten mit schweren entzündlichen Reaktionen neben der Standardtherapie auch den monoklonalen Antikörper Tocilizumab eingesetzt. Er blockiert den IL-6-Rezeptor, was die Entzündungskaskade bei massiver Zytokinausschüttung abmildert. Bei allen 20 behandelten Patienten normalisierte sich das Fieber bereits nach einem Tag, bei 16 Patienten sanken das CRP und der Sauerstoff­bedarf signifikant, die Patienten erholten sich binnen 15 Tagen. Randomisiert-kontrollierte Studien mit Interleukin-Inhibitoren stehen aus (s. a. DAZ 2020, Nr. 25, S. 34).

Mehr Anfälle bei Epilepsie

Bewusstseinstrübungen durch Krampfanfälle sind bei Infektionen mit anderen Coronaviren als SARS-CoV-2 berichtet worden. Gefährdet durch eine höhere Anfallsfrequenz und einen Status epilepticus erscheinen vor allem Patienten mit vorbe­stehender Epilepsie, wenn sie schwer an COVID-19 erkranken.

Berichtet werden bei COVID-19-Patienten auch Fälle von Guillain-Barré-Syndrom (GBS) und peripheren Nervenstörungen. Bei einigen italienischen Patienten entwickelten sich GBS-Symptome wie Schwäche der Beine und Parästhesien fünf bis zehn Tage nach dem Beginn der COVID-Symptomatik. Es wird vermutet, dass der neuronalen Dysfunktion eine Kreuzreaktion von gegen SARS-CoV-2 gebildeten Anti­körpern mit peripheren Nervenstrukturen zugrunde liegt.

Mehr vaskuläre Ereignisse

In der oben genannten Wuhan-Studie erlitten fünf Prozent der hospitalisierten Patienten einen Schlaganfall. Sie waren gekennzeichnet durch kardiovasku­läre Risikofaktoren, höheres Alter, schweren Verlauf von COVID-19 und insbesondere durch höhere Level von CRP und D-Dimeren. D-Dimere zeigen als Abbauprodukte des Fibrins unspezifisch eine Gerinnungsaktivierung an. Auch anderen Studien zufolge sind die bei schweren COVID-Verläufen beobachtete Hyperkoagulapathie und die erhöhten Entzündungsmarker maßgebliche Treiber des Schlaganfallrisikos. Eine jüngst im „Lancet“ publizierte Arbeit (siehe Box: „Achtung Schlaganfal!“) beschreibt die direkte virale Infektion von Endothelzellen in Ge­fäßen von Lungen, Nieren und Darm durch SARS-CoV-2, die mit Entzündungsreaktionen einhergeht. Die „COVID-19-Endotheliitis“ bedinge eine gestörte Mikrozirkulation, Ischämie und Gerinnungsneigung.

Achtung Schlaganfall!

Aufgrund der häufig berichteten neurologischen Komplikationen, mit denen COVID-19 einhergehen kann, haben die Association of British Neurologists (AB) die British Association of Stroke Physicians (BASP) und das Royal College of Psychiatrists ein Online-Netzwerk etabliert, in dem Ärzte spontan COVID-19-Fälle mit Auswirkungen auf das Gehirn und das Nervensystem melden konnten, darunter zerebrovaskuläre Ereignisse, mentale Veränderungen und periphere neurologische Symptome. In der Zeit vom 2. bis 26. April 2020 wurden 153 Fälle registriert, 125 Datensätze waren vollständig. 77 (62 Prozent) der Patienten hatten ein zerebrovaskuläres Ereignis erlitten. Dabei handelte es sich in 57 Fällen um einen ischämischen Schlaganfall und in neun Fällen um eine intrazerebrale Blutung.

Patienten mit zerebrovaskulären Ereignissen waren in der Regel älter – 82 Prozent der Betroffenen waren über 60 Jahre. Patienten mit neuropsychiatrischen Symptomen waren eher jünger, 49 Prozent hatten das 60. Lebensjahr noch nicht vollendet. Die Studienautoren schließen aus diesen Spontanmelde-Ergebnissen, dass bei entsprechender neurologischer und/oder psychiatrischer Symptomatik auch an eine SARS-CoV-2-Infektion gedacht werden muss. Gefordert wird eine Intensivierung der neurowissenschaftlichen Forschung, um das virale Infektionsgeschehen im Gehirn und in neuronalen Strukturen besser verstehen und damit bessere klinische Strategien entwickeln zu können. (du)



Ralf Schlenger, Apotheker. Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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